Querfeldein nach Thüringen

mit einem Abstecher ins Böhmische

und über den Fichtelberg








 

Viel zu spät begreifen viele

Die versäumten Lebensziele:

Freu
nde, Schönheit und Natur

Gesundheit,
Radeln und Kultur.

Darum, Mensch, sei weise!

Nimm das Rad und reise!


   Das obige Motto meiner spätsommerlichen Radreise ist einem Dichter entlehnt, dessen Verse mir auf dieser Fahrt immer wieder begegneten. Anstoß zur Tour war die Einladung eines Radlers, den ich bei einer Rast auf meiner vorjährigen Neiße-Oder-Tour kennengelernt hatte. Neben dem Besuch bei ihm, wollte ich bei einem weiteren Sportfreund zu Gast sein und traf mich am Wendepunkt der Reise mit einer Freundin aus Jugendjahren. Beim flüchtigen Blick über die Landkarte bot sich auch ein Abstecher nach Karsbad an. Dass ich auf dem Heimweg den Gipfel des Fichtelberges passieren würde, war mir bei der Streckenplanung nicht bewusst. Und dass mich ausgrechnet zur steilsten Bergetappe Dauerregen begleiten sollte, stand gar nicht auf meinem Plan...




1. Etappe

Dresden > Meißen > Marschwitz


 

   Jedesmal, wenn ich an dem auf einem Hügel erbauten Haus in den Elbauen bei Niederwartha vorbeikomme, frage ich mich, welchem Zweck es dienen mag. Was ich auch google, ich finde keine Erläuterung. Vermutlich enthält es zum Pumspeicherwerk gehörige technische Anlagen. Denn ein alter Weinkeller, wie es die Bemalung vorgaukeln möchte, ist in dieser von Elbfluten getränkten Landschaft gewiss nicht zu erwarten.

   Die Meißner Burg lasse ich links liegen und folge der Elbe noch bis Zehren, von wo ich in die Lommatscher Hügel hinauf und ab Döbeln an der Mulde entlang geht. Nach sonnigen Reisestart ziehen am Abend graue Wolken auf und bei meinem Quartier in der Marschwitzer Apple Farm lässt auch der Regen nicht auf sich warten.

 


 



   Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, behauptet ein Spruch auf der linken Holztür. Das Geheimnis der Freiheit aber sei der Mut, lautet die Ergänzung. Froher Mut, so verkündet wiederum die andere Tür, sei halbe Arbeit... Was aber ist dann Arbeit? Von letzterer gab und gibt es in der Apple Farm, die ihren Namen zahlreichen Apfelbäumen und den Pferden verdankt, die einst zu dem Gehöft und seinen Weiden gehörten. Trotz des freundlichen Hinweises der Wirtin stoße ich mir oft die Stirn an den niedrigen Türzargen des geschmackvoll eingerichteten alten Bauernhauses. Doch nicht die Stirn schmerzt, sondern ein Zahn, nicht erst seit heute...




2. Etappe

Marschwitz > Frohburg

 

    Gleich gegenüber dem wegweisenden Obelisken in Frohburg finde ich Erlösung. Nicht der Weg ist heute das Ziel, sondern der weise Rat Wilhelm Buschs:

Das Zahnweh, subjektiv genommen
ist ohne Zweifel unwillkommen
Doch hats die gute Eigenschaft
daß sich dabei die Lebenskraft
die man nach außen oft verschwendet
auf einen Punkt nach innen wendet
und hier energisch konzentriert

Kaum wird der erste Stich verspürt
kaum fühlt man das bekannte Bohren
das Zucken, Rucken und Rumoren
und aus ists mit der Weltgeschichte
vergessen sind die Kursberichte
die Steuern und das Einmaleins
kurz, jede Form gewohnten Seins
die sonst real erscheint und wichtig
wird plötzlich wesenlos und nichtig

Ja, selbst die alte Liebe rostet,
man weiß nicht, was die Butter kostet
denn einzig in der engen Höhle
des Backenzahnes weilt die Seele
und unter Toben und Gesaus
reift der Entschluß: Er muß heraus!


13 Uhr: Er ist heraus!

15 Uhr: Nach Anweisung des Zahnarztes darf ich nach zwei Stunden wieder Kaffee oder Tee trinken - und sogar rauchen! Mit letzerem fange ich (nach 8 Jahren Askese) ganz sicher nicht wieder an. Und deshalb bin ich schon am Nachmittag wieder in sportlicher Bestform - mein Personal Coach kann mich auf der Geraden im Frohburger Olympia-Stadion kaum noch bremsen...

