Eine Himmelfahrt

durch Oberbayern

Mit dem Rad
vom Königssee zum Bodensee

Meine diesjährige Frühlingsradelei führt mich - wie die vorjährige - in himmlische Höhen. Hinaus aus der Stadt, weg vom Gedrängel und Gedöns, hinauf in die Berge Oberbayerns. Bei den Berchetsgadener Alpen will ich meine Radelei beginnen. Wenn mir das Wetter oder andere Umstände keinen Strich durch die Rechnung machen, werde ich in einer Woche am Bodensee sein. Den möchte ich am östlichen Ufer umfahren und noch ein Stück den Rhein entlang, wenigstens bis zu den Kaskaden bei Schaffhausen. Wie immer werde ich allein radeln, nur ein Dichter, nur ein Philosoph darf mich begleiten. Diesmal ist es Rilke - Rainer Maria Rilke.

 

Auch Pläne bringen schon reichlich viel Beweglichkeit in uns,
und wer weiß, wie sehr wir uns, während sie uns
auf einer Stelle lassen, in ihnen schon wandeln.*

 

Donnerstag. Mit Regionalzügen geht es durchs grünende Erzgebirge und über die Höhen Thüringens. Einige Junggesellinen, wahrscheinlich aus dem gastronomischen Gewerbe, verdienen sich an diesem Himmelfahrtsfeiertag etwas zum Lehrgeld und servieren im Zug von Hof nach Nürnberg kleine Häppchen fester wie flüssiger Nahrung.
 

In München muss ich ziemlich lange auf den Schnellzug warten - der EC nach Freilassing hat gut 40 Minuten Verspätung, laut Durchsage "wegen Personen in den Gleisanlagen". Damit ist der weitere Anschluss nach Berchtesgaden hinfällig. Doch die Bahn nach Berchtesgaden verkehrt regelmäßig und so komme ich dort mit nur einer Stunde Verspätung an. Von da radele ich etwa eine halbe Stunde Richtung Schönau am Königssee, die schneebedeckten Gipfel des Watzmann sind mein Wegweiser. Gegen sieben quartiere ich mich auf dem Campingplatz Mühlleiten ein - die Betreiber des überschaubar kleinen Platzes sind sehr freundlich. Gleich als ich einfliege, bietet mir die Chefin Hilfe beim Einparken und Gepäckabnehmen - ich kann mich nicht erinnern, auf einem Campingplatz jemals so entgegenkommend begrüßt worden zu sein...

Zur Anlegestelle am Königssee ist es nur einen Kilometer. Als ich dort ankomme, landen die letzten Boote von ihrem Ausflug zu St. Bartholomä am Fuße der Alpen - das große Gedrängel ist schon vorbei, die Souvenirläden sind bereits geschlossen. Aber am anderen Ufer ist ein Gartenlokal, das "Echostüberl", das noch etwas ruhiger gelegen wirkt - wahrscheinlich lässt sich dort ein Bier genießen. Ich quere einen Abfluss des Gebirgssees, indem ich über eine alte Holzbrücke schiebe, dann ein Stück am Ufer entlang und schon bin ich auf der Terrasse des Restaurants, von wo der Blick auf die im Abendlicht leuchtenden Berge schweifen kann.



Ich setze mich an einen leeren Tisch, eine Gruppe junger Urlauberinnen in Joggingkluft - sie sprechen eine slawische Sprache und sind vermutlich Bergsteigerinnen - möchte sich dazugesellen. Wahrscheinlich missversteht die Anführerin der Mädels meine Zustimmung als Ablehnung, jedenfalls wenden sie sich im nächsten Moment einem anderen Tisch zu. Am Tisch nebenan zwei Väter mit ihren Söhnen, 12-jährige Jungs mit kessen Sprüchen - das sieht nach einer wahren Verabredung zum Vaddertach aus - die Muttis sind und bleiben abwesend. Am nächsten Tisch eine Gruppe Bergsteiger und -steigerinnen, auch deren Sprüche sind nicht unkess. Einen sich nähernden jungen Mann - trotz der kühlen Luft lässt er es sich nehmen, seine muskulösen Arme zu zeigen - grüßen sie als "unseren Neger". Der gehört offenkundig zum Kletterteam und die politisch unkorrekte Begrüßung erweist sich als eingespieltes Ritual, mit dem sich einige Aufmerksamkeit erregen lässt.

 
Meine Aufmerksamkeit indessen gehört einer jungen Asiatin, die am nächsten Tisch ganz allein sitzt, vor sich ein Glas Bier und eine Portion Forelle mit Toast. Ich bestelle mir das Gleiche - der Appetit kam beim Zugucken. Der Fokus meiner kleinen Sony-Knipse hingegen ist allein auf  mein Bier gerichtet - so verschieden sind die Interessen...




Ich glaube ja im ganzen nicht, dass es darauf ankommt,
glücklich zu sein, in dem Sinne, wie die Menschen es erwarten,
aber dieses mühsame Glück kann ich so unendlich begreifen,
das darin liegt, dass man mit einer entschlossenen Arbeit
Mächte aufweckt, die selbst an einem zu arbeiten beginnen.*

 

Freitag. Nach einem schnellen Frühstück im gemütlichen Foyer des Campingplatzes und einem Schwätzchen mit dem Platzmeister radele ich erneut zum Königssee, denn ich möchte gleich das erste Boot zu St. Batholomä nehmen.
 

Als ich bei der Anlegestelle eintreffe, steht bereits eine Reihe Fahrgäste am Bootssteg, der ganz große Andrang ist noch fern. Ich muss noch mein Rad anschließen - das ist niegelnagelneu, jedenfalls bin ich noch keine Woche lang sein neuer Besitzer. Eigentlich hätte ich es lieber auf dem sicheren Campingplatz gelassen. Doch weil ich einen Tag vor meiner Abreise auch noch testen musste, wie sich die 24-Zoll-Reifen eines Faltrades beim Überrollen einer Straßenbahnschiene verhalten, habe ich einige Probleme mit dem Gehen - der Sturz führte zu diversen Zerrungen, Prellungen, Schwellungen. Einen Kilometer weit zu humpeln, hätte zu lange gedauert. Ich muss also dem ebenso neuen Kabelschloss - gut einen Daumen dick! - plus meinem alten, nur fingerstarken Kabelschloss vertrauen, dass es Diebeshände hinreichend abschrecken möge.



Mit dem ersten Boot geht es nach St. Bartholomä. Das Boot wird voll, gleich schippert ein weiteres Boot von den Bootsschuppen heran. Das Märchenbuch-Deutschland ist auch bei Asiaten sehr beliebt - sie knipsen mit ihren Tablets und Smart-Gerätschaften jede Nebensächlichkeit, vor allem aber sich selbst, die Selfie-Mode grassiert global. Auf dem Boot allerdings interessieren sie sich gar nicht für die beeindruckende Landschaft, die durch Nebelschwaden besonders reizvoll anzuschauen ist.

Statt sich am großen Schauspiel der Natur zu laben, glotzen die meisten Passagiere aus Fernost in ihre iPhones... Man fliegt also um die halbe Erde, um sich dann, inmitten dieser großartigen Panoramen angekommen, winzige Fotos  aus dem Web anzusehen? Besonders obskur: eine Frau im dicken Pelzmantel - sie starrt abwechselnd in zwei Geräte.
 



Während Frauchen noch ein wenig müde wirkt, zeigt ihr "tiefergelegtes" Hündchen reges Interesse an der Natur, die sich dem Betrachter hier in ihrer ganzen Harmonie entfaltet - die Farben der Natur sind aufeinander abgestimmt, als wäre ein guter Designer am Werk gewesen. Mit weit geöffneten, neugierigen Augen studiert der kleine Vierbeiner jede Bugwelle. Die Besatzung des Bootes besteht aus einem Bootsführer und einem Touristenbespaßer. Der Dialekt, mit dem der fröhliche alte Mann seine ausgeleierten Witzchen über Restdeutschland ablässt, klingt wie Musik in meinen Ohren. Allerdings versteht das nur eine Minderheit, denn die meisten Fahrgäste sind Ausländer. Sie im tiefsten bayerischen Dialekt mit Politkabarett zuzutexten, erscheint mir wenig durchdacht. Egal... Schlimmer wäre, wenn das Ganze vom Band abgeleiert und noch ins Englisch übersetzt worden wäre, wie es bei den Dampfern der Weißen Flotte in Dresden, die im Sommer an meinem Fenster vorbeischaufeln, stattfindet. Dann lieber nur dem authentischen bayrischen Gebirgsdialekt lauschen.

An einer genau bestimmten Stelle werden die Elektromotoren abgeschaltet und das Boot gleitet in einen stillen Winkel. Die plötzliche Stille ist wunderbar - zum Glück schweigen auch die meisten Passagiere - sie sind ja noch mit ihren Gerätschaften beschäftigt... Imposant ist die Vorführung des Echos mittels einer Trompete, das hat der Bespaßer vom Dienst richtig gut drauf. Zügig einsetzender Applaus erstickt das letzte Nachhallen in den Bergen. Der Motor surrt wieder und langsam nähert sich das Boot dem Ziel der Fahrt: St. Bartholomä.



Rechtzeitig vor der Landung haben sich die restlichen Nebelschwaden verzogen. Kaum hat das Boot angelegt und seine ersten 20 Passagiere entlassen, sind Salven Kameraverschlüsse nachahmender Gerätschaften zu hören: Selfies, Selfies, Selfies...

 

Welcome to St. Bartholomew... Das Kirchlein mit seinen Zwiebeltürmchen wird umgehend zur Kulisse für die eigene Gefallsucht. Da sage noch einer, Schauspieler und Musiker seien eitel… Während die sich von Berufes wegen inszenieren (lassen) müssen, posieren die Touristen freiwillig - für ihre „Freunde“ in Facebook und Co. Als gäbe es in dieser Welt sonst keine Hobbys.

Von hier aus lassen sich einige Wanderungen unternehmen. Das kommt für mich nicht infrage - wegen der Folgen meines Sturzes kann ich vorläufig nur die nötigsten Schritte humpeln. Die meisten anderen Touris kleben aber auch nur an der Souvenirbude fest. Auch das demonstriert die Dekadenz des Massentourismus: Zunächst wird in den Postkarten gewühlt und erst danach, falls bis dahin nicht schon jemand das vorhin gepostete Foto "geliket" hat, wirft man vielleicht noch einen Blick in die reale Postkartenlandschaft, die zudem gerade mit allerbestem Postkartenwetter aufwartet.



