20 Minuten Musik...



T
ief in den Süden und Osten Tschechiens führt mich meine diesjährige Sommerradelei. Den Norden Böhmens kenne ich von meinen Tages- und Wochenendtouren, den Westen mit Böhmerwald und Biosphärenreservat Šumava vom Moldau-Radweg. Diesmal will ich in den Südosten Tschechiens vordringen, um von dort das Slowakische Paradies im Nationalpark Niedere Tatra anzuvisieren... Auch das kenne ich bereits - im letzten Mauersommer, 1989, war ich einmal dort. Das Ukulele-Reisebüro ist also über die landschaftlichen Reize dieser Länder bereits im Bilde und hat sich bisweilen schon mit der Mentalität des Ostens vertraut gemacht - man könnte sagen, dass mich nach drei Jahrzehnten in eher entgegengesetzten Richtungen auch einige ostalgische Motive leiten...


Wie der Radler sich bettet, so schläft der Ukulele-Lehrer

Es gibt allerdings wesentlichere Gründe für die Wahl meines Reiseziels: Nach einem sehr nassen Sommer in Irland (2015) und einem recht kühlen in Island (2016) möchte ich einfach mal in trockeneren und wärmeren Gefilden pedalieren. Das Ukulele-Reisebüro weiß desweiteren, dass die Unterkunfts- und Verköstigungskosten im einstigen Ostblock teils deutlich günstiger sind - nur zu gut erinnere ich mich, wie sich meine Reisebudget im skandinavischen Island bereits auf halber Strecke zu erschöpfen begann - und das in Unterkünften, die den Charm eines Asylbewerberlagers hatten... Was ich aber noch unterschätze: Auch in der von Massenzuwanderung verschonten Tschechischen Republik sind Unterkünfte in der Hauptsaison sehr gefragt - Tschechen, Polen, Ungarn, Slowaken und ein deutscher Ukulele-Lehrer konkurrieren hier um Quartiere aller Art.

Besonders zum tschechischen Ferienbeginn wird es eng - und an den Wochenenden sowieso. Fällt dann noch ein Doppelfeiertag mitten in die Woche, auf Mittwoch und Donnerstag, ist alles zu spät - am 5. Juli ist Nationalfeiertag zu Ehren der byzantinischen Missionare Kyrill und Method* und der 6. Juli ist dem Nationalheiligen Jan Hus* gewidmet. Normalsterblichen Tschechen bedeuten diese historischen Figuren so viel wie deutschen Hauptschulabsolventen Hänsel und Gretel und Martin Luther. Wenn man aber als Wandersmann just in dieser Woche ohne Reservierung mitten durch Böhmen zirkuliert, bekommt man den eigentlichen Wert dieser Feiertage zu spüren. Sämtliche Unterkünfte Tschechiens sind besetzt, selbst als Einzelradler mit Minizelt kann man auf dem überfüllten Zeltplatz von Bykov zurückgewiesen werden. Tief in den Schluchten des böhmischen Thaya-Tales gefangen wird es dann richtig abenteuerlich... Aber am besten ist wohl, ich erzähle die Geschichte eins nach dem anderen - und fange gleich mit dem Anfang an.


Man sieht so viel beim Eisenbahn fahren

Meine Reise beginnt mit der Bahn. Dreimal muss ich umsteigen, um mit Regionalzügen nach Prag zu kommen: von Dresden nach Bad Schandau, von Bad Schandau nach Děčín, von Děčín nach Ústí nad Labem, von Ústí nach Praha Masarykovo. Das Umsteigen in kurzer Zeit ist immer das Hektischste am ganzen Bahnfahren, aber ich habe auf meiner letzten Bahnreise schmerzhaft gelernt - und beschlossen, künftig auch bei nur vierminütigen Umstiegszeiten mit Bahnsteigwechsel die Ruhe zu bewahren, gelassen zu bleiben - es gibt schließlich immer noch einen nächsten Zug. Und beim Warten im Bahnhof kann man ohnehin die besten soziologische Studien betreiben - oder lesen oder einfach nachdenken.

Man kann zum Beispiel der alten Tschechin, die gerade ihr Gebiss neben den Aschebecher eines Tischleins gelegt hat, beim zahnlosen Rauchen zusehen. Oder darüber sinnieren, was die Gepäckstücke der Mitreisenden beinhalten. Die kleinen Kleiderschränke auf Rollen, die einige Damen hinter sich herziehen, lassen Rückschlüsse darüber zu, welchen Wert die Besitzerin auf eine größtmögliche Flexibilität ihrer Reisegarderobe legt. Der kleine Hartschalenkoffer eines Mannes mit dunkler Sonnenbrille könnte Bündel von Dollarscheinen enthalten - oder eine selbstgebastelte Bombe mit Fernzünder - who knows?

Was mein eigenes Gepäck betrifft, so muss ich als Radler andere Prioritäten setzen. Zelt und Schlafsack sind nötig, wo ikch keine bessere Bleibe finde. Ansonsten beschränke ich mich diesmal aufs wirklich Nötigste. Ich verzichte auf Burka, Burkini und Badehose - bei jeder Fahrt perfektioniere ich meinen Minimalismus. So schwer es mir auch fällt, bei dieser Reise lasse ich sogar die Ukulele zuhause! Doch ich bin kaum außer Landes, erwarte in Děčín auf dem Bahnsteig den Zug nach Ústí nad Labem, da bemerke ich bei einer jungen Tschechin ein äußerst suspektes Gepäckstück! Es ist wahrlich nicht mehr mein Stil, mich jedem schönen Rücken zu nähern, aber wenn daran eine auffällig kurvenreich geformte Umhängetasche baumelt, muss der einzige hauptberufliche Ukulele-Lehrer Mitteleuropas der Sache nun mal auf den Grund gehen...

 
Volltreffer! Ich bin noch in der Anreise-phase meines Aktivurlaubes - und arbeite schon wieder! Sie kann ziemlich cool Raggie schrammeln - da könnte ich eine Lektion bei ihr nehmen. Was könnte ich ihr auf die Schnelle beibringen? Ah, ja! Ich zeige ihr meinen Wumm-Tschacka-Wumm-Tschacka-Beat - damit lässt sich mit etwas Übung eine Polka zupfen. Und das war dann auch schon die kürzeste U-Stunde aller Zeiten, denn in Ústí muss ich wieder umsteigen - nach Prag.



Gold für die Dächer, die hell in der Sonne glühn
Weiß für die Wolken, die am Himmel fliehn
Silber für die Wellen, die der Wind nie ruhen lässt
Aber wie halt ich die Brücken und die hundert Türme fest?




Der Blick von der Karlsbrücke hat natürlich auch nach dem x-ten Prag-Bummel noch seine Reize. Man entdeckt immer wieder Neues und hat sofort jenen Ohrwurm des tschechischen Schlagertroubadors Pavel Novak im Ohr, der seit 1973 unvergänglich ist: Tausend Farben für mein Prag und diesen sonnigen Tag. Ungeachtet einiger alle Augen auf sich ziehenden Attraktionen der Goldenen Stadt bewundern etliche Passanten auch mein schickes schwarzes Reise-Faltrad - im obigen Foto rechts unten!



 
Zu den weiteren Attraktionen der Karlsbrücke gehören die abgegriffenen Reliefs unter der Statue des Heiligen Nepomuk. Das ungeschriebene Gesetz derartiger Reliefs ist, dass einem vermeintlich die heimlichsten Wünsche erfüllt werden, sobald man sie mit seinen Händen reibt. Besonders aufs leichtgläubige Weibervolk scheint diese Vorstellung eine unwiderstehliche Faszination auszuüben. Selbst völlig ahnungslosen Kleinstkindern wird der heilige Mummenschanz schon beigebracht.

Und so wird es wohl auch in tausend Jahren noch immer Exemplare des Homo sapiens sapiens geben, die jeden Mumpitz mit- und nachmachen, nur weil es schon die Muddi und die Omma gemacht haben.


Stoffliches

Rašínovo nábřeží - die vor 10 Jahren eingeweihte Moldau-Promenade am Prager Neustadtufer ist an einem Freitagabend der Treffpunkt der Goldenen Stadt. Touristen erfreuen sich der Bierstände und Restaurantschiffe, die einheimische Jugend leert mitgebrachte Bierdosen und Weinflaschen - und pfeift sich eine Kippe nach der anderen rein.
 

Und? Die "liberale" Drogenpolitik Tschechiens macht's möglich: Allenthalben liegt der würzige Duft glimmender Joints in der Luft - Kiffen ist heute so cool wie vor 50 Jahren. Fünf Gramm Haschisch gelten seit 2010 als "Eigenbedarf", fünf Cannabis-Pflanzen im Blumenkasten auf dem Balkon sind nicht mehr denunzierbar - weil legal. Sogar Teufelszeug wie LSD, Ecstasy, Crystal Meth und Heroin ist in Kleinstmengen legalisiert. Wozu? Angeblich um "die Szene zu entkriminalisieren"... Die Landesgrenzen sind unkontrolliert, das freut die Drogenmafia und die Konsumenten gleichermaßen. Bekiffte Jugendliche rebellieren nicht, das freut die Politiker. Und wer weiß schon, ob sich der Justizminister oder der Oberbürgermeister nicht auch gern mal ein Prischen Koks ins Näschen ziehen? Wer glaubt, die "Entkriminalisierung der Szene" sei ein Geschenk des Liberalismus, der glaubt auch an den Weihnachtsmann - Prag ist inzwischen die Drogenhauptstadt Europas.*

Immer wieder ziehen einige Marihuanamoleküle an meiner Nase vorüber - irgendwie macht mir der würzige Duft verbrannten Grases etwas Appetit! Meine Zunge möchte gern den Geschmack von Peace, Love & Marihuana kosten. Aber nein, Alexander, du bist ein tapferer Pedalritter! Du begnügst dich damit, deinen wohlverdienten Radlerdurst mit frisch vom Fass gezapftem Pilsner Urquell zu löschen. Zwei Bierchen in Ehren kann niemand verwehren - und drei ersetzen eine Mahlzeit in festem Aggregatzustand. Du widerstehst allen Versuchungen. Du überlässt es den Weicheierm, sich zu bedröhnen und sich das Hässliche schön zu kiffen. Denn du bist ein Philosoph und suchst die wahre Schönheit statt der Illusion. Du machst dich nicht mit dem willensschwachen Menschenrest gemein!

Göttliches

Im Stahlbogen der Bahnbrücke wirbt GOTT für MY LIFE - also für sein Leben. Hat Gott derartige Eigenreklame nötig? Die Erleuchtung, dass hier nicht irgendein selbstverliebter Gott um Kundschaft wirbt, sondern der oberste Schnulzengott Tschechiens, kommt mir erst später. Natürlich ist GOTT der eine und einzig wahre Karel Gott!
 

Auf einem Ausstellungsschiff ein Stück vor der Brücke wird eine Retrospektive über die oberste tschechische Schlagergottheit gezeigt. Dem Ausstellungsname "MY LIFE" zufolge eine Selbstglorifizierung des Sängers - und die zeige auch "die Änderungen in den gesellschaftlich-kulturellen Konstellationen auf, mit denen er sich über ein halbes Jahrhundert lang auseinandersetzen musste"...* Mir kommen die Tränen: Während jeder sterbliche Tscheche bis Ende 1989 wie Gott in Frankreich leben konnte, musste sich Karel Gott ab 1990 neu erfinden und mit Änderungen in den gesellschaftlich-kulturellen Konstellationen auseinandersetzen... Egal, es gibt noch genug Weiberseelen, in denen die Schnulzen Karel Gotts ihren ewigen Platz haben. Und welcher treue Gott-Fan möchte nicht auch einmal die erste Pfeife oder den Führerschein seines Idols in einer Vitrine bewundern können!

Ja, sie lassen alle mal was liegen, die Großen dieser Welt... Und das sind die Devotionalien, die man in Museen ausstellt. Erst vor wenigen Wochen habe ich gelesen, dass Gott sich im Nationalpark Böhmische Schweiz, gewissermaßen in meinem Tagestour-Revier, am waldigen Rande des Dörfchens Doubice, einen beschaulichen Alterswohnsitz bauen ließ. Doch der bedauernswerte Schnulzenstar musste ihn wieder verkaufen lassen, weil Reisebusse das idyllisch gelegene Domizil schon anfuhren, noch bevor sein Besitzer dort je einen Schritt über die frisch gezimmerte Türschwelle machte. Jetzt ist Gott bestimmt ganz traurig und muss bis zu seinem letzten Tag in einer der anonymen Plattenbausiedlungen des Prager Betongürtels wohnen...



What shall we do with the drunken sailor?




Für die Übernachtung in Prag konnte ich von zuhause aus eine Kabine im Botel Racek buchen. Von den drei in Prag dauergeparkten Hotelschiffen ist die Racek das preislich günstigste - und es bietet einen Vorteil, den ruhebedürftige Ukulele-Lehrer gar nicht hoch genug schätzen können: Es liegt einige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, was Hoffnung auf nächtliche Ruhe verspricht... Falls nachts um halb drei nicht gerade ein stockbetrunkener Mitpassagier an die Türen seiner Saufkumpane hämmert, die nach reichlich Pivo und Slivovitz längst im Koma liegen, ist dieser Kahn eine gute Alternative zu den schweineteueren Hotels der Prager City.

Ich habe den fiesen Kerl am Abend schon an Deck bemerkt: ein alter Sack aus den USA, der es für angemessen hielt, eine junge tschechische Kellnerin mit dem Spruch "You are my favorite..." zu umzirpsen. Eigentlich ist es ein Wunder, dass er beim anschließenden Begrabschen nicht gleich einen Satz heiße Ohren kassiert hat. Oder ist die hübsche Kellnerin womöglich vom anzüglichen Gewerbe? Egal. Mir geht der besoffene Yankee jedenfalls auf die Nerven. Wenn er jetzt nicht endlich aufhört herumzulärmen, stehe ich auf, ziehe mir mein Boxershorts an, öffne meine Kajüttentür, knurre kurz wie ein zum ultimativen Kehlkopfbiss abgerichteter Bullterrier - und haue diesem Arschloch meine von ungezählten Akkordgriffen gestählte Ukulelisten-Faust in die Fresse!


Alle Wege führen nach Prag, selbst die Auswege

Dank des tschechischen Saufkumpans, der dem texanischen Cowboy die Tür öffnete, bevor der deutsche Pedalritter soweit war, konnte ich dann doch meinen unerschütterlichen pazifistischen Prinzipien frönen: Peace, Love & Ukulele - obgleich ich letztere diesmal nicht dabei habe. Ich verdanke der nächtlichen Ruhestörung im hellhörigen Hotelschiff eine unausgeschlafene Entscheidung - eine Fehlentscheidung: Statt am Morgen in der Prager City erstmal einen Buch- oder Fahrradladen nach Kartenmaterial für meine Tour aufzusuchen, folge ich dem Hinweis aus dem Internet, der Fernradweg Greenway von Prag nach Wien beginne im Zentralpark des Stadtbezirkes 13. Der liegt im Westen Prags, weit ab von den gefegten Bordsteinkannten des Tourismus.

Ich radle also in die City, um auf der nächsten Brücke die Moldau ans Ostufer zu passieren, kurbele und schiebe heftige Anstiege hinauf - und finde mich alsdann im Betongürtel der böhmischen Millionenmetropole, wo sich ein Plattenbau an den anderen reiht. Ich versuche, mich durchzufragen. Aber die Jugendlichen, die hier herumlungern, verstehen weder englisch noch deutsch. Mein Tschechisch ist leider auch aufs Elementarste beschränkt. Mir ist nichts lieber, als baldigst die Wegweiser des Greenway zu finden und den Plattenbaugürtel der Hauptstadt hinter mir zu lassen.

Endlich ein Radwegweiser mit dem Greenway-Symbol. Das Schild weist in die Richtung, aus der ich komme. Um einen kleinen, künstlich angelegten See der Parkanlage verzweigen sich die Wege unentwegt, nicht überall steht ein Wegweiser. Ich verfahre mich, finde aber ein größeres Einkaufszentrum, kaufe eine Eineinhalb-Literflasche Mineralwasser: Magnesium Perlova - ich hoffe, die Bezeichnung hält, was ich erwarte. Magnesium ist für strapazierte Radlerwaden immer gut und perlende Kohlensäure gibt der Zunge die Chance, die Flüssigkeitsaufnahme auch dann noch zu spüren, wenn das Wasser von der Sonne auf Körpertemperatur aufgeheitzt ist.

Das wichtigste für den Moment ist allerdings der gut sortierte Buchladen, den ich im Shopping Center finde. Der Verkäufer muss auf meine Frage nach Kartenmaterial zum Greenway Prag - Wien nicht lange suchen. Zu meinem mittleren Entsetzen bemerke ich beim ersten Blättern in der dünnen Faltmappe allerdings, dass ich gleich zu Beginn meiner aktiven Reisephase in die falsche, weil entgegengesetzte Richtung pedaliert bin. Die mühsamen Anstiege hätte ich mir schenken können - das war sehr unprofessionell für einen Radwanderungsprofi. Alexander, nach einem Dutzend Radtouren durch halb Europa hätte das nicht passieren dürfen! Und ich hasse besoffene Yankees, die mir nachts halb drei den Schlaf rauben, um so mehr!

Auf einer stark befahrenen, mehrspurigen Straße nähere ich wieder dem Stadtzentrum. Um nicht von Lastern gestreift zu werden, weiche ich auf den Fußweg aus, doch der wurde dem Anschein nach zuletzt von russischen Panzern planiert und dient heute nur noch als Müllkippe. Über eine Brücke quere ich die Gleise einer Bahnstrecke und dann über die Bahnbrücke die Fluten der Moldau. Am Neustädter Ufer muss ich mein Rad samt Gepäck die enge Stahltreppe hinunterschleppen. Dort befinde ich mich quasi am Ausgangspunkt meiner bisherigen Radrunde. Zwei Stunden hat mich die unausgeschlafene Entscheidung gekostet... Sehr geehrter Mister Trump, Sie sind der Boss! Könnten Sie bitte mal eine Ausreisesperre für bescheuerte Landsleute verfügen, die nachts in Prag nichts Besseres zu tun haben, als erholungsbedürftigen Ukulele-Lehrern den Schlaf zu rauben? Thank you very much!

Nach einer anstrengenden Odyssee durch die südöstlichen Vorstädte Prags, hoffe ich in der nächsten größeren Klitsche, in Kamenice, etwa auf halben Weg nach Benešov, eine Herberge zu finden. Aber ich finde nichts. Die Betreiberin einer Imbis- und Trankstelle winkt ab und empfiehlt mir, mein Glück in Ládví zu versuchen - vermutlich ist sie noch die fünf Kilometer bergauf geradelt, die es bis dorthin sind. Doch das dortige Hotelchen ist ein Wellness-Club. Der auf mich leicht geringschätzig wirkende Blick des Portiers lässt mich vermuten, dass hier noch nie ein Radler nach einem Zimmer gefragt hat. Irgendwie kommen in mir auch Zweifel auf, ob Wellness-Hotels in so trostlos abgelegenen Winkeln überhaupt dem herkömlichen Unterkunftsgewerbe zuzurechnen sind...