 




3. Etappe

Frohburg > Mühlental > Seitenbrück




 


   Wie eine Postkartenansicht steht die Pfarrmühle im dichten Wald, eine der sechs historischen Wassermühlen im Mühlental zwischen Kursdorf und Weißenborn. An Wochenenden dürften sich auf diesem Wanderweg einige Ausflügler mehr tummeln, denn die Mühlen sind zu Herbergen und Gasthäusern umgebaut.


 


   Am Abend erreiche ich Seitenbrück, ein idyllisches, in einer Talsenke verstecktes Dörfchen, in das mich ein Radlerfreund einludt. Selbiger ist an diesem Abend in der Nachbarschaft zum Grillabend eingeladen - und so komme ich gleich noch in die Bekanntschaft weiterer gastfreundlicher Thüringer - und der nur hier wirklichen echten Thüringer Rostbratwürste, die in meinem "Road Movie" am Ende dieser Abhandlung zu bewundern sind.


 

   Jedes der alten Fachwerkhäuser hat seine eigene Geschichte. Und hat auch seine Segenssprüche, mal von Luther, mal von Busch. Am Haus meines Gastgebers steht: Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Am alten Bauernschrank wird mit Humor der für alte Knaben besten aller Gaben gehuldigt - und auch die Bescheidenheit nicht vergessen: Was man besonders gerne tut, ist selten ganz besonders gut.




4. Etappe

Seitenbrück > Weimar > Erfurt


   Auf dem sogenannten Städte-Radweg zwischen Jena und Erfurt passiere ich Weimar. In der Klassiker-Stadt führt der Radweg durch den Park an der Ilm. Radlerpaare und von Kutschern herbei kutschierte Bildungsbürger lassen sich vor dem Gartenhaus eines der Dichterfürsten fotografieren - selbst mein Dreirad-Gespann nörgelt herum, bis ich seinem eitlen Wunsch nachgebe.

Vom Gewühl der Stadt durch viel Grün getrennt, ließ es sich hier gewiss fürstlich dichten - ich mache keinen Hehl daraus: Ich beneide den berühmtesten Beamten des Landes auch ein wenig um sein Gärtchen und die große Laube, wo auch genung Platz für all meine Ukulelen wäre.

 



 

   In einem Straßencafé am zentralen Marktplatz bietet eine Tafel Soljanka feil - da kann der Kellner die Speisekarte gleich wieder mitnehmen, denn ich weiß bereits, was ich mir als Mittagessen bestelle. Während des Wartens fällt mein Blick auf eine Giebelwand, die einen sarkastischen Aphorismus von Jules Renard ziert: Wenn Sie das Leben kennen, geben Sie mir doch bitte seine Anschrift...





   Am Wendepunkt meiner Reise, in Erfurt, treffe ich mich mit einer Freundin aus Jugendjahren. Wir bummeln durch die bezaubernde Altstadt, die besonders im Schummerlicht der Nacht ihre Pracht entfaltet.









 








5. Etappe

Erfurt > Bad Berka > Seitenbrück

   Im Frühstücksraum des Erfurter Opera Hostel gemahnen zwei Poster, die Küche sauber zu halten. Das kann man lustig finden - oder auch unverschämt... Wenn man dann beim Aus-Checken allerdings noch gefragt wird, ob man auch ganz bestimmt die Bettwäsche abgezogen und in den dafür vorgesehenen Korb gelegt habe, fühlt man sich doch eher an den Aufenthalt in der Jugendherberge oder in einer Kaserne der NVA erinnert als an marktwirtschaftliche Gastronomie zum Hotelpreis von über 50 Euro! Ja, ich habe alles erledigt, antworte ich dem jungen Mann, der an diesem Morgen Dienst an der Rezeption schiebt. Aber warum wird man hier geduzt? Warum ist dieses Haus mit Postern geschmückt, die den zahlenden Gast zur Einhaltung von Ordnung und Sauberkeit mahnen? Weil es ein Hostel ist, erklärt der Grünschnabel - und hält mir eine Predigt, als sei er der oberste Führer der Sauberkeitsrevolution... Nie wieder Opera Hostel!

