Fototagebuch


Nächte voller Erleuchtung
Island mit dem Rad (?)







Island mit dem Rad? Na klar, unbedingt! Sofern das Wetter passt…

Alles andere lässt sich beeinflussen: geeignete Kleidung, Bereifung, Gepäck, Schlafsack, Zelt und Co. Ein paar Erfahrungen von vorherigen Langstrecken- und Bergtouren können nicht schaden, Fitness und Ausdauer lassen sich trainieren. Auf meiner Runde durch Island traf ich täglich, selbst in sehr unwirtlichen Gegenden und auch bei grässlichem Wetter, vollbepackte Zweiräder: Belgier und Franzosen, Italiener, Spanier, Schweizer, Deutsche, sogar Australier und Kanadier - aber halt, haben letzere es bis hierher nicht gar näher als jeder Mitteleuropäer?

Am 18. Juni, als ich im Norden Dänemarks an Bord der unter färöischer Flagge fahrenden Norröna gehe, ist der Himmel voller grauer Wolken und die Nacht auf dem Nordatlantik ist mit dem Maßstab einer sächsischen Landratte durchaus als maritimer Rock’n’Roll zu bezeichnen. Das Übernachten in einer als „Couchette“ bezeichneten Innenkabine unterhalb des Autodecks ist unter diesen Bedingungen möglich, aber nicht empfehlenswert - dreimal drei übereinander gestapelte Liegen auf vier Quadratmetern Kabinengrundriss lassen selbst klaustrophobisch gelassene Gemüter erschaudern.

Beim dreitägigen Zwischenstop auf den Färöern ist das Wetter durchwachsen - dickem Morgennebel folgt mittags Nieseln und nachmittags Regen. Erst einige Stunden vor der Weiterfahrt am 21. Juni lässt die Sonne sich sehen. Ruhige See erfreut die Mägen der Passagiere, eine mitternächtliche Musikersession auf dem Außendeck erfreut deren Ohren. Die folgenden herrlich sonnigen Tage in der bergigen Landschaft Ost-Islands erfreuen auch die Waden der drei anderen Radreisenden, die im Hafen von Seydisfjördur von Bord radelten. So weit so gut.

Doch dann, nach vier sorglosen Tagen in kurzen Hosen, deutet sich der Wetterumschwung an. Aufdringliche Fliegenschwärme übernehmen die ungebetene Eskorte - beim Schieben eines schwer bepackten Rades an kilometerlangen Anstiegen unentwegt eine Hand zum Verscheuchen der lästigen Biester abzustellen, zehrt enorm an Kräften und Nerven. Der wolkenverhangene Himmel entlädt sich schließlich zu einem kalten Regenguss, dem folgt - nach kurzem mitternächtlich eitlem Sonnenschein nahe am Polarkreis - schließlich eine Woche Dauerregen mit Lüften unter 10 Grad. Das kann dann selbst beinharten Kaltduschern arg zusetzen. In meinem Fall (beinharter Warmduscher) wendete sich somit bereits nach dem ersten Viertel meiner Island-Runde das radlerische Anfangsglück in ein vom tagelangen Warten bestimmtes Unbehagen. Nasse Klamotten im nassen Zelt oder schäbige Unterkunft im Schlafsaal - zum Preis eines B&B in Irland oder Deutschland...

Mit dem nordatlantischen Tief kam auch die Kälte des Nordens, mit der Nässe der Nebel, mit der Aussichtslosigkeit der Frust des Stillstandes, das Warten auf ein helles Loch im grauen Himmel. Jahrelang blieb ich von den geringsten Erkältungsymptomen verschont, ich hielt mich für abgehärtet. Und dann erwischt es mich mitten im Sommer, während einer Reise durch ein Land, wo überdachte Unterkünfte rar und mehr als teuer sind. Anfangs hilft noch Fisherman’s Friend aus meiner Reiseapotheke, ein ganzes Päckchen lutsche ich in wenigen Tagen weg - weit und breit kein Laden, keine Tanke, kein Nachschub für meinen Hals. Die Mentolbonbons, die ich später in einem Dorf angeboten bekomme, verschenke ich nach den ersten drei Versuchen, meine Abneigung gegen klebrige Süßigkeiten zu überwinden. Die Mutter einer kinderreichen deutschsprachigen Familie freut sich über das kleine Geschenk.