Ich folge daraufhin nicht der Empfehlung des Portiers, es im 20 Kilometer entfernten Benešov zu versuchen, sondern rolle wieder talwärts und zurück zum beschilderten Greenway. Nach angenehm flachen und bewaldeten 12 Kilometern erreiche ich in der achten Stunde Týnec nad Sázavou (Teinitz an der Sasau). Auch dort ist kein Zimmer mehr zu bekommen. Weder im Hostel noch im nobel aussehenden Hotel. Sonst sei das Haus immer leer, sagt eine der elegant gekleideten Frauen vor der Eingangstür, aber heute ist hier eine Hochzeitsfeier und alles ausgebucht. Ob das wirklich stimmt, kann ich nicht prüfen, den die Tür ist verschlossen.

In einer Gasse entdecke ich einen Biergarten und versuche, die mit Gästen am Tisch sitzende Kellnerin nach Alternativen zu fragen. Ein paar Worte Englisch versteht sie, aber antworten kann sie nicht. So steht sie auf und zeigt mir mit Händen und Füßen, dass es am Fluss ein Kemp gibt. Camping ist nicht mehr meine erste Wahl, aber okay, für solche Notfälle habe ich ja das Zelt mitgeschleppt. Sie begleitete mich ein Stück, deutet auf das Brückengeländer, dem ich bis zum Ende folgen soll, um dort rechts abzubiegen. Und genau das tue ich dann auch. Was ich vorfinde, ist ein großes Wassersportzentrum - Kajaks und Schlauchboote meterhoch gestapelt. Der zugehörige Zeltplatz ist gut gefüllt - es ist Samstagabend, erster Juli, in Tschechien haben die Sommerferien begonnen.

 
Erfreulich ist, dass es wirklich ein Zeltplatz ist, auf dem nur Zelte stehen - keine Autos, keine Wohnmobile! Mitten auf der Wiese ein Baumarkt-Pavillon als Rezeption. Ich sitze noch auf dem Sattel, als ich die Eintrittsgebühr zahle - 60 Kronen. Any obligations? Nein, einfach einen Platz aussuchen und gut. Später verwandelt sich die Recepce zum Grill- und Getränkestand.

Der vordere eines ausgedienten Nahverkehrsbusses dient als weitere Ausschankstelle, davor vier Tische und einige Bänke, kontaktfreudige Tschechen. Der hintere Teil des Busses dient als WC-Trakt. Die meisten Camper hocken bereits an den kleinen Feuerstellen, die auf dem ganzen Platz verteilt sind. Auch in der Nähe meines Zeltes wird nun gezündelt - das finde ich nicht so gut. Aber der junge Mann, der das Lagerfeuer zu entfachen versucht, versteht mich nicht. Seine in der Nähe hockenden Kumpels und Kumpelinnen verstehen mich zwar, halten meine Bedenken aber sicher für spießig: We take care...

Das war dann hoffentlich der finale Fehlgriff dieses Tages, der mit einem nervenden Cowboy aus Texas und einer ungewollten Stadtrundfahrt durch die Suburbs von Prag begann. In drei Metern Abstand zu meinem Zelt findet nun also noch das bier-, wein- und schnapsselige Lagerfeuer junger Tschechen statt. Wenigstens verstehe ich das verbale Pubertieren nicht, das trunkene Jünglinge üblicherweise von sich geben, wenn sie um trunkene Blondinen buhlen. Zehn Meter weiter vernehme ich allerdings noch die Herdenkommunikation Gelaber eines Rudels junger Sachsen, das sich dort um zwei Kästen Bier ausgebreitetet hat. I am not amused.

Hat der liebe Gott mein heimliches Flehen um etwas Ruhe erhört? Es hört sich fast so an, denn es beginnt zu regnen! Das plötzliche Nass löscht die Feuer, die Feierlust, das Gelaber der Camper und Tramper. Bald wird es ruhig - und man hört nur noch das Rascheln der Schlafsäcke, bisweilen ein ungestilltes Baby, zeitweilig ein Dutzend um die Wette bellende Hunde, dann das Surren von Reißverschlüssen, das Schnarchen und Furzen, das Seufzen und Stöhnen... Ich versuche etwas Max Stirner zu lesen, um in tiefsinnigeren Gedanken zu ermüden. Eben hatte ich die Lesebrille noch zur Hand - ah, da ist sie ja! Aber wo ist jetz das superhelle Leselämpchen, das hier erstmals zum Einsatz kommen könnte? Das hatte ich doch auch gerade noch in der Hand. Und was war das eben für ein knirschendes Geräusch? Oh, ich sitze gerade auf meiner neuen Sonnenbrille - einer der Bügel ist unter dem Gewicht meines Hinterns abgebrochen.

Am Morgen hört der Regen auf, als wäre nichts gewesen, doch ich muss das Zelt nass einpacken. Bis Neveklov gibt es einige anstrengende Steigungen. An der Einmündung auf eine Hauptstraße zeigt der Greenway-Wegweiser nach links, aber der eigentlich mit diesem verlaufende regionale Radweg Nr. 11 in die andere Richtung. Was nun? Ich frage einen jungen Mann, der in diesem Landeswinkel selten Gelegenheit haben wird, sein Schulenglisch in der Praxis anwenden zu können. Allerdings ist der nette Kerl Autofahrer, von irgendwelchen Fernradwegen hält er nicht viel. Er schickt mich über die Landstraße Richtung Sedlčany, eine mäßig stark befahrene, aber für mich dennoch zu verdieselte Piste. Nach einigen Kilometern biege ich links ab, um über die Dörfchen Strážovice und Hořetice wieder zur Greenway-Strecke zu kommen. In einem der Dörfchen frage ich einen jungen Mann, der an einer Bushaltestelle stumm vor einer Motorsäge hockt, ob ich an diere T-Kreuzung an der richtigen Abzweigung bin. Anhand meiner Karte versteht er, was und wohin ich will, kann aber offenbar nicht reden - ich muss seine Gesten interpretieren.

Im Dörfchen Hodětice treffe ich wieder auf den Greenway, die Straße ist allerdings wegen Brückenbau gesperrt. Eine hölzerne Behelfsbrücke ermöglicht Fußgängern und Radlern die Passage. Die Sperrung des Durchgangsverkehrs hat den Vorteil, dass der folgende Anstieg frei von jeglichen Motorabgasen ist. Im Dorf Kosovo Hora bietet sich die Gelegenheit zum Brunch, auf der Speisenkarte eines kleinen Restaurantes am Marktplatz identifiziere ich Pizza und andere vertraute Wörter. Dazu gehört natürlich auch Pivo - endlich wieder was Kaltes, das nicht nach Wasser schmeckt! Beim Warten auf die Pizza kommt mir die Idee, mittels Bookin.com nach einem Quartier in Tábor zu suchen. Ich werde fündig und buche das einzige verfügbare Angebot - nach den letzten beiden Nächten wohlverdient.

Im Doppeldorf Sedlec-Prčice wird ebenfalls eine Brücke repariert, allerdings sind hier auch die Arbeiter im vollen Einsatz - und das obgleich heute Sonntag ist! Im Schlosspark von Prčice spielt eine Blaskapelle auf - ich höre sie noch von den Höhen des nächsten Dorfes, Přestavlky, das an die drei Kilometer entfernt ist. Hinter Borotín u Tábora werden die Ruinen einer mittelalterlichen Burg sichtbar, doch es ist schon spät und deshalb lasse ich die steinerne Historie mal links liegen.

Geschichtsträchtiges Tábor


Halb acht erreiche ich Tábor. Mein Quartier, Penzion Modrá Růže, liegt in einer der engsten Gassen der Altstadt - mein Zimmer ist riesig: drei Betten, eine Couch und ein Tisch machen es quasi zum Appartement. Hier habe ich genug Platz, mein nasses Zelt zum Trocknen auszubreiten. Dann dusche ich mir den Staub und Schweiß der 75-Kilometer-Etappe vom Leib.
 

Ich drehe eine Runde über den Marktplatz der einstigen Hussitenhochburg* Tábor, die auch zum Namenspaten der sogenannten Táboristen wurden, einer aus dem Hussitentum hervorgegangenen militanten Bewegung christlicher Fundamentalisten, die eine Eigentum und Frauen verachtende Schreckensherrschaft verbreiteten.

Historie

      Für den im 19. Jahrhundert aufkommenden tschechischen Nationalismus* wurde Tábor ebenfalls zum Zentrum - der später zum stahlharten Stalinisten mutierte tschechoslowakische Staatspräsident Edvard Beneš hatte seine Aussiedlungspläne für die etwa 3,5 Millionen Deutschen, die in der erst 20 Jahre zuvor gegründeten Tschechoslowakei lebten, bereits ausgearbeitet, als das mit Chamberlains Billigung gesegnete Münchner Abkommen Hitler die kampflose Besetzung der Sudetengebiete ermöglichte. Nach Ende der Nazi-Herrschaft hetzte Beneš seine tschechischen Landsleute gnaden- und gegen Nazi-Mitläufer, aber auch gegen unschuldige Menschen und deren Familien - ein finsteres Geschichtskapitel, dessen gesellschaftliche Aufarbeitung in Tschechien bis heute nicht stattfand. Im Gegenteil, erst seit einigen Jahren ist das nur wenige Kilometer südlich von Tábor befindliche Grabmahl des radikalen Nationalisten zur nationale Gedenkstätte ausgebaut worden, in exponierter Lage an der Prager Burg gibt es neuerdings ein Beneš-Denkmal, und in Usti nad Labem ist ausgerechnet jene Brücke in Beneš-Brücke umbenannt worden, von der Hunderte Leichen ermorderter Menschen in die Elbe gekippt wurden, nur weil sie den Maklel hatten, zu Lebszeiten Bürger des Deutschen Reichs geworden zu sein. Nicht in den Wirren der Nachkriegszeit lebt dieser Personenkult um einen menschenverachtenden Politiker auf, sondern in den Wirren des jungen 21. Jahrhunderts!

Nach meinem Bummel durch die geschichtsträchtige Altstadt wende ich mich wieder den stillen Gassen zu, wo meine Pension liegt. Gleich nebenan befindet sich ein nobel wirkendes Lokal, gerade sind zwei junge Männer hineingegangen, die miteinander französisch sprachen. Ich folge ihnen, sie nehmen an der Bar platz, ich an einem der Tische, von wo ich die stilvolle Einrichtung und den Stuck an der Decke bestaune. Auch der Barkeeper spricht französisch. Mit mir spricht er deutsch. Tschechisch und Englisch kann er sicher auch, aber es kommen keine weiteren Gäste, mit denen er reden könnte. Ich frage ihn nach seinen Sprachkenntnissen - er gesteht bescheiden, sie seien nur aufs gastronomisch nötige Vokabular beschränkt.

Ich zücke mein noch unbeschriebenes Reisetagebüchlein und versuche, die Ereignisse der ersten drei Reisetage zu rekapitulieren, meine ganz persönlichen Eindrücke und Erlebnisse zu notieren. Nach zwei Pilsner Urquell habe ich sechs Seiten im Miniaturformat A6 gefüllt - und freue mich auf eine störungsfreie Nacht in einem ruhigen Winkel der Altsatdt. Ich muss nur zweimal um die Ecke, schon bin ich zurück in der Pension. Ich schalte den Fernseher an, aber die eingestellten Programme der tschechischen Sender sind genauso primitiv wie die deutschen: Quiz, Krimis, Popmusik von einst und heute - das Studium der mit allen Rafinessen produzierten Kosmetikreklame ist noch das Spannendste. Schnell werden meine Augenlieder schwer und meine Gedanken beginnen vor sich hin zu dösen - mein müdes Haupt hat zwei Mützen voll Schlaf nachzuholen.


Dem Getöse der Vorstädte entfliehen



Noch beim Frühstück regnet es - ich lasse mir daher Zeit und beschließe, heute eine kürzere Etappe zu radeln. Kaum bin ich im Stadtzhentrum, schüttet eine Wolke ihre nasse Fracht aufs staubige Straßenpflaster. Ich suche unter einer Arkade Schutz, packe mein Cape aus, doch zum Glück hört der Regen schnell wieder auf. Ich folge der Hauptstraße südwärts - nicht unbedingt die klügste Entscheidung, wie ich bald feststellen muss. Denn die Straße ist eine stark befahrene Nord-Süd-Achse. Nachdem ich die mit Tábor zusammengewachsenen Orte Sezimovo Ústí und Planá nad Lužnicí hinter mich gebracht habe, kann ich auf den kreuzenden Greenway einschwenken, der mich hoffentlich bald wieder über ruhigere Landstraßen führt. Doch bevor ich der Idylle böhmischer Dörfer erfreuen kann, muss ich noch eine bereits von Weitem hörbare Autobahn queren - LKW-Kolonnen, Reisebusse und ein niemals abbrechender PKW-Strom beherrschen die D3.

Bei Košice begegne ich dem ersten Radwanderer seit Beginn meiner Reise, ein Mann in meinem Alter, der meine dezente Grußgeste ebenso zurückhaltend erwidert. Auf den Dorfstraßen spielen Kinder - die lang ersehnten Sommerferien haben endlich begonnen. Zwischen den Synapsen meiner Hirnwindungen funkt es nostalgisch - Erinnerungen an sorglose Kindertage flackern in mein Bewusstsein herauf: Räuber und Gendarm nannte sich eines unserer Versteckspiele, Klingelrutschen eine der harmlosen Mutproben, mit denen wir Stadtkinder uns damals die Zeit vertrieben - ahnungslos über das gigantische Säbelrasseln der militärischen Großmächte, deren Befehlshaber damals den Daumen an jenen roten Knöpfen hatten, welche die Erde in ein atomares Inferno stürzen konnte.


In böhmischen Dörfen schlafende Hunde wecken



Die Idylle trügt immer. Während ich im Surren des Leerlaufs Kindheitserinnerungen nachhänge, wecke ich unbeabsichtigt schlafende Hunde, die mir mit fletschendem Maul und grässlichem Bellen bedeuten wollen, dass hier ihr Revier sei und jeder Eindringling gefährlich lebe. In böhmischen Dörfern keine schlafenden Hunde zu wecken, ist quasi unmöglich, es sei denn, man hätte eine Tarnkappe, die unsichtbar, geräusch- und geruchslos macht. Bei der einzigen Ausnahme, die ich erlebe, handelt es sich um einen Köter, der wie ein volltrunkener Bauer seinen Rausch gerade da ausschläft, wo er zuletzt umgefallen ist. Von gackernden Hühnern umgeben scheint ihn nichts aus der Ruhe zu bringen. Allerdings lege ich es nicht darauf an, das Gegenteil bewiesen zu bekommen, und trete in die Pedalen, um schnell wieder auf die Countryroads zu entfliehen.

 
Doch ich begegne auch den niedlichen Exemplaren der Gattung, welche der gnadenlosen Selektion der Evolution durch züchterisch tätige Vertreter der Plüschtierkultur entzogen wurden. Eines dieser entglittenen Zuchtexperimente bewacht mein Fahrrad und verusucht es allen Ernstes, als ich mich wieder in den Sattel schwingen will, als sein Eigentum zu deklarieren. Unverschämt!


Ein anderes Resultat aus den Laboren verschwuchtelter Hundezüchter scheint sich für die nicht-veganen Bestandteile der Böhmischen Knoblauchsuppe zu interessieren, die ich als mittagliche Hauptmahlzeit an einer Radler-Trankstelle verzehre. Doch ich lasse mich vom Versuch des Vierbeiners, mittels eines treudoofen Blickkontaktes mein Herz zu erweichen, nicht beeindrucken - und bleibe hart wie Kruppstahl.
 

Und schließlich, aber nicht zuletzt, erinnere ich mich an einen freudig mit dem Schwänzchen wedelnden Rassedackel, der sich an der Rezeption des nobelsten Hotels meiner Reise in meine stramme Radlerwade verliebte, die er umgehend mit seinen Vorderläufen umklammerte und mit seinem Unterleib zu massieren begann. Pfui! Hat das schwanzgesteuerte Vieh noch nichts von der kalifornischen Fraueninitiative "NO means NO!" gehört?

Während ich die hinter ihrem Rezeptionstresen sitzende Dackelhalterin anlächele, versucht mein rechtes Bein das wollüstige Testosterongewusel von meiner strammen Radlerwade abzuschütteln - was nur temporär gelingt. Was will man machen? Wo die Liebe hinfällt... Da wird ein kategorisches Nein auch unter Vierbeinern zum kategorischen Ja umgedeutet. Der Hund, des Menschen treuester Freund, ist Abbild seines Herrchens oder Frauchens - zu jeder Schande bereit, ob als Wach-, Jagd- oder Kampfhund. Und als Kuscheltier und Bettgeselle so wie so.

 
Auf dem Dorfplatz von Dírná gibt es einen gut besuchten Biergarten, doch ich ignoriere die Versuchung beinhart und trete in die Pedalen. Ich schaue einfach nicht hin und tue so, als ob das durchsichtige Gefäß mit dem schäumenden Inhalt gar nicht existiert. Ich stelle mir einfach vor, das kühle Blonde in dem Glas sei genauso fade und pisswarm wie das Wasser in den Plastikflaschen, die ich zur Bezwingung der schweißtreibenden Anstiege rationiere. Nein, ich denke überhaupt nicht an die Labung meines nach Erfrischung lechzenden Gaumes, nein, nicht im Traume...


Durst ist schlimmer als Heimweh


Ein kleiner Exkurs in die Welt der tschechichen Trinkfreuden ist vielleicht doch nötig, denn Bier ist in Tschechien mehr als in jedem anderen Land der Welt kulturstiftend - die Tschechen sind Weltmeister im Pro-Kopf-Verbrauch des schäumenden Gerstengetränkes. Kein Wunder, sie haben das Gebräu ja quasi erfunden, in seiner klarsten Form zumindest doch perfektioniert.
 

Alle Welt braut heute nach Pilsner Brauart. Was ich vor meinen intensiveren Feldstudien in tschechischen Trinksitten nicht zu träumen gewagt hätte: Ein Bierchen in Ehren ist auch am frühen Morgen nicht zu verwehren. Sei es an einer Dorfstraße beim gemeinsamen Werkeln in einer Garageneinfahrt oder auf den Treppenstufen einer ländlichen Einkaufshalle, ab 9 Uhr ein Fläschlein Pivo griffbereit zu haben oder zwei, gilt noch lange nicht als Trunksucht. Doch was ist eine schnöde Flasche Bier gegen ein frisch vom kühlen Fass gezapftes Pilsner! Sich am Abend beim Junggesellenabschied eines Kumpels dem rituellen Hinter-die-Binde-kippen von zwei, drei Litern Pivo zu entziehen, wäre im heutigen Tschechien quasi Vaterlandsverrat.

 
Die soziale Marktwirtschaft Tschechiens kennt allerdings noch Steigerungsformen - auch wo nur mit geringer Nachfrage zu rechnen ist, soll es am Angebot nicht mangeln. Mitten im Irgendwo entdecke ich eine Selbstbedienungszapfstelle! Einer der beiden Zapfhähne lässt nach Münzeinwurf Staropramen in den Plastikbecher schäumen, der andere alkohofreies Birelli. Und entgegen allen Vorbehalten schmeckt auch letzteres wie richtiges Pivo.