 



 

   Die Fahrt aus dem Erfurter Speckgürtel führt zunächst in den Regen und an das von Kühen bewachte Schloss Tonndorf. Bei einer Pause in windiger Bergeshöhe probiere ich, wie sich meine Radel-Sänfte als mobile Wäscheleine nutzen lässt. Dank straffer Wäscheklammern erweist sich der Versuch als erfolgreich. Noch bevor ich die nächste Stadt erreiche ist alles trocken und kann wieder in der Rucksack-Tasche verstaut werden.


 

   Nach ein paar Kilometern talwärts erreiche ich Bad Berka. 1818 habe der Weimarer Dichterfürst hier gewohnt, erinnert eine der beiden Gedenktafeln an einem unscheinbaren Häuschen in einer nicht minder unscheinbaren Gasse. Auch dem einstigen Gastgeber Goethes, einem gewissen Heinrich Schütz, der hier bis zu seinem Tode 1829 lebte, wird Gedächtnis zuteil. Da zwischen den Schaffenszeiten des hier erwähnten Badekönig und dem berühmten Barock-Komponisten gut zwei Jahrhunderte platzfanden, wird dem Bildungsradler aus dem Tal der Ahnungslosen schnell klar, dass es mehrere Heinriche namens Schütz gibt, wobei der hier gemeinte der Wikipedia (Stand: Sept, 2021) noch nicht näher bekannt ist.




   
Gegen Mittag übernimmt Klärchen und zaubert ein sattes Blau über das Grün der Thüringer Wiesen und Wälder. Ab Hochdorf bis Kahla (blaue Teilstrecke) geht es etwa 20 km mit leichtem Gefälle talwärts - ein Träumchen von Downhill-Strecke, denn alle uphill investierte Energie lässt sich auf dieser langen Abfahrt in aller Gänze ausschöpfen. Der landschaftliche Reiz dieser Strecke überbietet meine Erwartungen.

 



   Nach einem kurzen, aber steilen Anstieg am Dohlenstein und Lichtenberg möchte meine Dreirad-Sänfte sich etwas ausruhen und den Blick ins weite Tal genießen. Eine letzte Herausforderung wird der holperige Pflastersteinweg hinab ins beschauliche Dörfchen Seitenbrück.

 

 



   Mein Gastgeber führt mich durchs abendstille Dörfchen und spontan besuchen wir einen Mann, der in seinem alten Haus allerlei Antiquitäten und Trödel gesammelt hat. Auf Opas Sofa sitzen Puppen aus Omas Zeiten, an den Wänden hängen Bilder, Fotos - und Fotoapparate, einstige "Hitech" made in GDR - einstige, von der einfachen Puva Start bis zur Spiegelreflexkamera Exa 1b. Die umfangreiche Sammlung an alten Lampen kommentiere ich - in Anspielung auf einen allgemein verspotteten Kronleuchtersaal und durch Austausch eines Namens - als "Gunnis Lampenladen". Das Sammelsurium ist ein Kuriositätenkabinett der besonderen Art. Das absolute Kuriosum am Balkon der Gartenseite aber ist eine festungsartig hochziehbare Holztreppe.


   
Wozu stopfe ich eigentlich ein Buch in mein minimalistisches Radlergepäck? Wenn doch die wesentlichen Weisheiten für alte Knaben schon an Hauswänden und Schranktüren geschrieben sind - und sei's in personalisierter Weise:


Es ist ein Brauch
von Alters her:
Wer Sorgen hat,
hat auch Likör.

Doch wer
zufrieden und
vergnügt,
sieht zu,
daß er auch bei
Reinhard
welchen kriegt.

Schön ist's,
wenn wir Freunde kommen sehn.
Schön ist es ferner, wenn sie bleiben
und sich mit uns
die Zeit vertreiben.
Doch wenn sie schließlich
wieder gehn
Ist's auch
recht schön.







6. Etappe

Seitenbrück > Treuen



 

   Der erste Fotostopp meiner heutigen Etappe findet bereits nach wenigen Kilometern statt - und er gilt der märchenhaften Kulisse von Schloss Wolfersdorf. Dann geht es abwechselnd reichlich bergan und bergab durchs herrliche Grün-Blau-Weiß Thüringens.



   An einer Bahnschranke in Neustadt an der Orla bleibt die Schranke im Normalzustand geschlossen. Möchte man die Gleise passieren, muss man den Wunsch per Knopfdruck kundtun. Darauf meldet sich eine Lautsprecherstimme, die um etwas Geduld bittet. Wie lange die Geduld zu üben ist, wird nicht mitgeteilt.

