Tropische
Stationen


Auf dem Weg ins Paradies
und wieder nachhause



Im Januar 1994 brach ich zu einer Exkursion zu den Ureinwohnern Mittelindiens auf. Wie bei all meinen Reisen konnte ich nicht warten, bis sich ein Reisegefährte oder ein Kommilitone findet - ich studierte zu dieser Zeit an der FU Berlin im Hauptfach Ethnologie. Als regionaler Schwerpunkt bot sich mir der indische Subkontinent an. Durch einige Zufälle begann ich mich für die ethnografische Literatur Mittelindiens zu interessieren. Das Ziel meiner Reise wurde daher  die abgelegenen Bergdörfer im indischen Bundesstaat Orissa, der heute offiziell Odisha heißt. Die dortige Sprache Orya (s.o. das Wort Odisha in Orya-Schrift) wenigstens in einigen Grundzügen kennenzulernen, verschaffte mir die Bekanntschaft von Professor Prassanna Nayak, der zu jener Zeit eine Gastprofessor am Berliner Institut für Ethnologie innehatte und sonst die anthropologische Fakultät der Utkal University in Bhubaneshwar leitete.

Zu jener Zeit wohnte ich in einer kleinen Hinterhofwohnung im damals wildesten Kiez Berlins - der Prenzlauer Berg war noch völlig unsaniert, für Neuberliner mit höheren Ansprüchen noch völlig unbewohnbar. Für die Berliner Kneipen- und Partyszene war der Kiez jedoch bereits zum angesagtetesten Hotspot avanciert. Mit seinem damals noch von "Ureinwohnern", von Studenten und allerlei Überlebenskünstlern geprägten Millieu war der Stadtteil auch für soziologisch Interessierte ein reizvolles Terrain. Jedenfalls besuchten mich einige meiner Dozenten aus dem fernen und ganz anders situierten Dahlem auffällig gern. Natürlich freundet man sich auf diese Weise gut an.

Ergeben sich aus solchen Beziehungen auch sinnvolle Kontakte, kann das den Fortgang eines Vorhabens günstig beeinflussen - oder geradezu in eine Richtung lenken, die man vorher noch gar nicht kannte. Um in einem fremden, so ganz anderen Land eine Exkursion in Gebiete zu unternehmen, die zum Schutz ihrer ursprünglichen Einwohner vor jeglichem Tourismus abgeschirmt werden, braucht man mehr als das. Auch sind einige Genehmigungen erforderlich. Gestempelte Papiere sind dann auch die wichtigstens Spuren, falls der Reisende in der Wildnis abhanden kommt. Man braucht also einige Kontakte - und um diese nach landestypischen Sitten und Bräuchen nutzen zu können, braucht es auch immer ein Mitbringsel. Schließlich braucht es vor Ort Fahrzeuge und allgemein eine gute Portion Glück. Ich hatte alles Gute beisammen - manchmal klappt sowas selbst unter bizarr anmutenden Bedingungen.

Was reizt mich an fremden Kulturen?

Ein bisschen Sehnsucht nach Exotik ist immer dabei. Bei mir überwog sicher die innere Flucht vor dem Grau des real existierenden Stumpfsinns in den Farben des totalitären Staates, der rmich mit Mauer und Stacheldraht gefangen hielt. Im Dresdner Tal der Ahnungslosen aufgewachsen, begann ich frühzeitig zu vermuten, dass da draußen - in der großen weiten Welt - noch anderes zu finden sein muss, als mir der Staatsbürgerkundelehrer weiszumachen hatte. Ich floh also in die Welt der Ethnographien - soweit verfügbar. Die spärlich erhältliche Literatur war veraltet - als sei die Völkerkunde ein Relikt des Kolonialzeitalters. In der Not liest man alles, was man bekommt. Die Lebensweise indigener Völker begann mich mehr und mehr zu fesseln, sie erschien mir überschaubarer, logischer, nicht so dumm und verlogen wie die Welt, in die ich hineingeboren war. Im Grunde wollte ich also - na klar! - selbst "Indianer" werden! Eine Hütte auf einer immer warmen, immer blühenden Südseeinsel, wo Hula tanzende Schönheiten Lieder zur Ukulele singen, das wäre ganz nach meinem Geschmack gewesen - einige Gauguin-Gemälde fütterten meine Jungerwachsenen-Phantasie an.