Geht's noch 'ne Nummer cooler? Klar doch! Mit dem mobilen Bauch- bzw. Rucksackladen! Am touristischen Epizentrum der Prager Karlsbrücke macht ein junger Verkäufer auf sein Gebräu aufmerksam und einige Passanten lassen sich etwas in den Plastikbecher zapfen, was wie ein obergäriges Gebräu aussieht. Kann man ja mal probieren... Igit, ist das süß! Das ist doch kein Bier! Was für ein Reinfall!
 

Anstelle dem Greenway, der nach Červená Lhota und zu einem gleichnamigen Schlösschen abschwenkt, zu folgen, kürze ich über Samosolvy nach Pluhův Žďár ab, wo ich wieder auf den ausgeschilderten Fernradweg treffe. Die Fahrt  durch ein Wäldchen spendet kühlende Luft - nach einigem Auf und Ab tut das besonders gut. Dann rolle ich an Feldern vorbei und staune nicht schlecht, als ich kurz vor dem Ortseingang des nächsten Dörfchens eine kleinen Steinkreis erblicke.


Ein Steinzeitkalender, den niemand kennt?




Direkt am Ortseingang des Dörfchens Studnice überrascht mich das böhmische Mini-Stonehenge, ein Kreis von etwa 10 bis 15 Meter Durchmesser, in dem ich zwölf unterschiedlich geformte Steinplatten von bis zu zwei Metern Höhe zähle. Keine Infotafel erläutert die Formation, auch Google findet weder Bild noch Text. Über die sonstige Geschichte des Dörfchens gibt es einen Wikipedia-Artikel. Doch der dokumentiert lediglich die Vertreibung der einstigen, sudetendeutschen Bewohner nach Österreich. Von einem Steinkreis ist auch im tschechisch-sprachigen Web nichts zu finden. Welcher schlaue Bauernsohn hat sich hier also einen aufwendigen archäologischen Schabernack geleistet? War es einer, dessen Name und Wirken tabu bleiben soll? Liegt unter dem harmlosen Steinkreis womöglich noch ein ganz anderes Tabu verborgen?



Man könnte auch Heinrichsburg sagen






Halb fünf erreiche ich das altehrwürdige Städtchen Jindřichův Hradec - der Ortsname dürfte ungeübten deutschen Zungen einige Schwierigkeiten bereiten. Eine Anfang des 13. Jahrhundert errichtete Burg namens Novum Castrum erhielt alsbald die Gesellschaft einer Siedlung, die entsprechend Novum Domus genannt wurde - zu deutsch: Neues Haus, ab 1265 als Newenhaus belegt. Nach einer wechselvollen Geschichte* (Niederlassung der Deutschordensritter, Hussitenkriege, Vertreibung der Sudetendeutschen) wurde die in der Renaissance zur zweitgrößten Stadt Böhmens aufgeblühte Stadt nach Ende des 2. Weltkrieges mit dem Namen des mittelalterlichen Eingentümers Jindřichův in Verbindung gebracht und auf diesen umbenannt. Der heutige Name der Stadt ließe sich demnach gut mit Heinrichsburg übersetzen, die übliche deutsche Bezeichnung blieb allerdings Neuhaus.

Im Hier und Heute findet endlich auch der altmodische Postkartenschreiber aus Ukulelestan seinen Gefallen an den Bequemlichkeiten elektronischer Vernetzung - und daher hat er sich mittels Booking-App in einer kleinen Pension am Stadtrand ein Zimmer reserviert. So lange ich nicht Facebook oder anderen asozialen Netzwerken beitreten muss, um meinem Radlerhaupt einen trockenen Platz für die Nacht zu sichern, nehme ich das Hinterlassen digitaler Spuren nun doch in Kauf. Das Zimmerchen in der Penzion Manypeny kostet umgerechnet viele Pfennige - mit anderen Worten: es ist so preisgünstig, dass sich selbst der knausrigste Ukulele-Lehrer ein Zimmer leisten kann.

 
Die zentralen Makrtplätze der im Mittelalter gegründeten Städte verbindet heutzutage vor allem eins: Sie dienen meistens als Parkplatz für die Blechlawinen der motorisierten Gesellschaft. Aus diesem Grunde spaziere ich lieber durch die vom bunten Lack der Moderne verschonten Gassen, in denen die Abendsonne nur noch die höchsten Dächer bescheint. Üblicherweise sind das die Dächer der Kirchen. Höre ich aus ihrem Inneren zur später Abendzeit Orgel- oder Kammermusik aus der Zeit Bachs, schlägt mein Herz höher - erst mit der großartigen Tonkulisse wird die architektonische Zeitreise perfekt.




Ein kleiner Abstecher nach Kanada




Die heutige Etappe führt mich durch Böhmisch Kanada (Česká Kanada), eine Landschaft, die sich durch wald- und steigungsreiche Strecken auszeichnet. Im Süden grenzt das Naturschutzgebiet an Österreich und im Osten führt mich mein Weg nach Mähren. Wald und Berge sind vermutlich die Namenspaten. Ein kurzer Regen kühlt die Temperaturen vorübergend auf kanadische Grade ab - die Wege werden unwegsam wie am Clondike, die Gier nach Gold beherrscht mein ganzes Streben, das Gesetz der Faust und rauchender Revolver steht über dem hauchdünnen Fortschritt der Zivilisationen...

Historie

      An einem Teich, der plötzlich in einer Lichtung des Waldes auftaucht, hält mich erneut das tragische Spiel der Geschichte an. Bis um 1950 existierte an dem idyllischen Flecken ein Walddörfchen, das an den um 1359 von deutschen Johanniter-Mönchen angelegten Teich entstand. Die während des 30-jährigen Krieges anstelle einer Holzmühle errichtete neue Mühle verlieh dem Dörfchen Neumühl seinen Namen, ebenso dem Teich und den ihn speisenden Bach. Deutsche und Tschechen lebten über Jahrhunderte friedlich nebeinander - oder stritten sich vielleicht mal um Dinge, über die sich Nachbarn auch heute streiten. Das aufkommende Zeitalter des Nationalismus bereitete den Anfang vom Ende der multikulturellen Eintracht vor - Mitte des vergangenen Jahrhunderts werden die geopoltischen Karten neugemischt - mit tragischen Folgen für die damaligen Bewohner der hiesigen Waldidylle.

Der sich dem Dorf anfügende nördlichste Zipfel Österreichs lag im Bereich des Tschechoslowakischen Walls*, eines Bunker- und Festungssystems, das Mitte der 1930er unter Staatspräsident Edvard Bene
š ausgebaut wurde. Nahe der Grenzkaserne Peršlák* errichteten tschechische Nationalisten einen Stein der Republik (kámien republiky) in der Form der ursprünglichen Fläche der Tschechoslowakei, welche noch die (nach Kriegsende unter Beneš an Stalin verschacherte) Karpatenukraine* enthielt. Kurz vor dem (durchs Münchner Abkommen legitimierten) Einmarsch der Deutschen Wehrmacht ins Sudetenland wurde der Stein der Republik mit einer tschechischen Inschrift versehen, die übersetzt bedeutet: Uns gehört sie, unsere bleibt sie, 1938. Die Soldaten der neuen Machthaber verspotten den Anspruch mit den lapidaren Worten: Bis wir kamen, 1938. Am Ende des Krieges, als in die südlich des Sees gelegen Kaserne wieder tschechische  Zöllner und Grenzer einziehen, kommt der nicht minder militant geprägte Wahlspruch Pravda vítězí hinzu: Die Wahrheit siegt...

Die Wahrheit ist bekanntlich immer das erste Opfer aller Kriege - und sie bleibt auch deren letztes Opfer... Die Infotafel lässt den deutschen Leser wissen: Die Bewohner von Neumühl wurden während der sog. wilden Vertreibung am 28. Mai 1945 ausgesiedelt. - Mit der Errichtung des "sog." Eisernen Vorhangs mussten in den 1950ern auch die nachgezogenen tschechischen Zivilisten aus der Sperrzone ins Inland umgesiedelt werden. Das Dörfchen teilte dann das Schicksal so vieler entvölkerter Orte entlang der Stacheldrahtgrenzen des Kalten Krieges, verfällt in der Mangelwirtschaft des Kommunismus und wird in den 50ern schließlich dem Erdboden gleich gemacht. Damit ist für den Verfasser der Infotafel die Geschichte abgeschlossen. Mit einem Hang zu poetischer Verklärung verkündet der letzte Satz, es sei nur eine Leere in der Landschaft und im Gedächtnis der Menschen geblieben.



Ganz so abgeschlossen ist die Geschichte dann doch nicht. Ein Verein bemüht sich um Spenden und will wenigstens die an tschechischen Gewässerwegen obligatorische Nepomuk-Statue neu errichten. Auch die Leere in der Landschaft ist längst zu neuer Geschäftigkeit erwacht: Miithilfe der geschäftstüchtigen Familie Hauser ist aus der verfallenen einstigen Kaserne ein nobles Hotel-Restaurant entstanden, gepflegte Rasen am Teich bieten den Gästen des Hauses Liegestühle und Sonnenschirme feil. Und die wieder errichtete Brücke ins österreichische Rottal, das inoffiziell Tal der Liebe genannt werde, belebt sozusagen die Völkerfreundschaft. Die Erinnerung an ein malerisch gelegenes Gasthaus, das auch zur späten Stunde bei den Gästen sehr beliebt war, wird nostalgisch ins vorige Jahrhundert datiert.




Welcher tapfere Wandersmann will nicht auch einmal ins Tal der Liebe pilgern? Nur ein wahrer Pedalritter wie ich lässt sich nicht vom ehrbaren rechten Weg abbringen, auch nicht vom großen Herz der attraktiven Wirtinnen. Mein Weg führt schnurgerade den Berg hinauf - ostwärts, in Richtung  Nová Bystřice. Weitere steile Aufs und Abs liegen auf meiner Strecke, so die Burgruine Landstejn, wo ich meinen Flüssigkeitsbedarf prüfe und in einem gemütlichen Biergarten vorsorglich nachfülle.



Wenn Bunker reden könnten




Schäfchenwolken unter blauem Himmel, dichte Wäldchen hinterm goldschimmernden Getreidefeld - auch hier trügt die Idylle. Mitten im Feld
behauptet sich ein Bäumchen, das seine Wurzeln unter einem großen Findling schützen kann. Doch der Findling ist ein alter Bunker, einer von Zigtausenden, die hier Mitte der 30er Jahre errichtet wurden, um die Eroberungsgelüste benachbarter Staaten abwehren zu können - nicht nur Nazi-Deutschland stellte ein Bedrohung für die junge Tschechoslowakische Republik dar, auch Polen und und Ugarn erhoben Ansprüche auf die von polnischen und ungarischen Minderheiten bewohnte Periperie des strategisch ungünstig langgestreckten Territoriums der Tschechoslowakei.*

Mal stehen die Bunker mitten im Getreide, mal im Maisfeld - und manchmal, mit den Farben der tschechischen Nationalflagge lackiert, in absurder Nachbarschaft zu einer Miniatur-Maria, die auf einer für ihere Größe überdimensionierten Säule platziert ist. Staunen darf man immer - verstehen muss man das alles nicht.
 

 
Könnten Bunker reden, würden sie wahrscheinlich zuerst von der großen Langeweile der einst darin ausharrenden Scharfschützen erzählen, aber wohl auch von panischer Angst, wenn es ernst wurde. Was meine diesbezügliche Wissbegier betrifft, ist sie nicht mehr ausgeprägt genug, um das Bedürfnis zu entfachen, ins Innere eines Bunkers aus dem Jahre 1938 zu kriechen.

Mitten im Wald, zwischen Klášter II und der Burg Landštejn, könnte ich bei einer "Führung" durchs Muzeum opevneni (Festungsmuseum) mehr erfahren. Das "Museum" sind die vier Wände der vier Quadratmeter im Innern des Bunkers. Nein! Kein Mensch bekommt mich freiwillig durch eine Eingangsluke, die erfordert, dass ich mich um die Hälfte meiner Körpergröße zu bücken habe, damit ich in einem betonierten Erdloch den Erläuterungen eines "Museumsführers" lauschen kann. Meine klaustrophobische Toleranzschwelle ist bereits bei vergleichbaren Gelegenheiten getestet wurden. Die Anstrengungen des Tages werden mit einem Abend im vielleicht beschaulichsten Städtchen Südböhmens belohnt.



Viel zu schön, ums aller Welt zu sagen




Gegen halb sechs erreiche ich das umwerfend schöne Städtchen Slavonice, das mich mit seinen gut erhaltenen oder gut restaurierten Renaissance-Fassaden ebenso beeindruckt wie mit der abendlichen Ruhe, die der historische Martkplatz und die von ihm abzweigenden Straßen und Gassen verströmen. Zwar parken auch hier vereinzelte Blechkarossen, doch ingesamt lässt sich die beschauliche Atmosphäre so sehr genießen, dass ich zögerte, den Namen dieses Kleinods südböhmischer Stadtarchitektur überhaupt zu erwähnen.

Aber was soll's? Das Städtchen liegt nicht nur am - hier durchaus gut frequentierten - Greenway-Radweg, sondern ist längst auch in den Hochglanzprospekten der Tourismusbranche beworben. Vom nächsten Ort in Österreich wären es 10 Minuten mit dem Radel - knapp vier Kilometer. Motorisiert ist man freilich in nur einer Minute hier...
 

 
Ein österreichischer Althippy knattert mit seinem weiß lackierten VW Käfer-Cabrio durch die Gassen und parkt den Oldtimer demonstrativ leger auf einer Kreuzung, als sei er der Stadthalter von Slavonice. Von seinem Auftreten wie vom ihm entgegengebrachten Respekt her könnte der Fahrer ein Mäzen oder der verehrte Guru einer Künstlergruppe sein, die den besonderen Reiz der kleinen Stadt zu schätzen weiß und deshalb zu ihrem Refugium gemacht hat.

Die bereits um ein Tischlein auf der Straße versammelten Bohemians, die hinter sich ein Lädchen mit selbstgeschneiderten Klamotten offenhalten, haben den Besucher offensichtlich schon erwartet und bringen ihm umgehend einen Stuhl, damit er in ihrer Mitte platznehmen kann. Ich mache mir so meine Gedanken über die "Konstellation"... Sind nicht in jedem Land, das ein paar Jahre Freiheit nachzuholen hat, die gönnerhaften Gäste sehr beliebt? Solange sie gönnerhaft bleiben - und nicht vereinnahmend werden? Doch davon können nicht nur die Tschechen ein Lied singen. Bevormundung prägt die Mentalität der Menschen über Generationen hin, macht manche zu willfährigen Mitläufern, andere zu Dauernörglern - in irgendeiner Form tangieren die "gesellschaftlichen Konstellationen" jeden Menschen.

Ein ärmlich gekleideter alter Mann steht zwischen den Holzflügeln der Tür seines Hauses und beobachtet von dort das beschauliche Hin und Her der Jugend. In seinen alten Knochen dürfte der Wandel der gesellschaftlichen Konstellationen noch um einiges tiefer stecken als in denen des privilegierten Schnulzen-Troubadurs Karel Gott. Aber der Mann wirkt, als habe er mit allem Leid und Kummer eines bescheidenen Lebens seinen Frieden gemacht.
 

Von meinem Platz an einem der begehrten Straßentische des Restaurant Besídka beäuge ich abwechselnd den alten Mann und die jungen Leute, denen die Straße zu gehören scheint. Als ich die beiden Tschechen, die am einzigen nicht reservierten Tisch sitzen, fragte, ob ich mich zu ihnen setzen dürfte, antwortet einer der beiden: Warum nicht? Wir wechseln auch später noch einige Sätze auf Deutsch. Unter anderem frage ich nach dem anstehenden Doppelfeiertag, der die Wirtin meiner billigen Herberge davon abhält, mir am Morgen ein Frühstück zu servieren - erst fragte sich mich nach meinen Wünschen, dann machte sie einen verlegenen Rückzieher.

Bei den Feiertagen geht es zum einen um Kyrill und Method, zwei antike Missionare, die das Christentum unter die slawischen Völker brachten, und zum anderen um den Märtyrer der tschechischen Reformation, Jan Hus, dessen Todestag sich jährt... Auch wenn diese Nationalfeiertage den meisten heutigen Tschechen so viel bedeuten dürften wie einem deutschen Grundschulabsolventen Hänsel und Gretel und Martin Luther, sind die arbeitsfreien Tage mittels Brückentag und Wochenende natürlich ein willkommener Kurzurlaub, dessen Auswirkungen ich noch zu spüren bekommen werde...

 

Eine junge Tschechin kommt mit ihrem Boyfriend aus dem Restaurant, um hier draußen zu rauchen - neuerdings gibt es auch in Tschechien das Rauchverbot in Gaststätten. Nun steht und qualmt das Pärchen direkt neben meiner Nase - und mein Blick zu den Sehenswürdigkeiten des Städtchens wird durch das super--mega-ultra-kurze 100%-Polyester-Kleidchen, das wie eine Kompressionsbandage an der Hüfte seiner Trägerin klebt, verstellt.

Ein in die Jahre gekommener Mann torkelt auf der anderen Straßenseite zwischen holprigen Straßenpflaster und Bordsteinkante umher, dass mir Bange word, er könnte sich beim geradezu vorprogrammierten Sturz schwer verletzen. Doch irgendwie fängt sich der volltrunkene Mann immer wieder - eigentlich ist das in diesem Zustand schon eine Form von Kunst... Ich versuche mich zu erinnern, wann ich das letzte mal so umhergetorkelt bin. Das wird wohl bei der Heimkehr von einem Ausgang in der Armeezeit gewesen sein - da gehörte es zum guten Ton, sich gegelgentlich die Kante zu geben. Der Anblick des armen Trunkenboldes macht einmal mehr deutlich, an welch seidenem Fädchen ein jeder Tag im Leben eines Menschen hängt - sei er durch eigene oder fremden Leichtsinn in Gefahr...

Historie

      Bei aller heutigen Beschaulichkeit und sonnigen Abendidylle: Mein Stöbern in der wechselvollen Geschichte von Slavonice bringt auch hier manche Leiche im Keller zum Vorschein. Der Name des Städtchens bürgt für eine ur-slawische Besiedlung, doch zum Ende des 19. Jahrhunderts ist das Städtchen so gut wie ausschließlich von Deutschösterreichern der k.u.k. Monarchie bewohnt. Mit dem Untergang des Vielvölkerreiches Österreich-Ungarn geriet das 2000-Seelen-Städtchen immer tiefer in den folgenschweren Strudel politischer Machtinteressen: Ende 1918 besetzten "militante Tschechen" das Städtchen, das um 1910 zu 99 Prozent von Österreichdeutschen bewohnt war, und schlagen es unter den kriegsmüden Augen der Siegermächte des 1. Weltkrieges der neugegründeten Tschechoslowakei zu. Im 1919 geschlossenen Vertrag von Saint-Germain geben die Weltkriegsalliierten ihren Segen zu dieser tschechischen Annexion - über die Konsequenzen für die ansässige Bevölkerung verschwenden die Obrigkeiten der Siegermächte keine Gedanken.