Der allgemeine Hang zum Narzissmus ist so extrem konformistisch geworden, so unglaublich infantilisiert, dass ich mich frage, welche Steigerungsmöglichkeiten diesen ferngesteuerten Hohlköpfen überhaupt noch geboten werden kann. Es ist nicht ganz einfach, an diesen sich selbst fotografierenden Horden vorbeizukommen, sie stehen und knipsen und schnattern in Sprachen, die meinen Ohren schmerzen, weil die Melodie der Worte so grell und abrupt ist - sogar die Stimmen der Männer erinnern eher an die Essensausgabe im Kindergarten.

 
Erst lockt der Kitsch aus Papier, Pappe und Plastik, dann die Gastronomie. Im großen Gartenrestaurant, nur einen Katzensprung neben dem Kirchlein, wischt das Personal das Kondenswasser des längst in ferne Himmel entstiegenen Nebels von den Holztischen. In den traditionellen, kurzen Lederhosen sieht das besonders keck aus - wie gemacht für ein Foto...
     
Die ersten Depressiven haben sich bereits was servieren lassen - einen Klaren gegen den Kater des Vorabends und ein kühles Blondes zum Nachspülen. Die von Hopfen und Gerste geformten Körper, die zu dieser jungen Tageszeit nach einem ausgewogenen Alkoholspiegel verlangen, schweigen lustigeren Stunden entgegen.
 
     
 
Um dem baldigen Gewühl zu entkommen, das mit anlegenden Booten naht, nehme ich das erste Boot, das zur Rückfahrt bereitsteht. Außer mir, dem Personal und einem dicken Schweizer Reiseführer sind nur zwei weitere Passagiere an Bord. Mit halber Kraft surrt das Boot vorwärts. Der Schweizer Reiseführer lässt sich über die technische Leistung der Elektromotoren aufklären. Elektro ist ein magisches Wort.



Als das Boot eine Stunde später seinen Heimathafen erreicht, ist dort alles voller Menschenmassen: alle Fressbuden und Souvenirläden sind nun geöffnet - und gut besucht. Mein Rad hat mir die Treue gehalten und freut sich, von seinen schweren Fesseln befreit zu werden. Noch ein kurzer Zwischenstopp auf dem Zeltplatz, wo ich mein Gepäck auflade, und dann geht es endlich los auf meine eigentliche Radtour. Es ist bereits 11 und ich muss mich nun doch etwas beeilen, die etwa 60 Kilometer bis zum nächtsen Quartier vor Sonnenuntergang zu schaffen.

Bis Berchtesgaden kenne ich die Strecke bereits von der Herfahrt, am Eingang zu der kleinen Stadt geht es nordwestlich nach Bad Reichenhall. Doch in Bischofswiesen verpasse ich einen Wegweiser - oder er fehlte. Und so lande ich nach einem steilen Anstieg wieder im Tal, mühe mich alsbald Serpentinen hinauf, deren Verkehrsaufkommen mich daran zweifeln lassen, auf der richtigen Radstrecke Richtung Bodensee zu sein. Ein erstes Erkundigen führt zu der Aukunft, alle Wege seien offen. Beim zweiten Fragen erhalte ich die Gewissheit, völlig falsch zu sein - ich auf der Alpenstraße im Südwesten, in den Bergen westlich des Watzmann und da geht es immer weiter in den Himmel... Ich muss zurück bis Berchtesgaden!

Wertvolle Zeit ist verloren, es ist bereits Nachmittag - ich nehme die Bahn bis Bad Reichenhall, ganauer gesagt bis Piding. Dort verfahre ich mich erneut, weil es an Schildern fehlt. Nach einer Stunde bin ich wieder an der gleichen Stelle! Auch örtliche Radler sind nicht ganz im Bilde. Erst in der siebten Stunde erreiche ich mein Quartier kurz vor Trautheim. Die Wirtin zeigt mir das geräumige Hofzimmer. Ob ich noch in die Stadt wolle, fragt sie mich noch. Nein, danke, das nachtleben von Trautheim reitzt mich weniger. Eine Dusche und ein kaltes Bier ist alles, was ich noch begehre. Jetzt bietet mir die Wirtin an, ins Balkonzimmer umzuziehen, das liegt in der Abendsonne und hat einen schönen Blick auf die kleine Stadt. Die Wirtin bringt mir ein kaltes Schwarzbier - ich trockne in der Abendsonne und lese ein paar Seiten Rilke.



Dass etwas schwer ist,
muss ein Grund mehr sein, es zu tun.*


Samstag. Ab Trautheim führt der Radweg oft entlang stark befahrener Bundesstraßen, zwischen Frassdorf und Rohrdorf geht es sogar einmal ein Stück neben der Autobahn her. Würden die vielen Menschen auch dann so viel hin und her fahren, wenn sie in die Pedale treten müssten? Was bin ich in meinem vorpedalistischen Leben selbst unnütz herumgefahren! Nur wegen dieser oder jener Hochzeit oder anderen Feiern 300 Kilometer Autobahn! 300 Kilometer Irrsinn, um alte Freunde zu besuchen, mit denen man dann wegen der vielen anderen Gäste kaum einen lohnenswerten Gedanken tauschen kann... Heute meide ich Lärm, Abgase und Gedrängel, wo immer es geht. Ich kann meine eigenen Vergehen an der Umwelt nicht ungeschehen machen, aber ich versuche meinen ökologischen Fußabdruck zu minimieren.



In Neubeuern bewundere ich die Fassade von "Haschl's Gasthaus" - "Tavernwirtschaft seit dem 14. Jahrh." steht unter dem Giebel. Diese Gemäuer könnten Geschichten erzählen: von Saufgelagen, Eitelkeiten, Eifersucht, Tratsch und Klatsch und Lug und Trug. Und obgleich die Menschen damals nicht friedlicher waren als heute, wirkt das Alte und Beständige doch so harmonisch auf den heutigen Betrachter. Ich versuche ein Foto hinzukriegen, ohne parkende Autos im Bilde zu haben...



Der Frühling hat sich eingestellt. Während zuhause im sächsischen Elbtal die meisten Blüten schon abgeworfen sind, steht das Blühen auf Feldern und Wiesen in den Höhen des bayrischen Voralpenlandes gerade im Höhepunkt. In einem Wäldchen, fernab von Straßen und menschlicher Geschäftigkeit, zwitschern alle Vöglein so lieblich wie im Volkslied - ein herrlicher Platz, um zu rasten und zu lauschen. Dann rollt es sich in ein Tal hinab, dort quere ich einen alten Bekannten, den Inn. Ich kenne den Fluss von einer meiner ersten velophilen Touren - Iller, Lech, Isar, Inn fließen rechts zur Donau hin.

Um vier bin ich im beschaulichen Städtchen Feilenbach angekommen, nun liegt ein heftiger Anstieg vor mir - auf etwa 4 Kilometern sind gut 300 Höhenmeter zu überwinden...
Das geht meistens nur schiebend. An den steilsten Abschnitten muss ich alle 20 Meter verschnaufen, manchmal bin ich nach zehn Schritten außer Atem. Wie sehr wünschte ich mir jetzt eines dieser Elketro-Bikes, wie sie längst überall zum Straßenbild gehören. Aber die Elektrifizierung des Fahrrades sehe ich als einen weiteren Sargnagel im Fleische der Natur an - die schlechte ökologische Bilanz der Herstellung und Entsorgung von Fahrradakkus dürfte der von anderen Hitech-Produkten kaum nachstehen. Wie dem auch sei, wegen mir soll jedenfalls keine Windradanlage die bayrischen Landschaften verunstalten.

Außerdem will ich mich anstrengen, denn nur durch Anstrengung wird der Mensch stärker... Muss es aber gleich so viel Anstrengung sein? Teilweise geht es wirklich sehr steil hinauf und ich bin zu dieser Abendstunde bereits etwas geschwächt. In diesen Momenten dreht sich alles um die Frage: Wird es nach der nächsten Kurve wieder flacher? Kolonnen von Cabriolets ziehen an mir vorbei den Berg hinauf - blasen ihre Abgase direkt in meine Lunge. Ich versuche meine Atmung flach zu halten - leicht gesagt, wenn man gerade um so mehr Sauerstoff braucht. Besitzer von Dieselfahrzeugen werden entschädigt, weil ihnen VW ein Mogelpaket verkauft hat. Die Besitzer von Börsenpapieren verklagen VW auf Entschädigung wegen des renditemindernden Image-Schadens - über die Gesundheitsgefährdung von Radfahrern und Fußgängern redet niemand.

Dann nähert sich ein Combi und hält neben mir - die Beifahrein öffnet das Fenster und fragt, ob sie mich den Berg hinauf mitnehmen könnte. Was für ein Angebot! Das kann ich nicht ablehnen. Sie könnten mich auch bis zu meinem Quartier bei Fischbachau fahren, bietet die Fahrerin an. Nein, nein, danke, das ist sehr freundlich, aber es ist so schönes Wetter, da will ich noch etwas radeln. Nahe am Gipfel lassen mich die beiden jungen Frauen raus, weil sie dort zu ihrer eigenen Unterkunft abbiegen. Die weitere Strecke ist entspannt. Am Dorfladen von Durnbach habe ich mir ein erfrischendes Bier verdient. In Fischbachau biege ich links in die Birkensteintraße und fahre hinauf bis zur kleinen Wallfahrtskirche von Birkenstein.



Und ist das Kirchlein noch so klein, es sucht seine Aufmerksamkeit - alle Viertelstunde, einmal, zweimal, dreimal, bimmelt es. Zur vollen Stunde dann zählt es dem Wallfahrer vor, was die Stunde geschlagen hat. Das ganz volle Programm werde ich jedoch erst am Sonntagmorgen um halb sieben kennenlernen - die Freiheit, seine Religion so geräuschvoll wie unüberhörbar ausüben zu dürfen, steht zwar nicht im Grundgesetz, ist aber Praxis, sei es im christlichen Abendlande oder sonst in der Welt.



Auf einer Anhöhe des Wallfahrtsortes kann man die grausame Hinrichtungsmethode des römischen Altertums nachempfinden - draußen im Freien, wo diese Folter zur Beeindruckung aller Schaulustigen ja tatsächlich stattfand, wirkt die Darstellung viel realistischer als in den überladenen Bilderwelten der Kirchenwände
. Dieses Nachempfindenkönnen ist ja der Zweck des christlichen Kreuzkultes. Wollte dieser tapfere Jesus sich tatsächlich für alle Schuld, die Menschen auf sich geladen haben, opfern? Falls er die Welt verbessern wollte, ist ihm das nicht gelungen. Falls er ein übersteigertes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit hatte, musste er dafür einen grausig hohen Preis bezahlen.