Das einzige, was meinem Rachen noch hilft, nachts ein paar Stunden Ruhe zu finden, ist roter, süditalienischer Hustensaft - den gibt es allerdings nur in größeren Ortschaften, die wie Akureyri eine staatlich lizensierte „Vinbude“ haben… Und wie in anderen Weinbuden der skandinavischen Hemisphäre muss man dort für ein 0,75-Liter-Fläschlein tief in die Taschen greifen. Am Schraubverschluss störe ich mich am wenigsten, das hat auf Reisen durchaus auch Vorteile für die Rationierung.

Ich quere das westliche Hochland wie geplant auf der Kjölur-Route, doch nicht mit dem eigenen Zweibeinmotor, sondern passiv mit dem Allrad-Antrieb des einmal täglich fahrenden Linienbusses zwischen Akureyri und Reykjavík. Zunächst löse ich das Ticket nur bis in die Mitte der von Gletschern gekühlten Steinwüste - die Hoffnung auf besseres Wetter und Abklingen der Erkältungssymptome stirbt erst nach einer nahezu schlaflosen Nacht in der mehr als gut belegten Hütte von Hveravellir, unter den Quartiergästen ein nerviger deutscher Motorradfahrer, der jedem Ankömmling mit seinen "Off-Road"-Fahrkünsten zutextet und nachts wie eine Kompanie Reservisten schnarcht... Am Morgen regnet es weiter, ich habe keine andere Wahl, als bis zum nächsten Bus am Mittag zu warten. Der bringt mich endlich zurück in die Zivilisation - nach Reykjavík.



Für die Hauptstadt Islands habe ich in weiser Voraussicht über die saisonalen Engpässe - zumal auch noch am Wochenende - ein Zimmer im Hostel der Heilsarmee gebucht, ein für Ukulele-Lehrer gerade noch erschwingliches Quartier, das ich zum Glück um eine dritte Nacht verlängern kann, um meinem seit Tagen geforderten Immunsystem eine Chance zu geben. Erfreulicherweise bleibe ich von Fieber und sonstigen Steigerungsformen der Verkühlung verschont, dafür bin ich mitten im Hotspot des isländischen Fußballfiebers gelandet - keine hundert Meter vor meinem Quartier, in der beschaulichen Altstadt, ist die Public Viewing-Leinwand aufgestellt. Bei meiner Ankunft kämpft die Mannschaft von Þýskaland in der halbstündigen Spielverlängerung um ein Weiterkommen ins Viertelfinale, nach großem Bangen im Elfmeterschießen schafft es das Team um Captn Schweinsteiger. Ich aber hole mir in den kühlen 20 Minuten, die ich der Ansteckung des kollektiven Gaffens nicht widerstehen kann, den biologischen Rest und übergebe meine Nase einer alternativlosen Tempotaschentuch-Defensive.

Am nächsten Abend ist es schon wärmer und auf dem Public Viewing-Hügel für die wesentlichen, also unter isländischer Beteiligung stehenden Spiele scheint die Sonne noch bis in die Nacht hinein. Doch die Hoffnung auf höhere Weihen der neuen Fußballnation Island ist spätestens zur Halbzeit erloschen, Frakkland hat bereits 4 Tore, Island noch keins. Bezüglich meiner eigenen Hoffnungen, die Erkältung in Kürze zu bezwingen, stellt sich gleichfalls Ernüchterung ein - am nächsten Morgen fällt die Entscheidung: Lässt sich mein Fährticket umbuchen, verkürze ich meine Inselrundfahrt zugunsten eines schon heranreifenden Planes B, damit ich wenigstens in Dänemark oder/und daheime in Þýskaland noch auf meine Kilometer komme.

Die Umbuchung klappt, aber leider ohne eine Kabine, die meinem schwächelnden Zustand angemessen wäre - umgerechnet 350 Euro für zwei Nächte zu zahlen, um dem „Couchette“-Loch im tiefsten Deck der Fähre zu entkommen, ist mir einfach zu happig. Nach zwei Bus-Etappen an der an landschaftlichen Höhepunkten beachtenswerten Südküste Islands erreiche ich die Hafenstadt Seydisfjördur, wo ich mich in einem wiederum vorausgebuchten B&B kurieren kann. Dort gibt es eine Badewanne, ein warmes Bad also, und die sehr freundliche Wirtin spendiert mir Medizin und selbstgebackene Plätzchen.

