Begegnungen am Frosch-Radweg



 
27. August
Donnerstag. Die Wetterfrösche haben eine - angeblich letzte - Rückkehr des Sommers angekündigt, deshalb sattele ich am frühen Morgen mein Rad für eine viertägige Rundfahrt durch die wald- und seenreiche Landschaft der Oberlausitz. Als Ziel der ersten Tagesetappe habe ich den Zeltplatz am Halbendorfer See angepeilt.

Das Leben ist die Summe aller kleinen und großen Umwege

In der Dresdner Heide wie in den Wäldern der Westlausitz ist die spätsommerliche Wärme gut zu ertragen, auf den Waldwegen künden einige Pfützen von den Regenfällen der vergangenen Woche. Die Strecke zwischen Radeberg, Pulsnitz und Kamenz wartet mit gut ausgebauten Radwegen auf. In den hübschen kleinen Städten fehlen bisweilen Schilder und ich muss mich durchfragen. Dieses Durchfragen führt zu Begegnungen mit Jung und Alt. Bezüglich Ortskenntnis traue ich eher der Generation, die noch ohne Navigationsgarät, ohne GPS, ins nächste Dorf findet. Die Auskunft einer jungen Frau, und sei sie noch so abwegig, hat andere Qualitäten - für ein schönes Lächeln fahre ich gern einmal im Kreise. Manchmal entdeckt man auf den Umwegen interessantere Nebensächlichkeiten als auf dem direkten Weg. Letztendlich gewinne ich die schöne Einsicht: Das Leben ist die Summe aller kleinen und großen Umwege.

Saisonale Monogamie

 

     Am Ufer eines Teiches glaube ich einige Schwanenpaare zu erkennen. Als ich mich ihnen nähere, erheben sie sich in die Lüfte und segeln hinüber zum anderen Ufer. Durch mein Fernglas erkenne ich, dass es sich um eine Art von Fischreihern handen könnte - nie zuvor sah ich so leuchtend weiß gefiederte. Wie ich später herausfinde, handelt sich um Silberreiher.* Im Unterschied zu den eher einzelgängerischen Graureihern lieben die Silberreiher sogar bei der Fischjagd die Zweisamkeit. Trotz der emanzipatorischen Zugeständnisse hält der Treueschwur dieser Vögel nur bis zum nächsten Frühlingsfest, der biologische Fachbegriff für den gemeinsamen Lebensabschnitt lautet: saisonale Monogamie.


So was gibt es nur im Kino

Kurz hinter Kamenz heißt kurz vor dem Frosch-Radweg. Der dürfte dann ausgeschildert sein. Doch hier muss ich noch auf eine überregionale Radwanderkarte schauen, die mit einem Maßstab von 1 zu 100.000 nur grobe Orientierung ermöglicht. Da kommt mir, wie gerufen, eine schöne Blonde im wehenden Flowerpower-Kleid entgegengeradelt. Ich winke ihr, damit sie anhält. Während sie die Topografie meine Karte studiert, studiere ich die Topografie ihrer Schultern. Die riesige, braun getönte, von außen undurchsichtige Jannis-Joplin-Sonnenbrille auf ihrer Nase verdeckt ihr halbes Gesicht. Ich habe keine Chance, ihre Augen zu ergründen. Sie erklärt mir einige Alternativen, zum nahen Frosch-Radweg zu gelangen. Ihre Stimme, vermutlich vom Qualm ungezählter Glimmstängel angeraut, klingt wie Musik in meinen Ohren, passt zur J.J.-Sonnenbrille. Vermutlich hat sie nebenher mein Gepäck analysiert, mein Zelt auf dem Gepäckträger ist nicht zu übersehen. Sie bekundet einiges Interesse an meinem Gesamtvorhaben. Vielleicht hätte ich sie einladen sollen, mich zu begleiten? Auf den schamlosen Einfall komme ich erst, als ich wieder in die Pedale trete... Ob sie denn wohl so spontan gewesen wäre? Mal eben schnell nachhause radeln, die Zahnbürste holen, um dann den Flügelschlägen des Silberreihers zu folgen? - Keine Fragen, keine Namen, nur ein saisonaler Wochenendausflug - so was gibt es nur im Kino.

Raus mit dem Rad!

Am Ortseingang von Hoyerswerda finde ich einen kleinen Getränkerkiosk, wo ich mir Wassernachschub besorgen könnte. Ich fahre direkt an die Theke. Doch ein alter Mann, der mit seinem großen Traumwagen in der Hofeinfahrt steht, herrscht mich an: Raus mit dem Rad! Ich frage: Wie bitte? Er wiederholt befehlsartig: Draußen abstellen!!! Der Verkäufer kommt gerade aus einem Winkel seines Ladens nach vorn - keine Ahnung, ob die beiden was miteinander zu schaffen haben, es wäre nahelieiegend. Vielleicht hätte ich den alten Sack fragen sollen, wer er ist, und was ihm einfällt, mich in diesem Tonfall anzusprechen! Aber wozu? Seine "heilen Welten" gingen vor einem Vierteljahrhundert den Bach runter, niemand kann sie ihm zurückbringen... Er steht mir im Weg, ich rangiere auf engstem Raum, um an ihm vorbeizukommen, und mache mich wieder in die Spur - ohne getankt zu haben.

Am letzten Baum nach links

Am Stadtausgang erklärt mir ein junges Mädchen, wie ich Hoyerswerda zu durchqueren habe, um wieder zum Radweg zu gelangen. Na, wenigstens versucht sie es. Wahrscheinlich ist es von diesem Standort aus kompliziert zu erklären. Was kann sie bei mir voraussetzen? Ob ich wüsste, wie man zum Zoo käme. Danach müsse ich nämlich rechts rum. Nein, weiß ich nicht. Woher soll ich wissen, wo in Hoywoy der Zoo ist. Den Zoo finde ich ohne weiteres. Dennoch verfahre ich mich bald darauf erneut. Ich frage ein aus der Gegenrichtung heranradelndes Rentnerpärchen. Da müsse ich nur umdrehen und ihnen folgen. Sie lotsen mich bis zum Scheibesee und nach Burg, während der gemeinsamen Strecke plaudern wir über dies und das und wo man sonst schon herumgekommen ist im Leben. Hinter Burgneudorf gerate ich schon wieder von der Strecke ab, ich lande in Spreewitz. Vor einem Reihenhaus pflegen deren Bewohner ihren Rasen. Freundlich erklären sie mir, wie ich wieder zum Frosch-Radweg komme: quer durch den Wald und am letzten Baum nach links.