Lässt sich die Welt durch die Kraft des Glaubens, durch heroische Leidensfähigkeit verbessern? Man kann seine eigene Schwäche und Bedeutungslosigkeit im Getriebe des Unsiversum erkennen, seine eigenen Freveltaten bereuen, die Verfehlungen anderer mit Nachsicht beurteilen, seinen Zorn über die Ungerechtigkeit der Welt überwinden, sich um Vergebung bemühen. Man kann sich ändern, aber ich bezweifle, dass man im Innersten seines Wesens eine Art Reset oder Software-Update initialisieren kann und dann ist alles gut - bis zum nächsten eingefangenen Virus.

Morgen ist auch noch ein Tag, mich zu verbessern. Der viel beschworene Weg ist das viel beschworene Ziel.

Wie ich mein Quartier erreiche, fragt mich die Wirtin, ob ich schmutzige Schuhe hätte, man habe gerade erst den Flur gewischt. Dann führt sie mich zum Zimmerchen im Obergeschoss des alten Fachwerkhauses. Hier mag schon mancher frommer Pilgersmann mit Blick zur Wallfahrtskirche gebetet haben.
 
     
 
Wir sind Nichtraucher. Aber sicher doch! Wir waren es nicht immer, aber wir haben uns bekehret und geläutert. Wir sind Papst, wir sind Fußball-Weltmeister, warum also nicht auch Nichtraucher! Und das soll auch so bleiben - wir schaffen das...

Bei meiner ersten Nichtraucher-Radelei, Ostern vor zwei Jahren, kreuzte ich in Thüringen etliche alte und neue Pilgerwege, ich schlief sogar zweimal in echten Pilgerherbergen, einmal im Heu - ganz wie früher, und einmal in einem Benedikttiner-Kloster. Und ich hatte sogar eine kleine gebundene Bibel dabei, um die Erzählungen zwischen Hinrichtung auf Auferstehung Jesu zu lesen. Eines schönen Abends hatte mir das Büchlein kurz als Stativ für meinen Fotoapparat zu dienen - vor Freude über das gelungene Selfi mit Schwänen im Hintergrund verblieb die Heilige Schrift des Nachts im grünen Gras der Wiese. Ich hatte sie ebenso vergessen wie das darunter gelegte Steiner-Fernglas. Der morgendliche Finder dürfte den Nutzen des hochwertigen Fernglases für gut befunden haben, jedenfalls gab er keines der Fundstücke im Dorfladen ab, wo ich nach vergeblicher Suche nachfragte. Auch auf dieser Tour durchs ländliche Bayern kreuze und passiere ich etliche Pilgerwege, unter anderem den allbekannten Jakobsweg. Meistens halte ich inne bei den Kreuzen, diese ähneln sich immer sehr, doch die gereimten Inschiften sind recht individuell gestaltet.

Wanderer, beim Feldkreuz stehe stille. Betrachte im Herzen des Heilands Liebe und all seine Schmerzen. Dann zieh mutig weiter in Frieden und Ruh und wandle getrost deinem Grabkreuz zu. - Gut gereimt. So will ich es tun: Weiterziehen in Frieden und Ruh... Nur fürs Wandeln zum eigenen Kreuze hätte ich dann doch gern noch ein gutes Weilchen mehr Zeit...
 



Im Leben gibt es keine Klassen für Anfänger,
sondern es ist immer das Schwerste,
das von einem verlangt wird.*


Sonntag. Das frühzeitige Geläut der Wallfahrtskirche von Birkenstein hat nach mir noch einige andere Gäste des Hauses an die Frühstückstische gerufen. Ich breche zeitig auf, erreiche eine knappe Stunde später den Schliersee, dessen Ufer ich auf dem Radweg am westlichen Ufer folge. Nach gemächlichen Aufs und Abs erreiche ich Gmund am Tegernsee, dort ist es vorbei mit der Idylle. In einem Restaurant mit großer Terasse zur Seeseite scheint sich die mondäne Elite Bayerns versammelt zu haben - die meisten Kenzeichen der teuren Limousinen weisen das M für München auf. Glänzende Motorhauben, feiner Zwirn, elegante Kleider, kleine Jungs mit Krawatten - das sieht nach Exklusivität aus, vermutlich eine geschlossene Gesellschaft, die keinen durstigen Radler an ihrer Seite dulden wird. Die Kellnerinnen hasten mit aufgesetztem Lächeln durch die Tischreihen. Die Hoffnung, hier ein erfrischendes Getränk bestellen zu können, schwindet in Sekunden.

Von der stark befahrenen Straße, die um den Tegernsee führt, zweigt an einem Berghang eine kleine Straße in ein Wäldchen ab. Leider fehlt mal wieder ein Wegweiser. Erst fahre ich daran vorbei, doch weil kein weiterer wie in meiner Karte eingezeichneter Abzweig kommt, kehre ich um und entscheide mich für den Anstieg. Ein Radweg-Symbol in Gegenrichtung schenkt mir bald die Gewissheit, zumindest auf einem ausgewiesenen Radweg zu sein. Meine Skepsis und Umkehr, mein Mut zum steilen Anstieg wird alsbald mit einer ruhigen Strecke belohnt, herrlich durch Felder und Wälder.

 
Privatgrundstück - Durchfahrt verboten - Radfahrer bitte absteigen - Für einen hier ausnahmsweise auch einmal in Gegenrichtung beschilderten Radweg sind die am gleichen Mast befestigten Restriktionen bemerkenswert streng. Ist der Weg nun eine öffentliche Straße oder Privateigentum? Gilt hier Linksverkehr oder weshalb sind die Schilder links des Weges befestigt?
     
Achtung! Querfliegende Golfbälle... Die Felder und Wälder... Nun ja, die gehören eben nicht nur Landwirten, die für die Ernährung der Bevölkerung sorgen... Man kann auch den halben Tag mit dem Rasenmäher übers Land knattern, um fit gebliebenen Rentnern den Rasen für sportlichen Zeitvertreib zu bieten wie einem Golfball mit dem Elektromobil hinterherzufahren...
 



Etwa um 5 erreiche ich Bad Tölz. Vom rechten Ufer der Isar biege ich in die Altstadt ab. Nur einige Radfahrer versuchen sich auf dem holprigen Straßenpflaster. Die zentrale Marktstraße ist eine von kleinen Lädchen und Restaurants gesäumte Fußgängermeile mit spätmittelalterlicher bis barocker Kulisse. Im spätnachmittaglichen Licht glänzen die Fassaden, als seien sie gerade erst restauriert worden. Die Ruhe einer von Verkehrslärm befreiten Stadt ist so angenehm, so erholsam. Und keine moderne Karosse stört das historische Bild.

In historischen Zeiten dürfte der alte Brunnen am Jungmayrplatz die Tölzer mit Wasser für alle Belange versorgt haben, heute erquicken sich zwei junge Mädchen an seinem kühlem Nass. Träumen sie schon - wie so viele in diesem Alter - von einer Karierre als Mannequin, als Model, als Schauspielerin - als von Fotografen umschwärmte Berühmtheiten?
 
     
 
Am Abend ist man klug für den vergangenen Tag, doch niemals klug für den, der kommen mag. Oder mit Rilke: "Alle Einsichten sind nachträglich." In Gemäuer gravierte Sprüche mögen Binsenweisheiten sein, aber in einer so verblödeten Welt wie der heutigen sind sie dennoch ein Anker für die umherschweifenden Gedanken.

Ich kaufe eine Postkarte, quere die Isar, setze mich in ein Café mit Blick auf den Fluss und die alte Stadt - und beschreibe die Karte. Ich erfrische mich mit einem Bier - und weiter geht es. Denn bis zum Zeltplatz bei Kochel am See habe ich noch etwas Weg vor mir. Größtenteils radle ich durch weite Ebenen, die Berge liegen fern am Horizont.

 
Nach manchen dicken Quellwolken, die nachmittags die barocken Gemäuer des Klosters von Benediktbeuern erblassen ließen, kann sich die Sonne später wieder durchsetzen und schickt noch ein paar kräftige Strahlen über die Pferdekoppel.
     
Lang sind schon die Schatten des Vorabends. Die Mädchen mit ihren Hunden haben mich bereits bemerkt und machen mir Platz zum Überholen. Doch eine lokale Bahn ist schneller als ich. Und der Schotterweg ist keine Piste für Wettrennen zwischen Zug, Rad, Pferd und Hunden.
 



Bald steigen die Schatten des Tales am Berg hinauf und künden die Nacht an. In der Ferne sonnen sich nur noch die schneebedeckten Gipfel der Alpen. In den Tälern wird es schnell duster. Der kleine Campingplatz bei Kochel am See darf sich zurecht noch Zeltplatz nennen - zwei weitere Einzelradler haben dort ihre Miniaturzelte aufgeschlagen und ein paar junger Männer aus der Schweiz, die mit dem Auto hier sind, haben ein großes Zelt aufgestellt. Sie laden mich zum Kaffee ein und erzählen mir, dass sie ein paar Tage zum Angeln gekommen sind - in der Schweiz gäbe es ja nur kleine Seen, da sei nichts zu holen. Mit der einen einzigen Forelle, die sie hier in den fünf Tagen ihres Aufenthaltes gefangen hätten, sind sie aber auch nicht zufrieden.



Nach 8 sei die Straße, die zum Walchensee hinaufführt, ganz ruhig - und außerdem ist Sonntagabend, wiegelte die Platzmeisterin ab... Die B11 trifft ein paar Kilometer weiter allerdings auf die E533 und die führt nach Österreich... Ob da jemals der Verkehr schweigt? Müßig darüber Gedanken zu verschwenden. Heute Nacht werde ich ohne Ohropax keinen Frieden für Ohr und Seele finden. Um dennoch einsäuseln zu können, brauche ich ein Wiegenlied...



Du musst das Leben nicht verstehen
dann wird es werden wie ein Fest
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt*


Montag.
Meine Gutenachtgedanken beziehe ich auf dieser Tour aus einem Buch mit dem Titel "Du musst dein Leben ändern"... Nein, ich meine nicht den dicken Klopper von Peter Sloterdijk! Der war auf meiner Irlandtour schon zu viel, zu schwer. Er würde für eine Weltreise reichen, vielleicht für einen Flug zum Mars - und zurück. Wie ich irgendwo aufgeschnappt habe, soll der berühmte Philosoph selbst ein Freund des Pedalierens sein - vielleicht trifft man sich auf diese Weise mal. Ein Imperativ hört sich immer wie eine Vorschrift an, die man lieber missachten möchte. Aber manche sind so essentiell, dass es nicht schaden kann, darüber nachzudenken. Irgendwann in meinem Leben - als der Alltagstrott und ungesunde Gewohnheiten mich im Griff hatten - gab es gute Gründe, Wesentliches zu ändern und dieses Ändern als Prozess zu begreifen... Meine Lektüre ist ein Büchlein, in dem der Verleger die lyrischen und aphoristischen Lebensweisheiten Rainer Maria Rilkes versammelt hat.