Auf dem Schiff treffe ich etliche Reisende wieder: die zwei radelnden Holländer, die einen Freund mit Wohnmobil im Tross hatten; die netten Bremer Wohnmobilisten, die ich im warmen Pool von Heiðarbær kennenlernte; den tramper-freundlichen Arzt mit seinem zum mobilen Zelt umgebauten VW T3, in dem ich kurz vor den einschüchternden Serpentinen der Fjarðarheiði-Hochebene Platz fand. Weitere Passagiere erkennen in mir den mit der Ukulele wieder, der bei der Hinfahrt ein paar Shanties sang und die Lieder der anderen Sänger improvisatorisch verschnörkelte.

Am Abend der heutigen Seereise verlässt die „Schweini“-Mannschaft das Fußballerglück im Spiel gegen Frakkland - ich hingegen erlebe (während die anwesenden Freunde des runden Leders gebannt auf den Riesenbildschirm starren) einen besonderen „Augnablik“ - ein Wal springt in etwa 20 Meter Entfernung über die Wellen - ich bin der einzige, der mit dem Finger auf die See hinaus zeigt und erstaunt „da war ein Wal“ ruft… Einige Passagiere starren darauf hin hinaus, aber der Wal war im Gegenverkehr und ist längst über alle Wellenberge. Die Augen der Passagiere wenden sich schnell wieder dem Großbildschirm zu - vielleicht fällt ja doch noch ein hoffnungsvolles Tor für Þýskaland.

Im Duty Free Shop gibt es den italienischen Hustensaft zu einem nahezu in Þýskaland üblichen Preis. Ich teile mir die Flasche mit dem Pärchen aus Bremen - als sie von meinem Plan B hören, laden sie mich spontan in die letzte Auftrittsstätte der berühmten Bremer Stadtmusikanten ein. Um - wie viele andere, die sich im Couchette-Loch unter Deck gruseln - auf einer der Bänke in den Foyers und Gaststätten schlafen zu können, reicht dieser Schlaftrunk nicht aus. Gegen zwei in der Nacht scheucht das Personal die Schlaflosen auf, um die Räume zu reinigen, anschließend bleiben die Bereiche verschlossen. Wie war die Nacht? fragen mich die Bremer beim Frühstück. Schrecklich, antworte ich. Sie geben mir ihren Kabinenschlüssel. Was für eine gute Tat! Ich kann duschen und ein paar Stunden schlafen.

Am Mittag des 9. Juli betrete ich im dänischen Hirtshals wieder europäisches Festland. Ich bin halbwegs auskuriert, einigermaßen erholt, mache mich frohen Mutes auf den gegenwindigen Europa-Radweg 12, der mich meinem Plan B zufolge an der dänischen Nordseeküste südwärts ins heimatliche Þýskaland bringen soll. Doch erneut spielt das Wetter nicht mit. Erst Plan C - einmal kreuz-die-quere an der friesischen Waterkant und zurück zur Elbe, die mich endlich heimführt - kann ich in aller Gänze vollenden. Das ist aber eine Geschichte für sich und von der habe ich noch viele Fotos zu sortieren...




 

Tipps für wagemutige Pedalritter


Wer sich trotz meiner dagegen sprechenden Schilderungen mit dem Rad nach Island aufmachen will, sollte folgende Hinweise nicht nur überfliegen...

Anreise
Für Realisten und Leute, die nur selbstgefälschten Statistiken vertrauen, ist die Schiffspassage schon seit längerem die einzige Alternative zum Flug. Die etwa 50-stündige Seefahrt findet jedoch nur einmal wöchentlich (samstags ab Hirtshals in Dänemark) statt - und sie ist deutlich teurer als das immer riskanter werdende Fliegen. Es gibt allerdings einige Snobs, die die zweitägige Schaukelei auch nur deshalb wählen, weil eine Seefahrt etwas Exklusives hat, einen Hauch von Kreuzfahrt… Im warmen Abendlicht gemächlich an den eingenebelten Küsten Norwegens, der Shettland-Inseln und mitten durch die Färöer hindurchzuschippern, hat durchaus seine Reize und es macht den Philosophen unter den Reisenden klar, dass diese Erde mit ihren Ozeanen nicht so harmlos klein ist, wie es auf den Landkarten der medialen Welt wirkt... Ein weiterer Vorteil der guten alten Christlichen Seefahrt: Wenn der Eyjafjallajökull - wie zuletzt im Sommer 2010 - mal wieder riesige Aschewolken in den Himmel schleudert, so dass wegen des himmlischen Feinstaubs der gesamte Flugverkehr Europas tagelang lahmgelegt werden muss, kommen Schiffsreisende dennoch pünktlich heimwärts...