Jeder Tritt macht fit

Im Wald, auf recht holpriger Strecke, lasse ich zwei junge Radlerinnen überholen. Als der Weg wieder besser befahrbar ist, hole ich sie ein. Wollt ihr auch zum Zeltplatz? Nein, nachhause: Wir kommen von der Ostseeinsel Poel, heimwärts auf dem Elbe-Radweg. Da haben die beiden also ne riesige Tour hinter sich, und auf der haben sie - wie ich auf meiner Irland-Fahrt - einige Pfunde abgespeckt. Ich könnte sie ermutigen, im nächsten Sommer weitere Touren dieser Art zu unternehmen, aber es ist besser, ich ermutige nur mich selbst... Der Zeltplatz am Halbendorfer See sei schön, behauptet eine der beiden. Dann will ich mich beeilen, damit ich noch vor der Dämmerung dort ankomme, und fahre wieder schneller. Nach den 100 Kilometern, die ich heute schon hinter mir habe, wird der Sattel jetzt ziemlich hart. Aber was soll's: Jeder Tritt macht fit.

Der Mond ist aufgegegangen

Da Ferien und Hauptsaison vorüber sind, ist der Zeltplatz nur noch dünn bevölkert. Die Rezeption ist kurz vor 8 bereits geschlossen, ich suche mir ein abgelegenes Fleckchen, ganz am Ende des Platzes, direkt am Ufer. Nachts wird es recht windig, zeitweise stürmisch. Der Mond ist aufgegangen, doch keine goldnen Sternlein prangen. Er leuchtet fast mit ganzer Fläche und überstrahlt das Schwarz des Firmaments. Wie er über dem See aufsteigt und sich im Wasser spiegelt, wird die Nacht noch heller. Ich sitze noch lange auf der Bank am Ufer, öffne ein Fläschlein Wein, und beobachte das Flimmern auf dem See - auf meiner fünfwöchigen Tour durch Irland erlebte ich nur einen einzigen vergleichbar lauen Abend. Nun bekomme ich doch noch etwas Sommer nachgereicht, schön ist das. Mehr Romantik geht nicht. Oder nur im Kino...

Es regnet, es regnet...

28. August
Der Freitagmorgen weckt mich mit Nieselregen, beim Abbau des Zeltes erbarmt sich der Himmel und lässt den Regen pausieren. Entgegen aller Wettervorhersagekunst folgt dann ein Regenschauer dem anderen, das schränkt die Lust am Radeln und Wandeln in der freien Natur deutlich ein. Gelegentlich muss ich das schützende Dach eines Baumes suchen - im Rhododendronpark Kromlau* gibt es davon reichlich - und einige der riesigen Eichen wachsen über meinem Kopf zusammen... Das zu vermeiden, seien Axt und Säge die wichtigsten Werkzeug des Landschaftsgärtners, empfahl der Obergärtner des unweit gelegenen Parks von Muskau. Vielleicht durch Fürst Pücklers Muskauer Park inspiriert, setzten die hiesigen Gärtner dennoch andere Schwerpunkte - bis ihnen das Geld ausging. Schon vor dem 1. Weltkrieg wurden einige Abschnitte des Parks wieder aufgeforstet, am Ende des 2. Weltkrieges, als Tausende Flüchtlinge aus Pommern und Schlesien zu versorgen waren, überzog der Anbau von Obst und Gemüse den Park.* Nach der Bodenreform des Jahres 1948 verwilderte der inzwischen "volkseigene" Park zeitweilig zum "Naturschutzgebiet". Ab 1966 kamen wieder die Landschaftsgärtner in den Park und retteten, was zu retten war. Bis heute hat sich der Kromlauer Park etwas Wildes erhalten, dezent geschminkte Natürlichkeit, der man den regelmäßigen Eingriff von Axt und Säge kaum ansieht.

 
   Das Wahrzeichen des Kromlauer Parks ist die Rakotz-Brücke. Deren Bogen spiegelt sich auf dem kleinen See, den er überspannt, zum Kreis - millionenfach fotografierte Kulisse. Der Name der Brücke huldigt, entgegen den heroischen Sitten ihrer Entstehungszeit, weder einem gönnerhaften Fürsten noch einem ruhmreichen Feldherren, sondern einzig und allein dem im Gewässer heimischen Krebs, dessen sorbische Bezeichnung auch dem künstlichen See den Namen gab.




Da ich seit 6 Uhr auf den Beinen bin und seit 7 im Sattel sitze, erreiche ich schon gegen 10 das Gartenreich des Hermann Fürst von Pückler-Muskau, dessen einst erquiklichen Lebenswandel und kraftzehrenden Müßiggang ich im sogleich öffnenden Museum zu beneiden beginne. Leider ermöglicht mir das nasse Wetter keinen ausschweifenden Streifzug durch die Parkanlage, im Museum gehöre ich zu den ersten Besuchern des Tages - erneut bewahrheitet sich das schöne Sprichwort: Morgenstund hat Stille im Mund. Bereits im ersten Raum spüre ich, dass ich mich nicht in irgendeinem gewöhnlichen Museum befinde. Auf originelle Weise, in humoristisch gereimten Versen, führt der multimediale Begrüßungsraum in die verzwickte Genealogie der Adelshäuser ein. Beim Betrachten seiner Reiserouten, beim Lesen von Zitaten spüre ich Seelenverwandschaft und beginne mich für die Persönlichkeit dieses Mannes mehr und mehr zu interessieren.

Wendische Faulheit

Der kompensatorische Ausgleich der regnerischen Morgenstunde: Ich muss weder den Kromlauer noch den Muskauer Park mit Reisegruppen oder anderen Nervensägen teilen, sondern nur mit den Motorsägen der fleißigen Gärtner... Doch die verachten bei allem Werkeln auch die Ruhe nicht und lassen sich ihre Zigarettenpäuschen nicht nehmen. Aber das liegt mutmaßlich "am allermeisten an der Wendischen Faulheit, die lieber hungert als für sich und andere arbeitet..." schrieb der "tolle Pückler", dessen unerhört voller Terminkalender seinesgleichen sucht...

Fürstlicher Arbeitseifer

   "Ich stehe um 2 Uhr auf..." Dass der emsige Fürst hier von früher Morgenstund spricht, darf ruhig bezweifelt werden. Mit Rücksicht auf den fassungslosen Museumsbesucher ist das Zitat um das Wörtchen "mittags" ergänzt, das Pücklersche Tagebuch setzt das von selbst voraus. Nachdem er sich abends die lästigen Besucher ("Statisten") vom Halse geschafft hat, "beginnt die eigentliche Rekreation des Tages", die sich "bis 2 oder 3 Uhr abspinnt." Was für ein harter Alltag, bedenkt man, dass der Fürst mittags um 2 schon auf den Beinen ist, um zu lesen, Liebesbriefe zu beantworten, bisweilen zu komponieren. Nicht zu vergessen, dass er viele türkische Pfeifen zu rauchen hat.