Sie aufzusammeln und zu sparen
das kommt dem Kind nicht in den Sinn
Es löst sie leise aus den Haaren
drin sie so gern gefangen waren
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin*

Wir leben in einer Zeit voller Spezialisten, von denen wir immer abhängiger werden - die kennen sich in ihrem Feld aus, doch wenn ein Nagel für ein Bild in die Wand soll, brauchen sie selbst einen Fachmann, den Handwerker, der das noch kann. Überall sind Experten - es gibt Nahost-Experten und Terrorismus-Experten - und jeder Mann hält sich für einen Frauenversteher. Priester geben sich als Gott-Versteher und Astrophysiker erklären Laien die Gesetze des Universums als sei jeder Nicht-Astronom ein Depp, dem man nur mit Metaphern vom Fußballplatz beikommen könne... Was ist mit dem Naheliegendsten? Wer versteht sich selbst? Wer will sich selbst verstehen? Wer versucht sich und sein eigenes Leben zu verstehen? Ich wandere hinaus in die Wälder, allein und nur mit mir selbst, um in Ruhe über mich und die Welt nachdenken zu können, mich selbst zu verstehen. Und dann kommt mir dieser Rilke in die Quere - mit seinen Versen, man müsse das Leben nicht verstehen, dann werde es ein Fest...

Wie tief mir dieser Rilke aus der Seele spricht, wenn er fortfährt, es käme keinem Kind in den Sinn, die Blüten aufzusammeln... Es fliegen ja überall neue umher - wozu also sammeln? Ich muss nur die Hände öffnen und sie dem Frühling entgegenstrecken. Wo könnte ich das besser als hier draußen in der Frühlingsluft! Hier draußen in den Bergen, wo der Lärm und Gestank der Welt fern genug ist, wo mich keine Lüge erreichen kann außer eine, die ich mir selbst ausdenken müsste. Rilke liefert mir Stichwörter zum Sinnieren über mein Leben, allein mit den 80 Seiten des Büchleins könnte ich noch Wochen so vor mich hin pedalieren.

Sloterdijks 700 Seiten dicke Analyse des Asketischen in der Weltgeschichte fasziniert mich ebenso - der Sinn des Übens, des Meisterns von Künsten, des einsamen Sichselbstverbesserns, des Durchhaltens und Weitermachens ist also bedeutsam genug, darin die menschliche Kulturgeschichte zu reflektieren? Selbstverständlich! Wenn man genug darüber weiß, genug gelernt und gesammelt hat, ist man dazu berufen. Was ich tue, wenn ich mir meine kleinen Welten erradle, wen ich sie mit eigenem Anschauen er-fahre, ist nichts Besonderes und nichts Neues - es gibt diesen langen grünen Faden zwischen H.D. Thoreau, W. Whitman, J. Kerouac. Es gibt ihn zwischen E. Jünger, M. Stirner, H. Hesse. Und nun gibt es für mich noch diesen Rilke, diesen Fädchen zu Slotertijk - oder auch umgekehrt.

Vielleicht ist der Buchtitel, den Sloterijk sich aus dem Rilke-Gedicht lieh, auch nur die Idee seines Verlegers gewesen - oder seiner Frau, oder seiner Mutter, oder einer seiner Studentinnen? Who knows. Während mich die Thesen Sloterdijks zum Nachdenken über die Zeit, in der ich lebe, bewegen, lässt mich Rilke ins Innerste meiner eigenen Biografie blicken. In dem Rilke mir das Lebens als etwas empfiehlt, das gelebt werden kann - ohne immer den tieferen Sinn ergründen zu müssen - fühle ich mich endlich auch dort gut motiviert, wo ich mich einfach nur rollen lassen muss, nämlich talwärts...

Für eine Nacht im Zelt habe ich gut geschlafen - das zeugt von der Schwere, die eine anstrengender Weg in die Knochen des Radlers packt, und spricht für die gute Wahl meiner Einschlaflektüre. Und guter Schlaf wiederum garantiert zeitiges Erwachen. Die frechen Vögelein haben mich bereits um 5 geweckt - ich lausche ihren Liedern, so lange es möglich ist. Gegen 6 sind längst die ersten Berufspendler in der Spur zu ihren Jobs - also beginnt der Verkehrslärm. Nun soll es also ein echter Frühaufstehertag werden - gegen 7 habe ich das Zelt gepackt und aufgesattelt. Mein heutiges Ziel ist Schwangau, das Dorf zu Füßen der Stein geworden Märchenphantasien des extravaganten bayrischen Königs Ludwig II.

Zunächst geht es zurück ins noch verschlafene Kochel am See, ab hier folge ich wieder dem ausgewiesenen Radweg. Mein Tacho zeigt seltsamerweise zwischen 60 und 90 km/h - tatsächlich fahre ich nur Schrittgeschwindigkeit. Doch sobald ich schneller bin, siehe und staune: 0 km/h. Die vergangenen Tage funktionierte das Ding richtig. Braucht man sowas auf einem Rad überhaupt? Die Angabe der Gesamtkilometer erlaubt Rückschlüsse für die Planung einer Tagesetappe, das kann sinnvoll sein. Thermometer und Chronmeter liefern ebenfalls nützliche Informationen. Und alles Sonstige? Etwa der anhand von Altersangabe und gezählten Kilometern ermittelte, angebliche Kalorienverbrauch des Radlers? Völliger Unfug. Ich vermute, die selbständige Umschaltung auf den (nicht eingestellten) Radumfang eines Zweitrades - noch so ein Schmarn! - führt zu den absurden Ergebnissen. Also Reset? Alles neu einstellen.

Nichts hat sich geändert. Pfeif drauf! Schimpft sich Fahrradcomputer und kann nicht mal die Kilometer messen! Ich weiß auch so, dass meine Etappen angemessen kalkuliert sind - nur hat mich diese Einsicht eben eine halbe Stunde meines Tages gekostet. Der Radweg führt nun, fernab der großen Straßen, durch herrliche Bilderbuchlandschaften. Auf den asphaltierten Feld- und Wanderwegen lässt es sich gut rollen. Der Blick ins Grün der Wiesen und Wälder ist berauschend. Weit in der Ferne leuchten schneebedekte Alpengipfel, über allen thront die Zugspitze.


Eigentlich gibt es im ländlichen Bayern keinen Feldweg ohne Feldkreuze. Meist halte ich dort inne und denke ein Weilchen über die kleinen Sinnsprüche nach. Einige machen mich nachdenklich, andere rühren mich an. Und wo es die Landschafft und eine Bank anbieten, lasse ich nur den Blick in die Ferne schweifen.
 
     
 
Im schönen Bilde der Natur siehst du des großen Gottes Spur... Wenn es sich unbdeingt reimen soll, darf die Schöpfungsrolle des Allmächtigen auch mal in eine bescheidene Mitwirkungsrolle umgedichtet werden - so dogmatisch sieht das die frommste Seele nicht.



Ob die Leute vom schönen freien Lande heute noch immer an den bösen Teufel glauben? An "dunkle Mächte", die einen herbeigerufenen Geistlichen daran hindern könnten, einem Sterbenden die letzten Sakramente zu erteilen? Glaubt die Christenheit des 21. Jahrhunderts noch immer an Hölle und Paradies? "Der Pater flehte die Hl. Jungfrau an und gelobte, eine Gedenksäule zu errichten. Plötzlich schwand die Finsternis. Ein Wunderbild der Hl. Jungfrau wies dem Pater den Weg."

Welch holde Maid mag den Pater tatsächlich so lange aufgehalten haben, dass er sich auf dem Weg zu jenem Sterbenden diese Gechichte ausdenken musste? Man weiß es nicht, man weiß es nicht... Die unglaublichen, die absurden, die zweideutigen Geschichten sind immer die besten - nur sie haben das Zeug, die Phantasie zu füttern, heitere Zerstreuung ins Einerlei des dörflichen Alltags zu bringen. Wahrheiten sind langweilig; oder traurig oder unanständig - selbst die Philosophen wollen keine langweiligen Wahrheiten ergründen...
Meine persönliche Wahrheitsliebe ist momentan auf die Kenntnis des Streckenprofils meiner heutigen Etappe gerichtet. Zum Glück ahnt mein junger Packesel nicht, welche Anstiege ihm heute bevorstehen.



Zwischen Eschenlohe und Bad Kohlgrub geht es überwiegend durchs Grüne, dann wird es nochmals sehr steil - auf wenigen Kilometern sind über 300 Höhenmeter zu schaffen. Nach einigem Schieben und Schnaufen bin ich im Ortskern der Kurstadt und halte entsprechend durstig Ausschau nach einer Tränke - gleich ins erste, vielleicht auch einzige Gartenlokal an der Hauptstraße kehre ich ein. Wüsste ich nicht, dass ich im gewöhnlichsten Straßencafé eines Kurortes säße, würde ich den Laden für ein Etablissement halten, wo mehr als Speisen und Getränke angeboten werden... Die junge, an Rundungen üppig ausgestattete Kellnerin serviert mir das Bier im hautengen, schwarzen Nylondress, zwischen Ober- und Unterteil blitz ihr Nabel auf.

Ich frage sie, ob sie mir meine Wasserflasche auffüllen würde. Als sie wenig später mit der vollen Flasche zurückkommt, steckt sie mir diese gleich in die Halterung am Rad - und lächelt mich dabei so hübsch an. Ich lächle zurück - so dezent und artig wie es meiner vorgerückten Jugend gebührt. Immer wieder staune ich, besonders im gastronomischen Bereich, über die zuvorkommende, vielleicht typisch oberbayerische Freundlichkeit. In meiner sächsischen Heimat ist in Sachen Freundlichkeit längst wieder die Bevormundung der DDR-Gastronomie eingekehrt. Dabei hatte es im Juli 1990, zur Währungsunion, bei der Einführung der Westmark, so nett angefangen. Von einem Tag zum anderen waren die Kellner und Verkäufer wie verwandelt - das Personal war auf Marktwirtschaft eingeschworen worden, aber es blieb eben Personal... Es blieb der selbe Haufen Befehlsempfänger. Das Gesicht einiger Ossi-Kellner sagt unmissverständlich: Hilfe! Schon wiede
Gäste!