Tatsache ist aber auch: Die vornehm als "Couchette" bezeichneten Kabinen der Norröna, die sich zwei Decks unter dem Auto-Deck befinden und in die man den eigenen Schlafsack mitzubringen hat, sind alles andere als "couchelig". Neun Erwachsene, je drei übereinander, auf zwei mal zwei Metern Grundriss? Das erfordert schon ein perverses Maß an marktwirtschaftlichem Kalkül… Als arme irische Auswanderer vor gut 100 Jahren aufbrachen, ihr Glück in der Neuen Welt zu suchen, fanden sie zumindest in den Schiffen der White Star Line besser ausgestattete Kabinen vor - zum Vergleich der Blick in die 3. Klasse der Titanic... Das Upgrade in eine Außenkabine der Norröna kostete einmal erschwingliche 45 Euro. Weshalb es auf der Rückreise das Siebenfache kosten kann, entzieht sich meiner Logik. Obgleich es Normalsterblichen bei einem Preis von umgerechnet 7 Euro pro Plastikbecher färöischem Dünnbiers unmöglich gemacht wird, sich ein Plastiksofa auf dem Außendeck schön zu saufen, bleibt diese Option als einzige. Ünrigens: Auch das kulinarische Niveau der Norröna ließ sehr zu wünschen übrig, das sogenannte Tagesgericht erinnerte eher an den Fraß einer NVA-Kaserne.
 

Geld
Beim Bezahlen wird man das meiste Geld los... In Island hat diese Binsenweisheit noch mehr Gültigkeit - fast alles, was unverzichbar ist, vom Quartier bis zur Ernährung, ist so viel teurer, dass selbst Reisende aus der Schweiz ins Stöhnen kommen. Bei der Reise durch euro-freie Länder und sehr unterschiedliche Wechselkurse (1 Euro = 1350 Isländische Kronen = 700 Färöische/Dänische Kronen) den finanziellen Überblick über sein Finanzbudget zu behalten, ist ohnehin nicht ganz einfach. Da die skandinavischen Länder bei der Abschaffung des Bargeldes bereits weit fortgeschritten sind, wird überwiegend mit Karte gezahlt - und das erschwert die Kontrolle übers eigene Guthaben zusätzlich. De facto ist das bargeldlose Bezahlen selbst bei Kleinstbeträgen die Norm, der Zeltplatzwart kommt mit dem Kartenlesegerät zum Zelt, das einzelne Bier an der Bar wird mit Karte bezahlt. Dennoch sollte etwas Papiergeld vom Bankomaten gezogen werden, denn es kommt auch mal vor, dass die telefonische Internet-Verbindung zur Bank gestört ist - so im westlichen Hochland, wo der nächste Funkturm weit und das Kartenlesegerät des Busschaffners hoffnungslos überfordert ist.

Radwege, Straßenkarten und Streckenprofile
Radwege gibt es keine. Das geringe Verkehrsaufkommen in den östlichen Landesteilen erfordert auch keine separaten Wege. Anders sieht das im sogenannten Goldenen Ring aus, der von unzähligen Reisebussen und Kolonnen von Mietwagentouristen befahren wird. Dort wären getrennte Radwege durchaus sinnvoll, denn viele Wohnwagen- und PKW-Reisende haben ihre Augen irgendwo in der Landschaft statt auf der Straße. Als Radfahrer schaut man sich natürlich auch die Landschaft an, nur eben nicht bei Tempo 90 oder 100 - und es ist sicher noch kein PKW, Wohnwagen oder Bus von einem Radler überrollt worden...