Unter dem Deckel internationaler Verträge brodeln die resultierenden Konflikte, bis es infolge des Münchner Abkommens zum Anschluss des Städtchens an Hitlers Drittes Reich kommt. Die sudetendeutsche Bevölkerung kann diesen "diplomatisch" erzwungenen Anschluss nur als Befreiung von tschechischer Vormundschaft bejubeln - dass sie dadurch lediglich vom tschechischen Regen in die deutsche Traufe kam, ist weder dem fleißigen Bauern noch dem tapferen Schneiderlein in der Stadt anzulasten. Die Geistlosigkeit des Hurra-Patriotismus beherrschte damals ganz Europa - und es sieht für den kritischen Beobachter der Welt leider nicht so aus, als ob die Schwarmintelligenz von heute eine Wiederholung derartiger Tragödien ausschließbar gemacht habe.

Zum Ende der Nazi-Herrschaft kam Slavonice wieder zur Tschechoslowakei - und damit begann das nächste grausige Kapitel der Geschichte. Die "Aussiedlung" von über drei Millionen Deutschen wie auch Hunderttausender Ungarn aus der Slowakei stand bereits seit Hitlers Drohgebärden auf der Agenda des damaligen tschechischen Präsidenten Edvard Beneš, dessen radikal-nationalistischen Interessen sich von denen anderer Staatsmänner jener Zeit kaum unterschieden. Auch den Slowaken, deren Sprache Beneš auf einen tschechischen Dialekt reduzierte, begegnete er nicht auf Augenhöhe. Schon während seines London-Exils gelang es ihm, den Alliierten die Kollektivschuld der Deutschen und der als Kollaborateure geltenden Ungarn plausibel zu machen. Die damals zur Tschechoslowakei gehörende Karpatenukraine warf er Stalin zum Fraß vor, um dessen Segen zur Rache an Ungarn und Deutschen zu erhalten.

Die sogenannten Beneš-Dekrete legitimierte die Konfiszierung jeglichen Eigentums der vertriebenen Sudetendeutschen, die Enteignung der katholischen Kirchen folgte in einem Zug.
* Die Greueltaten der durch die Dekrete zu Rache aufgehetzten Tschechen wurden per Gesetz nachträglich von Strafverfolgung ausgenommen. Alle die Beschlagnahme des Eigentums betreffenden Dekrete sind bis heute gültig! Bei einer Nivelierung der historisch löngst überholten Gesetze wäre mit unermesslichen Wiedergutmachungsforderungen seitens moch lebender Vertriebener zu rechnen, was die Beziehungen zwischen den Nachbarländern erneut schwer belasten könnte. Vor allem deshalb bleibt die brutale Vertreibung der Sudentendeutschen in der politischen Öffentlichkeit weiter ein Tabuthema.

Beneš' fatales Bündnis mit dem Sowjetreich Stalins bescherte der Tschechoslowakei nur drei Jahre nach Kriegsende die nächsten Diktatur. Kaum war Beneš gestorben, übernahmen 1948 die tschechischen Kommunisten die Macht und lieferten das Land vollends der Paranoia des despotischen Stalinismus aus. Wegen der Lage im isolierten Grenzgebiet zwischen den Nachkriegsblöcken dümpelte Slavonice bis zum Ende des Eisernen Vorhangs vor sich hin.



Mit dem seit den 90er Jahren wiederbelebten Tourismus hat Slavonice sich zu einem Kleinod historischer Stadtarchitektur gemausert, das der Reisende heute bestaunen und wertschätzen kann. Die Häuser verschiedenster Epochen haben sich auf engstem Raum ineinander verschachtelt. Wer venzianische Fassaden und Arkaden der Renaissance - ohne das aus allen Fugen geratene Touristengewühl Venedigs - bestaunen möchte, bitteschön, hier ist die Gelegenheit! Noch haben die zwischen Prag und Wien pendelnden Kolonnen von Reisebussen das vielleicht beschaulichste Städtchen Südböhmens nicht bemerkt! Ich weiß schon jetzt, dass ich hier nicht das letzte Mal war!



Suche und du wirst doch nicht finden

Anstelle eines Frühstücks gibt es am Morgen drei Kugeln Sorbet an dem Eisbuffett links des Hotels Arkade: citron, rybíz, jahody... Die fruchtigen Sorten - Zitrone, Johannisbeere, Erdbeere - hatte ich bereits am Abend probiert und ich muss gestehen: Allein dafür würde sich ein weiterer Besuch dieses Städtchens lohnen. - Wegen des Feiertages gelang es mir nicht, in der Region, die ich heute Abend erreicht haben werde, ein Zimmer zu reservieren. Ich muss vor Ort mein Glück versuchen, nötigenfalls auf den Zeltplatz ausweichen, den ich auf der Greenway-Karte am Nordufer des Thaya-Stausees entdecke...

Nach einigem Auf und Ab in den waldigen Höhen, die das Tal der Thaya (Diji) krönen, erreiche ich am frühen Nachmittag Schloss Frain (Vrano), den fürstlichen Ausbau einer vor tausend Jahren errichteten Burgfestung. Die Jahrhunderte mit ihren verschiedenen Schlossherren hinterließen die unterschiedlichsten Erweiterungen im Baustil ihrer jeweiligen Zeit.
 

 
Während die Festung ursprünglich als mittelalterliche Trutzburg errichtet wurde, ist sie heute ein Magnet für Tagesausflügler und muss Herden von Selfie-Knipsern als Kulisse dienen. Der Blick von der Burgbrücke fällt in das zum Tourikaff ausgebaute Dorf zu ihren Füßen. Auf der Infotafel entdecke ich sogar drei Zeltsymbole - vielleicht gibt es mehrere kleinere Plätze statt einens großen? Doch ich versuche zunächst in den zahlreichen Pensionen und Hotels ein Zimmer zu finden. Nach einer Stunde des Suchens und Anklopfens gebe ich auf - alles schon verkauft! Ich werde mich wohl mit einem der Campingplätze anfreunden müssen. Doch dazu müsste ich die Staumauer queren können - und die ist komplett gesperrt, auch für Radler und Fußgänger!


Kein Hinweisschild auf der ganzen Strecke hierher! Der nächste Campingplatz sei in Bytov, erklärt mir die Rezeptionöse der kleinen Herberge mit dem seltsamen Namen Baby Hotel und zeigt mir den Campingplatz auf meiner Karte. Ziemlich weit von hier, etwa 15 Kilometer übern Berg und dann wieder ins Thaya-Tal - außerdem weit ab von meiner vorgesehenen Route. Die nette Frau unterbricht mein Bedenken, denn ihr fällt gerade ein: Es gibt eine Fähre... Laut des Fahrplans, den sie mir aushändigt, fährt sie zu jeder vollen Stunde, direkt vom Strand aus, falls ich sie richtig verstanden habe...

Ich beeile mich, die Fähre um 4 zu bekommen, doch die Straße ist schon vor dem Ufer des Stausees gesperrt. Ein lückenloser Maschendrahtzaun und ein Wachposten machen klar, dass hier definitiv kein Durchkommen ist. Eine junge Frau, die ich vor einigen Minuten nach der Anlegestelle der Fähre gefragt hatte, holt mich hier ein und staunt nun genauso wie ich und andere Passanten über die lückenlose Absperrung. Zurück zur vorherigen Abzweigung - und von dort einen schier endlos erscheinenden Berg hinauf. Ich will mich bei einem mir entgegenkommenden Fußgänger vergewissern, ob ich auch wirklich auf der richtigen Straße bin. Der Mann winkt allerdings bei meiner Kontaktaufnahme ab und macht einen Bogen. Ich zeige ihm meine Karte, doch der Mann muss schon schlechte Erfahrungen mit Fremden gemacht haben. Schließlich fasst er doch Vertrauen zu mir, riskiert einen Blick in meine Karte und bestätigt meine Frage mit entsprechenden Gesten. Um seine Ruhe zu haben oder weil es einfach die einzige Straße ist, die von hier nach Bytov führt.

Immer wieder kommen mir Radler entgegen, doch die sind im Geschwindigkeitsrausch der Talfahrt. Endlich erreiche ich ein Dörfichen mit einer Trankstelle. Der eher schlichte Biergarten ist offenbar das Ausflugsziel der Radfahrer aus beiden Richtungen, aus Vranow (Frain), woher ich komme, wie aus Bytov, wohin ich will - beziehungsweise muss, weil ich ja nur am anderen Ufer der Thaya (Diji) auf eine Straße kommen kann, die mich nördlich des Stausees wieder auf den Greenway führt. Bei einem der Radler erkundige ich mich erneut nach der richtigen Abzweigung, denn die Schilder in der Orstmitte von Lančov sind alles außér eindeutig. So sehr mich ein erfrischendes Pivo reizen würde, ich zögere mit dem Entschluss. Die Zapfhahnbeauftragte nimmt mir die Entscheidung ab. Nein, nicht zu gugunsten ihres Umsatzes, denn sie lässt sich seit über einer Minute nicht am Zapfhahn sehen.

Ich glaubte schon der Gipfel des Anstieges sei erreicht, doch nach einem Rechts- und einem Linksschwenk geht weiter hinauf. Wie kann das sein? Meiner Karte nach bin ich kurz vor dem Flusstal und habe noch immer mit Anstiegen zu tun? Die Karte zeigt keinerlei Serpentine, auf der es dann steil abwärts gehen könnte, sondern eine wie mit dem Lineal gezogene Strecke! Dann gelange ich an die Burgruine Cornštejn, die ein Treffpunkt sportlicher Zeltplatzgäste zu sein scheint. Der Rundblick ist durch Bäume und Gestrüpp verstellt, aber der Blick tief hinunter zur Thaya lässt ahnen, wie steil es ab hier abwärts geht.

In einem spitzen Winkel biege ich rechts auf die Hauptstraße, quere den Fluss über eine Brücke, nach der ich links dem Schildern zum Campingplatz Bytov folge. Schon die Menge der Fahrzeuge und Fußgänger, denen ich hier begegne, lässt mich befürchten, dass der Campingplatz riesig und gut gefüllt sein muss. Über einem hölzernen Verschlag am Straßenrand steht ein großes Schild mit der Aufschrift Rezepce, also halte ich an, um hier einzuchecken. Doch die Rezeption ist erst hundert Meter weiter, sagt mir der Barkeeper mit einem Blick, der nicht gerade Verständnis für meine Frage vermuten lässt. Nun ja, ich finde es nicht sehr originell, einen derartigen Tresen am Beginn eines großen Campingplatzareals Rezeption zu nennen, aber wahrscheinlich kommen hier sonst nur Eingeweihte her. Ich sehe jedenfalls keine ausländischen KFZ-Zeichen und höre unter den Anwesenden einzig und allein die tschechische Sprache.

Der Hammer des Abends ist allerdings etwas völlig Unerwartetes. An der richtigen Rezepce sagt mir der junge Rezeptionör: We are full! Ich erwidere, ich sei doch ganz allein und brauchte für mein Zelt und mein Radl keine vier Quadratmeter. Sorry, tut uns leid! antwortet der junge Schnösel. - Ich habe 80 Kilometer Berge und Täler in meinen Knochen, bin am Ende meiner Kräfte - wo soll ich zu dieser Stunde noch hin? Es tue ihm leid, wiederholt er, aber ich könne ja mal einen Blick auf den Platz werfen - und sollte ich noch irgnendwo ein Plätzchen finden, könnte ich es nutzen. Na bitte, das ist doch mal ein Wort!

 
Es sieht wirklich sehr voll aus! Ich kann nicht verstehen, wie Leute, die solche Zustände bereits kennen, überhaupt noch Verlangen nach dem "Abenteuer" Campingurlaub haben können. Was mich betrifft, habe ich heute keine Alternativen, keine Optionen, keine Wahl - ich muss etwas finden und sei es noch so eingezwängt oder abseitig.

Vier Quadratmeter für ein winziges Polyester-Königreich, in dem ich heute Nacht meine müden Knochen langstrecken kann. Ich schweife in jeden Winkel des Platzes, aber nirgends finde ich akzeptable vier Quadratmeter Fläche. Dann bemerke ich zwischen einigen Autos quasi eine letzte Parklücke und zögere keinen Augenblick, mein Zelt dort auzubauen. Die Nachbarcamper steigen über meine Spannleinen, ihre Köter beschnuppern mein Zelt. Ich weise die Autobesitzer auf meine knapp neben ihren eingelenkten Reifen eingesteckten Heringe hin. Okay, no problem! Die hiesigen Camper sind Enge gewohnt und reagieren gelassen auf ihren neuen Zeltnachbarn. Ich selbst bin weniger gelassen, aber erstmal froh, dass ich überhaupt einen Platz gefunden habe.

Dann mache ich mich auf den Weg zur Rezeption, will mich für das kulante Angebot bedanken und bezahlen. Doch der junge Mann, der eben noch so gnädig war, erklärt mir nun, er habe nochmal mit dem Boss telefoniert und der habe Nein gesagt: No exceptions! Wegen der Hygienevorschriften! Was ist mit meiner Hygiene? Ich weiß, dass jede weitere Diskussion ab jetzt nur Ärger machen würde und fange daher auch gar nicht erst damit an, lasse mir den plötzlichen Anstieg meines Adrenalinspiegels nicht anmerken und sage nur: Okay - alles klar...

Ich kehre auf der Stelle um und denke vorläufig mitnichten daran, jetzt alles wieder abzubauen, bloß weil dieser feige kleine Student, der hier den ersten Ferienjob seines Lebens macht, seinem Boss in den Hinter kriecht wie ein erbärmlicher Mitläufer aus Zeiten der Diktaturen. Mein dampfender Körper verlangt nach einer Dusche und meine Zunge ächzt nach einem erfrischenden Pivo! Zuerst werde ich das erste Bedürfnis befriedigen, dann das zweite - und danach sehen wir weiter. Während mich die bange Frage beschäftigt, welche Konsequenzen  mein nunmehr illegaler Aufenthalt zufolge haben könnte, bemerke ich, dass ich mein Radl unangeschlossen neben der Rezepce stehen ließ - nicht gut, dort nochmal gesehen zu werden...

Also nochmal zurück, das Radl holen. An  meinem Zelt klappe ich es zusammen und verstaue es unter dem winzigen Vordach meines Ein-Mann-Zeltes. Ringsum sehe ich nur steile Berghänge, eine Möglichkeit zum Wildkampieren habe ich auch am frei zugänglichen Ufer des Stausees nirgends wahrgenommen. Ober nachts der Wasserstand steigt, sei es durch eine Pumpspeicheranlage oder durch Regen, wäre eine andere Frage, die vorher geklärt sein müsste. Am Himmel brauen sich schwarze Wolken zusammen, spätestens in einer halben Stunde wird es hier gewittern und ordentlich regnen. Nein, ich verlasse den Platz auf keinen Fall! Besser ich suche mir etwas zum Unterstellen, am besten zum Untersitzen.

Bereits vorhin hatte ein kleines Weingärtchen unter dem Vordach eines Hauses gleich in der Nähe meines Zeltes bemerkt, noch ist dort kein Gast zu sehen, aber das Tor steht offen - und für solche Oasen hat ein durstiger Radler einen siebten Sinn. Für den Durst erstmal ein Bier, dann widme ich mich dem offerierten Schwerpunkt eines Weingartens und schmecke erstmals mit eigener Zunge, dass Tschechien nicht nur ein Land des Bieres ist. Ich befinde mich nun bereits Süden Mährens, einer Region, die offenschmecklich beste Bedingungen für den Anbau weißer Rebsorten bietet, jedenfalls probiere ich verschiedene Weißweine, weil ich vor allem das Kühle mag.

Auch das erwartete Kühle vom Himmel lässt nicht auf sich warten. Zum Glück habe ich den kleinsten Faltregenschirm der Welt in der Seite meiner Cargoshorts griffbereit, als ich beim Rückwg vom riesigen Sanitärtrakt in den Guss komme. Der Wirt sitzt mit am Tisch und surft an seinem Laptop durchs Web. Nach meinem dritten Achtel Valtice Chardonnay spendiert er mir einen Bienenstich, einen Fingerhut voll Hochprozentiges. Dobri, sage ich: gut! Ano, antwortert er: Ja, ich weiß. Und noch etwas tschechisch lerne ich bei dieser Gelegeheit. Das oft zu hörende, im Kontext einer Bestätigung gesagte Jaja bedeutet tatsächlich nichts anderes als: Jaja.

Irgendwie halte ich den alten Mann für vertrauenswürdig genug, ihn in meine knifflige Situation einzuweihen - in den Grund, weshalb ich heute nicht nur sein erster Gast wurde, sondern möglicherweise auch sein letzter bleiben könnte. Dank einer jungen Frau, die etwas Englisch versteht, kann ich ihm meine alternativlose Lage vermitteln: Ich verrate ihm daher auch, weshalb ich meinen Blick in mein Notizbuch versenke, sobald eine der gelegentlich aufkreuzenden Security-Streifen in der Nähe ist. Ein Weilchen später steht der nächste Schnapps vor mir, diesmal der traditionelle tschechische Slivovice.

Der Regen lässt nach - und nimmt wieder zu. Es ist dunkel - und bleibt dunkel, denn es geht auf 11. Die Security hat ihre Suche nach mir, so hoffe ich, daher sicher aufgegeben. In der Hoffnung, heute Nacht von keinem Kontrolleur behelligt zu werden, beschließe ich, doch nicht der letzte Gast zu bleiben. Ich schleiche mich zu meinem Zelt, bei dessen eiligen Aufbau ich die Einrichtungssorgfalt eher vernachlässigte. Nun muss ich die Matratze in der Enge des nassen Zeltes aufblasen. Das Abstreifen der regenklammen Kleidung im Sitzen fordert immer einen Tribut - mal ist es die Sonnenbrille, jetzt ist es die Lesebrille, die unter mir knirscht. Die Stirnlampe hat zuhause das ganze Jahr, als ich sie nicht brauchte, funktioniert. Und jetzt gibt sie auf! Nein, es sind nicht die Batterien, ich habe zuhause alles getestet, und Ersatzbatterien hätte ich sowieso dabei.

Ich ziehe mich wieder an, krieche wieder aus dem Zelt, gehe wieder zum Weingarten, versuche im schummrigen Licht der Taverne nach der Ursache des Stirnlampemversagens zu suchen - mit meiner Ersatzlesebrille! Es scheint ein Wackelkontakt am Schalter zu sein. Verdammt, immer dieser teure Schrott aus China, der nach einer Weile nicht mehr funktioniert! Ich hatte mir extra eine für an die 20 Euro gekauft, um etwas Verlässliches zu haben, und dann geht es einfach kaputt - genau wie die dünne Stabtaschenlampe in der gleichen Preislage, die schon nach einem halben Jahr durchbrannte... Nun haben wir endlich die Westmark und können die große weite Welt bereisen. Ich spare meine Ukulele-Lehrergroschen zusammen, begnüge mich mit einem velophilistischen Ausflug ins benachbarte Tschechien - und was ist der Dank für mein umweltschonendes Reisen? Schrott aus dem Reich der Mitte! Die Globalisierung, Maos Rache für den Untergang der asiatischen Despotimus, macht es möglich.