Viele Dörfer kennt die Welt, aber ohne Weltwitz wäre die Welt ein Witz.

 



   Im Dörfchen Barthmühle, unweit der Elstertalbrücke, gibt es eine kleine Bahnstation und es sieht so aus, als gäbe es dort sogar ein Biergärtchen. Bei dem jungen Mann, der die Bahnstation zur Party-Location umgebaut hat, erregt meine Sänfte Aufmerksamkeit. Nach meinem Etappenziel gefragt, erwähne ich die Kleinstadt Treuen - die erste Wahl für den jungen Mann, sollte er jemals wieder urbanes Terrain bewohnen wollen...

 

   Der junge Mann gibt sich als begeisterter Radler zu erkennen, möchte mit seinen Freunden dieses Jahr noch den Rennsteig-Radweg radeln. Beim Abschied warnt er mich vor dem steilen Anstieg nach Jocketa. Und der hat es tatsächlich in sich. Nahe des Gipfels, bei einer kleinen Kirche, verlangt meine Sänfte eine Verschnaufpause, die ich ihr zur Vermeidung der Motorüberhitzung zugestehen muss.

 

   Am Abend erreiche ich Treuen, das Städtchen, von dem der freundliche junge Pächter des Bahnhofsgebäudes von Barthmühle schwärmte... Bevor ich mich ins Nachtleben stürze, nutze ich in der Pension am Markt die Dusche. Erst gegen 8 kann ich daher Ausschau nach einem Restaurant halten. Trotz der Ratschläge von Einheimischen ist nichts zu finden. Das nahe Gasthaus "Zum Vaterland" ist geschlossen, alles andere auch!

   Ich habe wahrlich die halbe Stadt abgeklappert, frage drei spazierende Frauen, die mir auch nicht weiterhelfen können und begleite sie bis zur Kirche, wo wir eine weitere Frau auf der Straße begegnen. Sie wohnt gleich neben der Kirche, bietet mir schließlich an, sie könne mir ein paar Schnittchen machen.

 



 

   Das Angebot nehme ich dankbar an, denn ich bin nach einem ganzen Tag in den Pedalen, ohne die Gelegenheit zu einer weiteren Malzeit, durchaus hungrig - und ich weiß, dass die Pension morgen Früh kein Frühstück anbietet.

                  Die Samstagnacht in Treuen ist gerettet!


   Die paar Schnittchen sind schließlich ein riesiges, in Aluminiumfolie gehülltes Fresspacket, ergänzt um Muffins, welche die Kinder der hilfsbereiten Frau selbst gebacken hätten. Schließlich fragt die nette Frau mich, ob ich auch noch etwas zu trinken brauche. Auch dazu kann ich nicht nein sagen. Und die Flasche Volvic, die ich daraufhin erhalte, fragt zurecht: Durstig nach lebendigem Wald?

Nach all den Erfahrungen thüring'scher Gastfreundschaft, ist es besonders diese kleine Begebenheit, die mich zusätzlich motivierte, meine Reise ausführlich zu erzählen. Mag es jungen Leuten in den kleinen Städten und Dörfern der vogtländischen Berge mitunter zu leise oder langweilig sein, dem Wanderer, der Stille und klare Gedanken sucht, kommt die unverfälschte Gastfreudschaft des lieben Landes zugute.






7. Etappe

Treuen > Carlsfeld > Karlsbad (Karlovy Vari, CZ)

   In einem der vogtländischen Bergdörfer verweist eine Tafel auf die traditionelle Herstellung des Bandonions, das aus der böhmischen Konzertina weiterentwickelt wurde. Der Hudigung zum Bandiondorf Carlsfeld folgend, wage ich daher zu behaupten: Ohne Carlsfeld gäbe es keinen argentinischen Tango, ja, vielleicht noch nicht einmal Tango an sich! Und Argentinien schon gar nicht.

 

Der Waldweg an der höchsten Stelle des Gebirgskamms ist komplett überdacht - als Biergarten. Das gelbe Schild mit der Aufschrift "HALT - Staatsgrenz!" ringt ostalgischen Gemütern ein Schmunzeln ab. Statt bewaffneten Grenzwächtern steht heutzutage ein achtköpfiges Plastikflaschen-Bataillon bereit, um die kulinarische Diversität der Bratwurst-Servierung zu demonstrieren: Senf, Mayonnaise, Ketschup, Currysauce.