Mag sein, der Unterschied zwischen Stadt und Land, macht auch was aus. Die entspanntere Atmosphäre fällt mir auch beim Umgang mit Migranten auf. Niemand wird schief angeguggt, weil er nach afrikanischer oder arabischer Herkunft aussieht. Da könnten einige meiner Landsleute etwas lernen - sie sollten mehr verreisen, am bestem ohne das vertraute Rudel und dafür mit dem Radel...

 
Wieder hat der Nachmittag große Quellwolken angehäuft, das Licht ist milchig trüb, die Luft angenehm kühl. Nach etlichen Schotterwegen, weiteren Anstiegen und manchem eindeutig uneindeutigen Wegweiser, rolle ich in die Hochebene bei Schwangau.
     
     

An den Schwangauer Bergen wird der Himmel in den frühen Abenstunden immer grauer. Die Drachensegler können noch umhergleiten und sicher landen. In der Ferne erkenne ich schon die Märchenburg des einstigen Bayernkönigs. Wegen des fehlenden Sonnenscheins hebt sich Schloss Neuschwanstein nur kontrastlos von den Felsen im Hintergund ab, da kann ich die Kamera gleich in der Tasche lassen.



Um so schöner leuchtet, als die Sonne nochmals durch ein Wolkenloch lugt, eine im 17. Jahrhundert errichtete, einsam zwischen Felder und Weiden platzierte Kirche. Die nach einem irischen Wanderprediger namens Coleman benannte Kirche ist, kommt man aus meiner Richtung geradelt, der erste Blickfang in Schwangau. Coleman wollte seinerzeit, Anfang des 11. Jahrhunderts, ins Heilige Land pilgern, rastete angeblich an dieser Stelle, kam noch bis Stockerau im heutigen Österreich, wo er als Spion verdächtigt, gefoltert und hingerichtet wurde. Die Legende weiß von Wundern um den Tod des Pilgers, seither gilt er den Katholischen als Heiliger.



Dann schwenkt die Sonne ihre abendwarmen Strahlen auch zum berühmten Schloss Neuschwanstein hinüber. Bevor ich mir das Schloss von Näherem besehen will, biege ich zu meinem heutigen Quartier im Ortsteil Waltenhofen am Forggensee ab. Gleich in Nachbarschaft zum Gästehaus Moarhof, wo ich ein Balkonzimmer beziehe, befindet sich eine weitere alte Kirche, deren Grundsteinlegung bis ins 8. Jahrhundert zurückgeht. Das Schicksal, das den Namenspaten, den Heiligen Florian, ereilte, liegt noch tiefer in der Vergangenheit. Am 4. Mai anno 304 wurde er auf grausame Weise hingerichtet, weil er seinen verfolgten christlichen Glaubensbrüdern beistehen wollte - und das nur wenige Jahre vor der durch Kaiser Konstantin endlich zugesicherten Religionsfreiheit. Als ehemaliger Offizier der Römischen Armee wurde er von den Soldaten gefangen genommen, deren Vorgesetzer er einst war. Das Leben kann zur tödlichen Tragödie werden, wenn man zur falschen Zeit mit dem falschen Glauben am falschen Ort auftaucht.

Schloss Hohenschwangau - von den zierlichen Türmchen und Zinnen könnte man weit ins Land blicken, das Auge über den Alpsee schweifen lassen oder den Sonnenuntergang hinter dem Forggensee folgen, der nach dem schneearmen Winter noch wenig Wasser hat. Nur ein Rinnsal fließt zurzeit durch den Kiesgrund.
 
     
 
Schloss Neuschwanstein - im Abendlicht glänzt das Märchenschloss wie Gold - davon war sicher auch einiges nötig, um die immensen Baukosten zu finanzieren. Ich werde die Kassen der heutigen Besitzer nicht durch meinen Besuch nachfüllen, habe das aber bereits vor gut 20 Jahren einmal getan - gemeinsam mit vielen lebhaften Japanesinnen und Japanesen...



Jungen Menschen möchte ich immer nur dieses eine sagen
- dass wir uns immer an das Schwere halten müssen;
das ist unser Teil. Wir müssen so tief ins Leben hinein gehen, dass es auf uns liegt und Last ist:
Nicht Lust soll um uns sein, sondern Leben.*


Dienstag. Das eine muss das andere nicht ausschließen, ein bisschen Lust gehört zum Leben - wie ein Tässchen Kaffe am Morgen. Während die Herbergsmutter gestern Abend etwas im Stress stand und alle Ansagen im Schnelldurchgang absolvierte, ist sie beim Frühstück umsichtig und fürsorglich eingestellt - es fehlt an nichts. Ich bin nicht der einzige Radler im Haus - und einige fröhliche Seniorinnen drehen die ausgelöffelten Eier um und stecken sie - Revanche - in die Eierbecher der Nachzügler, die den Scherz am Vortag machten...

Gegen 9 bin ich in Füssen, der kleinen Stadt am Forggensee. Ich suche ein Postamt, um eine Kartenmarke zu kaufen und die Postleitzahl einer Anschrift herauszufinden. Das Schalterpersonal fragt schon von weitem, was man für mich tun könne - wie erklärt es sich, dass die Menschen hier so viel entgegenkommender sind als bei mir zuhause? Und in einem Fahrradladen kommt es noch besser. Weil eine Inbusschraube an der Flaschenhalterung zu kurz ist, lockert sich das Gestell immer wieder. In einem großen Fahrradladen frage ich nach einer längeren Schaube. Der Verkäufer geht ins Lager und bringt mir zwei - eine als Ersatz. Was schulde ich, frage ich. Nichts, antwortet der gute Mann, ein kleines Geschenk.

Romantische Straße - Gut zu wissen, hier könnte ich auf einen Radweg gen Norden abbiegen - nach Würzburg. Abgesehen davon, dass die Strecke, ihrem Namen und der Beschreibung nach, ein reizvoller Radelweg sein könnte, ließe sich diese Kursänderung mit einem Besuch in Kitzingen verbinden - das ist, wo Deutschlands Ukulelen gebaut werden... Doch für dieses Mal bleibe ich auf meiner Ost-West-Strecke, und zwar schon deshalb, weil ich heute Abend eine Verabredung in den obersten Etagen des Allgäu habe...
 

Ein kleiner Nachteil meiner erflogreichen Shopping-Runde in Füssen: Ich bin offenbar weit vom Weg abgekommen - und folge nun versehntlich anderen Radwegschildern. Zwar stimmt die Richtung irgendwie, aber auf der Karte sieht es halt anders aus - ich müsste längst das Ufer des Hopfensees zu meiner Linken haben. Stattdessen quere ich eine Bahnstrecke, die westlich des Sees eingetragen ist - das heißt: am gegenüberliegenden Ufer, wo ich mich, wie mir langsam klar wird, tatsächlich auch befinde.

Ab Hopferau bin ich zwar wieder auf der ausgewiesenen Strecke, aber gleich hinter der Stadt gibt es erneut Verwirrung. Der Radweg führt rechts neben der Landstraße her, vor einer Unterführung geht es mit Schwung hinab - leider kann ich letzteren nicht für den folgenden Anstieg nutzen, denn ein Radwegschild weist an, nach links abzubiegen, heißt, die Straße zu unterqueren. Das stimmt auch mit der Abbildung auf meiner Karte überein, also gibt es keine Skepsis an der Richtigkeit. Seltsam ist nur, dass das Schild nach der Unterführung wieder nach rechts weist, wodurch ich quasi nur die Straßenseite gewechselt habe und nunmehr links der Landstraße fahre. Damit nicht genug... Der Radweg endet und ich muss wieder auf den Radweg rechts der Landstraße! Also hätte ich mir die ganze Abbiegerei sparen können...

Mit dem Schwung, den ich infolge der schildbürgerhaften Beschilderung nicht nutzen konnte, wäre ich jetzt schon tausend Meter weiter. Ein alter Mann schiebt eine Schubkarre von seinem Feld auf den asphaltierten Radweg. Ich frage ihn nach dem Weg Richtung Eisenberg - und danach, was er von der unsinnigen Radwegführung halte. Wer veranlasst eine derartige Schildbürgerei? Er grinst mit der Gelassenheit seines ehrwürdigen Alters, das schon viel mehr und viel gröberen Unsinn wegzustecken hatte, und antwortet mit der nüchternen Einsicht seines langen Lebens: die Obrigkeiten. - Klar, wer sonst! Was für eine überflüssige Frage!

Hachja, die Obrigkeiten... Der Titelseite einer reich bebilderten Zeitschrift ist zu entnehmen, dass sie weiterhin am Ruder sitzen - und mehr oder eher weniger geschickt damit umgehen. Merkels Deal mit Erdogan, vor wenigen Wochen erst in Sack und Tüten gebracht, könnte scheitern, steht da als oberste Schlagzeile. Vielleicht wäre das ohnehin gescheiter als sich auf die endlosen Nachforderungen eines gewieften, autokratischen Regierungschefs einzulassen, der sich auf dem Basar geostrategischer Machbarkeiten besser auskennt als die ehemalige FDJ-Funktionärin, die heute Deutschland regiert? Was auch immer die Obrigkeiten faseln, fordern und bestimmen, was auch immer die Zeitungen zu diesen Themen herumschwadronieren, es ist nicht meins - ich kann es nicht nach meinem Erachten beeinflussen. Und ich bezweifle, ob ich selbst die Lösung wüsste, wie sich diese komplexen Angelegenheiten regeln ließen. Ich kann nur zur Kenntnis nehmen, dass Obrigkeiten unfähig genug sind, eine logische und konsequente Radwegbeschilderung zu organisieren. Was soll ich da auf großer Bühne erwarten?



Mein Weg war mal wieder ein Umweg, aber ich habe eben das idyllisce Dörfchen Zell gestreift und bin nach Abgleich mit meiner Karte also wieder auf dem richtigen Weg. Der führt gerade steil bergauf. Am Gipfel verschnaufe ich und blicke zurück ins Tal. Von dort quälen sich noch zwei schwerbepackte Radler hinauf, beide etwa mein Alter. Sie haben die gleichen wasserdichten Seitentaschen am Gepäckträger wie ich - das spricht für Regenerfahrung. Quer obendrauf hat jeder der beiden noch eine große Tasche geschnallt - gleiches Material, gleiche Marke, aber eher wie ein überdimensionierter Hebammenkoffer konstruiert. Vom Packvolumen lässt sich darin womöglich mehr verstauen als in beiden Seitentaschen zusammen. Die Frage ist nur: Sollte man überhaupt so viel Volumen haben?