Deutschsprachige Radlerliteratur über Island war anno 2016 nicht erhältlich. Der 2001 veröffentlichte Island-Radführer von Ulf Hoffmann ist längst vergriffen, eine Neuauflage vorläufig nicht vorgesehen - nach Auskunft des Verlages wegen Diskrepanzen zwischen Autor und Verleger. Eine sich am Streckenprofil orientierende Planung war bis dato auch mittels Google-Map nicht möglich. Erst mithilfe der jährlich aktualisierten (in den Agenturen der isländischen Tourist Information kostenfrei erhältlichen, englisch-sprachigen) Cycling Map, ist erkennbar, wo es heftiger auf und ab geht und wo die Campingplätze sind.

Campingplätze, Hostels, B&B
Die Preise der Campingplätze liegen entgegen allen sonstigen Preisen nicht über denen, die man aus Mitteleuropa kennt, allerdings ist es wohl etwas ungerecht, dass ein Radler mit seinem kleinen Zelt die gleiche Summe zahlt wie der Fahrer eines großen Wohnmobils… Die in Reiseführern angepriesenen Schlafsack-Hostels sind überwiegend schäbig und vergleichsweise dennoch teuer. Statt Bettwäsche nutzt man also seinen eigenen Schlafsack - meiner ist für isländische Outdoor-Verhältnisse mit nächtlichen Temperaturen unter 10 Grad bis leichtem Frost optimal, für darüberliegende Temperaturen aber eher unkomfortabel. Der deshalb in Innenräumen ungeeignete Schlafsack ist dann nur als Unterlage zum Schutz vor der verdreckten Matratze tauglich. Zum Glück hatte ich den Pyjama zum Anziehen und einen einst in Indien erworbenen Lungi als dünne Decke. In einem Gemeinschaftsraum im Hostel von Reykjahild breitet sich abends eine Busladung Chinesen aus, die ihre Tischmanieren noch bei Mao Tsetung persönlich gelernt haben - wo bei Europäern Messer und Gabel liegen, ist bei Mao-Chinesen ein Teppich aus Plastikmüll ausgebreitet. Am Morgen gibt es in der selben Küche keinen Strom, also lässt sich kein Toaster einschalten und noch nicht einmal ein Käffchen kochen - nur die Alarmanlage, die das technische Problem des Stromausfalls meldet, tutet unaufhörlich. Ein Zimmer in einem richtigen Hotel ist für Budget-Reisende unbezahlbar. Bed & Breakfast ist zwar noch erschwinglich, aber die sind rar und das namenstiftende Breakfast ist meistens nicht dabei - oder es kostet extra...

Ernährung
Nicht nur die Quartierpreise sind überzogen, auch beim Futtern und Trinken ist Island ziemlich kostspielig. Selbst Einheimische stehen am Fastfood-Laden Schlange, weil normale Gaststätten teuer sind. Wie kann ein Land mit gerade mal etwas über 300.000 Einwohnern so großartige Fußballer hervorbringen, dass es für einen Sieg gegen England reicht? Ganz einfach, witzeln die Isländer: Ziehe von der Gesamteinwohnerzahl Islands alle Frauen und alle Übergewichtigen ab und schon kommt man auf die 23 Mann, die eine Fußballmannschaft braucht... Die McDonaldisierung Islands hat tatsächlich schwergewichtige Folgen, besonders unter den jüngeren Menschen, die älteren scheinen sich überwiegend noch gesund ernährt zu haben...

In Ermangelung besserer Alternativen habe auch ich mich eher nur gesättigt als ernährt. Nicht selten griff ich auf das ursprünglich nur fürs Hochland vorgesehene Trockenfutter zu - also Nudeln und Tütensuppen. Nahrungsergänzung mittels Brausetabletten ist jedem Freund des Zweibeinmotors zu empfehlen, denn mit dem Schweiß verflüchtigen sich auch wichtige Mineralien. Besonders Magnesiumdefizite sind auszugleichen, so lehrten es mich meine strammen Radlerwaden in nächtlichen Krämpfen.

Sprache und Demografie
Die Bevölkerung Islands geht in ihrer Substanz auf die Nachfahren norwegischer Wikinger zurück, Wangen und Kinn einiger jüngerer Ureinwohner zieren noch heute rote Rauschebärte wie bei Erik dem Roten - die langen Zöpfe junger Isländerinnen erinnern hingegen an die schwedische Blondine Pipi Langstrumpf. Die moderate Zuwanderung wird derzeitig von Migranten beherrscht, die das kühle Klima bereits mit der Muttermilch aufgesogen haben, das heißt: überwiegend Skandinavier oder Heimkehrer, die ihr Arbeits- oder Liebesglück mal in Norgur, Danmörk oder Þýskaland versuchten.