 

Der tolle Pückler

Ein Schöngeist, ein Kavaliier, ein galanter Egomane ist der "tolle Pückler" - ein mit allen Privilegien seines Standes und seiner Zeit gewappneter Schürzenjäger. Mögen seine zwangsverheirateten Eltern ihrem eigenen Zögling auch wenig Zuwendung geschenkt haben - im Alter von 7 bekommt der renitente Bub' bei den Herrenhutern in Uhyst die Leviten gelesen -, ein Kind von Traurigkeit wurde der Fürst deshalb, wohl gerade deshalb, nicht. Im "Frauenzimmer" der Pückler-Ausstellung, das sich seiner geliebten "Schnucke" und den angehimmelten Nebenfrauen widmet, gibt es einen Briefomat, dort erhält man nach Auswahl vorgegebener Kriterien auf Knopfdruck einen fürstlichen "Liebesbrief". Galante Korrespondenzen waren fester Bestandteil des fürstlichen Gärtnerdaseins. Wie kann man auch die Schmeicheleien eines Mannes verschmähen, der es fertigbringt, seiner angetrauten "Schnucke" zu versichern, dass es der fürstlichen Liebe keinerlei Abbruch tue, wenn er zur Aufbesserung der fürstlichen Finanzen mal ein paar Jahre im britischen Königreich nach einer guten Partie Ausschau halte?

Der rein finanzielle Aspekt seiner mehrjährigen Brautschau bleibt erfolglos, selbst der Heiratsantrag an die international gefeierte Opernsängerin Henriette Sonntag läuft ins Leere. Dafür entdeckt der Fürst in der Grafschaft Kent seinen Geschmack an den Zierden höfischer englischer Gärtnerei mit ihren auf Millimeterkürze rasierten Rasenflächen und den zu Kugeln und Quadern gestutzten Hecken zwischen gelb geschotterten Wegen. Die hohe Kunst der Großgartengestaltung erklärt er später zu seiner Bestimmung, zu seinem hehren Vermächtnis an die Welt.



Im Jahre 1837 kauft sich der von jahrzehntelanger Gartenarbeit ausgelaugte Fürst in Ägypten, wo er an einer vorruheständlerischen Nil-Kreuzfahrt teilnimmt, zwei minderjährige Sklavinnen (10 und 12), "um die Langeweile einer so weiten Reise auf dem Wasser etwas weniger monoton zu machen." Für Machbuba, die ältere der beiden, ist das wahrscheinlich eine gute Partie und besser, als unter der Peitsche eines Beduinenfürsten zu dienen. Bei Pückler steigt sie zum "eigentlichen Kammerdiener" auf, fürs Grobe hat der Fürst aber auch noch seinen mit "wendischer Faulheit" geschlagenen Diener im Tross. Nach Jahren fürstlichen Globetrottens führt der Mittsechziger sein orientalisches Mitbringsel ins Muskauer Schloss. Wie man sich lebhaft vorstellen kann, ist die betagte fürstliche Gattin Lucie, seine "Schnucke", wenig begeistert, mit dem jungen Hüpfer aus dem Orient an einem Tische zu dinnieren. "In acht Tagen," so schreibt er seiner "abessinischen Prinzessin", hoffe er in Muskau zu sein "und Machbuba einen Kuß zu geben." Den ersehnten achten Tag erlebt das Mädchen nicht mehr. Gerade erst sieben Wochen nach ihrer Ankunft in Muskau stirbt Machbuba.

Drum sei dankbar, wer zu Hause nicht gebraucht wird

Seine in ungezählten Schmachtbriefen erprobte Fähigkeit, Eindrücke und Erlebnisse mit blumigen Worten zu schildern, macht ihn zum erfolgreichen Reiseschriftsteller - die Nachfrage gelangweilter Bürgersfrauen nach süffisanten Reiseepisoden eines deutschen Paschas dürfte zum Ausklang der Romantik im Zenit gestanden haben. In politisch-weltanschaulichen Fragen offener als es seinem Stande gemäß ist (Pückler erkennt die Ausbeutung Irlands durch das britische Empire als Grund für die Armut und Rückständigkeit der gälischen Bevölkerung und begeistert sich für die Ansichten der utopischen Sozialisten), kann er für den "bunten Spaziergang durch die Welt", der ihm dennoch vergönnt ist, nur dankbar sein...


Muskau, die Tat meines Lebens

Es sind die tiefsinnigen Sprüche, die es mir angetan haben - die kleinen Weisheiten, die schmeichlerischen und poetischen Zeilen, Gedanken zwischen Hochmuth und Demut, mal bissig ironisch, selbstironisch, mal einfühlsam, mal standesgemäß selbstgefällig. Beim Verlassen des Ladens habe ich - im völligen Widerspruch zu meiner velophil begrenzten Transportkapazität - drei Bücher im Gepäck! Und eine CD, die ich verschenken will. Und eine Radwegkarte der Niederlaussitz, die auch den Weg zum Branitzer Park, dem fürstlichen Zweitwohnsitz, kennt. Die Lektüre der Bücher mag meinen ersten oberflächlichen Eindruck von der zwielichtigen Persönlichkleit jenes Mannes, dem Bad Muskau heute so manchen Arbeitsplatz, Unesco-Weltkulturerbe-Status und Kurtaxe verdankt, revidieren oder vertiefen. In jedem Fall wird die radfreie Winterszeit damit schnelll vergehen.

Wer mich kennen lernen will, muss meinen Garten kennen

Das Pücklersche Gartenreich, heute durch die Neiße-Grenze in einen deutschen und einen polnischen Teil zerschnitten, ist wieder so gepflegt und gehegt wie zu besten Zeiten "wendischer Faulheit". Wegen des heutigen Nieselwetters ist es jedoch wenig verlockend, den Park zu erforschen - bei Nieselregen macht es einfach keine Freude, über die Schotterwege zu schlürfen. Wie gut, dass Bad Muskau nicht nur am Frosch-Radweg, sondern auch am Neiße-Oder-Radweg liegt - der steht noch auf meiner Radler-Agenda. Also soll des Fürsten Wunsch, wer ihn kennen lernen wolle, müsse seinen Garten kennen, eine zweite Gelegenheit erhalten - dann hoffentlich bei Sonnenschein.

 

Bitte ein Bier - und einen Fernseher

Notwendigkeit macht nicht nur Fürsten erfinderisch. Ob sich so verschiedene Branchen wie TV-Elektronik und ein Getränkeladen unter einem Dach vereinen lassen, ist einen Versuch wert, muss sich der Inhaber des "Fernseh- und Getränkeshop" im Dörfchen Pechern gesagt haben. Die Reklame am Haus sieht aus wie nagelneu. Doch der Laden ist geschlossen - seit längerem schon, weiß die Verkäuferin des gegenüber geparkten Bäckerei-Mobils.

Für mich bitte die Kartoffelsuppe

Das vergnügliche Radeln über die asphaltierten Radwege des Neißetals wird nur durch die gelegentlichen Regenschauer getrübt. Erfreulicherweise gibt es öfters Hütten, wo ich mich unterstellen kann - so bei Sogar, da muss ich einen länger anhaltenden Guss aussitzen. Mein Magen erinnert mich knurrend daran, dass ich bisher weder Frühstück noch Mittag hatte. Gastronomische Angebote für Radler, auf Werbetafeln am Wegesrand platziert, wecken daher zunehmend meine Aufmerksamkeit. Doch bei mir isst nicht nur das Auge mit, sondern auch das Ohr! An einer von Ölverbrennern befahrenen Straße, zu der ein Schild mich entführt, drehe ich gleich wieder zum Radweg um. In der kleinen Siedlung Werdeck wird meine Beharrlichkeit belohnt. Ein alter Mann, der im Eingang einer gemütlich wirkenden Imbisshütte steht, lobt den daselbst erhältlichen Mohnkuchen. Zunächst halte ich ihn für den Betreiber der kleinen Gaststätte, der mal eben sein besonderes Angebot anpreist. Doch dann fragt mich eine junge Frau nach meinem Begehr, rank und schlank wie ihr hübsches Töchterlein. Die Auswahl ist überschaubar: Für mich bitte die Kartoffelsuppe - und wenn es alkoholfreies gibt, ein Bier, bitte.