Auch die Improvisationskünste der anteilnehmenden Tschechen versagen - wo kein Schräubchen mehr ist, da lässt sich auch nichts mehr drehen. Auf diese späte Einsicht bestelle ich noch ein Viertel Chardonnay - danach ist aber wirklich Schluss mit der verdammten Sauferei.


Nie wieder Zeltplatz

Das war die letzte Nacht meines Lebens, die ich auf einem Zeltplatz verbracht habe - oder was man heute so nennt... Denn eigentlich sind diese Zeltplätze vor allem Fahrzeugabstellplätze. Und für ein Fahrzeug, sei es der PKW mit dem Dachgepäckträger oder das platzverschlingende Wohnmobil, kann  der Zeltplatzbetreiber mehr Gebühren verlangen als fürs kleine Zelt! Und so absurd es klingt: Aber das dürfte der wahre Grund sein, weshalb die Campingplätze inzwischen richtigen Campern, also Leuten, die mit Rad oder Rucksack unterwegs sind, verwehrt werden, sobald es eng wird. Verkehrte Welt - Welt der Raffgier. In Sachen "Viel Geld in kurzer Zeit scheffeln" haben die Wendehälse und neuen Herrschaften des Ostens schnell gelernt, leider. Gastfreundschaft und Menschlichkeit bleiben auf der Strecke. Schade.

Aber so ist das sicher nicht in jedem Haus und jedem Herzen. Um das zu erfahren, muss ich allerdings auch erstmal unbemerkt vom Platz kommen. Mit den Vögeln werde ich munter, drehe mich nochmals um, doch dann ist da wieder das Schnarchen und - schlimmer: das permanente Zuschlagen der Autotüren, weil sich irgendwelche rücksichtlosen Frühaufsteher ihre Zahnbürsten oder sonstwas aus den Autos holen. Noch einmal auf die andere Seite drehen ist unter solchen Bedingungen sinnlos. Nun kann es mir auch egal sein, mein Teisverschluss surrt, ich steige aus. Das Zelt muss ich wieder nass einpacken.

Zu kommunistischen Zeiten hatte die tschechische Polizei den zweifelhaften Ruf, besonders rigide gegen Ausländer zu sein - und ich habe es in den 80ern selbst erlebt. Die korrupten Abteilungen der Menschheit, also die im Dienste der Staatsorgane tätigen, können schnell die Flagge am Fahnemast auswechseln, aber ihr Wesen ändern sie nicht so schnell. Wozu auch? Jeder Staat, auch der demokratische, braucht skrupellose Befehlsempfänger! Ich will das Feld wahrlich nicht näher erforschen und bevorzuge es deshalb, ohne weiteren Kontakt mit dem "Personal" des Zeltplatzes vom Platz zu kommen. Diese junge Generation von Angestellten küsste eher dem Boss den Hintern, als dass es seinen eigenen Verstand gebraucht. Zum Glück ist die Rezepse noch nicht besetzt und der Ausgang nicht verschlossen. Also, nichts wie fort von hier!

Auch wenn Zelten generell von meiner Agenda entfernt ist: Aber ich schleppe die gut vier Kilo Ausrüstung nun mal mit und beäuge ab nun die Umgebung aufmerksamer nach wild kampierbaren Verstecken - nur für den Notfall! Mein Ziel bleibt ein festes Quartier, ein Dach über dem Kopf, das mich vor Regen und Gewitter schützt und den stumpfsinnigen Lärm der Welt wenigstens etwas draußen halten kann. Und ich "freue" mich schon auf der flachen Straße an der Thaya auf den Anstieg, der mir ab der nächsten Kreuzung bevorsteht wie ein Fels in der Brandung... Gut, die Metapher mag etwas hergeholt wirken, aber dennoch komme ich um den Berg nicht herum.


Ahoi, ahoi, ahoi!

Auch um das Sinnieren darüber, warum meine Metapher vom Fels in der Brandung in einem Land, das keine Meeresküste hat, vielleicht doch oder gerade deshalb nicht so weit hergeholt ist, wie es auf den ersten Eindruck scheint, komme ich nicht herum. Schon das saloppe Ahoi, der maritime Gruß auf binnenländischen Wegen und Pfaden wirkt jenseits absurd. Warum heißt die letzte Dorfkneipe Kapitáne Ferdinandovi? Einverstanden, auch die Binnenschifffahrt braucht Kapitäne am Steuer. Doch warum haben noble tschechische Provinzherbergen so nautische Namen wie Hotel Nautilus? Die einzige naheliegende Erklärung ist eine pschoanalytische: Je ferner das Objekt der Begierde, desto größer ist das Verlangen nach Ersatz.

Das an der zum See gestauten Thaya versammelte Menschengewimmel ist nur mit der tiefen Sehnsucht der Tschechen nach einem Stückchen Nizza oder Ipanema zu erklären. Auch Seevölker tummeln sich lieber an ihren reichlich vorhandenen Stränden als in den schönsten Wäldern und Bergen ihrer Heimat. Aber der Kult ums Maritime ist dort dennoch nicht so ausgeprägt, dass jede Pfütze von Menschen in Matrosenkleidung umkreist wird... Egal. Heute will ich auf jeden Fall beizeiten einen sicheren Hafen anlaufen...

Doch zunächst wäre ich über ein Frühstück glücklich - die morgendliche Mahlzeit ist auf Radreisen die wichtigste des Tages. Nach der ersten Schinderei hinauf ins Dörfchen Bytov, Namenspate des Campingplatzes im Tal, stehe ich am Vorgarten einen kleinen Hotels, in dessen Garten Frühstück serviert wird. Ein unscheinbar am Tisch sitzender Kellner bemerkt alsbald meinen fragenden Blick - und so werde auch ich endlich sein Gast. Ich stopfe mir reichlich Kohlenhydrate und Eiweis in den Magen, soll der doch sehen, wie er das verwertet. Erstes in Form der landestypisch bröselnden Hörnchen, zweiteres in Gestalt von Omlett oder Rührei - auch das scheint landestypisch zu sein. Wo es Obst gibt - meistens eine Scheibe Melone, greife ich gern zu. Der alles Gute wie alles  Ungute ausschwitzende Radlerkörper braucht Mineralien, Flüssigkeit, Energie.

Um halb neun steht die Sonne am Himmel und eine sanfte Brise erinnert mich daran, mein Zelt vom Wind trocknen zu lassen. Ich hänge das teure Polyestergewebe über den nächsten Gartenzaun. Doch der Wind wird gleich wieder faul - und warten, bis das Zelt richtig trocken ist, wird mir dann doch zu lang. Ich packe alles wieder ein, wie es ist. Im Dörfchen Zalesi treffe ich, wie es mir der alte Wirt gestern am Laptop gezeigt hat, auf eine Fernverkehrsstraße mit der Nummer 408. Die ist zwar etwas stärker befahren, aber sie führt mich ostwärts und in die Nähe des Kartenausschnitts, den ich auf meiner Greenway-Karte sehen kann.
Ich biege rechts nach Lesná ab, wo sich linkerhand ein Biergarten findet.

Vor dem Eingang parken etliche Motorräder, eher luxuriöse als Stino-Modelle, auf nostalgisch getrimmt, Harley Davidson und Co. Den Grund erkenne ich erst beim Blick ins Innere der Gastwirtschaft: In einem Raum stehen Zweirad-Oldtimer des vergangenen Jahrhunderts, vor allem die tschechische Marke Jawa. Es riecht nach Öl und Parfüm - auch junge Frauen fahren auf heiße Maschinen ab, hat man(n) ihnen gesagt...

 

Ich werde sofort an meine eigene Motorrad-Begeisterung aus Jugendjahren erinnert. Der waren im Honecker-Gehege enge Grenzen gesetzt, aber zu einer gebrauchten 250er MZ Trophy hatte ich es auch gebracht, das war die mit dem buckligen Tank, dem sogenannten Büffeltank, der dem flotten Ofen etwas Schnittiges gab. Bis Bulgarien, an der Grenze zur Türkei war ich damit. Ersatzteilmangel und unzählige Pannen waren die ständigen Begleiter - und mitten in Rumänien ein Sturz infolge eines geplatzten Reifens, das war das vorläufiger Ende meiner damaligen Ostblock-Erkundungsfahrten. Warum ich so weit abschweife? Die gelegentlichen mit Plastikblumen dekorierten Kreuze am Straßenrand erinnern mich daran, dass auch ich einst meinen Tribut an die Unfallstatistik zu zahlen hatte.


Sag mir, wo die Blümchen sind

Als Radler alter Schule, ohne Helm und ohne Gurt, ohne Innen- oder Außenbordmotor, zieht die Landschaft nur langsam an mir vorrüber - ich rase nicht, ich radle! Und deshalb nehme ich jede der Grabstätten am Wegesrand wahr und verinnerliche sie als Mahnung an die besondere Vergänglichkeit eines mobilen Lebens. Ich halte jedes Mal an und studiere die Daten des Unfallopfers. Ich möchte wissen, wann, in welchem Alter und auf welche Weise die Betrauerten ihr Leben verloren. Sämtlichen Inschriften ist zu entnehmen, dass es sich um junge Männer um die 20 hielt - gewiss das leichtsinnigste Alter einer männlichen Biographie, aber es muss nicht der eigene Leichtsinn gewesen sein, der das Leben des Unglücklichen beendete. Bei mir hatte es schon mit 17 geknallt: Mein Moped, ein S 50, kam einem linksabbiegenden Wartburg in die Quere - zum Glück blieb es bei den Folgen diverser Beinfrakturen.

 
Ein einzelnes Grabmal oder Grabeskreuz am Straßenrand erklärt den Grund seiner Existenz üblicherweise von selbst. Der auf dem Grabstein über dem Namen des Verunglückten eingravierte Visierhelm lässt wenig Fragen offen. Am Heiligabend des Umbruchsjahres 1989 geboren, endete das Leben des 20-jährigen Zbynek im Sommer 2010 an einem der beiden Bäume, zwischen denen seither sein Grabstein steht.

Auf einem anderen Grabstein am Straßenrand fehlt der symbolische Hinweis auf die Todesursache. Nur das Todesdatum des 17-jährigen Jiri aus Jetrichovice, der 1.1. 1998, öffnet der Spekulation Türen und Tore. Dass die in euphorisch gefeierten Silvesternächten konsumierten Alkoholmengen in diesem Jünglingsalter sehr maßlos sein können, ist bekannt, im konkreten Fall dennoch nur eine Vermutung. Die Jugend ist übermütig - wer sie schadlos überlebt hat, muss ein Asket gewesen sein - oder einer der unzähligen Glückspilze, die ihr Glück als höhere Fügung auslegen oder niemals nachdenken.

Nachdenken lässt mich auch die Gedenktafel an einer Brücke, die mich während der Heimfahrt bei Kostelec nad Labem ans rechte Elbufer führen wird. Das Todesdatum der sechs namentlich genannten Tschechen, der 7.5. 1945, ist ein Hinweis, dass die fünf Männer im Alter von 21 bis 40 und ein 63-jähriger Mann die Opfer letzter Kämpfe am Ende des 2. Weltkrieges wurden. Wer das Leben dieser Männer auf welche Weise auf dem Gewissen hat, lässt die Überschrift - Zde padli za svobodu vlasti - offen: Für die Freiheit ihrer Heimat gefallen, ist eine Ansage in alle Richtungen... Es war Krieg, ein Tag vor dem Frieden - um die Schuldfrage kann es so viele Jahrzehnte nach dem Weltkriegsdesaster ohnehin nicht mehr gehen. Ehrt ihr Gedächtnis, bedeuten die drei tschechischen Worte am Ende der Liste. Der zum vermutlich zum Jahrestag niedergelegte Kranz aus Fichtenzweigen ist Mitte Juli mehr als verdorrt, nur die Plastikblüten widerstehen noch der Trockenheit.
 



Eine weitere Grabstätte, bei Dolní Beřkovice an der Elbe, wirkt auf mich gleichermaßen tragisch wie grotesk - direkt am Ufer des Flusses, dessen Pegel hier bei Hochwasser wie 2002 mal eben zehn Meter über dieser Gedenkstelle liegen kann, findet sich ein mit Engelchen und elektrischen Teelichtern dekoriertes Kreuz, das an einen jungen Mann namens David Rubeš erinnern will. Sowohl die Inschrift als auch die Umgebung des Kreuzes ist mit etlichen Hinweisen auf die Angelleidenschaft des jungen Mannes geschmückt.

Das große Foto, das den stolzen Angler mit seinem vermutlich größten Fang zeigt, lässt kaum Zweifel daran, dass der Tod des 23-jährigen an dieser Stelle mit der größten Leidenschaft seines jungen Lebens zu tun hat. Doch wie kann man beim Angeln sein Leben lassen? ist hier die große Frage, die mich beschäftigt...
 

Nahm an jenem 15. November 2015 ein ausgewachsener Europäischer Wels Rache an seinem Verwandten und zog den jungen Angler in die winterlich kalten Fluten der Elbe? Oder wurde er das Opfer eines Benzinmotors - seines oder eines anderen Motorbootes? Über die konkreten Todesumstände verraten die Herzchen und Engelchen aus Gips und Plastik nichts. Und so kann die aufwändig gepflegte Gedenkstätte den fremden Passanten nichts lehren, außer eben, dass auch das Leben eines Anglers ge-gefahr-voll sein kann.


Grün, grün, grün sind alle meine Bäume





In den frühen Nachmittagsstunden bin ich wieder auf dem Greenway, der seinem Namen in den Wäldern des Nationalpark Podyjí voll und ganz gerecht wird.

Von einem Gipfel, beim Weingut Vinice Šabos, eröffnet sich ein herrlicher Rundblick in die Schuchten des Thaya-Tales. Der Fluss, der ein längeres Stück die Grenze zwischen Tschechien und Österreich bildet, kann hier wild strömen - mancher Kajak- oder Kanadier-Fahrer dürfte von der Passage träumen. An einer Hütte wird Wein ausgeschenkt, direkt vom Winzer also. Die meisten Radler und Wanderer machen davon Gebrauch.
 

 
Ich verkneife mir die verdiente Gipfelprämie wie auch das Schlangestehen, studiere stattdessen die Infotafel, die mich über die hier real umherkriechenden Schlangen aufklärt. Die Reptilien wissen das warme Kleinklima des Weinberges zu schätzen - für mich ein Grund mehr, rechtzeitig nach einem Nachtquartier zu suchen, wo ich vor kreuchendem und fleuchendem Getier sicher bin. Eidechsen huschen unentwegt über den holprigen und steilen Weg, der ins Tal führt.



Auf der schaukelnden Hängebrücke über die Thaya steigt das Radlervolk auch ohne Aufforderung vom Sattel. Wer hier den Brettern und Seilen nicht traut, hat ein Problem - es gibt nur diese Querung. Und die muss über Mangel an Passanten nicht klagen - sowohl das Tal als auch der Weinberg sind gut besuchte Ausflugsziele. Wenige Kilometer vor Šatov bemerke ich eine Reklamtafel, die für eine Penzion & Bar namens Almendra wirbt. Ich greife sofort zum Handy, doch die Stimme am anderen Ende der Verbindung versteht mich nicht. Auch ich verstehe wegen der vorbeiziehenden Motorvehikel kaum mein eigenes Wort. Ich versuche es mit Händen und Füßen, nur leider hilft das am Telefon nur gefühlt. Dann meldet sich ein Mann auf englisch, der mir nach kurzer Rücksprache mit der Wirtin zusichert, dass heute, und zwar nur heute Nacht, ein Zimmer frei sei. Allerdings sei man erst etwa in einer Stunde im Hause. No problem, I can wait.

Die Unterkunft erreiche ich ein Viertelstündchen später, aber ich klopfe gar nicht erst am großen Tor, sondern besuche den Biergarten an der Straßenkreuzung. Ich will mich gerade an einen leeren Tisch setzen, da spricht mich vom Nebentisch eine junge Frau an. Englisch oder Deutsch, biete ich ihr an. Sie kann beides, bevorzugt aber die Aktivierung ihrer Deutsch-Kenntnisse - na um so besser. Das unweit der Grenze zu Österreich befindliche Weindorf Šatov hat gewiss schon den einen oder anderen ausländischen Reisenden gesehen - und so ist es für die junge Frau nicht die erste Gelegenheit zur Konversation. Neben den üblichen Fragen nach dem Woher und Wohin fragt sie mich nach meinem allgemeinen Eindruck von Land und Leuten. Ich erwähne deshalb mein etwas ernüchterndes Erlebnis von gestern Abend.

Ja, so sind wir Tschechen, ziemlich unfreundlich! Also ICH nicht, fügt sie ein, aber die meisten anderen. Mein Freund ist Italiener und wenn ich in Italien bin, erlebe ich immer Freundlichkeit. - Ein so offenes Bekenntnis zur Unfreundlichkeit der eigenen Landsleute gibt mir zu denken. Aber empfinde ich selbst einen Teil meiner sächsischen Landsleute und einige Zugewanderte nicht auch als Heuchler, die an einem Tag nett wie eine Stewardess lächeln und am nächsten Tag zu Giftzwergen mutiert sind? Sei es wie es ist, man darf von Einzelerlebnissen und Einzelpersonen nie aufs Ganze schließen - nicht in der heimischen Nachbarschaft noch in der Fremde. Sie fragt mich nach meinem Alter, ich lasse sie raten. Ich weiß nicht, antwortet sie, 45? Danke, dagegen hätte ich nichts einzuwenden.

Ihr Bierglas ist geleert und es wäre jetzt vielleicht an mir gewesen, die charmante Blondine auf ein kühles Blondes einzuladen. Doch sie ist nicht allein - ihre Begleiterin kann zwar auch Deutsch, aber nicht so flüssig, um sich am Gespräch zu beteiligen - vielleicht ist sie auch nur schüchterner. Da wäre es meinerseits taktlos, glaube ich, sie quasi als Anhängsel zu behandeln. Als sich die beiden verabschieden und den Biergarten verlassen, blicke ich ihnen nach. Die Gesprächige hat sich etwas auf die Rückseiten ihrer Schenkel tätowieren lassen - soweit ich das aus der Ferne erkennen kann, sind es zwei überdimensionierte Schmetterlinge. Als Italiener würde ich jetzt hinterherlaufen und und sagen: Warten Sie mal! Sind das Schmetterlinge? Oh, wirklich, wie schön! Haben Sie noch mehr solche reizenden Verzierungen?

Aber ich bin eben kein Italiener... Wahrscheinlich war ich mal einer in einem früheren Leben - und damals selbst reichlich tätowiert. Jetzt bin ich eben nur ein artiger deutscher Radler, der im Moment gefühlte 45 Jahre jung ist, aber trotzdem nicht verdrängen kann, dass er seine besten Jahre irgendwie schon hinter sich hat. Wehmütig greife ich zu meinem Bierglas, das weder halbleer noch halbvoll ist - mein Radlerdurst mag gestillt sein, meine Lebenslust noch lange nicht. Doch das Leben rinnt dahin wie der Inhalt eines Bierglases: die erste Hälfte ist erfrischend - mal mehr, mal weniger prickelnd, doch der Rest sublimiert so vor sich hin... Im günstigsten Falle!