 


 

Ich begnüge mich mit einem halben Liter Krusnuhur, einem mir bisher noch bekannten Gerstensaft der bömischen Braukunst. Mein Feldforschungsversuch kommt weider nur zu dem einen und einzigen Schluss: Von Bier verstehen echte Bohemians wirklich mehr als von Bratwurst & Co.

   Ab dem Biergarten, an dem wirklich kein Weg vorbeiführte, geht es bis Karlsberg nur noch talwärts. Am grau-gräulichen Himmel ist der Umschwung des ohnehin promisken Wetters, den die Meteorologen seit Tagen herbeireden, schon deutlich zu erkennen. Doch diese trübe Aussicht kann mich nicht darüber täuschen, dass auch böhmische Kühe lieber Bier als Milch trinken.

 


 

   In Karlsbad, wo gerade Filmfestspiele sind und deshalb viele rote Teppiche auf allen Radwegen liegen, ist auf den Boulevards viel Menschengewühl. Ich drehe ein kurze Runde durch die parchatvolle Altstadt, von der es heißt, sie blühe besonders dank konsumgeiler russischer Oligarchentöchter auf. Ich erbleicke tatsächlich einige hübche Töchter, aber die sprechen englisch, französisch, chinesisch.




   Nach einem kurzen sonnigen Hoffnungsschimmer in Karlsbad sieht sich der Himmel zu und schon auf dem Weg zu westlichen Stadtrand prasselt der Regen hernieder. Ich bin nur noch einen Kilometer vor der Pension, da verunmöglicht mir ein sumpfiger Waldweg die Passage. Der Weg ist für ein dreispuriges Liegrad ohnehin kaum passierbar, aber die tiefe Pfütze, in die ich schließlich umkippe, beendet (bei Punkt B) den tapferen Versuch.



8. Etappe

Karlsbad (CZ) > Fichtelberg > Wolkenstein





 

   An diesem Tag gibt es rein gar nichts zu beschönigen - es sei denn, man findet die Aussicht auf bald nur noch 90 statt 100% Regen schön genug. Wieder bin ich ohne Früstück los, da die Pension am Montag Ruhetag hat. Starker Regen begleitet mich auf der Fernverkehrsstraße von Karlsbad bis auf den Gipfel des Erzgebirgkamms - auf den vermatschten Waldwegen hätte ich bei dieser Nässe keine Chance. In Boží Dar (einst Gottesgab) erinnert ein kleiner Obelisk aus dem Jahre 1888 an den edlen Wohltäter und Menschenfreunde, Stifter des hiesigen Armen-Hauses, Franz Wilh. Tippmann. Ich stelle mich unter das Vordach der geschlossenen Touristen-Information, doch nach Augenblicken der Ruhe fange ich zu frieren an, denn ich bin wegen der langen Fahrt im Regen durchnässt bis auf die Knochen.




Auf dem Gipfel des Fichtelberges lässt der Regen nach, bald befinde ich mich mitten in den Wolken, aus denen er fällt - im dicksten Nebel. Frau Komoot dirigiert mich wieder durch den Wald - zum Glück auf Schotterwegen. Jetzt bloß nicht das GPS oder das Mobilnetz verlieren, sonst wäre ich ohne Orientierung im Nebel gefangen, bei aktuell 9° Celsius in nassen Klamotten... Die Chance, bei diesem Wetter auf einen Wanderer zu treffen, der notfalls helfen könnte, geht gegen null. Da es talwärts geht, fehlt mir das Pedalieren - ich halte an, mache 30 Kniebeugen, um mich aufzuwärmen.

Tiefer im Tal lässt der Nebel nach und der Regen fängt wieder an. Es gibt nur noch ein Bestreben: Der Weg ist heute nicht das Ziel. Das Ziel ist die nächste Pension. Beim Städtchen Wolkenstein steht ein einstiger Mitropa-Wagon als Restaurant, weitere Wagen dienen der Übernachtung - ein Hotel auf Rädern, direkt neben der Fernverkehrsstraße. Zum Glück habe ich ein Quartier jenseits des Lärms gebucht.

 

Die freundliche Wirtin der Pension Sonnenhof empfiehlt mir fürs Abendbrot zunächst das Mitropa-Restaurant. Doch mich bekommt nach dieser abenteuerlichen Etappe mit 1350 Höhenmetern unter Dauerregen niemand mehr aus den trockenen Tüchern. Ich bitte sie um ein kleines Abendbrot - sie brutzelt mir Spiegeleier. Die Heizung ist in Betrieb, die nassen Sachen trocknen - draußen regnet es weiter. Und ein Bier hat sie auch im Kühlschrank. Was will man nach einem solchen Tag mehr!