Wo viel Platz ist, wird er auch gefüllt. Dass einige Frauen gern ihren halben Kleiderschrank mit auf Reisen nehmen, ist bekannt - und wird von selbigen kaum bestritten. Was wird aber der Gatte mitschleppen? Das gemeisame Zelt? Die halbe Küche, einen Minifernseher? - Gut, das kann mir völlig egal sein. Ich empfinde jedoch eben eine gewisse Vergnüglichkeit, wenn ich deren Lasten mit meinen vergleiche. Zwar bin ich der Kunst des Weglassens fortgeschritten, aber ich weiß, ich habe noch Sachen im Gepäck, die ich in den bisherigen sechs Tagen meiner Reise noch nicht benötigt habe und die ich mit einiger Wahrscheinlichkeit auch in den folgenden Tagen nicht brauche. Es gibt also noch einiges wegzulassen.



Der Himmel lässt kein Fleckchen Blau mehr erkennen, daher sind auch die Temperaturen kühler. Angesichts der welligen Landschaft, die mir zwischen 700 und 900 Mtern über Meereshöhe manche kräftigen Tritt in die Pedale abverlangt, muss ich der Wärme der Vortage nicht nachtrauern. Der angekündigte Wetterwechsel ist jedenfalls bereits zu spüren. An einem kleinen Friedhof, einige Kilometer nach Zell, halte ich inne. Wer mag hier, weit ab von jedem Dorf, begraben sein?

 
Gedenkt der Toten des Pestjahres 1635. Ob der Friedhof richtige Gräber mit Namen auf Grabsteinen hat? Wahrscheinlich handelt es sich um ein Gemeinschaftsgrab. Ich werde es nicht näher erforschen - und lasse die Toten ruhen, wie es das R.I.P. anmahnt - Requiescat in pace. - Was aber heißt gedenken anderes als zu fragen: Was mag das Leben dieser Menschen bestimmt haben und was wäre aus ihnen geworden, hätte sie die tödliche Seuche nicht binnen weniger Tage mitten aus dem Leben gerissen und dahingerafft? Sie mögen Schmiede gewesen sein oder Musiker, Bauern und Dichter, Schneider und Lehrer, Priester und Ärzte? Keiner konnte dem schwarzen Tod entrinnen.

Bis Nesselwang geht es immer wieder auf und ab. In dem Städtchen hat das schwer bepackte Radlerpärchen sich vermutlich ein längeres Päuschen gegönnt, denn nachdem mich die beiden vor Stunden hinter sich gelassen hatten, sehe ich sie nun wieder hinter mir. Erneut holen sie mich ein, mit ihren bergtauglichen Rädern haben sie an den Steigungen Vorteile. Ob es überhaupt so viel Vorsprung bringt, im Nähmschinengang am Berg zu pedalieren, wage ich - angesichts des Schnaufens und Keuchens der beiden - zu bezweifeln. Wer sein Rad liebt, der schiebt...

Natürlich liebe ich mein neues Radel auch nach sechs Reisetagen noch immer so innig wie an jenem Tage vor meiner Abreise, da es mich übermütig abwarf - und das ist noch keine ganze Woche her. Vor allem aber liebe ich auch den Sattel, dem ich gern einmal etwas Entlastung und Belüftung gönne. Das gelegentliche Schieben ist durchaus eine angenehme Abwechslung.

Nesselwang liegt 3,3 km hinter mir - Radwegweiser sind genauer als die gelben für den Resterkehr. Nachteil der Radwegweiser ist, dass weder ihr Standort noch ihre Beschriftung irgendeiner Normierung zu folgen scheint. Den Ort mit dem eigenartigen Namen Oy-Mittelberg finde ich sowohl auf meiner Karte als auch auf dem gelben Schild. Was spricht dagegen, ihn auf dem Radwegweiser in gleicher Weise anzugeben? Zumal es in der Umgebung noch andere Oys gibt!
 



Auch wenn der Wind immer mal wieder ein Loch in die Wolken bläst, der Wetterumschwung lässt sich nicht mehr ignorieren. Beim Frühstück war fürs Pfingstwochenende von Dauerregen und Höchsttemperturen unter 10 Grad die Rede. Der Radweg führt mich über ruhige Wege, auf und ab, und shcließlich talwärts an den Rottachsee. Auch da fehlen mitunter Schilder, aber dieser Mangel lässt mich nicht zu weit ab vom Wege straucheln, sondern bringt mich bei Petersthal sogar auf eine kleine, nicht minder beschauliche Abkürzung. Und nie in meinem Leben hätte ich sonst von der Existenz des Dorfes Uttenbühl erfahren, wo es neben drei anderen Häuschen immerhin das "Meditations- und Studierzentrum Budda-Haus" gibt, was wohl besonders Seine Heiligkeit, den zum Dauerlächleln verleuchteten Dalai Lama, begeistern dürfte.

 
Du lebst. Erinnerst du dich?

Was für eine Frage! Herrlich! Und diese in zerriebenen Hobelspänen ruhende Hand! Ironische Antwort auf Rilkes Ermutigung, das Leben zu meistern wie es ist? Das Schwere als Herausforderung zu suchen statt es zu vermeiden? Hat sich der kluge Sprücheklopfer vom Baumarkt von Rilke inspirieren lassen?
"Denke an das Leben selbst. Erinnere dich, dass die Menschen viele und bauschige Gebärden und unglaublich große Worte haben"*

In der 5. Stunde erreiche ich Immenstadt im Allgäu. Auf der Straße vor einem Restaurant labe ich meine durstige Kehle an einem frisch gezapften Bier. Links und rechts des Eingangs sind zwei mittelalterliche Prangerpfähle ausgestellt. Von meinem Tisch aus habe ich jenen im Blickfeld, bei dem Kopf und Hände des Delinquenten zwischen zwei Brettern fixiert wurden - trotz dieser unbequemen, die Bewegungsfreiheit arg eingeschränkenden Strafe ging es dabei weniger um körperliche Folter als vielmehr um die öffentlich Entehrung: ums An-den-Pranger-stellen. Schaulustige konnten den Delinquenten anspucken oder anderweitig demütigen - Unterdrückung und Gewalt gewohnte Mitbürger dürften diesbezüglich einfallsreich (gewesen) sein. Man kann solche Dekoration vor einem Restaurant passend finden oder nicht, in jedem Fall erregt sie Aufmerksamkeit. Ein älterer Passant besteigt das Podest und lässt sich mit Kopf und Händen im Brett von seiner Frau fotografieren. Dass ein seit langem verheirateter Mann das Bedürfnis verspürt, seiner Ehe einen so starken symbolischen Ausdruck zu verleihen, sollte mich nicht sonderlich überraschen. Dass eine Frau Genugtuung empfindet, ihrern Gatten in einer solch hilflosen Pose abzulichten, ebenso wenig.

Dann kommt eine alte Frau und verweilt vor dem anderen Pranger - das ist grausam, sagt sie zu mir. Da ich die andere Gerätschaft nur flüchtig wahrgenommen hatte, stehe ich auf und werfe einen Blick darauf: ein an einer Kette befestigtes Halseisen - das hatte offenkudig den gleichen Zwecken gedient: an den Pranger stellen, demütigen, abschrecken, die unersättliche Schaulust des Volkes befriedigen. Ja, antworte ich der alten Frau, das war grausam - heute wird das anders gemacht, anders benannt - und sehr viele Leute haben Spaß daran... Auf diesem Platz fanden früher auch Vierteilungen statt, eränzt die Frau. Mag sein, erwidere ich, aber auch das kann mich nicht davon überzeugen, dass wr heute in besseren Zeiten leben...

Meine Bemerkungen treffen oder reizen ihre eigenen Gedanken - über früher und heute. Und heute habe es schon wieder Tote gegeben, bei einer Messerstecherei in München. Wo soll das nur hinführen, fragt sie. Sie könne sich gut an die Zeit vor dem Krieg erinnern, da habe es auch so viel Unruhe gegeben. Und dann der Krieg - und die Vertreibung aus Schlesien, das will man doch nicht noch einmal erleben. Nein, das möchte man besser überhaupt nicht erleben. Die Heimat verlassen müssen, Haus und Hof aufgeben, nur weil die Mächtigen ihre bescheuerten Spielchen spielen und die Menschen gegeneinander aufhetzen, das ist immer schlimm... Sie sei froh, sagt die alte Frau, dass sie ihr Leben so weit leben konnte, und bedauert die jungen Leute, die so ahnungslos in den Tag hineinleben. Ich bin 89, sagt das alte Mütterchen - nicht ganz ohne Stolz, glaube ich. Und den kann ich gut verstehen: Trotz aller Entwurzelung, trotz aller Schicksalschläge so alt werden und noch immer gut zugange, darüber darf man ruhig glücklich sein.

Ich trinke den letzten Schluck im Stehen und klemme meine Kartenhalterung wieder ans Radl. Das ist aber ein schickes Fahrrad, schmeichelt die alte Frau. Es gibt viel Schickeres, antworte ich, aber ja, es ist neu und glänzt noch - und als kleiner Packesel zum Wandern hat es meine Erwartungen in den vergangenen Tagen nicht enttäuscht. Wahrscheinlich würde sie sich gern weiter mit mir unterhalten, doch ich habe eine Verabredung. Vor einer halben Stunde habe ich meine alte Schulfreundin Petra angerufen und ihr gesagt, dass ich bis Oberstaufen noch etwa zwei Stunden brauchen werde - eine halbe Stunde davon habe ich mich gerade mit der alten Frau unterhalten. Zum Abschied greife ich von hinten ihre rechte Schulter und danke ihr fürs Plaudern. Sie bedankt sich zurück.

Die Fahrt am nördlichen Ufer des Alpsee ist ein besonderes Vergnügen, kein Fernverkehr stört die Idylle. Der Verkehr der Hauptstraße am südlichen Ufer ist fern und kaum zu hören. Die parallel zum Radweg führende Bahngleise sind derzeitig eine Baustelle, auch von da stört nichts die Ruhe. Erst einige Kilometer hinter dem See laufen alle Wege zusammen: der Radweg, die Bahngleise und die Deutschen Alpenstraße. Ich passiere beschauliche Dörfchen - Osterdorf, Thalkirchdorf, Knechthofen. Ihre ursprüngliche Lebensader ist ein Flüsschen namens Konstanzer Ach. Ein dunkelhäutiger Fußgänger, den ich überholt hatte und der mich beim Studium meiner Karte wieder einholt, fragt mich nach dem Weg zu dem hohen Berg in südlicher Richtung. Meine Karte zeigt nur den Ausschnitt des Radweges, daher kann ich ihm nicht weiterhelfen. Sein gebrochenes Deutsch verrät seinen Migrationshintergrund. Woher mag er konkret kommen? Was will er zu dieser Abendstunde an dem Berg? Er hat keinerlei Rucksack und für eine Wanderung zu einem hohen Berg ist es in der siebten Stunde auch schon ziemlich spät.