Ausgleichende Gerechtigkeit?
Vielleicht gibt es sie doch

Das Stündchen, von dem der Mann am Telefon sprach, dürfte vorrüber sein. Ich versuche es mal und klopfe ans Tor. Eine Lady im Bikini öffnet mir, dirigiert mich an abgestellten Rädern vorbei in den sonnigen Hof, wo weitere Gäste bereits beim Vorbereiten des gemeinsamen Abendessens sind. Sie spricht deutsch, stellt mich allen anderen vor und ich versuche mir die acht Namen zu merken. Immerhin zwei behalte ich in der Kürze der Vorstellung: Eva (Ewwa) und Milena - jetzt muss ich nur noch herausfinden, wer von den fünf Frauen auf welchen der beiden Namen hört. Doch zuerst widme ich mich einem Vollwaschgang des Pedalritters, dann einer Handwäsche seiner Rüstung - und schließlich der Trocknung des Polyesterpalastes, der letzte Nacht mein erbärmliches Quartier war.

Die Frau im Bikini hat sich inzwischen was übergezogen - und aus ihrer besonderen Fürsorglichkeit folgere ich, dass sie die Wirtin ist - unser Boss ist eine Frau. Und zu meiner Überraschung spricht sie ziemlich gut deutsch. Wir machen heute Grill, sagt sie einladend, das Rost wird schon gesäubert. Auch die anderen Leute, durchweg in den reifen bis ausgereiften Jahrgängen, sind von zuvorkommender Freundlichkeit. Jetzt fehlt nur noch jemand, der einen alten Hippie-Ohrwurm zur Klampfe singt, dann wäre das Flowerpower-Ambiente komplett. Letzeres könnte natürlich mein Beitrag zum lockeren Kommunengefühl sein, aber ich will nicht schon wieder "arbeiten" - schon gar nicht mich in die Verlegenheit der Komplimente bringen, die dann folgen.

Es gibt sowieso keine Klampfe, das Radio dudelt leise. Ich will einfach nur die besondere Gastfreundschaft genießen, ohne viel zu reden. Ich möchte dieses hoch erfreuliche Kontrastprogramm im Vergleich zur Situation von gestern Abend auskosten. Es gibt sie also doch, die ausgleichende Gerechtigkeit! Hier geht es dem Ukulele-Lehrer so gut, wie der tapfere Pedalritter es ihm redlich verdient hat. Ich fühle mich einfach wohl und immer wohler.

 
Zu meinem Wohlbehagen trägt vor allem die Wirtin bei  - Milena. Sie sorgt immer dafür, dass mein Teller nie leer wird - und mein Weinglas nicht halbvoll. Letzeres wäre ohne eine so aufmerksame Gastgeberin durchaus zu befürchten gewesen, dann hätte ich mir die zweite Hälfte immer einteilen müssen. Doch bei der Vorzüglichkeit der hiesigen Rieslinge folgt dem ersten testenden Schluck schnell ein zweiter dritter...

Das nächste Glas wird mit Sprudelwasser gestreckt, denn der Abend ist noch jung. Sollte ich mir auf den ersten 400 Kilometern meiner Radelei ein paar Kilo abgespeckt haben, hier habe ich sie wieder zurück. Dann drückt mir Milena einen mit Alufolie abgedeckten Teller in die Hand, einen zweiten trägt sie selbst und dirigiert mich zum Ausgang des Hofes. Wir gehen die Dorfstraße hinauf, die sogenannte Kellerstraße, erklärt mir Milena, weil sich hier ein Weinkeller an den anderen reiht. Die Winzer stellen nach getaner Winzerei am Wochenende ein paar Tische und Bänke auf die Straße - auf trinkfreudige Urlauber, die sich an den Tischen versammeln und den Abend beim Klang der Gläser ausklingen lassen, müssen sie nicht lange warten.



Die Abendsonne wirft ihr letztes warmes Licht auf und unter den Sonnenschirm. Über dem Schirm steigt der Mond empor, er braucht nur noch zwei oder drei Tage, bis er so rund und schön leuchtet, wie der Dichter ihn besingt. Da möchte man am liebsten zu einem ganzen Víkendové pobyty bleiben - zum Weekend-Aufenthalt. Doch morgen ist Freitag und da ist garantiert auch die letzte Ubytovani besetzt, denn das Moravský sklípek v Šatově, so steht es auf dem Transparent über der Straße, scheint überregional beliebt zu sein. Eines der Pärchen in Milenas Pension ist wie jedes Jahr aus Prag angereist, um die Tage der Mährischen Weinkeller in Šatov* und Umgebung zu genießen.

Die beiden Portionen Dinner, die wir zu einer der Besenwirtschaften bringen, sind für ein mit Milena befreundetes Winzerpaar bestimmt, das in all der vielen Schankarbeit nicht zum Kochen kommt. Natürlich ordern die Gäste ihren Nachschub auch jetzt - und so kommen die beiden auch kaum zum Essen. Dennoch bekomme ich ein kleine Extraführung in den Weinkeller. Kann man von drei Fässern Wein leben? frage ich mich. Vielleicht gibt es noch versteckte Kellernischen - oder andere Nebeneinkünfte. Aus der Kühle des tiefen Kellers zurück ins Oberirdische zu steigen, macht Durst. Mir wird eingefüllt.
 

Falls es mir bis hier noch nicht ganz klar geworden sein sollte, dass das südliche Mähren ein begnadetes Anbaugebiet - besonders für weiße Weine - ist, ab heute weiß ich es. Und staune, noch nie einen tschechischen Wein im sonst so reichhaltigen deutschen Handel erblickt zu haben. Entweder ist das hiesige Gebiet zu begrenzt, als dass es auch für den Export produzieren könnte, oder der deutsche Markt ist einfach übersättigt und ignoriert daher diese köstlichen Tropfen von Mährischen Weinbergen. Überhaupt wird diese Gegend des Landes von deutschen Urlaubern kaum wahrgenommen, jedenfalls habe ich bisher keine getroffen. Und um ehrlich zu sein - ich vermisse sie in diesem Moment auch nicht.

Als wir wieder zurück in Milenas Pension sind, bekomme ich einen Kuss - unters Ohr, also direkt an den Hals. Was für ein Kontrastprogramm! Am frühen Morgen musste ich fluchtartig einen Zeltplatz verlassen. Entsprechend verlassen fühlte ich mich - und begann sogar meine Reisepläne beziehungsweise Reisemittel in Frage zu stellen. Heute Abend bin ich ein begehrter Mann - na, sieh mal einer an! Eine junge Tschechin bestätigt die Unfreundlichkeit vieler ihrer Landsleute: So sind wir Tschechen... Denn sie sei eine Ausnahme. Und nur wenige Minuten später treffe ich weitere Ausnahmen, erlebe ich das volle Proramm an tschechischer Gastfreundschaft + Küsschen.

Jetzt muss ich mal langsam die Frauenbekanntschaften meiner bisherigen Fahrt durchzählen... Also, drei davon sind bemerkenswert - nicht schlecht für gerade mal eine Woche on the road. So kurz einige Begegnungen waren, sie hatten Herzlichkeit, wo ich sich schon mit Höflichkeit begügt hätte. Wie sieht es bei den Männern aus? Meine Zeltnachbarn blieben höflich, obgleich ich meine Zelt auf den Platz gestellt hatte, in den sie lieber ihr Auto gestellt hätten. Und der Betreiber des kleinen Weingartens spendierte mir zwei Schnäpschen, als er von meiner Situation erfuhr - er hätte mich auch an die Security-Pfeifen verpfeifen können! Tschechen denken sich: Okay, der Typ ist in Ordnung! Und spendieren einen Bienenstich. Tschechinnen denken sich: Was für ein Mann! Und spendieren ein Küsschen. Es mag sein, dass Tschechen gegen Fremde insgesamt weniger kontaktfreudig sind - als Tschechinnen.
Aber alles in allem ist meine erste Zwischenbilanz über die tschechische Freundlichkeit positiv - trotz oder wegen der gemischten Eindrücke des Vorabends.

Noch ein letztes Glas Wein mit Milena, dann ziehe ich mich in mein Zimmer zurück - ich habe etwas Schlaf nachzuholen. Ich sitze auf dem Bett, lege mich hin, denke noch einen Moment darüber nach, wie die normalsterblichen Tschechen es mit dem staatlich verordneten Nationalheiligen Jan Hus halten, dem der heutige Feiertag gewidmet ist... Noch bevor ich auch nur ansatzweise zu einer formulierbaren These komme, versinke ich im Schlaf der ausgleichenden Gerechtigkeit.


Schlamm, Matsch, Pampe, Schmodder



Am Morgen liest mir Milena wieder alle Wünsche von den Augen, tafelt mir ein Frühstück auf den Tisch im Hof. Ihre Tochter, erfahre ich nebenbei, hat die Liebe nach Deutschland verschlagen - und bei etlichen Besuchen in München hat auch Milena gut deutsch gelernt. Nimm noch eine Flasche Wasser mit, sagt sie mir zum Abschied - und drückt mir ihre Visitenkarte in die Hand. Soll ich Reklame für sie machen? Vielleicht auch das. Ich glaube, sie möchte vor allem, dass ich auf der Heimfahrt selbst noch mal vorbeischaue. Der Gedanke ist nicht abwegig, denn auf irgendeinem Weg muss ich ja zurück nach Hause radeln - warum nicht auf dem selben?

Am Ortsausgang von Šatov ist die Straße gepflastert, das Radeln wird sehr holprig. Ich bekomme einige Regentropfen ab, blicke mich um und bemerke die große schwere Regenfront hinter mir. Und nur Sekunden später beginnt es aus vollen Kannen zu schütten - ich schaffe es nicht, mein Regencape auszupacken, steuere stattdessen auf die Glastür eines kleinen Betriebes zu. Sofort springt die junge Pförtnerin auf und öffnet mir die Tür. Sogar einen Stuhl bringt sie mir!
Wahrlich, die Frauen von Šatov machen dreifach gut, was der Boss des Zeltplatzes von Bytov mit seiner Kaltschnäuzigkeit über die angeblichen Hygienebestimmungen beschädigt hat: mein Vertrauen in die tschechische Gastfreundschaft ist gerettet.

Nach 15 Minuten lässt der Regen nach und ich mache mich wieder auf den Weg. In Chvalovice quere ich die stark befahrene E59, welche die nördliche Großstadt Znojmo mit Österreich verbindet. Ein paar Wegesschlenker weiter, im Dörfchen Hnízdo, vermisse ich Wegweiser, verpasse die entscheidende Kreuzung, an der ich hätte links abbiegen müssen. Ich frage einen alten Mann, der am Zaun steht. Ja-ja, paschtscho, antwortet er sinngemäß - und bestätigt damit meine momentane Richtung. Doch die Straße wird immer löchriger und endet an einem Feldweg. Dort frage ich einen jungen Mann, der gerade sein Schubkarre aufs Feld kippt. Erst will er mich zurück zur Straße schicken, findet dann aber, dass die Straße eigentlich ein riesiger Umweg sei und ich deshalb besser den Feldweg nehmen sollte, der schnurgeradeaus nach Jaroslavice führe. Ich melde Bedenken an, indem ich auf die Beschaffenheit des Feldweges zeige. Nein-nein, kein Problem, das sei nur hier so schlammig und wird dann besser.

Der Feldweg ist reinste Idylle, er führt an Feldern und Wäldern entlang, die heute außer mir noch kein Wanderer betrat. Noch nie sah ich Meister Langohr so lange zögern, bevor er mit zwei Haken zur Flucht ansetzt und sich im Gestrüpp versteckt. Ein am Weg grasendes Reh bleibt ebenso unerschrocken und lässt sich erst aus der Ruhe bringen, als ich anhalte, ein Foto zu schießen. Kluges Tier! Als Reh kann man sich nie sicher sein, ob es so ein Zweibeiner wie ich beim Schießen von Fotos lässt. Bei aller tierischen Gelassenheit, eine gesunde Portion Misstrauen hat die Evolution diesen Geschöpfen des Waldes gelassen. Die Jäger der Steinzeit mussten ihnen an Klugheit ebenbürtig sein, um sich eine unvegane Malzeit verschaffen zu können - so ganz ohne Zielfernrohr und Feuerwaffen...

Der Weg scheint wirklich selten genutzt zu werden, und wenn dann nur von Traktoren. Höchst wahrscheinlich ist auch der Mann, der mir diese Abkürzung dringend empfahl, hier niemals anders als mit einem Traktor entlang gefahren - mit dem Rad jedenfalls ganz bestimmt noch nicht... Der mit Dung vermischte Schlamm auf dem Feldweg hat inzwischen das Profil meiner Reifen gefüllt und saut nun auch den Rest des Rades und meines Gepäcks ein. Selbst an meine Waden klebt der Matsch. Erst hoffe ich, die Pampe im Fahrtwind trocknen und sich auf der folgenden Schotterstrecke von selbst zerkrümeln. Doch ich muss das Gegenteil rsümieren: Nun haftet auch noch der Schotter im bis dahin griffigen Reifenprofil. Mit einem Stöckchen versuche ich den Schmodder zu entfernen, doch das ist Sisyphusarbeit - ich gebe es auf und wünsche mir für den Abend ein Quartier, wo ich der Sache mit dem Wasserschlauch zu Leibe rücken kann.

In Jaroslavice bekommt mein Rad endlich wieder Asphalt unter die Reifen. An der Trankstelle im Zentrum des Dorfes fahre ich zunächst asketisch vorbei, doch dann erblicke ich nahende Regenwolken und entscheide mich zur Umkehr in das überdachte Geviert des Hofrestaurants. Am Tresen klebt gut sichtbar das Passwort für die Wifi-Verbindung. Das muss ich mal ausprobieren. Funktioniert. Die Wetterapp zeigt örtliche Schauer an, lässt aber hoffen, dass es dabei bleibt. Während ich mir artig ein Nealko Birelli einpfeife, entdecke sich an der Hauswand eine Schlauchtrommel. Doch das Wasser ist abgestellt. Ich frage die Kellnerin, ob sich da was machen ließe. Die fragt die Cheffin und am Ende ist der Hahn in der Garage für mich aufgedreht. Ich bekomme den ganzen Schmodder abgespült, der sich nun im Hof verteilt. Umgehend kommt die Kellnerin und kehrt ihn in die Schleuse. Ich bedanke mich noch dreimal bei allen Beteiligten, trinke das Pivo aus, zahle - und fahre weiter.

Kurz vor Hevlin mündet der Greenway in eine Landstraße. Es gibt zwei Optionen: links oder rechts. Radweg 5 führt ins österreichische Laa an der Thaya und ist hier gleichzeitig der europäische Fernradweg 13, der auch auf den Namen Iron Curton Trail hört, weil er dem einstigen Grenzverlauf des Eisenen Vorhangs folgt. In der Gegenrichtung folge ich dem Greenway ostwärts, könnte aber auch ins 68 Kilometer entfernte Brünn radeln. Wo es sich - wie hier - lohnt, gleich für sieben Schilder einen Mast in die Erde zu rammen, lässt die Radwegbeschilderung in Tschechien nichts zu wünschen übrig. Ich bleibe auf dem Greenway, biege links auf die Landstraße ab und verlasse sie gleich an der nächsten Ecke mit einem Rechtsschwenk.
 


Den Tag nie vor dem Abend loben



Meine heutige Etappe führt überwiegend durch flaches Gelände, dazu hilft mir ein beständiger Rückenwind, was das Radeln trotz zunehmender Hitze nicht ganz so schweißtreibend macht. Dennoch kann ich 20 Kilometer nach dem erfrischenden Birelli und der Dusche für mein Radl nicht widerstehen, als ich in der Mitte von Irgendwo an eine mobile Trankstelle komme. Dieses Irgendwo könnte auch die Kreuzung zweier Pilgerwege sein, denn nur wenige Minuten nach meinem Eintreffen wird die stille Oase von einer Karawane aus etwa 50 Wanderern belagert. Wie gut, dass ich da schon mein kühles Gerstengetränk und ein schattiges Plätzchen am einzigen Sitzgruppenensemble des Ausschanks gefunden habe.



Über die beachtenswerte, generartionsübergreifende Wanderlust der Tschechen kann ich nur staunen - allerdings weniger über den allgemein verbreiteten Kollektivismus als über die Mitnahme von Sack und Pack. In Ländern mit länger gepflegter Dienstleistungstradition haben längst die Reiseveranstalter den Transfer des Gepäcks übernommen - hier wird noch anständig selbst geschleppt, als ginge es auf eine Mont Everest-Expedition ohne Sherpas.

Wenn ich bisweilen den grasierenden Herdentrieb der menschlichen Spezies verspotte, werde ich damit nicht den Individualisten gerecht, die es trotzdem oder gerade deshalb in jedem Winkel der Welt gibt. Mein besonderer Respekt gehört einem alten Mann - ich schätzte ihn auf Mitte 70, den ich mitten im Wald begegnete und von dessen riesigen Rucksack ich nur folgern konnte, dass er notfalls dort auch nächtigen kann - oder sogar will. Ja, es gibt ihn noch: den alten Indianer, den einsamen Wolf, den Einzelgänger, den Rudelvermeider, den Schwarmintelligenzverweigerer - die Hörenden, Sehenden, Denkenden, die stillen Weltenbummler, die Waldgänger.


Wer zu den Glücklichen gehört, die sich auch zu zweit einige Tage gut verstehen, verdient meinen Respekt ebenso. Im Bschnitt nach Mikulov bin ich nicht der einzige Radwanderer. Zwei junge Tschechinnen aus der Gegenrichtung grüßen mich freundlich, ich schaue ihnen - vor allem aber den lieblichen Wölkchen am Nachmittagshimmel - ein Weilchen nach. Ich hänge meinen Gedanken nach, schwelge in der sommerlichen Landidylle und werde prompt von einer Regenwolke eingeholt. Die zögert keinen Moment, ihre nasse Fracht über mir zu entlade. Doch zum Glück kann ich in der Nähe einen extra für solche Anlässe errichteten Unterstand nutzen. Die Abkühlung hält nur ein kurzes Weilchen - und nun gibt es auch Gegenwind und noch eine Steigung. Das Tachothermometer zeigt bald wieder 35 Grad.



Bevor ich die schöne Altsatdt von Mikulov (Nikolsburg) aufsuche, halte ich Ausschau nach Pensionen und Hotels - es ist Freitagabend, das Städtchen ist ein begehrtes Wochenend-Domizil. Und wenn ich hier und heute auf irgendetwas nicht zu hoffen brauche, dann ist es ein Überschuss an Unterkünften. Gleich beim ersten Quartier, das ich bemerke, halte ich an. Der Preis des kleinen Hotels mit dem noch zierlicheren Namen Bonsai ist etwas über meinem Budget, aber nach einer quasi kostenfreien Zeltplatznacht und einem günstigen Quartier am Vorabend, zögere ich nicht und checke kurzerhand ein. Das Zimmer sei das letzte freie gewesen, sagt die Rezepteuse, eine freundliche junge Frau mit einer gigantischen Oberweite - und ich dachte, ich hätte auf meine alten Tage schon alle Wunder der Welt gesehen.