Der geografischen Abgeschiedenheit Islands verdankt sich, dass die isländische Sprache im Kern ein Überbleibsel des Alt-Norwegischen ist. Historisch bedingt gibt es Lehnwörter aus dem Dänischen und anderen germanischen Idiomen. Mein isländisches  Lieblingswort lernte ich beim häufigen Zahlen mit der Vias-Card: Augnablik - das bedeutet so viel wie: Warte mal, es geht bestimmt gleich weiter... Wem sein Kreditinstitut das nötige Vertrauen schenkte, der kann auch mal in einer Vinbude einkaufen - so heißen die staatlichen Alkoholgeschäfte, die man auch aus anderen skandinavischen Ländern kennt und die vor allem eines bewirken sollen: den Konsum gesellig bis müde machender Getränke auf gesellschaftliche Kreise zu beschränken, die sich das finanziell auch leisten können...

Baden
Auch wenn Island mitnichten das Mallorca des Norden genannt sein kann, sollte man Bikini und Badehose mitnehmen. Dank der geothermischen Aktivität, die unter Islands Erde brodelt, lassen sich zahlreiche kleinere und größere Naturbasins, künstliche Freiluftbäder wie die sogenannte Blaue Lagune, aber auch viele Hallenbäder mit dem kochend heißen Wasser aus Mutter Erdes Schoß befüllen. Das Bedürfnis, unter freiem Himmel im badewannenwarmen Nass zu planschen, lockt Badelustige aus aller Welt an. Bedenkt man, dass Islands Küsten von den eisigen Strömungen des Nordmeeres abgekühlt werden, so dass Wassertemperaturen im einstelligen Bereich für menschenleere Strände sorgen, ist das Bedürfnis nach Wärme um so verständlicher. In Kauf zu nehmen ist dabei immer der mehr oder minder pentrante Geruch schwefliger Dämpfe, der auch aus dem Brausekopf einer Hoteldusche entweichen kann.

Das Hochland
Das velopedophilistische Geholper durch die Steinwüste der Kjölur-Route ist möglich, aber eigentlich sinnlos... Ein Gemisch aus steinigem Geröll, festgefahrenem Schotter und losem Sand macht auf der etwa 180 Kilometer langen Strecke sogar das Schieben zu einer kräftezehrenden Herausforderung. Belastbare Gepäckträger, geländetaugliche Bereifung, passende Ersatzspeichen, entsprechendes Werkzeug sind ebenso ein Muss wie das wasserdichte, sturmsichere Zelt, der frostresistente Schlafsack, Gaskocher, ausreichend Proviant und Wasser - in der vermeintlichen Hochland-Oase Hveravellir auf halber Strecke gibt es zwar ein Fastfood-Restaurant und Wasser, aber das war’s dann auch, was die Ernährung betrifft. Das Aufweichen mit fremden Menschen jedes Alters im heißen Thermalbasin der aus drei alten Holzhütten bestehenden Ortschaft ist die einzig mögliche Freizeitbeschäftigung, denn der alternative Aufenthalt in einer Unterkunftshütte mit sich ständig nach ihrer Herkunft befragenden Ankömmlingen ist noch schlimmer.


Die Ringstraße
Der den größten Teil Islands umfassende Hringvegur ist schlicht mit der Nummer 1 beschildert - in der Nähe von Reykjavík wird die Straße teils vierspurig und ist sehr stark befahren, ansonsten gleicht sie einer Landstraße. Für eine Runde auf der ingesamt 1400 Kilometer (einschl. der Fjordumfahrungen infolge radlerisch unpassabler Tunnel) langen Ringstraße reichen - serpentinentaugliche Waden und regenarmes Wetter vorausgesetzt - bei Tagesetappen von durchschnittlich 60 bis 70 Kilometern drei Wochen. Mit einer Hochland-Passage über die Kjölur-Route oder sonstigen Abstechern, etwa zur Halbinsel Vestfirdir im Nordwesten, wie ich es alternativ vorgesehen hatte, waren die von mir kalkulierten fünf Wochen wahrscheinlich noch realistisch geplant.