Heimat ist Heimat - da weiß man, was man hat

Der Alte ist mit seiner Alten unterwegs, beide noch drahtige Radler, aber nicht asketisch darbend. Ein Bierchen und Gläschen Korn zum Nachspülen des Mohnkuchens, wer will das verwehren. Die angeblich stolze 80 kaufe ich ihm nicht ab. Na gut, aber wir gehen auf die 80 zu - sie ist 73, ich bin 74! - Seine Munterkeit nährt sich nicht nur aus dem Mohnkuchen, sondern vor allem aus dem Aufenthalt in seiner geliebten alten Heimat. Da die ortsansässige Betreiberin der Zwei-Tische-Gaststätte auf all seine von Nostalgie bestimmten Fragen eingehen kann, sprudeln historische Jahreszahlen nur so aus ihm heraus, besonders viele aus jenen Zeiten, da wir jüngeren noch Quark im Schaufenster waren. Dem latent rechthaberischen Gatten kann nur die rüstige Gemahlin bsiweilen Widerspruch entgegensetzen, dann lenkt er ein und beginnt ein neues Thema: Wir reisen nur noch durch Deutschland! - Warum nur Deutschland? Heimat ist Heimat - da weiß man, was man hat. Das lässt sich nicht leugnen. Nicht alle seiner Begründungen kann ich teilen, aber ich gestehe: Auch mir gefällt nicht alles, was übern großen Teich kommt, gerade wenn ich ans Kulinarische denke... Da lobe ich mir doch so eine hausgemachte Lausitzer Kartoffelsuppe und das Schöfferhofer Weizenbier.

Die Ökos und der böse Wolf

Im dicht bewaldeten Abschnitt zwischen Klein Priebus und Steinbach hat sich die Neiße ein Knie mäandert, um sich nur wenig weiter wieder in ihre Süd-Nord-Achse zu strecken. Eine der zahlreichen Informationstafeln über Flora und Fauna verkündet die Rückkehr des Wolfes. Seit den 90er Jahren streifen wieder einige Rudel durch die Wälder - und Felder. Das spricht einerseits für ein gelungenes Zurück zur Natur. Doch des Einen Gewinn ist des Anderen Verlust: Der Wolf aus Rotkäppchens Märchenwald hat längst auch die Weiden der Bauern besucht - er ist kein böser Wolf, aber er ist eben weder Vegetarier noch vegan geworden. So manches Schaf, so manche Ziege hat der Wolf gerissen, beklagen die Betroffenen. Auch dem Jäger machte er die Beute streitig. Die Bauern hatten sich daher für das für sie geringere Übel entschieden, für den Jäger, der allen Gesetzen zum Tierschutz zum Trotz dem Wolf nachstellte. Daher kamen die polizeilichen Ermittlungen nicht vorwärts. Um der Verschwiegenheit von Zeugen und Mitwissern einen Anreiz zum Plaudern entgegenzusetzen, brachten Naturschutzverbände und Vereine (NABU, WWF, die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe und der Freundeskreis freilebender Wölfe) eine Kopfprämie in der beachtlichen Höhe von 10.000 Euro auf und hofften auf diese Weise zur Ergreifung des Täters beizutragen, der im Landkreis Görlitz, der wolfreichsten Gegend Deutschlands, schon etliche Wölfe demonstrativ hingerichtet hat - ein regionales Blatt, das sich in Sachen Schlagzeilen am deutschen Marktführer orientiert, titelte damals: "Ökos jagen jetzt den Wolfsmörder" - Immer diese Ökos!

Keine falsche Bescheidenheit

Auf dem Zeltplatz des Neiße-Camp, gleich am Ortsausgang von Rothenburg, nieselt es wieder. Unter diesen Bedingungen ein Zelt aufbauen, am frühen Abend nass in seinem Innern hocken und warten, bis es Nacht wird? Muss nicht sein. Nicht, wenn es denn Alternativen gibt. Der Platzwart - oder wahrscheinlich der Betreiber höchstpersönlich - empfiehlt mir das Brüderhaus, einen Kilometer zurück, im Martinshof Rothenburg. An der Rezeption checkt gerade ein anderer Radler ein, der Rentner erhält direkt im Haus ein Zimmer und freut sich, dass es einen Fernseher hat. Als ich dran bin, frage ich, ob es auch ein Zimmer mit bescheideneren Komfort gäbe... Das machen wir dann gleich, sagt der Mann hinterm Tresen leise, er hat meine Bescheidenheit verstanden. Als wir unter uns sind, bietet er mir ein Ziimmer im Haus 23 - Haus Martha, eine Baracke. Selbst für meine bescheidenen Ansprüche steht dort ein Fernsehapparat bereit, ein etwas älteres Modell. Die Nachrichten drehen sich fast ausschließlich um das akute Flüchtlingsdrama in Europa, um die Randale in Heidenau -um einen betrunkenen, sich in blinden Hass steigernden Mob, dem nichts Besseres einfällt, als das Nötigste an Hilfe gewaltsam zu verhindern. "Schon wieder in Sachsen!" poltern die Ansager der öffentlich-rechtlichen Nachrichten. Endlich hat das Staatsfernsehen lokalisiert, wo das Böse zu hause ist.

Mit einem Biker würde ich mich niemals anlegen

Als es zu regnen aufgehört hat, drehe ich noch einen Runde zu Fuß durch die weitläufige Wohnanlage der Diakonie. Beim Spaziergang fliegt mir in hohem Bogen ein Plastikfeuerzeug entgegen. Es stammt von dem Rollstuhlfahrer, den ich schon bei meiner Ankunft begegnete. Er entschuldigt sich von weitem, es sei nicht gegen mich gerichtet gewesen. Ich hebe es auf und bringe es ihm zurück. Es funktioniert nicht mehr, obgleich noch Gas enthalten ist. Dann war sein Wurf also eine reine Verzweiflungstat - ein kleiner Wutausbruch? Nein, nein, Entschuldigung, mit einem Biker würde ich mich niemals anlegen, sagt er, mit einem Augenzwinkern - zu mir und einem anderen Mann.

 

Mit den Füßen voran

Ich setze mich ein Weilchen zu den beiden, während sie ihre Zigaretten mit einem anderen Feuerzeug anzünden. Dem Rollstuhlfahrer fehlt ein Bein, ich traue mich nicht zu fragen, bei welcher Art von Unglück er es eingebüßt hat. Ob er hier wohne oder zu Besuch sei, frage ich ihn. Bis es "mit den Füßen voran" hinausginge, antwortet er... Ich brauche ein paar Sekunden, die geläufige Metapher so zu interpretieren, dass sie meine Frage beantwortet.