Vom Straßenrestaurant neben dem Touristinfo im historischen Zentrum, wo ich mir einen Griechischen Salat bestelle, habe ich einen Blick auf das abendliche Treiben des Marktplatzes. Auch wenn das Wort zu meinen am meisten ausgeleierten Vokabeln gehört, ich kann es einfach nicht treffender sagen: sehr beschaulich. Die Leute kaufen sich ein Gläschen Wein an den beiden Ständen zweier lokaler Winzer, gehen damit zu einer der Bänke an den alten Springbrunnen und genießen die Ruhe des Abends. Um die Ecke quetscht ein junger Straßenmusiker seine Quetschkommode und seine Partnerin singt dazu. Kinder spielen auf dem Brunnenrand, Wasser plätschert in Wasser. Die Sonne schickt ihre letzten Strahlen auf die Türme der Dietrichstein-Kirche.*

Unter einer Arkade der gegenüberliegenden Fassaden baut ein langhaariger Mann Tontechnik auf - ich befürchte Schlimmes und zahle schon mal, um rechtzeitig entkommen zu können. Doch die Musikerin, die bei Sonnenuntergang ein paar tschechische Volksweisen singt, ist Solistin - und sie wird mit der Tontechnik nur sehr denzent verstärkt. So ist das gut. Warum geht das in Deutschland kaum noch auf diese Weise? Warum muss in Germany immer alles so laut und aufgeblasen sein? So unromantisch, so völlig geistlos! Dabei haben wir Hölderlins und Schlegels doch die ganze Weltflucht überhaupt erst erfunden und all die romantischen Anfänge, den einen Zauber innewohnt... Wenn das hier noch so ist und so bleibt, stelle ich mich auch gern noch nach einem Glas Wein an - und lausche weiter der schönen mährischen Tonkunst. Und damit wäre der herrliche Tag mit seinen zwei kurzen Regengüssen nicht zu früh gelobt, denn es ist bereits dunkel.


Doch es kommt noch besser! Auf dem Rückweg zum Hotel höre ich in einem Hof Geigen und Zimbel, Bass und Klarinette! Kaum habe ich die Klangkörper geortet, bin ich auch schon mittem im Geschehen und zücke mein Handy, das ich den Muskern ungeniert vor die Instrumente halte - die sind ihrerseits ungeniert genug, die Kunst meiner gewagten Kameraführung* zu unterstützen. Was humor- und einfallslose Bands in ihrer Eigenreklame gern vervorheben, trifft hier wirklich zu: Man spürt ihnen den Spaß an der Sache an. Der erste Geiger ist eine Rampensau - routiniert führt er die Band als Kapellmeister an, die Geigerin folgt ihm ebenso routiniert und zwinkert nebenher zu mir - beziehungsweise in meine Handylinse. Was ich noch nicht weiß: Der Kapellmeister hat gerade ein Potpouri volkstümlicher Weisen angestimmt - und das dauert fast 20 Minuten. Manche Gäste singen den Refrain der Lieder mit, alle haben Spaß - und mein Handy zieht die Nummer durch.

Ich liebe diese Musik! Ganz ohne Mikrofon und Technik kommt sie aus. Und sie hat so viel Gemeinsamkeit mit der ungarischen Folklore, die ich in Kintertagen am Balaton kennenlernte - die instrumentale Besetzung ist quasi identisch. Nur die Gesänge sind tschechisch, für mich also unverständlich. Aber wovon handeln volkstümliche Lieder überall auf der Erde?

Richtig, von vergeblicher Liebesmüh! Ich sehe in die Augen der Geigerin und spüre an ihrem schelmischen Zwinkern, dass sie ihre eigene Liebesmüh am liebsten mit einem wahren Pedalritter wie mir vergessen würde - denn die Jungs aus der Band sind ihr einfach noch zu unerfahren. Die Musiker - alle im üblichen Vorzugsalter zwischen 20 und 30 - werden von den Frauen im Saal angeschmachtet - und was machen diese Bubis in der Pause als erstes? Sie starren in ihre Handys, erwarten Neuigkeiten von Twitter und Co.
 

 
Bei der fotografischen Dokmentation der neuesten Innovationen im Bereich der Verlängerungsstöcke zur allseits beliebten kollektiven Selbstfotografiererei stoße ich nicht bei jedem von schönen Frauen umkreisten Gast auf Begeisterung. Das muss man akzeptieren. Ich trage dem Umstand durch größtmögliche Verkleinerung und sonstige Verpixelung unbeteiligter Akteure Rechnung - es kommt ja erst- und letztlich nur auf die Länge der Teleskopstange an, die das Handy positioniert.

Der Tag klingt also sehr musikalisch aus - mehr ist aus einem Radeltag kaum herauszuholen. Was ich zu diesem berauschenden Zeitpunkt noch nicht weiß: Das Handy hat den musikalischen Beitrag im Hochkantformat aufgenommen - wahrscheinlich weil ich das Handy beim Einschalten der Aufnahme noch einen Moment hochkant hielt. So schräg mag sich das niemand ansehen und anhören. Im Internet finde ich einen Trick beschrieben, wie sich das Problem lösen lässt, wie man die Aufnahme um 90 Grad kippen und somit doch noch in die Horizontale bekommt. Es klappt - jetzt kann ich den Tag nochmals loben!



Tag der Entscheidung



Heute muss ich eine wesentliche Entscheidung treffen. Außer der von einer Internetseite gedruckten Kopie eines groben Streckenverlaufs zur Fahrt ins Slowakische Paradies habe ich keinerlei Kartenmaterial für die Slowakei- in Mikulov konnte ich keinen Buchladen oder dergleichen finden, das Touristinfo ist auch nur auf seinen eigenen Standort fixiert. Es ist Samstag, mittags schließen die Geschäfte. Die Rezepteuse im Hotel meinte, ich könnte an einer Tankstelle nach Kartenmaterial fragen. Doch die Tankstellen befinden sich nicht am Radweg - die Fernverkehrsstraße 40, die nach Valtice (Feldsberg) und Břeclav (Lundenburg) im Osten Südmährens führt, ist stark befahren. Um eine Tankstelle zu finden, werde ich mich nicht den Abgasen und Gefahren des motorisierten Wahnsinns aussetzen. Ich bleibe im Grünen - auf dem Greenway.



Der Radweg ist zunächst von Sonnenblumenfeldern gesäumt, dann führt er entlang der Grenze zu Österreich, die bis Ende '89 zum Eisernen Vorhang zwischen Ost- und Westeuropa gehörte. Heute erinnern nur einige Infotafeln am Wegesrand an die dramatischen Jahrzehnte der kommunistischen Tyrannei. Im Abstand von etwa einem Kilometer sind sie aufgestellt - ich halte an jedem! Denn die tragischen Shcicksale der Menschen, die diesem furchtbaren Sytem unter höchster Gefahr für ihr Leben zu entkommen suchten, fesseln mich wie eh und je. Warum? Ich hatte es auch versucht, vermeintlich weniger riskant. Zum Glück ohne erwischt zu werden! Aber dennoch erfolglos.

Heute pedaliere ich hier ohne jedes Risko entlang - und kann nur noch meinen Respekt für die tapferen Leute formulieren, die hier ihr Leben ließen, weil sie nichts geringeres anstrebten, als ein selbstbestimmtes Leben führen zu wollen, als der menschenverachtenden Bevormundung eines diktatorischen Systems entkommen zu wollen. Einige haben es geschafft. Andere sind beim Fluchtversuch ums Leben gekommen oder mussten jahrelang in den Gefängnissen leiden. Die meisten Radler radeln vorbei, es sind lokale Rennradler - sicher haben sie die Geschichten schon gelesen. Andererseits ist mir klar geworden, dass die Mehrheit der Menschen sich herzlich wenig für die Leiden derjenigen interessieren, die den Weg in die allgemeine Freiheit mit der ihrigen, ganz persönlichen Freiheit bezahlten.

Historie

      Eine der Infotafeln des als Iron Curtain Trail bezeichneten Radwegabschnittes, zählt die polnischen Todesopfer der 50er und 60er Jahre auf, als es auch für Polen nur die Flucht über die grüne Grenze gab - für die meisten endete sie mit dem Tod durch Stromschlag am Elektrozaun. Der leider in keinem Geschichtsbuch auftauchende Teil der Wahrheit ist, dass die Leute, die diesen Horror zu verantworten haben, größtenteils ungeschoren davon gekommen sind und wieder gut bezahlte Posten fanden oder hohe Renten beziehen...

Da sind Fluchtgeschichten von Hoffnung und Enttäuschung, wie es eine Tafel übertitelt - wobei der Begriff Enttäuschung sicher nicht die Gefühle beschreiben kann, die man hat, wenn man von bewaffneten Soldaten aus einem Versteck gezerrt und abgeführt wird. Die Verstecke in Fahrzeugen wurden meist durch Spürhunde gefunden. Selbst unter den Kohlen eines Lokomotivtrailers gab es kein Entkomme - erschütternd ist jeder einzelne der fehlgeschlagenen Fluchtversuche. Aber es gab auch erfolgreiche Fluchtversuche.

1984 baute sich ein Technikstudent heimlich einen kleinen Flieger, den er mit einem Trabant-Motor ausrüstete - er schaffte es damit, nicht nur die Grenze zu überfliegen, sondern flog sogar bis Wien!  Vier andere junge Männer gruben sich 1985 unter der Grenzanlage hindurch einen Tunnel nach Österreich - kaum zu glauben, dass sie es geschafft haben. Aber sie schafften es! Einer von ihnen lebt heute in New York. 1986 hangelten sich zwei junge Männer an den Drähten einer grenzüberschreitenden Hochspannungsleitung nach Österreich - sie vertrauten auf ihr Wissen, dass der höchste der Drähte ohne Spannung war. 1988 überflog ein junger Mann mit einem selbstgebastelten Flieger die Grenze, im Rucksack hatte er sogar noch seinen dreijährigen Sohn. Seiner Frau gelang zu gleicher Zeit die Flucht über Jugoslawien, so dass die junge Familie - Ende gut, alles gut - das geminsame Ziel ihres riskanten Abenteuers erreichte.


Mit meinen nachdenklichen Aufenthalten an den Infotafeln zieht sich der Weg in die Länge. Es ist Mittag und es wird immer wärmer. Den Gedanken, noch irgendwo radlertaugliches Kartenmaterial für die Slowakei zu bekommen, gebe ich auf. Nach meiner Erfahrung auf dem überfüllten Zeltplatz von Bykov an der Thaya wird mir ein Ausflug ins Ungewisse zu brenzlig - und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn in den Nachrichten las ich von Waldbränden in Südosteuropa - konkret zwar von Kroatien, aber die hiesen Wälder sind, von kurzen Schauern abgesehen, ebenfalls trocken. Möchte ich in einem unbewohnten Tal stecken, wenn in einem der großen slowakischen Wälder ein Brand ausbricht? Ganz gewiss nicht! Mit einem motorisierten Fahrzeug könnte man im qualmenden Gelände vielleicht noch entkommen. Doch mit der Sieben-Gang-Nabe meines Faltrades wäre ich hoffnungslos verloren. Nein, das Risiko möchte ich nicht eingehen.




In der Wendeschleife




Noch zögere ich, wie ich weiterfahre. Doch kurz vor dem Ortseingang von Valtice wird mir die Entscheidung beinahe abgenommen - rechts zweigt eine Straße ins österreichische Poysdorf ab - warum also nicht mal wieder ein Paar Sätze in einer Sprache wechseln, die ich besser verstehe als Tschechisch. Am einst bewachten Grenzübergang gibt es jetzt nur ein Museum, das die Schrecken des historischen Grenzregimes zeigt. An der Kasse sitzt niemand - ich habe wahrlich nicht die Absicht, an einer Führung teilzunehmen, schon gar nicht, wenn sie ein junger Schnösel auf tschechisch hält. Aber ich würde gern ein für mich außergewöhnlich seltenes Bedürfnis befriedigen: eine eiskalte Flasche Coca Cola trinken! Ich folge der der Stimme und finde die Führung - der junge Mann, der sie führt, unterbricht ganz locker, begleitet mich zur Kasse, um mir die Flasche zu verkaufen. Die auf ihn wartende Gruppe nimmt's gelassen.

Als ich das zuckersüße Kohlensäure-Coffein-Gemisch draußen auf der Eingangstreppe in mich kippe, trifft neben weiteren Radlern eine Gruppe Schulkinder ein, höchstens erste Klasse, es könnte sogar eine Kindergartengruppe sein. Und die Gruppe wartet tatsächlich auf die nächste Führung. Die sechsjährigen Jungs werden sich vielleicht für die ausgestellten Waffen interessieren. Aber welchen Erkenntniswert hat für gleichaltrige Mädchen eine Führung durch ein derartiges Grenzmuseum? Klar sollten sie über die Lebensumstände, die Oma und Opa zu dulden hatten, aufgeklärt werden, aber können sie in dem verspielten Alter wirklich verstehen, was es bedeutet, in einem diktatorischen Staat gefangen gewesen zu sein? Können sie kapieren, dass ihre lieben Großeltern vielleicht auch Mitläufer oder gar Spitzel und Bonzen des Systems waren?

Als ich zur Schule ging, haben uns die Lehrer durchs KZ Buchenwald geschleift - immerhin waren wir da wenigstens schon in der Oberstufe. Warum wird so kleinen Kindern heute, frage ich mich, ein derartiges Gruselkapitel vorgeführt? Zur Abschreckung? Damit sie wissen, was ihnen blüht, wenn sie nicht artig sind? Was soll das! Die Kinder können mit sechs oder sieben Jahren niemals verstehen, was das bedeutet - sie können es höchsten fürchten. Aber damit wird nur die nächste Generation von Mitläufern und Mittätern herangezüchtet. Der regierende Teil der Menschheit lernt einfach nichts aus der (eigenen) Geschichte - und deshalb wird sie sich in dieser oder jener grausigen Form wiederholen. Schade eigentlich.

Ich rolle talwärts, erkundige mich, obgleich noch früher Nachmittag ist, bereits im langgestreckten Dorf Herrnbaumgarten nach Unterküften. Tut mir leid, ein ander Mal gern, lautet die Antwort in einer Pension mit einem schönen Hof, der den werbenden Begriffen Ruhe und Entspannung gewiss gerecht wird. Das Gleiche im kleinen städtchen Poysdorf. Im Hotel Eisenhut ist alles ausgebucht, aber die Kellnerin ist die Chefin und weiß von Alternativen, die ich versuchen könnte. In der Brunnenstraße bemerke ich ein altes Hotel, das sieht etwas herungtergekommen aus. Soweit ich mich erinnere, heißt es Poysdorfer Hof. Ich öffne das Tor und befinde mich im Durchgang zum Hof. An einer Tür lese ich handgeschriebene Verhaltensregeln, wie sie in einer Jugendherberge oder in Backpacker-Hostels üblich sind - wann es wo Frühstück gibt und dergleichen. Vor allem höre ich allerdings sehr laute arabische Popmusik, schon auf der straße hörte ich sie.

Ich gehe in die Richtung, wo der Lärm herkommt, kann aber niemand finden. Es sieht sehr unaufgeräumt aus, Gerümpel liegt in den Gängen herum - und mir wird langsam klar, dass das hier höchstens mal ein Hotel war, dass es sich nun wohl um ein Asylbewerberheim handeln wird. Dennoch finde ich es erstaunlich, dass es keinerlei Rezeption gibt, keine Security, dass alle Türen und Tore offen sind. Der Besitzer hat es, soweit man den Infos im Internet trauen kann, an die Gemeinde vermietet, die ihrer Aufnahmepflicht nachzukommen hat. Die Bürger werden nicht gefragt und fühlen sich überrumpelt. Sie machen ihrer Unmut darüber entsprechend pöpelhaft in den sozialen Netzwerken Luft - die aber die einzige öffentlich zugängliche Informationsquelle sind. Die Internetseite des einstigen Hotels bittet lediglich um Verständnis - mit drei Ausrufezeichen: Momentan können keine Reservierungen vorgenommen werden! Wir bitten um Ihr Verständnis!!!*

Zeitgeschichte

      Die kleine Stadt Poysdorf dürfte in der europäischen Nachkriegsgeschichte schon viele Flüchtlinge gesehen haben: vertriebene Sudetendeutsche, anschließend aus dem kommunistischen Ostblock geflohene Tschechen, Slowaken, Polen. Dann die Kriegsflüchtlinge des Jugoslawienkrieges: Albaner, Kosovaren. Jetzt die von Wien zugeteilten Syrien-Flüchtlinge sowie Migranten, die auf Merkels Trittbrett über den Balkan kamen - und kommen.

Die deutschen wie die österreichischen Obrigkeiten versuchen, die mittels Kriminellen über die Balkan-Route geschleusten Migranten in jeden Winkel ihres Staatsgebietes zu verteilen - es gibt Verteilungsquoten. Manchen mag das Landleben gefallen... Die Steuerzahler der EU dürfen die Rechnungen bezahlen - Milliardenbeträge. Die Entscheidungsträger leben in ihren gut gesicherten Burgen. Wer aber in  direkter Nachbarschaft zu einem Asylbewerberheim wohnt oder arbeitet, lernt auch, dass die medial gepriesene Toleranz nicht jeden Alltagstest bestehen kann.

Die Brüsseler EU-Regierung staunt seit dem Sommer 2016 darüber, dass die Mehrheit der Bürger Großbritanniens für den Austritt aus der EU gestimmt hat, im Grunde aber gegen die Umverteilung der Konsequenzen von Merkels Selfie-Humanismus. Die Deutsche Bundesregierung und ihre Presse mockiert, dass einige Länder im Osten Europas sich noch trauen, die Mehrheitsentscheidungen dortiger Wahlen zu respektieren. Dass die Visegrád-Länder*, die wegen diverser ethnischer Minderheiten ihre eigenen Integrationsleistungen zu bewältigen haben, bestrebt sind, die in zwei bis drei Jahrzehnten gewachsene soziale Stabilität in ihren Ländern zu sichern, interessiert die EU-Obrigkeiten nicht.

In Österreich wie in Deutschland fehlt es infolge der chaotischen Migrationsprozesse an Unterkünften - für Migranten wie für Urlauber. Hotelbesitzer machen einen gutes Geschäft mit den Pauschalzahlungen der Komunen. Millionen Menschen werden mittels unerfüllbarer Versprechen aus den kulturellen Wurzeln ihrer Herkunftsländer gerissen, teils von ihren eigenen Familien regelrecht vertrieben, weil es eine alte orientalsiche Tradition ist, dass wenigstens einer der Söhne in die Fremde geht und von dort Geld zu schicken hat. Viele der jungen Männer, die diesen Weg nicht freiwillig gehen, werden früher oder später bitter enttäuscht sein, weil sich die falschen Versprechungen der Schleuser nicht erfüllen lassen - und der Wir-schaffen-das-Zweckoptimimus nicht ewig hält. Es ist deprimierend, zusehen zu müssen, wie regierende Politiker, Parteisoldaten und ihre Berater jenseits aller Realität in Integrationseuphorie fallen und schließlich nicht nur keine Lösungen schaffen, sondern weitere Probleme provozieren - ziemlich explosive sogar.