Der Goldene Ring
Gullni hringurinn heißt die massentouristische Schnellabfertigung nach dem Motto "Island an einem Tag" - mit Bus oder Auto lassen sich per Tagestour von Reykjavík aus zwei der berühmtesten Naturspektakel Islands, die 70 Meter hohe Kaskade des Gullfoss und die kochend heißen Fontänen von Geysir abhaken, der Nationalpark Þingvellir ist aber auch für die Historie Islands von Bedeutung. In englischen Reiseführern findet sich neben "Golden Circle" die vielleicht trefferndere Bezeichnung "Golden Triangle". Auch der tägliche Linienbus der Kjölur-Hochlandroute, auf den ich infolge meiner Erkältung angewiesen war, macht hier ausreichend lange Foto-Stopps. Wer hier Naturaufnahmen ohne Menschentrauben machen möchte oder die ganzheitliche Erfahrung im Yogasitz sucht, der könnte mitternachts die besten Chancen haben...

Beleuchtung
In den Wochen um die Sommersonnenwende kommt man in Island ohne Taschenlampe aus, selbst im Zelt konnte ich noch nachts gut lesen. Besonders im Norden der Insel, wo kein Berg die Mitternachtssonne verdeckt, ist es immer hell oder nur leicht schummrig. Wer nur im Finstern schlafen kann, sollte eine Augenbinde mitnehmen. Wer kontrastreiche Fotos mit intensiven Farben machen will, sollte die Nacht zum Tag machen... Es ist aber auch großartig, fern der Stadt einfach nur die friedliche Stille einer erleuchteten Nacht zu erleben...


Resümee

Die geologischen Extravaganzen Islands sind für Reiselustige aus aller Welt seit einigen Jahren immer attraktiver geworden, insbesondere seit es im kontinentalen Europa und klassischen Urlaubsländern in vielerlei Hinsicht unruhig wurde. Dabei ist nicht zu vergessen, dass Island mit seinen eigenen Finanzblasen nicht ganz unbeteiligt am globalen Wahnwitz des Börsenkapitalismus ist. Von Amokläufen und Attacken religiöser Fanatiker ist die Insel am Polarkreis jedoch bis dato verschont.

Der überraschende Einstieg des EM-Neulings Island und das archaisch anmutende Huh-Ritual der Fußballer und ihrer Fans, bei dem das  langsam beginnende rhythmische Klatschen einer Menschenmenge durch einen Taktmeister beschleunigt wird, bis es in diffusem Applaus untergeht (siehe obiges Video), haben im Sommer 2016 noch mehr Augen auf das "Land aus Feuer und Eis" gerichtet... Die Infrastruktur ist auf der Höhe der Zeit, die berühmtesten Naturschauspiele sind über asphaltierte Straßen erreichbar - und nirgends wird fürs Bestaunen von Geysiren und Wasserfällen Eintritt verlangt!

Neben dem unwägbaren Witterungswechsel ist das einzige Manko Islands: Schon jetzt ist das Land kaum auf den Ansturm des zunehmenden Tourismus vorbereitet. Kommen noch mehr Urlauber, wird es für den Radler im kurzen isländischen Sommer aussichtslos, auf gut Glück ein Quartier zu finden - werden die Unterkünfte noch teurer. Dekadente Vergnügungsofferten - wie etwa mit monströsen Landrovern durch die Landschaft zu preschen - und andere Auswüchse der ruhelosen Spaßgesellschaft werden das Land verändern und die Bescheidenheit der letzten Ureinwohner in jene Raffgier wandeln, denen die meisten erwachsenen Menschen über kurz oder lang nicht widerstehen können - regierende Obrigkeiten nennen solche Entwicklungen "Wachstum" - für die letzten Refugien der Natur wird diese geistlose Politik in ein Desaster führen.

Für mich war mein Island-Besuch trotz einiger nachteiligen Umstände ein besonderes Erlebnis - die großartigen Kulissen und Schauspiele der Natur flößem jedem Betrachter Respekt ein. Wem die Natur genug Gesundheit und Willen verlieh, sich diese einzigartigen Landschaften mittels der Kraft seiner eigenen Beine er-fahren zu können, der darf um so dankbarer sein... Dennoch war diese Reise wahrscheinlich mein einziger Island-Besuch. Warum? Zu kalt, zu nass, zu teuer...




N THE R(O)AD
Unterwegs mit der Ukulele


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