Vor dem Staufner Berg, dessen Gipfel gut tausend Meter über Meereshöhe liegt, gabelt sich die Straße. Ich folge links der Alpenstraße, die noch einige Steigungen - und leider auch reichlich Verkehr - zu bieten hat. Leider habe ich die Abzweigung auf einen alternativen Weg verpasst. Statt einer ruhigen Fahrt am Waldesrand muss ich hier die Abgase der Busse und Laster einatmen - aber das ist nicht alles: auch die Abgase der PKW sind, wie VW seit einem halben Jahr zugeben muss, bei Millionen neuer Autos alles andere als Frischluftversorger... Die Kurven verkürzen den Fahrern die Sicht, dennoch gehen sie nicht vom Gaspedal. Dieser Abschnitt, der nicht mehr zur ausgeweisenen Radstrecke gehört - ist der gefährlichste meiner bisherigen Tour und ich bin heilfroh, als ich ihn hinter mir habe.

Am Ortseingang zu Oberstaufen biege ich links ab und bremse in ein tiefes Tal hinunter, nach Weißach. Dort bin ich mit einer Schulfreundin verabredet. Ich halte Ausschau nach dem als Treffpunkt vereinbarten Parkplatz. Sobald ich dort angekommen sei, solle ich einfach noch mal anrufen. Mit dem letzten Schwung rolle ich in die Ebene - und an Petra vorbei. Denn da steht sie schon - drüben auf der anderen Straßenseite - und will den historischen Moment mit ihrem Phone einfangen...

 
Ich wende umgehend, steige ab, lehne das Rad an einen Baum. Wir umarmen uns - zuletzt sahen wie uns beim Klassentreffen vor fünf Jahren. Das diesjährige Treffen, erst vor drei Tagen fand es statt, musste ich zugunsten meiner Tour überspringen...

Ich klappe mein Rad zusammen und bugsiere es in Petras Auto. Zu ihrer Wohnung in Steibis geht es nochmals einige Kilometer steil bergauf - mit dem Rad hätte ich eine Stunde schieben müssen, das wollte sie mir nicht zumuten. Petra hat Abendbrot vorbereitet, ein kaltes Bier steht bereit - und eine Flasche Rotwein. Wir haben uns viel zu erzählen, sie über das kürzliche Klassentreffen in Dresden: auch andere Klassenkameraden fehlten - manch einer ist für immer gegangen. Keiner unserer einstigen Lehrer sei gekommen - und unsere gute alte Selli ist gestorben, vor fünf Jahren war unsere einstige Sport- und Klassenlehrerin noch stolz, mit ihren 90 Jahren so fit zu sein. An sie erinnere ich mich besonders gern, sie hatte Autorität und doch war sie immer gerecht... Alle mochten sie.

Bei einer Gelegenheit, wo ein 120-prozentiger Genosse in mir den ärgsten Staatsfeind gewitteret hätte, nämlich als ich die "Praktische Arbeit" am Fließband des VEB Pentagon verließ, um den Rest des  sonnigen Junitages im Freibad zu verbringen, fragte sie mich und die anderen nach dem eigentlichen Grund meines Ausbüchsens. Ich weiß nicht, wie sie es angestellt hat, denn unser Schuldirektor war ein stalinistisch indoktrinierter Klassenkämpfer, aber irgendwie gelang es Frau Wuschik, die Kündigung des Vertrages zu veranlassen, der uns Minderjährige zu dieser Schufterei zwang. Spätestens von diesem Tag an brauchte mir kein Stabü-Lehrer mehr was von der Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen weismachen... Gern hätte ich unserer Klassenlehrerin persönlich den Respekt, den sie sich damit bei uns verdient hatte, nach all den Jahrzehnten nochmals ausgedrückt. Nun kann ich davon nur noch erzählen. Ich denke, sie wusste auch ohne meine Worte, dass wir pubertierenden Schüler ihre Courage zu schätzen wussten und dass sie deshalb in guter Erinnerung bleiben wird.

Wir erinnern uns den ganzen Abend an unsere Schuljahre, damals als ich und Petra die gleiche Bank drückten. Ich werde nie vergessen, als mich mitten im Tuscheln und Albern der Stabü-Lehrer aufrief und fragte, was Karl Marx dazu gesagt habe... Wozu? Das hatte ich wegen meiner viel wichtigeren Unterhaltung natürlich nicht auf dem Schirm. Und mal ehrlich: Wer interessiert sich im Alter von 14 oder 15 Jahren dafür, was ein Jahrhundert zurück ein gewisser Marx gesagt haben soll?

Marx hat viel gesagt, antwortete ich in meiner Verlegenheit - und hoffte, dass mir jemand in der Nähe noch ein Stichwort flüstert, damit ich unter Zuhilfnahme der an die Tafel geschriebenen Phrasen irgendwas improvisieren könnte. Doch der Lehrer kam mir zuvor: Oh, ja, das ist wohl wahr, Marx hat sogar sehr viel gesagt! - War er von meiner verlegenen Antwort wirklich beeindruckt? Nein, sicher nicht! Ich bekam eine 3 - und mit einer schlechteren Zensur hätte sich der Lehrer selbst disqualifiziert. So war das halt damals... Petra und ich, wir haben hier also ein Mini-Klassentreffen - und niemand kann uns heute daran hindern, zu schwatzen und zu schwätzen, so lange wir wollen und können.


Revolution hieße für mich
ein einfaches reines Ins-Recht-Setzen des Menschen
und seiner gern gewollten und gekonnten Arbeit.
Jedes Programm, das nicht dieses Ziel sich ans Ende setzt,
scheint mir ebenso aussichtlsos wie irgendeins der vorigen Regierungen und Herrschaften.*

Mittwoch. Der gute Rilke fasst die Aussichtslosigkeit der Welt in einem Satz zusammen! Vieles hat sich schlagartig geändert seit dem Mauerfall, doch die viel zitierte "Mauer in den Köpfen" ist geblieben und, schlimmer noch, sie ist um weitere und mächtigere ergänzt - es gibt mehr real existierende Mauern und mehr Denkmauern. Die Gedanken sind frei? Das war mal. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber der Konformismus im Zeitalter der Globalisierung, das Anpassen an die Herrschaft des Ellenbogens  war nie so deutlich spürbar wie in diesen Jahren. Leute glauben, wenn sie sich in Online-Petitionen eintragen oder mit der Meute auf der Straße "demonstrieren" - schreien, trommeln, trillern, könnten sie die Welt verbessern. Und doch geben sie damit nur ihrem inneren Affen Zucker - den Zirkusdirektor und seine Clowns freut's.

Heute verweile ich einen Tag, bleibe am Ort, nichts drängt zum Aufbruch - wir frühstücken spät. Dann kommt die Sonne raus - ein Signal hinauszugehen, die Umgebung zu erkunden. Nach meinem Sturz, heute vor einer Woche, sind meine ersten Schritte bei unserer Wanderung für mich ein vorsichtiges Humpeln, aber nach dem ersten Kilometer wird es - trotz oder wegen steiler Wege - immer besser. Einmal mehr zeigt sich: Man muss sich nicht zu viel schonen - nochmals mit Rilke: "Dass etwas schwer ist, muss ein Grund mehr sein, es zu tun.
" Das Beschwerliche und das Schmerzliche, es gehört halt zum Leben, und das gelegentliche Irrren im Kreise, das Sich-Verfahren, die Umwege, die Sackgassen - alles gehört dazu. Es geht immer weiter - und alles fließt.



Das Leben leben - in jungen Jahren heißt das auch, eine Mutprobe anzunehmen. Und ich weiß, ich wäre, allen Warnungen zum Trotze, gesprungen - vom Felsen über den Buchenegger Wasserfällen. Immer wieder müssen einige Jugendliche ihre Kühnheit vorführen. Man will, man kann, man muss imponieren - den Kühnen gehört die Welt. Und es ist so berauschend, die Angst zu besiegen und Vertrauen zu gewinnen - zu sich selbst, zur Natur, zu den Freunden, die es ja auch wagen... Inzwischen ist der Baumstamm, von dem sie sprangen, entfernt worden. Vergangenes Jahr rutschte eine Frau vom Fels und stürtzte in den Strudel des Wasserfalls, der gab - nach kräftezehrenden Minuten voller Panik - nur den leblosen Körper zurück. So erzählte es mir Petra, als wir oben auf dem Felsen standen - seither hält sie mehr Abstand zu der gefährlichen Stelle.

Alpe-Neugreuth. Auf dem Rückweg - es beginnt zu regnen - kehren wir in eine Berghütte ein. Die Terrasse bietet einen weiten Blick auf Berge und Täler. Erst halte ich mich brav an einen Pott Kaffee, dann lasse ich mich zu einem Glas Wein verführen - und zu einem zweiten auch. Leicht angesäuselt greifen wir auf dem Rückweg zu unseren Mundharmonikas: alte Wanderlieder - damit könnten wir im Musikantenstadl gastieren...
 

Es regnet sich ein, und so zieht es uns heim in Petras Wohnung. Dort ruft eine Gitarre nach meinen Fingern, eine Westerngitarre, die ist sogar bestens gestimmt - ich hatte schon lange keine Stahlsaiten unter den Fingern. Der kleine Finger schmerzt noch etwas von meinem ungewollten Schienenquerungstest vor einer Woche, aber es macht Laune, die Hits von damals aufleben zu lassen: Beatles, Kinks, Dylan - Don't think twice it's allright...



Am Abend kommt die Sonne doch noch einmal hervor und lockt zu einem Abendspaziergang - doch das ist ein letztes freundliches Lächeln, denn die Wettervorhersage verkündet Dauerregen, die heutigen Schauer waren nur Vorboten. Um so mehr ruft die Gitarre. Wir blättern Petras Fotoalben durch. Um so heller werden die Erinnerungen aus der Schulzeit - die unbeschwerten Momente der Jugend beglücken selbst mit dem Abstand von 40 Jahren noch. Der real existierende Absurdismus, den wir in unserer Jugend aushalten mussten, wirkt aus heutiger Sicht um so absurder. Die sich heute ausbreitende Geistlosigkeit, die Globalisierung des Raubbaus an der Natur, die Ausbreitung des Egoismus, die Obrigkeitsgläubigkeit, all das kann unsereins nicht mehr sonderlich beeindrucken.