Im Schatten einer Mauer ruht sich ein alter Mann auf einer Bank aus - ich frage ihn nach dem Weg nach Kleinhardersdorf, wo es der Chefin vom Eisenhut zufolge eine weitere Unterkunft geben soll. Ja, immer hier am Fluss entlang - und da geht es auch zum Zeltplatz. - Letzteren inspiziere ich nur für den Notfall. Auch hier gibt es keine Rezeption, jedenfalls ist der eventuell als solche fungierende Container am Eingang nicht besetzt. Ein Wohnmobilist grüßt mich freundlich, zeigt mir die ungemütliche Ecke zwischen Mauer und Zaun, die für Zelte reserviert ist. Zwei Zelte stehen dort neben Autos mit polnischen KFZ-Kennzeichen - die Fahrzeuge haben ihre besten Jahre seit längerem hinter sich und der Mann, der eines der Zelte noch aufbaut, sieht nicht aus, als sei er hier, um Urlaub zu machen. Er beäugt mich misstrauisch, als ich ihn grüßen will.

Der nette Wohnmobilist findet seinen Stellplatz und die Lage am See richtig toll. Offenbar verbindet er mit dem Zelten eine besondere Vorstellung von Romantik oder Abenteuer, jedenfalls scheint er meine Skepsis nicht zu teilen. Ich versuche ihm zu erklären, dass es sich auf einer dünnen Isomatte, die unter einer gleichfalls dünnen Zeltplane liegt, nicht ganz so gut schlafen lässt wie in einem komfortablen Campingmobil. Ich könnte ihm vorschlagen, heute Nacht mit mir zu tauschen - aber wenn er das tatsächlich annähme, müsste ich die Nacht in seinem mobilen Wohnzimmer gewiss auch mit seiner Gattin teilen. Und das kann eigentlich niemand wollen, wahrscheinlich nicht mal der Gatte selbst.

Dann bemerke ich rechts der Straße eine leicht abseitig gelegene, eingeschossige Immobilie. Mir soll nichts entgehen, was irgendwie nach Herberge aussieht! Am Eingang befindet sich Bier-Reklame, das spricht für ein altes Wirtshaus. Beim näheren Betreten gibt es Hinweisschilder auf eine Art betreutes Wohnen, das wäre dann eher nichts für mich. Ein alter Mann nimmt mich wahr und kommt aus einer der Türen des barackenähnlichen Baus. Er bestätigt meine Annahmen, klärt mich aber schnell auf, dass er inzwischen für alles zu alt ist, was die Weiterführung seiner einstigen Gastwirtschaft erfodern würde. Schade, das ungeschliffene, einfache Ambiente des Anwesens wäre nach meinem Geschmack gewesen: Hier abends ein paar Stunden im Grünen sitzen, etwas lesen, einen kühlen Schlaftrunk auf dem Tischlein - und dann einfach die Tür hinter sich schließen und ins Bett fallen.

Zwei Kurven weiter finde ich die von der Poysdorfer Eisenhut-Wirtin empfohlene Gastwirtschaft in Kleinhardersdorf. Jetzt, wo ich es lese, fällt mir auch der Name wieder ein: Hotel Weinlandhof. Der schattige Garten gefällt mir auf Anhie - hier ließe es sich einen sonnigen Abend lang gut aushalten. Der Gastraum ist geräumig, die Kellnerin spricht nur tschechisch, holt mir eine Kollegin. Ein Zimmer für heute? Nur heute? Nur eine Person? - Ja, ja, ja. - Moment, muss gucken ob frei... Ich warte. Aber ich fühle es regelrecht, dass etwas frei ist - frei sein muss! Und warum sollte mich die gute Frau so lange zappeln lassen, wenn nichts frei wäre?



Kunst oder Zwang des Zuhörens


Die Zimmer sind einfach, der Übernachtungspreis ist für österreichische Verhältnisse wahscheinlich günstig - vermutlich nächtigen hier regelmäßig auch tschechische oder slowakische Gastarbeiter. Das Speisenangebot des Restaurants erweist sich als beachtenswert vielseitig - und gut. Ich entscheide mich für das Zanderfilet, das ein alter Mann, der auf der Bank neben mir sitzt, für sich bestellt hat. Der Mann unterhält sich mit einer Frau, die der Art und Weise der Unterhaltung und den Themen nach eine langjährige Freundin sein könnte, jedenfalls nicht seine Frau sein wird. Bisweilen ist das Gespräch unterhaltsam, doch als sie über Vor- und Nachteile diverser Versicherungen und andere Luxusprobleme reden, wird das Gelaber nervend. Nach dem Verspeisen meiner Bestellung lege ich mich auf die Hollywoodschaukel in einer Ecke des Gartens, die kurz zuvor noch von herumtollenden Kindern okkupiert war, und döse ein Stündchen.


An einem anderen Tisch unterhalten sich zwei Rentnerpärchen, die Stammgäste sein werden. Der Oberkellner, der meinem Ohr zufolge, ein fließendes Österreichisch mit tschechischem Akzent draufhat leistet den Herrschaften einige Minuten Gesellschaft. Eine der alten Damen ist äußerst witzig, erzählt Geschichten voller Sarkasmus und Selbstironie - so unentwegt, dass ich mir keine einzige Geschichte merken kann. Ich glaube, die Frau ist ziemlich geübt im Erzählen - vielleicht war sie Schauspielerin, vielleicht ist sie es noch. Sehr kurzweilig.

Am nächsten Tisch setzt sich eine Mutter mit ihrer vielleicht 12-jährigen Tochter. Die Kleine bedient souverän ihr Handy, wie es in dem Alter üblich ist. Von den beiden erfahre ich, dass nun auch in Österreich die Sommerferien begonnen hätten. Auf meine Frage, wie lange die denn seien, verschlägt es mir glatt die Sprache: 9 Wochen - NEUN WOCHEN! Ich offenbare den beiden daraufhin, dass ich erwäge, umgehend einen Asylantrag in Österreich zu stellen, da man als Lehrer in Deutschland mit sechs Wochen auskommen müsse.
 




5 Ochsen geben in 5 Tagen 5 Liter Milch.
Wieviel Liter Milch geben 10 Ochsen in 10 Tagen?

 

Mitten in der Nacht erwache ich nach wirren Traumfetzen - und kann nicht wieder einschlafen. Ich versuche es mit dem Fernseher, doch da laufen genauso wirre Sachen. Eine Moderatorin wartet vergeblich auf Anrufer, welche eine mit 30 Tausend Euro dotiere Preisfrage beantworten sollen. Niemand durchschaut die Falle. Oder ich bin der einzige, der sich diesen Unfug ansieht.

Geschlagene zwei Minuten sagt die Moderatorin kein einziges Wort - sehr ungewöhnlich für das Medium Fernsehen, dann bekommt sie aus der Regie geflüstert, dass sie den Presi auf 33 Tausen erhöhen und Hilfestellungen anbieten soll. Man solle nicht so viel rechnen, sagt sie, am besten gar nicht... Es nützt nichts, niemand ruft an. In den anderen Programmen des Ösi-Fernsehen läuft auch nichts Gescheites. Aber die Müdigkeit kommt langsam zurück und so hat die kleine Zerstreuung dann doch etwas gewirkt.


Links geht's nach Unterstinkenbrunn

 

Die ersten Kilometer des neuen Radlertages sind etwas eintönig - die Dörfer und Landschaften bieten zunächst wenig Abwechslung, doch dann lese ich komische Ortsnamen wie Ameis und Unterstinkenbrunn. Und bald wird mein Blick von den Ruinen einer Burg bei Enzersdorf bei Staatz eingefangen.
 



In dieser Ecke Österreichs lebt man so gut vom Wein wie im Nachbarland - jedenfalls ist es der gemeinde Enzersdorf wichtig, darauf hunzuweisen. Das Gelände ist überwiegend flach. Nach Laa an der Thaya quere ich wieder die Grenze und treffe kurz vor Hevlín wieder auf den Greenwa, dem ich entlang von Feldern in Richtung Jaroslavice folg. Kurz vor Dyjákovice zweigt ein Pfad zu einem kleinen See ab. Verschiedene Unterstellmöglichkeiten dienen vielleicht als gelegentlicher Grillplatz für die Dorfbewohner - in jedem Fall könnte man dort auch ein Zelt unterstellen und sicher ziemlich ungestört nächtigen.

Am gegenüberliegenden Ufer erkenne ich eine Person, ich drehe eine Runde und erkenne einen Mann meines Alters oder eher jünger. Als ich bei ihm anhalte, grüßen wir uns und er lädt er mich zu sich auf die kleine Bank ein. Erst bin ich etwas skeptisch, ob ich überhaput hier verweilen will, aber dann bin ich auch etwas wissbegierig, auf wen oder was der Mann mit dem klapprigen Fahrrad, das mit zerschlissenen Plastiktüten bepackt ist, hier wartet. Er versteht weder deutsch noch englisch, aber mit einem Kauderwelsch aus Tschechisch, Polnisch, Russisch und mit Händen und Füßen kann er mir verständlich machen, dass er in der Nähe einen Job hat - wahrscheinlich eher temporär und offenbar nicht am heutigen Samstag.

Ich halte ihn für einen Wanderarbeiter, der heute hier und morgen da ist - je nach dem, wo ihm jemand Quartier und etwas Geld fürs Werkeln auf Baustellen anbietet.
Viel kann es nicht sein, wenn ich sein ärmliches Gepäck so beäuge. Er dreht sich eine Zigarette, bietet auch mir etwas an, aber ich kann ihm verständlich machen, dass ich seit längerem davon weg. Ich staune immer wieder, wie viele Wörter aus dem ungeliebten Russischunterricht sich im Gespräch nach so vielen Jahrzehnten aktivieren lassen und dass man sich damit spärlich, aber doch irgendwie austauschen kann.

Im Dörfchen gibt es eine Kneipe - ich habe nicht die Absicht, die zu besuchen, aber dunkle Wolken brauen sich am Himmel vor mir zusammen - und raten mir dazu, einzukehren. Das Rad kann ich unter einem Vordach trockenstellen, im Hof gibt es große Sonnenschirme, die ebenfalls etwas abhalten können. Auf jedem Tisch liegen Fliegenklatschen, um den hoffnungslosen Kampf gegen die sommerlich ländlcihe Fliegenplage führen zu können. Männer sitzen beim Bier - ich kann nicht widerstehen, die Versuchung ist so groß: Frisch und kühl gezapftes tschechisches Pilsner schmeckt so viel besser als die deutschen Entsprechungen.  Die alten Männer stehen auf und verabschieden sich. Dafür leistet mir eine junge Radlerin Gesellschaft - sie hat schon vor der Kneipe mein Gefährt am Gepäck als Reiserad identifiziert und darfaufhin gezielt nach dem Eigentümer gesucht.

Auch sie radelt allein durchs Land - daher ist ihr ein Erfahrungsaustausch lieb. Sie erzählt mir, dass sie in Prag als Fahrradkurier arbeitet. Ihre Reiseziele sind die entferntesten Himmelsrichtung ihrer tschechischen Heimat, diesmal ist der Osten dran, dann habe sie alle Richtungen komplett.Sie bestellt sich eine knallrote Fassbrause - und Pommes. Da bekomme ich glatt Appetit - auf die Pommes.
 

Ich kann ihr ein paar Tipps über die vor ihr liegenden Orte, die ich bereits kenne, geben. Sie will noch heute bis Mikulov oder weiter radeln. Das halte ich für sehr ehrgeizig. Während sie mal für kleine Fahrradkurierinnen geht, inspiziere ich ihr Rad. Nicht schlecht! Das ist was Sportliches - damit kann man sicher Meile machen. Statt eines Seitengepäckträgers klemmt nur eine dieser modernen Taschengestelle an der Sattelstange überm Hinterrad - den Rucksack auf dem Rücken ist sie als Kurierradlerin gewöhnt. Dennoch ingesamt wenig Resiegepäck - für eine Frau so gut wie gar nichts... Sie fährt wie ich auf gut Glück durchs Land, nur das auch noch ganz ohne Zelt. Ich rate ihr, abends lieber nicht zu lange zu fahren, um etwa im schönen Mikulov beizeiten eine der raren Unterkünfte finden und noch etwas auszugehen zu können - die musikalischen Einlagen des Städtchens könnten ihr ja auch gefallen.

 
Erschwinglich für eine Kurierradlerin muss das Quartier ja gewiss auch noch sein. Angesichts eines so hübschen jungen Dings namens Michaela (ich darf Miša sagen) kommt in mir schon mal eine besorgte Väterlichkeit durch. Sie möchte ein Selfie mit mir - wir tauschen die Telefonnummern - und Sekunden später ist das Bild von einem Gerät zum anderen.

Es schmeichelt dem alten Pedalritter natürlich außerordentlich, wenn nicht sogar extraordinär, dass bisweilen auch junge Radkurierinnen mal Schutz an seinen mächtigen Ritterschultern suchen. Doch wie sagte schon Konfuzius? Man soll immer gerade dann aufhören zu flirten, wenn es am schönsten ist. Oder war das von Schopenhauer? Eher von Ghandi, aber ich bin mir nicht sicher. Was war noch der eigentliche Grund, warum ich hier überhaupt eingekehrt war? Ach ja, die sich zusammenbrauenden Regenwolken!

Die Wolken sind dann doch ohne einen einzigen Tropfen fallen zu lassen vorübergezogen. Ohne die nassgrauen Drohgebärden des Himmels wären nur zwei Radler aneinander vorbei pedaliert, hätten sich bestenfalls feundlich gegrüßt, aber sonst wohl nichts voneinenader er-fahre-en. Dank der Wolken hatte ich das Vergnügen, Miša kennenzulernen. Wie gut, dass wir in entgegengesetzte Richtungen fahren - wären wir on gleicher Richtung aufgebrochen, hätte sie mich mit ihrem sportlichen Rad sicher abgehängt.

Die nächste Rast mache ich in dem Restauranthof in Jaroslavice, wo ich bei der Hinfahrt mein Rad vom Schmodder des Feldweges befreien konnte. Hier bleibe ich tapfer und begnüge mich mit einem Espresso. Diesmal fahre ich nicht wieder über den aufgeweichten Feldweg, der mir den Matsch ans Rad und ans Gepäck gepappt hat, sondern nehme die Landstraße über Slup und Strachotice - ein Umweg, aber ohne Pampe.



Der Regen, der vorhin ausblieb, steht nun wieder als real existierende Wolkenfront vor mir. Diesmal würde es mich draußen auf der Landstraße treffen, ich bereite mein Regencape für den Ernstfall vor. Doch ich habe es nich mehr weit bis Šatov, zur lieben Milena, die ich inzwischen telefonisch erreichen konnte. Ja, für mich ist immer was frei, hoffte ich zu hören. Und so ist es dann auch. Ob immer, das wage ich zu bezweifeln.

Es ist zu spüren, dass Milena ein Wochenende ohne eine freie Minute hinter sich hat. Die Wasserpumpe war defekt und ein Kühlschrank musste repariert werden. Die neuen Gäste habe etwas geräuschvolle Kinder dabei. Das zehrt an den Nerven. Erst zu vorgerückter Stunde kommt Milena zur Ruhe. Um so entspannender ist besonders für sie die Flasche Riesling, die wir am Ende des Tages im Garten leeren.


Zeitreise-Aspekte





An manchen Orten scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, ist die Hektik und Raffgier unserer Tage nicht zu spüren. Der Anblick eines alten Skoda versetzt den Betrachter in die 60er Jahre. Da war die Welt nicht friedlicher, aber es gab weniger Autos, viel weniger. Nimm noch eine Flasche Wasser mit, sagt Milena beim Abschied. Ihre Gastfreundlichkeit überwältigt mich. Schreib mir, wenn du wieder zuhause bist. - Ja, mach'ich.

Um den steilen Anstieg auf holprigen Pfaden zu umgehen, der beim Weingut Sobes Sobes selbst das Schieben schwierig macht, erwäge ich eine Alternativstrecke, passier bei Hnanice wieder die Grenze nach Österreich. Direkt an der Grenze beginnt es zu regnen, ich suche Schutz im Grenzcafé, das gleichzeitig Wechselstube ist. Wechselstube, was für ein gemütliches Wort für einen Zweck, der mit Gemütlichkeit eher nichts zu tun hat. Nach einer halben Stunde ist Feldforschung im Wechselstubencafé hört der Regen auf und ich kann weiter radeln.

Am Weinberg muss ich dem Traktor des Weinbauern ausweichen, der nach der Rebe schaut - all die Arbeit, die in einer Flasche Wein steckt, wird erst an den sorgfältig gepflegten Reben sichtbar. Als iuch wieder auf die Lamndstraße komme, wird es steil, sehr steil - eine Stunde lang habe ich zu schieben, bevor es wierder talwärts geht...










 
Fortsetzung folgt...






Infos für Radler






Meine Radtour beginnt in Prag (A) - ich folge dem sog. Greenway Prag-Wien. Im Osten Südmährens, bei Valtice (7), schwenke ich südwärts ins Niederösterreichische Weinviertel um Poysdorf ab, meine Wendeschleife bringt mich bei Laa an der Thaya (9) zurück nach Tschechien, wo ich wieder dem Greenway folge, nur in umgekehrter Richtung. Nach Šatov (5) passiere ich wieder die Grenze zu Österreich und fahre über Heufurth nordostwärts, bis ich bei Šafov wieder in Tschechien bin. Ich fahre über Slavonice (10), Neuhaus (11), Tabor (12), Tynec (13) zurück in Prag (14), drücke mich vor dem Betongürtel der Metropole und nehme die Bahn bis Čelákovice (15), um von da an der Elbe entlang - über Mělník (16) und Litoměřice (18) - heimwärts zu radeln. Ab Usti nad Labem (19) nehme ich die Bahn.



Das mittels Komoot* erstellte Streckenprofil zeigt die Gesamtstrecke, also von Prag bis Valtice, die dortige Wendeschleife im Niederösterreicher Weinviertel (ca bei km 300), die Rückfahrt nach Prag und den Heimweg an der Elbe bis Usti nad Labem. Die höchsten Steigungen befinden sich in den Landschaften zwischen Česká Kanada und dem Thaya-Nationalpark in Südböhmen. Die beschriebene Gesamtstrecke besteht überwiegend aus ruhigen Landstraßen, teils geht es durch Wälder und dort auch mal über Schotterwege oder sonstigen losen Untergrund. Komoot gibt folgende Wegtypen bzw. Wegbeschaffenheiten an.

Wegtypen

Straße: 538 km
Nebenstraße: 94 km
Radweg: 85 km

 
Wegbeschaffenheit

Asphalt: 555 km
Straßenbelag: 222 km
Loser Untergrund: 51 km


Die in gut sortierten Buch- und Radläden erhältliche Faltmappe Greenway Prag-Wien ist handlich, bietet mit dem Maßstab von 1:110000 jedoch nicht die wünschenswerte Genauigkeit. Da auf der Strecke bisweilen auch mal ein Wegweiser fehlt oder übersehen werden kann, wären die regionalen Radweg-Karten im Maßstab 1:75000 besser geeignet.


Um die beschrieben Strecke abzudecken, müsste man allerdings ein Dutzend dieser Karten mit sich führen. Für Gepäckminimalisten wie mich kommt das nicht in Frage. Insofern ist die Greenway-Mappe ein Kompromiss - in Verbindung mit diversen Navigations-Apps findet man seinen Weg.

 




N THE R(O)AD
Unterwegs mit der Ukulele



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