Auf mich wirkt der Ort friedlich, besonders die Ruhe gefällt mir... Das sähen nur Besucher so, erwidert der Rollstuhlfahrer, die Realität sei weniger erbaulich... Wie ist das gemeint? Nun ja, man arbeitet hier fast jeden Tag und bekommt dafür 90 Euro Taschengeld, monatlich... Das reicht kaum fürs Rauchen… Letzteres sagt er zwar nicht, aber ich weiß es noch aus eigenen Raucherjahren. Die Resignation, hier den Rest seiner Tage fristen zu müssen, fällt mit Sarkasmus etwas leichter - bis es eines Tages "mit den Füßen voran" hinausgeht...





29. August
Samstag. Nach dem gestrigen Regen hüllt der Nebel den Morgen in sattes Grau. Gegen 8, nach dem Frühstück im Haus Martini, dem modernen gastronomischer Komplex, hole ich mein Rad aus der einstigen Schmiede und breche gen Süden auf. Ich begrüße eine Herde Kühe, die still und scheu am Ufer der Neiße weidet - ich traf sie bereits am Vorabend, vermulich erkennen sie mich wieder, aber sicher bin ich mir nicht. Ein Stück weiter halte ich erneut inne...

Im Nebel der Geschichte



Ein Gedenkstein erinnert an den einstigen Ort Tormersdorf am gegenüberliegenden, heute polnischen Neiße-Ufer. Die Gravur auf der Metallplatte zeigt, dass hier einst eine Brücke die Ufer verband. Doch konkretere Informationen über das Schicksal des Dorfes sind nicht erwähnt. Die Brücke wurde, so lese ich später in der Wikipedia, am Ende des Weltkrieges von der Deutschen Wehrmacht zerstört, um den Vormarsch der Roten Armee aufzuhalten. Ein Ableger des Martinshofes in Tormersdorf war von den Nazis zeitweilig zum Arbeitslager für Juden umfunktioniert worden. Die zuvor dort lebenden Patienten wurden nach Pirna-Sonnenstein "verlegt".* Nach den Zerstörungen bei Kriegsende blieb von Tormersdorf nur ein Wüstung, ein menschenleerer, sich selbst überlassener Ort, den sich die Natur zurückerobert hat. Ein weiterer Umstand erschwert die Erinnerungskultur: Das in der Wikipedia veröffentlichte Foto, aufgenommen erst vor einigen Jahren, zeigt anstelle der heutigen Metallgravur noch das originale Kupferrelief...

Der Herbst steht auf der Leiter

Nebel steigt nur zaghaft auf. Ich passiere wieder das Neiße-Camp und danke im Stillen für den Hinweis auf den Martinshof. Andernfalls hätte ich jetzt ein nasses Zelt einzupacken gehabt, was nicht nur Zeit gekostet, sondern mit der Nässe auch zusätzliches Gewicht bedeutet hätte. Frisch und munter radelt es sich auf der asphaltierten Allee durch die Auenlandschaft, die bereits einen Vorgeschmack auf den nahenden Herbst bietet. Der Wetterbericht versprach für heute einen warmen Sommertag, die Sonne blinzelt schon ein wenig durch den weißen Schleier - das spricht dafür, dass die Wetterfrösche für heute richtiggelegen haben könnten. Und wenn ich Ende August spüre, dass sich schon wieder ein Sommer verabschiedet, spricht das für einige Erfahrung im Erfahren.

An dieser Stelle dürfen Sie noch nicht einmal nachdenken

Ein Bürgermeister versucht seinen lieben Bürgerinnen und lieben Bürgern mit ironischer Überspitzung ins Gewissen zu reden. Ob das hilft? Als notorischer Umweltschänder frage ich mich jetzt, ob ich an allen anderen Stellen, wo ein solches Schild nicht steht, darüber nachdenken darf, Müll abzuladen. Nicht minder ambivalent scheint mir die grafische Umsetzung des Nachdenkverbots zu sein: Parkverbot für augenzwinkernde Mülltonnen? Oder wendet man sich mit dem Verkehrszeichen einfach nur an den knöllchenfürchtigen Verkehrsteilnehmer? Und mit der Walt-Disney-Mutation einer Mülltonne an den infantilisierten Menschenrest? Ein im Hintergrund platzierter Verweis auf eine (angeblich) installierte Überwachungskamera soll dem Ernst des Anliegens vermutlich etwas Nachdruck verleihen. Ob das die gewünschte Präventionswirkung entfaltet? In Irland sind auf solchen Schildern einfach die saftigen Strafgebühren der jeweilig zuständigen Kommune angegeben...

 

Warnung vor der Katze

Von einem Hang zur Ironie zeugt auch das multimediale Standbild vor einem Häuschen bei Nieder-Neundorf. Anstelle der üblichen "Warnung vor dem Hunde" soll der potentielle Einbrecher hier mit der nackten Brutalität der beiden Worte "Vorsicht! KAMPFKATZE!" regelrecht eingeschüchtert werden. Möge der Hinweis seine volle, abschreckende Wirkung entfalten, damit sich nicht in selbsterfüllender Prophetie bewahrheitet, was auf dem kleinen Schild rechts neben dem Katzenkopfbriefkasten zu lesen ist: "Die Katze kann das Heimkommen in ein leeres Haus in eine Nachhausekommen ändern."


Wenn man nur wüsste, was hier los ist

Nachdem ich eben erst zwei spezielle Ausprägungen Lausitzer Humors kennengelernt habe, halte ich jetzt auch die Variante "Sinnfreies Wortspiel" nicht mehr für ausgeschlossen. Vielleicht soll einfach ein maroder Gartenzaun verdeckt werden, vielleicht findet sich der Sinn des Spruchbandes irgendwo um die Ecke. Jedenfalls wüsste ich schon ganz gern, was ich glauben würde, "was hier los wäre, wenn mehr wüssten, was hier los ist!" Ebenso wissenswert wäre, welcher modernen Grafikerschmiede sich die beiden geschickt aufeinander abgestimmten Schriftfarben blau ud rosa verdanken. Während ich ein Foto des Gesamtkunstwerkes versuche, holt mich ein Mann mit seinem Dackel ein und klärt mich auf: Kupferfracking! Es sei überhaupt noch nicht ausreichend erforscht, welche Folgen das habe, erläutert der Mann. Da kann ich ihm nur zustimmen. Und ich ergänze: Die Erde stöhnt noch unter den Folgen des "volkseigenen" Raubbaus an der Natur, da kommen schon die nächsten Wühlratten!