9. Etappe

Wolkenstein > Freiberg > Dresden





Der Tag beginnt, wie der gestrige endete - mit Regen. Nach einem steilen Anstieg zum Schloss Wolkenstein geht der Regen in Nieseln und dann in Nebel über. Plötzlich reagiert das elektronische Display nicht mehr. Egal, was ich drücke, es passiert nichts. Genau deshalb, war meine Sänfte vor der Reise einige Wochen in der Werkstatt es dauerte so lange, weil es - gelinde gesagt - Probleme mit der Ersatzteilbeschaffung gab. Doch diesmal ist die Ursache kein Defekt, sondern die Feuchtigkeit zwischen Display und Halterung bedingte Kriechströme. Denn nachdem ich die beiden Teile gründlich trockenreibe, etwas warte und erneut starte, reagieren einige Knöpfe wieder. Ich wiederhole die Prozedur und starte erneut, versuche erstmal bis zum nächsten Dorf zu kommen. Aufatmen - alles funktioniert wieder.


 

   DAS GEBET DES WILDES. Wer wird es lesen? Außer dem einen und anderen Radler oder Wandersmann, der die Ruhe und den Frieden des Waldes sucht, der hier innehält und sich bisweilen selbst wie ein Fliehender fühlt - fliehend vor dem Lärm der Zivilisation.




   Auf einer Anhöhe bei Kleinschirma ist ein großer Windpark geplant - mit Windrädern so hoch wie der Dresdner Fernsehturm. Dagegen protestieren die Anwohner. Auch gegen die Spaltung der Dorfgemeinschaft in Profiteure und Benachteiligte. Was ist die Alternative? Weiter Atomkraft und Kohleverstromung? Ich hatte meinen persönlichen Atom- und Kohleausstieg bereits 2008 - einige Jahre vor Fukushima. Dennoch sehe ich in der Verspargelung der Landschaften nicht die Lösung. Solche Anlagen gehören, meines Erachtens, offshore!

 

 

   Lange vor Zeiten von Wind- und Solarenergie, noch vor Kohle und Öl sogar, bestimmte in den Bergen um Freiberg der Erzbergbau die Wirtschaft. Und auch damals gab es geostrategische Interessen... Jedenfalls besuchte Zar Peter I. im Herbst 1711 "bey dero Retour ausn Carlsbade" den König-August-Erbstollen, so schildert es eine Informationstafel an der Silberstraße bei Falkenberg. Der historischen Beschreibung zufolge habe der Zar das Bergwerk "in Hoher Persohn befahren" und "mit Eigner Hand" sogar "Arbeith verrichtet, die gewonnenen Stuffen* mit heraus geführet und bey sich behalten."




   Auf den Rücktouren meiner Fern- oder Tagesausflüge radle ich immer wieder gern durch den Tharandter Wald, diesmal aus nordwestlicher Richtung, auf Wegen, die ich noch nicht kannte. Zum Glück hat der Regen aufgehört und die geschottterten breiten Waldwege sind gut befahrbar.



Von Tharandt schlängelt sich der Radweg entlang der Hauptstraße nach Freital. Nach den gut 100 Kilometern dieser letzten Reiseetappe erreiche ich die Innenstadt Dresdens. Im Großen Garten lächelt mir endlich wieder die Sonne entgegen.



Resümee:

Erstmals habe ich das westliche Erzgebirge, die Höhen des Vogtlandes und den Thüringer Wald beradelt. Die Wäldern haben sich von der Trockenheit der vergangenen Hitzejahre erholt. Wunderbare Täler mit rauschenden Bächen und Flüssen lagen an meinen sonnigen Wegen. Einmal mehr übte ich starken Regen und Nebel zu widerstehen, in Bergeshöhen von 1200 Metern über den Meeren kartzte ich an den Wolken. Ich traf alte und neue Freunde, erlebte die echte Gastfreundschaft des Landes, griff auch mal wieder zur Gitarre - und saß auf einem Balkon mit hochziehbarer Treppe.



In einem Satz: Diese kleine und doch so abwechslungsreiche Reise gehört zu den Touren, an die ich mich ganz besonders gern erinnern werde.



N THE R(O)AD
Unterwegs mit der Ukulele


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