Fünf Jahre hach dem Mauerfall war es soweit: ich brauch auf und habe eines dieser wenigen Paradiese besuchen können. Gut zwanzig Jahre nach meiner Exkursion - westeuropäische Wohnstandards wie Heizung und Dusche möchte ich heute nicht mehr missen - bekomme ich erneut Sehnsucht nach dem Leben ohne diesen Komfort, ohne Strom und Telefon und all die scheinbar unverzichtbare Annehmlichkeiten. Denn ich habe gelernt: die Engherzigkeit, die Spießigkeit der allermeisten Menschen wächst proportional zu ihrem materiellem Wohlstand. Die sozialen Nebenwirkungen eines Wirtschaftssystems, das auf ständig zu steigernden Konsum von Waren gebaut ist, führt zu Kriminalität und anderen Formen des Egoismus. Eine Generation nach dem Mauerfall hat die Ellbogengesellschaft des "freien Marktes" die Sitten im letzten Winkel des Ostens verroht - die Nachteile dieser Wirtschaft mögen von Ort zu Ort unterschiedlich ausgeprägt sein, aber im Wesentlichen ist das so. Ich kann das nicht ändern, ich möchte manchmal nur wieder Rucksack und Moskitonetz packen und hinausziehen... Manche Unbequemlichkeit des Expeditionslebens nähme ich gern in Kauf, um dem hiesigen Kreislauf aus Neid und Gier zu entkommen...

Während meines Studiums an der FU Berlin lernte ich, worauf es in der Ethnologie ankommt. Es geht um die Erforschung kultureller Gegebenheiten, aus denen sich universelle Prinzipien ableiten lassen - soziale Regeln, die unter Menschen überall auf Erden gelten, egal ob bei den Yanomami im brasilianischen Urwald oder bei den Schickerias in den Clubs von Berlin, London und New York. Wie aber kann man solche Gruppen unter den Kriterien wissenschaftlicher Objektivität untersuchen, wenn man sich doch mitten ins Gewühl begeben und ihre Normen und regeln akzeptieren muss? Ohne einen gewissen Opportunismus wird man ja umgehend hinausgeworfen. Man kann die klassische Fachlitertur zu dieser Frage als Student bereits gelesen haben, aber die Bedeutung des Problems nimmt erst mit eigener Er-fahr-ung Gestalt an. Und was macht man dann mit dem Wissen? Mit dem wissenschaftlichen wie mit dem persönlichen?


Anfangs fand ich es besonders interessant, mich mit unterschiedlichen Konzepten von Zeit zu beschäftigen. Die Kulturen der Azteken und Maya wurden womöglich Opfer ihres eigenen Kalenderkultes. Wie gehen menschen in anderen kluturellen Zusammenhängen mit Zeit um? Es ist immer die Rede davon, da oder dort tickten die Uhren langsamer. Aber warum tickt die Zeit da oder dort langsamer - und tickt sie denn wirklich langsamer? Selbst als studentischer Mitarbeiter der ethnologischen Institutsbibliothek, wo ich doch ziemlich alle Bücher mal in der Hand hatte, kam mir bis zu meiner Reise nichts unter die Augen, das sich explizit mit der Wahrnehmung von Zeit beschäftigt. Insofern wäre das Thema durchaus originell gewesen. Wie oft wurde ich in Indien gefragt, wann ich gern mein Frühstück nehmen würde! Jedesmal bekam ich auf meine Antwort - um 8, um 9 - einen Gegenvorschlag: half past 8, half past 9... Warum "halb" und niemals "um"? Weil "um" ein Tabu ist? Weil "halb" so schön mittendrin ist, so schön ungefähr? Wahrscheinlich ist das so, denn auch Fahrpläne und ander Zeitangaben bevorzugen diese Zeit "dazwischen". Weder das Frühstück noch der Zug kommen dann pünktlich "halb", aber eben irgendwann viel später... Ja, da gäbe es bestimmt einiges zu erforschen.