Langsam lichtet sich das Waschküchengrau, die Sonne hat erste Lücken in den Nebel gerissen und wirft ihr Licht in hellen Flecken übers Feld. Unter meinen Reifen knirscht der Schotter und schreckt manches Reh im Walde auf. Ist das nicht seltsam, denke ich für mich: Wovor der Mensch sich in der Natur am meisten fürchtet, vor Finsterniss und Nebel, dem Wild bietet es die einzige und letzte Sicherheit. Doch jetzt, da der Wald hell und transparent wird, ist es für die scheuen Wesen Zeit, ein entfernteres Versteck auzusuchen.

Asoziale Netzwerke

Morgentau perlt in den Spinnenetzen, in emsiger Fleißarbeit über die Wiesen gespannt - tödliche Fallen für unachtsam fliegendes Gesumms. Wie Milliarden von Menschen in ihren asozialen Netzwerken, so verfängt sich das kleine Gesumms des Waldes in den klebrigen Netzwerken der Spinne. Schrecklich muss der Überlebenskampf in einer solche Falle sein! Man zappelt und strampelt, sich zu befreien, und macht damit doch nur um so mehr auf seinen eigenen Nährwert aufmerksam. Nur wenigen gelingt es zu entkommen, der Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden ist unerbittlich, gnadenlos. Die Spinne selbst ist verdammt zu ihren Listen - und wenn es dem Wind gefällt, wird ihr Fadenwerk seine Beute. Wie ein langes, graues Haar schwebt ein einzelner Faden über dem Weg - der Altweibersommer beginnt.

Ein Mann namens Alexandra

Bei Biehain, in einem Wäldchen versteckt, drängen sich lauschige kleine Wochenendhäuschen um einen lauschig kleinen See, die meisten hübsch aus Holz, einige aus grauen Betonfertigteilen - das lässt auf Entstehungszeiten schließen, in denen das rechteckige Wochendglück auserwählter Werktätiger noch Datsche genannt wurde. Draußen, vor dem Zaun, ruft mir ein Bube von drei oder vier Jahren zu: Wie heißt du? - Alexander, antworte ich im Vorüberfahren. Ich bin um eine Kurve gefahren, der Kleine ist längst außer Sichtweite, da höre ich ihn rufen: Der Mann heißt Alexandra! - Vielleicht ist ja etwas dran, wenn es heißt, Wissen sei Macht. Dann wäre Halbwissen die halbe Macht - und verdrehtes Wissen macht auch nichts. Oder doch? Man weiß es nicht, man weiß es nicht. Wer könnte der unbekannte Mann gewesen sein? Bisher steht nur eines fest: Der Mann heißt Alexandra.

Sieht aus wie Raps, blüht wie Raps, riecht wie Raps

Endlich hat die Sonne den Nebel in Wölkchen verwandelt. Das Gelb auf den Feldern leuchtet wie Raps und es riecht wie Raps, es gehört wie Raps zur Familie der Kreuzblütler und ist wie Raps vierblättrig. Im Gegensatz zum Raps, der im Frühling blüht, blüht diese Pflanze jedoch im Spätsommer, also muss es wohl doch etwas anderes sein... Was ist es? Sinapis alba, zu deutsch: Weißer Senf. Und der blüht gelb und wird daher auch Gelbsenf genannt.*

Querfeldein zum Schwanensee

Da ich einen Wegweiser, an dem ich hätten abbiegen müssen, falsch interpretiert habe, erreiche ich statt Ober Horka das Dörfchen Mückenhain. Vorsichtig überhole ich eine alte Frau, die ihren Rolllator schiebt - vielleicht hört sie schwer, ich will sie nicht erschrecken. Vor ihr wende ich und frage sie sodann nach dem Weg. Sie erklärt mir die Alternativen ausführlich. Über das Dörfchen Särichen fahre ich querfeldein nach Ödernitz, biege danach rechts auf eine Landstraße, die nach Niesky führt. An der nächsten Kreuzung treffe ich wieder auf den Frosch-Radweg, in den ich links einbiege. Niesky lasse ich dadurch aus. Südwärts, nach Jänkendorf und Ullersdorf, geht es zwischen größeren Teichen entlang.



Zwischen den Schwänen springen die Fische aus der Tiefe über die Wasseroberfläche, sie schnappen nach fliegenden Insekten, nehme ich an. Das muntere Treiben im Teich lässt die Schwäne völlig unbeeindruckt. Von etlichen der weißgefiederten Langhälse ragt nur das Hinterteil aus dem Wasser. Auch hinter dieser Übung dürfte schlichtweg ein Phänomen namens Appetitit stecken. Oft imitieren die Pärchen ihre Bewegungen gegenseitig, was den Eindruck eines Tanzes erweckt - hier ist die lebendige Vorlage für Tschaikowskis Schwanensee-Ballett.

Im Wald finde ich meinen Weg besser als auf der Straße

Jetzt führt der Weg durch ein dichtes Wäldchen. An der ersten Biegung kürze ich über einen beinahe zugewachsenen Forstweg ab, da muss ich schieben. Bei der kleinen Siedlung Altendorf tauche ich aus dem Dschungel auf und gelange nach einer Rechtskurve nach Baarsdorf, dann bergan über einen Feldweg nach Diehsa. Am Ausgang des Dorfes bin ich einige Meter zu zeitig abgebogen und gelange deshalb statt nach Kollm ins Dörfchen Thräna, wo ich mich gleich nochmals verfranse und dadurch nach Jerchwitz gelange. An einer Kreuzung erklärt mir ein junger Bauer, dass ich nicht der Einzige sei, der sich hier verfährt. Die Verwirrung liegt für mich auch in der "Eingemeindung" kleinerer Dörfer zu den größeren begründet - man wähnt sich in dem Ort, der auf dem Ortseingangsschild angegeben ist, und vergleicht das mit dem Eintrag auf seiner Straßenkarte, wo diese Eingemeindung nicht stattgefunden hat. Daraus ergeben sich falsche Folgerungen.

Die Kinder können ja aufgenommen werden

Es ist nicht viel los am Strand des Olbasses, hier lässt es sich ein Weilchen aushalten. Ich springe ins kühle Nass, dann lasse ich mich von der Sonne trocknen. Eine Gruppe Männer mittleren Alters hockt am schattigen Wiesenrand, man ist sich über die Ursachen des anhaltenden Flüchtlingsstromes einig: die finanziellen Anreize in Deutschland. Die kommen nur zu uns, um hier zu kassieren. Was die Kriegsflüchtlinge angeht: Die Kinder können aufgenommen werden, aber die Männer sollte man zurückschicken. Jemand müsse ja ihre Länder wieder aufbauen… - Sagt sich leicht so beim Bierchen am friedlichen Baggersee, wo noch das einzige akute Problem ist, sich und seine Handtuch gelegentlich in den wandernden Schatten nachzurücken. Die Kinder könne man ja aufnehmen... Wie großzügig, wie mildtätig, wie barmherzig, wie kinderlieb!!!!