Aber das Leben ist Veränderung, das Gute ist eine
und das Schlechte auch, und darum hat der Recht,
der alles als etwas nimmt, das nicht wiederkommt.*

Donnerstag. Petra muss zeitig zur Arbeit, sehr zeitig - um 6! Sie macht so leise, dass ich nicht bemerke, wann sie geht. Erst gegen 7 wache ich auf - ein Blick aus dem Fenster zeigt: Nun ist der seit Tagen angekündigte Pfingstregen, der gestern schon Kostproben vorschickte nicht mehr aufzuhalten. Noch nieselt es nur. Ich rolle ins Tal hinunter und sehe dort einen Mann an einer Haltestelle in meiner Richtung - daraus folgere ich: Es wird gleich ein Bus kommen. Ich könnte mir den steilen Anstieg nach Oberstaufen - der Ort heißt nicht ohne Grund so - sparen. Und genauso kommt es wenige Minuten später - ich spare viel Zeit und Schweiß.

Ab Oberstaufen geht es, bis auf einen Hügel bei Argenbühl nur noch talwärts. Würde es so sanft weiterregnen, und irgendwann mal wieder aufhören, könnte ich heute am Bodensee kampieren und morgen bis Schaffhausen am Rheinfall weiterradeln. Doch bis Lindau am Bodensee hat es sich endgültig eingeregnet - alles ist nur noch grau und nass, ich muss zu meinem regencape die volle Montur überstreifen: Regenhose und Schuhschützer. Eine Umleitung des Radweges führt auf die Hauptsraße am nordöstlichen Ufer. Bei Regen auf einer von Bussen und Lastern befahrenen Straße ist kein Vergnügen.
Bei Wasserburg geht es zum Glück wieder auf den Radweg am See. Nach Kressbronn passiere ich zwei Campingplätze, beide sind fast leer - wen wundert's bei dem Wetter. Eigentlich hätte ich gern hier genächtigt und wäre morgen weiter gen Konstanz und Schaffhausen geradelt. Doch ich sehe ein, es lohnt nicht - - bisher sind alle Vorhersagen erfüllt wurden - mit Regen. Jetzt ist alle Hoffnung auf baldige Besserung unrealistisch.

Im nächsten Ort, in Langenargen, schwenke ich zum Bahnhof ein. Der Ticketautomat zeigt mir eine Verbindung nach Dresden an, schon in einer halben Stunde ginge es heimwärts. Ich zögere nicht, fordere den Fahrschein an, zahle und lasse ihn ausdrucken - alles in Selbstbedienung... Ich staune über mich, dass ich damit klar gekommen bin. Ein älteres Pärchen lässt sich die Prozedur von mir erklären. Es ist noch genügend Zeit, noch Proviant zu kaufen. Während ich das Rad falte, drehen sich zwei minderjährige Jungs Zigaretten und rauchen sie. Einige Arbeiter asiatischer Herkunft fegen den Bahnsteig und putzen die Scheiben der Wartehäuschen... Falls das  unter gelungene Integration zu verstehen ist, können sich Kanzlerin und Minister gegenseitig auf die Schulter klopfen...

Eisenbahn fahrn, Eisenbahn fahrn...

An der Schwere des täglichen Immerwieders gibt es kein Vorbei, es gibt keine Abkürzungen - und schon gar nicht beim Umsteigen! Zum Beispiel in Nürnberg in knapp 10 Minuten vom Bahnsteig 4 zu Bahnsteig 13 hetzten - kein Lift, aber viel Gedrängel auf der Treppe. Geschafft! Ich bin im Anschlusszug - und habe noch zwei Minuten! Aber Moment mal, was steht hier geschrieben? Bin ich im richtigen Wagen nach Hof? Nein! Der Zug wird unterwegs geteilt. Wieder raus! Erst das Gepäck, dann das Rad. Die Leute sehen, dass ich in hektik bin - Hilfe bietet dennoch niemand an. Ich muss mehrere Wagen nach vorn, drücke den Türöffner, werfe das Gepäck in den Wagen, die Tür schließt wieder. Ich drücke erneut, die Tür reagiert nicht. Ich und mein Rad draußen, mein Gepäck drinnen.

Kein Schaffner zu sehen: Die Lautssprecherdurchsage: Einsteigen bitte!
- Ja! würde ich ja gern... Ich drücke immer wieder auf den Knopf, endlich reagiert die Tür. Das Gepäckabteil ist voller Leute, aber kein Mensch nimmt meine Hektik war - alle glotzen in ihre bescheuerten Handys, Phones, Tablets, Laptops... Was ist das für eine introvertierte Meute von Menschen geworden? Ich schaffe es gerade das Rad hineinzubugsieren, schon schließen die Türen und der Zug beginnt zu rollen. Ein junge Frau räumt für mich den schmalen Platz neben dem WC, so dass ich dort mein Rad abstellen kann. Das ist sehr nett.

Nun muss ich nur noch meine beiden Gepäckstücke auflesen - die liegen zwei Schritte entfernt. Ich drehe mich nur einen Moment um, greife mein gepäck, und schon hat jemand diese letzte Lücke besetzt...  Der Mann ist aber so freundlich, den Platz wieder freizugeben. Ich schiebe alles so eng aneinander, dass auch sein Koffer noch Platz findet. Er setzt sich auf die Treppe. Auf der anderen sitzt die junge Frau. Ich biete ihr den Klappsitz bei meinem Rad an. Aber sie verzichtet lächelnd - wahrscheinlich ist ihr der Platz lieber als der gegenüber des WC.

Wie ich so direkt gegenüber der Tür sitze, habe ich direkt eine gewisse Aufgabe: Ich bin jetzt ein bisschen der Klo-Mann... Ich muss nicht putzen, aber... Irgendwie geht es den Migranten wie mir bei meinem ersten Besuch im Westen, damals am 11. November 89 in Westberlin, als mir die elektrische Lichtschranke eines Ladens die gläserne Schiebetür wie von unsichtbarer Hand öffnete... Und manchmal geht es mir noch heute so. Eine Muslima sucht vergeblich die Türklinke, drückt dann einen Knopf, der keine Reaktion zeigt - weil besetzt ist. Sie schaut ratlos drein, aber scheut den Blickkontakt mit mir. Besetzt, occupied, busy, uno momento... Sie scheint rein gar nichts zu verstehen; und ich kann kein Wort Arabisch - außer: in scha'allah. Wenn Gott will, wird sie auch so verstehen, dass sie einfach warten muss.

In Hof ist etwas mehr Umsteigezeit, dennoch bereite ich alles vor, damit ich beim Aussteigen der erste an der Tür bin, so dass ich ohne Hetze zum anderen Bahnsteig komme. Auch die anderen Reisenden stehen schon bereit. Ein älterer Mann fragt mich, ob ich Hilfe brauche. Da sage ich pauschal ja, obgleich es wahrscheinlich nicht nötig sein wird. Der kräftig gebaute Mann trägt mir meine Taschen gleich bis zum nächsten Bahnsteig und in den Regionalzug nach Dresden - mit dem will er selbst auch fahren. Nachdem er mir die Taschen hingestellt hat, geht er wieder auf den Bahnsteig - es ist noch genügend Zeit, sich zwei Zigaretten einzupfeifen. Wegen der Glimmstengel sei er überhaupt unterwegs gewesen - drüben in Tschechien - und das lohne sich selbst mit den Kosten für den Fahrschein noch.

Sein Akzent kommt mir bekannt vor, ich bedanke mich auf polnisch: Dziekuje bardzo! Nun habe ich drei Stunden Fahrt vor mir, in jedem größeren Kaff hält der Zug. Bis Plauen erzählt mir der Pole sein halbes Leben, zeigt mir Fotos von seiner Frau Freundin, von Kindern - und von seinem Fahrrad. Ich biete ihm einen Schluck aus dem Minifläschlein Cabernet an. Nein, er habe Magenkrebs, da will er dem bösen Tier kein Futter geben, wie er das nennt. Und was ist mit dem Rauchen? Ja, das sei auch ungesund, aber noch habe er ja damit keine Probleme.

Der gute Mann steigt aus - und ein Radler steigt ein. Der braucht fast 5 Minuten, sein vermutlich kostbares Rennrad an einer Stange festzuschließen. Dann setzt er sich daneben - und lässt sein Gefährt icht aus den Augen - ich wette, dem wurde schon mal ein Rad geklaut. Wie gut ich ihn verstehen kann! Ich weiß selbst, wie es ist, wenn einem etwas Kostbares gestohlen - die Angst vor erneutem Verlust ist paranoid... Aber das ist eine andere Geschichte - war eine andere Reise...

Während der Westen der Republik schon im Dauerregen versunken ist, erfreut sich das Dresdner Tal noch trockener Luft und - selbst in dieser späten Nachtstunde - noch recht milder Temperaturen. Ich habe etwas Bedenken wegen der Nachrichten über die tunesische Drogenszene, die sich seit einigen Monaten um den Dresdner Hauptbahnhof "etabliert" hat und glegentlich in den Schlagzeilen der lokalen Presse auftaucht. Doch es sieht ruhig aus da draußen, deshalb entschließe ich mich, nicht auf die S-Bahn zu warten, sondern für die nächtliche Radfahrt durch die Innenstadt.

Das erste, das mich - wieder in heimischen vier Wänden - interessiert: Ich will etwas mehr über diesen Rilke wissen. In der Wikipedia lese ich über seine Kindheit... Aus Kummer um den Verlust der Tochter kleidete Rilkes Mutter ihren Sohn in Mädchenkleider, erzog ihn wie ein Mädchen... Als sei das für einen kleinen Jungen nicht schon genug verwirrend, wird er als Jugendlicher in eine Militärakademie verbracht: militärischer Drill als kleines Kontrastprogramm zur verweiblichten Kindheit? Viele Fragen muss der heranwachsende Rilke an diese Welt gestellt haben, wer mag sie ihm beantwortet haben? Es blieb ihm wohl kaum anderes, als seine eigenen Schlüsse zu ziehen: Du musst das leben nicht verstehen... Und im Grunde ist das, ist der eigene Schluss, ja ohnehin der einzige Schluss, dem man sich wirklich hingeben kann.


Ein Einziges, Dringendes tut not:
sich irgendwo an die Natur, ans Stärkste,
ans Strebende, ans Helle
mit unbedingter Bereitschaft anzuschließen
und in einem arglosen Sinne vorwärts zu wirken,
sei es im Geringsten, im Täglichsten.*



* Alle gekennzeichneten Zitate stammen von Rainer Maria Rilke -
und zwar aus der 2014 im Insel Verlag erschienen Edition "Du musst dein Leben ändern - Über das Leben"





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Unterwegs mit der Ukulele


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