Um das auch nur ansatzweise ergründen zu können, braucht man vor allem: ZEIT - viel Zeit. Das ist ja immer das Dilemma: Entweder man hat einen Job, dann ist die Zeit knapp. Oder man hat keinen Job, dann ist das Geld knapp. Dank meiner Hiwi-Stelle an der Bibliothek, aber auch dank meiner billigen Hinterhofbude am Prenzlauer Berg konnte ich das nötige Reisegeld schnell zusammensparen. Nun musste ich nur noch Vertretung für mich organisieren - für l
etzteres ließ sich schließlich eine akzeptable Regelung finden und so stand meinem "Ausflug ins Paradies" nichts mehr entgegen.


Ins Paradies ist ein weiter Weg

Mitunter muss man erst nach Westen fliegen - von Berlin nach Amsterdam, um von dort in den Osten zu gelangen. Nach einer Zwischenlandung in Delhi - eine indische Putzkollonne puhlt die Zigrattenkippen aus den fest in die Armlehnen installierten Aschenbechern - lande ich zu früher Morgenstunde in Kalkutta. Im Flughafen tausche ich meine Traveller Checks gegen ein dickes Bündel durchlöcherte Rupien-Scheine ein. Am Ausgang des damals eher ländlich wirkenden Terminals stürmen Kinder auf mich ein - ein Junge von geschätzt 14 Jahren fragt mich, ob ich ein Taxi brauche. Zu meiner Überraschung ist er nicht nur als Schlepper unterwegs, sondern auch gleich selbst der Fahrer des Taxis, das mich wenig später durch die unheilvoll übervölkerte westbengalische Metropole bringen soll.



Kalkutta - Augen zu und durch

Augen zu und durch wäre die beste Einstellung... Wenn es nur so einfach wäre! Was ich in den nächsten Stunden zu sehen bekomme, übertrifft all meine Vorstellungen von der Not der sogenannten dritten Welt. Tausende Menschen, viele nur mit einem Lendentuch gekleidet, scheinen am Straßenrand genächtigt zu haben, einige verrichten ihre Notdurft an der Bordsteinkante, andere waschen sich an Hydranten, andere bleiben liegen - genau wie die toten Hunde, die überall herumliegen. Die ersten Eindrücke sind unfassbar, im Taxi fühle ich mich etwas geschützt. Der Fahrer, den ich noch immer für minderjährig halte, scheint derartige Verwirrung bereits von anderen Ankömmlingen aus dem Abendland zu kennen. Mitten im Verkehrschaos versucht er, den vereinbarten Fahrpreis neu zu verhandeln. Der meinen Ohren noch ziemlich unvertraute indische Akzent seines Englischs macht die Sache für mich nicht leichter verständlich, aber so viel verstehe ich: er will jetzt das Doppelte.

Howrah - Vorhof zur Hölle

Im Stadtteil Howrah wird es noch grausiger. So unvorstellbares Elend lässt sich nicht fassen, ich traue meinen Augen nicht. Ein beinloser Mann schiebt sich mittels eines auf Rollen montierten Bretts, auf dem er sitzt, zu mir und erbettelt eine Spende. Ich habe nur große Scheine... Und das scheint sich schnell herumzusprechen. Bald bin ich von sämtlichen Krüppeln umgeben, die in der Nähe des Bahnhofs auf Spenden von Reisenden hoffen. Verstümmelte Arme stupsen mich an, von allen Seiten, alle wollen etwas von dem Mann, der da plötzlich wie ein Märchenprinz auftaucht und Geldscheine verteilt. Niemand will leer ausgehen. Mich überkommt das Schaudern, als ich die verstümmelten Hände der Kinder sehe, die an meinem Hemd zerren...

Ich bin völlig unvorbereitet auf das unbeschreibliche Elend, das ich hier vorfinde: klapperdünne menschliche Gestalten, Blinde, Gelähmte, furchtbar entstellte Gesichter, alte Männer auf noch älteren Krückstöcken, verkrüppelte Kinder, Handstummel. Was ist mit diesen Kindern geschehen? Was hat man ihnen angetan? Sind sie verstümmelt worden, damit sie mehr Mitleid errregen? Bevor ich auch nur eine Frage formulieren kann, sehe ich immer schon das nächste Grauen. In meiner Verwirrung ziehe ich das Bündel zerknitterter Rupien-Scheine hervor, die ich an der Bank des Flughafens erhalten hatte, wo sie auf einer Stange steckten, so dass sie durchlöchert sind. Ich weiß nicht, wie viel Geld ich gerade verteile, denn ich kann in der Aufregung gar nicht erkennen, was auf den löchrigen, abgegriffenen Scheinen steht. Ich kann nur davon ausgehen, dass es kein Wechselgeld ist, was ich hier verteile, denn bisher erhielt ich ja keines. Auch der Taxifahrer hat mir nichts rausgegeben.