Wo auch immer ich halte und auf Leute treffe, das beherrschende Thema der Nachrichten wird überall besprochen. Die Politiker beschwören, die Mehrheit der Bevölkerung sei (trotz der sich häufenden fremdenfeindlichen Exzesse und Brandanschläge) hilfsbereit und weltoffen. Woher nehmen sie diese Einschätzung? Nach allem, was ich auf der Straße vernehme, lässt sich nur konstatieren: Die Gleichgültigkeit ist "in der Mitte der Gesellschaft" angekommen - von Weltoffenheit ist da nicht die Bohne zu sehen. Die Mehrheit schließt sich einer konformistischen, in der Gosse aufgelesenen Meinung an, die vorgibt, "echten" Flüchtlingen solle man helfen, aber, aber, aber… Aber wer bin ich, hier die Moralkeule zu schwingen? "Die Menschen sind alle ein Gemisch von Gutem und Schlimmen, und jeder hält das erste bei sich für besonders gut, das zweite bei sich für weniger schlimm, während er bei dem ihm fremden Guten und Schlimmen wiederum einen ganz andern Maßstab anlegt." - So las ich es letzte Nacht in der Broschüre "Fürst Pücklers Spüche".

Unendliche Gelassenheit

Bei Lömischau verlasse ich den Frosch-Radweg und schwenke südwestlich auf den Spree-Radweg ein, der mich nach Bautzen führt. Zwischen Malschwitz und Burk führt der Weg erneut durch ausgedehnte Teichlandschaften, in denen der Schwan der unbestrittene König allen Gänsevolkes ist. Sein sanftes Gleiten, seine Stille inspiriert jeden Betrachter. Wie Rilke bin ich fasziniert, wo immer der Schwan "unendlich still und sicher immer mündiger und königlicher und gelassener zu ziehn geruht".

Dann führt der Radweg an der Talsperre Bautzen entlang, ein Strand säumt das östliche Ufer. Wo ein Strand ist, sind Leute, und wo Leute sind, wird geredet und gestritten. Zu dieser frühen Abendstunde kommen nur noch vereinzelt Leute an den Imbissstand. Die Gespräche kommen immer wieder auf das mediale Hauptthema, den Zustrom der Flüchtlinge, Tausende erreichen Deutschland täglich. Vorsichtig tastet man sich an die gegenseitigen Wenns und Abers heran. Aber wenn jetzt jedes Jahr eine Million Menschen kommen? Wohin mit den vielen Leuten?
Wie soll das weitergehen? Wie kann das weitergehen? Fragen über Fragen... Wer da schnelle Antworten parat hat, macht es sich leicht. Mir wird bange, wenn ich erlebe, wie viel Zulauf die Seite der schnellen Antworten findet.


Bautzen von unten

Bautzen habe ich schon oft besucht, heute erreiche ich die größte Stadt der sorbischen Lausitz erstmals von dem idyllisch anmutenden unteren Stadtteil, durch den sich die junge Spree windet. Ich folge einer Baustellenumleitung und so gelange ich gar nicht in die prächtig restaurierte Altstadt, sondern an die westliche Peripherie. Nahe bei der Autobahnbrücke frage ich eine Frau, die in ihren Vorgarten werkelt, nach dem günstigsten Weg zur Bundesstraße 6, Richtung Bischofswerda. Sie reicht die Frage locker an ihren Mann weiter: Wo 'lang schicken wir ihn? - Über Salzenforst, antwortet der kurz und bündig. Weil die Straße steil bergan geht, muss ich alsbald schon verschnaufen und werfe dabei einen kritischen Blick in meine Umgebungskarte, in der ich meinen jetztigen Standort zu finden versuche. Ein anderer Gärtner bemerkt meinen suchenden Blick und fragt mich nach meinem Ziel. Auch er hällt den Weg über Salzenfort für alternativlos. Während ich nach meiner Wasserflasche greife, bietet er mir eine Alternative anderer Art: Wie wär's mit einem Bier? - Kann ich da widerstehen? Klar kann ich das!

So viel Zeit muss sein

Muss ich widerstehen? Ich könnte es jedenfalls... Wenn ich vom schweißtreibenden Schieben am Berg dürste und mein mitgeführter, längst lauwarmer Wasservorrat schon zur Neige geht, fällt das Widerstehen ziemlich schwer. Ich folge dem Mann in seinen Garten. Er wischt den Staub von einer Bank, wir setzen uns, stoßen mit den Flschen an, reden ein Weilchen, zuerst übers Radeln und dann über die viele vertane Zeit, die man sich im Leben mit Arbeit versaut hat, Zeit, die man nicht zurückdrehen könne, nur weil man endlich erkenne, dass jeder irdischen Existenz Grenzen gesetzt sind - auch der eigenen. Wir haben unsere Flaschen geleert - zur gleichen Zeit, nach einer Zeit, die man sich nehmen kann und nehmen muss, für ein Päuschen, für ein Schwätzchen. Doch jetzt ist Zeit für Abschied. Die Sonne neigt sich schon zum Horizont und ich habe noch einiges vor mir - bis zu meinem heutigen Ziel.

Finster war's, mein Rad schien helle

Als ich auf die B6 einbiege, dämmert es schon. Lieber wäre ich querfeldein über die Dörfer geradelt, doch in den Tälern folgt der Dämmerung schnell die Dunkelheit. Deshalb bleibe ich zunächst auf der ziemlich geradlinigen B6, an der ein gut ausgebauter Radweg entlangführt, wenigstens bis zu der Baustelle ab Großhartau. Beim Abzweig nach Kleinrennersdorf ist es schließlich finster, im anschließenden Wald sogar schon stockfinster. Zwei jugendliche Radler, die mich vor einer Minute überholt hatten, warten am finstren Straßenrand und halten mich an: Ob ich ihnen voraus fahren könnte, sie hätten kein Licht am Rad. Da fühlt sich meine neue 40-Lux-Lampe geschmeichelt - erstmals erhält sie hier ihre volle Bestätigung. Die beiden Jungs - einer fährt wegen des Bierkastens, den er rechts hält, einhändig neben mir - wollen zum Jahrmarkt nach Dürrröhrsdorf, da haben wir ein Stück gemeinsamen Weg. Allerdings verpasse ich mal wieder einen Abzweig, das merke ich erst, als sie sich, ein Stück hinter mir, verabschieden. Ich kehre um, hole sie aber nicht mehr ein, denn ab hier ist die Landstraße beleuchtet - und auch der Vollmond steigt hinter einem weiten Feld am Horizont auf.

Bunte Lichter, Geflacker und sogar Straßenbeleuchtung

Der dörfliche "Jahrmarkt", wie könnte es anders sein, ist heute auch nur noch ein Rummelplatz voller moderner Karussells, mit Diskozelt, nervigem Gedöns, Fressbuden. Es ist Sommer, es ist warm, es ist Samstagnacht, da zieht es die Jugend zur Jugend und der gelangweilte Menschenrest rotiert um seine eigene Drehachse. An bunten Lichtern und Geflacker mangelt es nicht. Ein bisschen abseits ein Bierstand, der zieht mich an wie ein Brunnen in der Wüste. Bevor ich den letzten Anstieg über Elbersdorf nach Porschendorf angehe, tanke ich ein letztes Mal. Ich schiebe ein Weilchen, dann hole ich den Mann ein, den ich unten bei der Tränke nach dem Weg gefragt hatte, und der nun mit seinen beiden großen Töchtern auf dem Heimweg ist. Was für ein Glück! sagt der Mann, heute sei sogar die Straßenbeleuchtung in Betrieb, sonst ist es in diesem Wald stockfinster. Aha! Weil heute Jahrmarkt ist, spendiert der Bürgermeister eine Runde Straßenbeleuchtung - da lassen sich nachher die Schnappsleichen besser auflesen. Wir teilen uns noch ein Stück des Weges - bis es wieder talwärts geht. Gegen halb 10 erreiche ich meine heutige "Destination", bei einem alten Freund, der viele Jahre lang mein Nachbar war.

