Der Tag der Indianer...

Einheimische aus allen Winkeln von La Palma, Besucher von anderen kanarischen Inseln und einige Touristen aus aller Welt treffen sich am Rosenmontag in Santa Cruz, ein Drei- bis Vierfaches der eigentlichen Hauptstadtbevölkerung (15.000 Einwohner). Palmerische Zeitungen übertreiben diese Zahlen gern, allein die Kapazität an Übernachtungsmöglichkeiten begrenzt die kühnen Schätzungen. Im Gegensatz zu benachbarten Inseln konnte auf La Palma der rigorose Bau von Hotelburgen verhindert werden. Wahrscheinlich konnte der palmerische Karneval gerade deshalb sein einzigartiges Flair bewahren.

Wie auf folgenden Bildern zu sehen, imitieren Männer den Schick aus Kuba, wie er um die Jahrhundertwende (19./20.) in Mode war, und parodieren auf diese Weise die einstigen Heimkehrer, die "Indianos" genannt wurden, nachdem sie es als Gastarbeiter auf Kuba zu einigem Reichtum gebracht hatten.  Sichtbare Attribute des Wohlstandes waren Koffer
voller Geld, Panamahut und dicke Havanna-Zigarren. Bei Frauen gehörten elegante Kleider, Fächer und kostbarer Schmuck dazu. Bereits am Morgen sammeln sich zahlreiche "Indianos" und "Indianas" in den Straßen der Stadt, doch offiziell beginnt das Straßenfest erst mittags im Rathaus von Santa Cruz - mit exotischen Drinks und einer Band, die jede Menge kubanische Ohrwürmer a là "Buena Vista Social Club" auf dem Kasten hat. Am Nachmittag breitet sich das Fest von der historischen Altstadt auf die gesamte Stadt aus, insbesondere auf die dann für den Verkehr gesperrte Avenida Maritima an der Küste. Die Musikanten treffen sich eher an den etwas ruhigeren Orten. Die Nacht gehört der Jugend, bis in die Morgenstunden hält das freizügige Treiben an.



Samstag vor "Los Indianos"


Am Vormittag hat der Puderbüchsen-Verkäufer noch nicht viel zu tun... Aber er weiß, mittags schließen die Geschäfte...

Am Abend kann der Puderverkäufer lächeln: Keine Puderbüchse mehr übrig, in seinen Taschen knistern die Geldscheine...


24 Minuten aus dem Treiben eines echten "Inselfestes"...


Historischer Hintergrund


Die Besonderheit des Karnevals von Santa Cruz de la Palma hat ihre Wurzeln bereits Ende des 19. Jahrhunderts, als es palmerische Gastarbeiter vor allem auf Kuba zu einigem Wohlstand brachten. Je nach wirtschaftlichen Situationen gab es im Verlaufe des 20. Jahrhunderts jedoch Migrationen in beiden Richtungen, die zu einer kulturellen Verbindung führten. Die teils als arrogante Snobs auftretenden Heimkehrer wurden entsprechend verhöhnt, derartiges Parodieren neureicher Parvenüs ist seit alters her Bestandteil von Karnevalsbräuchen. Zu den "Mitbringseln" aus Kuba gehörte mitunter auch weibliche Dienerschaft, ihrer Hautfarbe wegen "Negra" (spanisch für "die Schwarze"), verniedlichend auch "Negrita" genannt. Der Begriff "Indiano" für Indianer geht auf den allgemein bekannten Irrtum von Christoph Columbus zurück. Während "Indiano" in den lateinamerikanischen Ländern längst durch "Indio" ersetzt ist, erhielt sich hier offenbar die ursprüngliche Form als Verhöhnung der reich gewordenen palmerischen Heimkehrer.

Ein weiterer spezieller Karnevalsbrauch in Santa Cruz de la Palma ist das gegenseitige Bepudern mit Talkum (Babypuder), was angeblich auf geplatze Mehlsäcke zurückgehe, wie es beim Entladen der Schiffe häufiger vorgekommen sein mag. Tatsächlich wurden karnevalistische Bräuche, bei denen man sich gegenseitig mit Mehl bepudert, für La Palma schon im 17. Jahrhundert beschrieben. Eine weitere These bezieht sich auf das "Weißen" der Haut, das als Ritual bei einem kubanischen Geheimbund praktiziert worden sein soll (La Sociedad Secreta Abakuá, auch Ñañiguismo genannt) - und durch ein Mitglied des Geheimbundes dann irgendwie nach La Palma importiert wurde? In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts belebte sich der Brauch des Puderns jedenfalls zum Karneval. Ab den 1980ern vereinten sich beide Bräuche, das gegenseitige Bepudern und das Parodieren der versnobt auftretenden Heimkehrer, zu einem Ritual, das damit sowohl historische als ethnographische Bezüge hat. Der interkulturelle Austausch zwischen La Palma und Cuba, zwischen Kanaren und Karibik, trug über die Jahrhunderte hinweg zu einem sehr eigenwilligen, originellen Karnevalsbrauch auf La Palma bei. Musikalisch entsteht daraus ein exotischer Cocktail aus spanisch-kanarischer Folklore und "Buena Vista Soical Club"... Neben Gitarren erklingen in den Straßen dann auch traditionelle kanarische Instrumente wie die mandolinenartige Bandurria oder die ukulelenähnliche Timple.

Dafür wurde das Babypuder eigentlich mal erfunden...  Aber zum Karneval ist alles etwas anders...



ON THE R(O)AD
Unterwegs mit der Ukulele