Gedanken zur Nacht

Wir haben uns lange nicht gesehen, es gibt einiges zu erzählen. Jeder von uns geht aber auch gern seinen eigenen Gedanken nach, deshalb finden wir einen guten Zeitpunkt, Gutenacht zu sagen. 120 Kilometer habe ich an diesem Tag zurückgelegt, das sollte für ausreichend Bettschwere sorgen. Ich lese noch ein paar Seiten in den Sprüchen des Muskauer Obergärtners - und beim Sinnieren über einen Satz werde ich müde: "Wie wenig ist man imstande vorherzusehen, welche unbegreifliche heterogenen Folgen die Handlungen der Menschen haben - ja in der moralischen wie in der materiellen Welt sieht man nur zu oft da, wo Weizen gesät wurde, Unkraut aufgehen und dem hingeworfenen Mist Blumen und duftige Kräuter entsprießen."

Eine schlaflose Nacht mit stechgeilem Weibervolk

30.8.
Sonntag. In aller Frühe rolle ich meine Matte ein und packe meinen Schlafsack, denn die Nacht war alles außer erholsam. Ungezählte Zweiflüger der Art Culicidae wetteiferten um Flugbahnen an meinen Ohren. Warum gerade dort, verdammt! Jedesmal, nachdem ich das Licht ausgeschaltet hatte, dauerte es eine Minute, bis wieder eine im Landeanflug war - oder zwei. Es schien, sie hatte die exponierten Ränder meiner Ohrmuscheln zum Eintunken ihres Stechrüssels auserkoren - oder aber zur Zwischenlandung, um von dort aus die zarteren Bereiche meiner frei zugänglichen Hautflächen auszuspionieren. Ich zog die Schlafsackkapuze über meine Ohren, es half nichts: Ich bin so hellhörig! Und sie sind so hellsichtig, dass sie selbst im Dunkeln Lücken, Löcher und Nischen finden. Ich bot den Biestern freiwillig meinen nackten Fuß, um ihre Gier nach frischem Blut zu stillen - lieber nahm ich das Jucken in Kauf als das schrille Gesumms. Doch das interessierte die Biester nicht, das stechgeile Weibervolk zog meine zarten Wangen vor - und meine noch zärteren Augenlieder. Sogar meine vom vielen Grübeln runzlige Stirnhaut befanden die Mücken noch wert genug, einen Stechversuch zu wagen. Bis zur Morgendämmerung blieb mir nichts anderes, als zu lesen. Lektüre hatte ich seit dem Museumsbesuch in Muskau ja mehr als genug.
Auch Peter und seine Hündin Linda sind Frühaufsteher, wenigstens letztere scheint darauf zu bestehen, die goldene Morgenstund für eine Runde ums Haus zu nutzen.

Während eines Tässchens Kaffee, erörtere ich mit Peter die verschiedensten Varianten, welchen Weg ich von hier heimwärts an die Elbe nach Dresden wählen sollte. Der kleine Wald durch den Liebethaler Grund ist eigentlich die erste Wahl, besonders in dieser frühen Stunde, da außer Fuchs und Hase noch kaum jemand dort spazieren geht. Kein Mensch  stört den morgendlichen Vogelsang des Waldes, nur die unermüdbare Wesenitz plätschert und rauscht durch die grünen Schluchten.


 

Wer sich weder vor dem Riesen Wagner noch vor seinen muskelbepackten Leibwächterinnen fürchtet, kann hier den Weg durch eine romantische Schlucht entlang der Wesenitz nehmen. Um da das echte Lohengrin-Gefühl zu bekommen, ließ sich ein Tourismus-Experte etwas ganz Besonderes einfallen: Per Knopfdruck erschallt mitten im tiefem Grün des Liebethaler Grundes ein Ausschnitt aus der berühmten Wagner-Oper, ein solarbetriebener mp3-Player macht's möglich. Toll...

Ich bin den holprigen Weg durch die romantische schon manches Mal gegangen, lasse ihn diesmal links liegen - nicht aus Furcht vor Wagner und seinen Gralshüterinnen, nein! Das Bedürfnis, den von Mücken geraubten Schlaf nachzuholen, ist heute mächtiger als die Romantik. Ich nehme den kürzeren Weg über die Straße nach Liebethal, biege vor Pirna Richtung Pillnitz ab.

Die wahrscheinlich größten Eiskugeln der Welt

Am Imbissstand auf dem Schlossparkplatz kann ich dem Frühstücksangebot, ein Stück Stachelbeerkuchen und eine Tasse Kaffee, nicht widerstehen. Eine Runde alter Männer, Passagiere einer Stadtrundfahrt, die das Abklappern all der vielen Sehenswürdigkeiten offenbar schon satt haben, kann dem frisch gezapften Radeberger nicht widerstehen - auch verständlich. Und: Die Preise hier im Osten - so was von ein Schnäppchen... Als Nachtisch hole ich mir zwei Kugeln Eis, Erdbeeere und Zitrone, die wahrscheinlich größten Eiskugeln der Welt - das muss einfach mal erwähnt werden!

Die kleinen Welten werden kleiner

Die Schlossfähre bringt mich hinüber ans Kleinzschachwitzer Ufer. Auf den letzten zwei Kilometern bis Laubegast kommen mir ganze Geschwader entschleunigter Radfahrer entgegen: Familien, Reisegruppen, Spaziergänger. Die von der allgemeinen Entschleunigung ständig ausgebremsten Rennradler zeigen Anzeichen von Abgenervtheit... Die große weite Welt ist verdammt klein an einem sonnigen Sonntagvormittag, an einer der beliebtesten Flaniermeilen des Elbtales - und diese kleinen Welten, in denen jeder sein Heil, sein Glück, seinen Kick, seinen Rausch, seinen Frieden sucht, werden noch kleiner werden - das ist abzusehen.

Sag mir, wo die Frösche sind

Die Kolonne zieht ostwärts, hinaus aus der Stadt - so ist wenigstens in meiner Richtung noch kein Stau. Kurz bevor ich zuhause bin, frage ich mich: Wo waren eigentlich die Frösche vom Frosch-Radweg? An so vielen Teichen bin ich entlang und nirgends hörte ich ein Quaken. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob da nicht doch einmal etwas vor mir durchs Laub hüpfte - vielleicht war es eine verwunschene Prinzessin.







ON THE R(O)AD
Unterwegs mit der Ukulele


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