Ich bin umkreist von hundert fürchterlich armen Gestalten, ich stehe im Mittelpunkt allen Elends dieser Welt. Ich verteile das Geld nicht als Gönner, nicht als Gutmensch. Das Zücken des Portemonnaies war vielleicht so etwas wie ein natürlicher Impuls - angesichts des himmelschreienden Elends. Und es war naiv zu glauben, ich käme dadurch frei und könnte dann weiter gehen... Jeder Schein, den ich verteile, lockt mehr Bettler an, mehr Kinder, mehr Elendshäufchen. Manche, die einen Schein erwischt haben, weichen staunend von mir, andere lassen nicht ab von mir. Wie komm ich hier wieder raus? Ich versuche mich zu sammeln, da starre ich plötzlich in das leere, in das gesichtslose Gesicht eines menschlichen Wesens - anders kann ich es nicht nenen, denn ich sehe keine Augen in diesem Gesicht. Es ist ein Gesicht ohne Augen! Auch Augenhöhlen sind nicht zu erkennen - was ist das? Womit sieht es mich? Es streckt mir seine Hand entgegen, es folgt mir. Wie nimmt es mich wahr, womit nimmt es mich wahr? Dann entdecke ich etwas Winziges, das wie ein Auge aussieht, neben dem Mundwinkel.

Wäre ich in einem Alptraum, würde ich an dieser Stelle aufwachen. Ich kann mich zwicken und kneifen wie ich will, ich wache nicht auf! Ist das alles real oder was ist hier los? Den "real existierenden Sozialismus" kannte ich, aber was ist das hier? Das real existierende Mittelalter? Die Folgen der britischen Kolonialherrschaft? Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in ihrer brutalsten Form, die Hölle auf Erden. Etwas so Schreckliches kann es doch gar nicht geben? In einer Welt, die das Ende des Kalten Krieges als das Ende aller Unmenschlichkeiten feiert, kann es doch so viel bitterste Armut, so grausame Not nicht geben? Ich verstehe gerade gar nichts mehr. Oder bin ich vielleicht unwissentlich in die Dreharbeiten eines Gruselfilms geraten... Wo sind die Kameras? Ich sehe keine Kameras. Wo bin ich?

Howrah Station. Hinter dem Sackbahnhof, von dem die Züge in den Süden Indiens abfahren, beginnt der größte Slum Indiens - warum hat mir das niemand gesagt? Warum habe ich nie etwas davon gehört? Warum weiß ich im 5. Semester Ethnologie, welche Entrüstung manche entnervte Bemerkung in Bronislaw Malinowskis Feldtagebüchern in der Welt der Ethnologie hinterlassen hat und was die Fachwelt darüber diskutiert hat, aber nichts davon, wie grausig bereits das nähere Umfeld indischer Slums ist? Ich weiß nicht, wie ich das nennen soll, was ich gerade gesehen habe. Drüben, am anderen Ufer des Hugly, das war also Kalkutta - der Vorhof zur Hölle. Jetzt bin ich in Howrah, am Eingang der Hölle. Und ich bin eigentlich aufgebrochen, das Paradies zu finden...

In der Bahnhofshalle finde ich ein verblasstes Schild: TOURIST OFFICE. Hier war also früher mal eine Informationsstelle... Nirgends ein Fahrkartenschalter zu sehen - wo kann ich einen Fahrschein nach Bubaneshwar kaufen? Ein Mann hat meine Ratlosigkeit bereits von Weitem erkannt, kommt auf mich zu, spricht mich an, führt mich in ein anderes, wenig Vertrauen weckendes Gebäude, verhandelt dort für mich mit einer Frau, die in einem vergitterten, finsteren Loch sitzt. Sein Teil des Jobs kostet mich etwa so viel wie das ganze Ticket. Ich habe nur große Scheine, auch er kann nicht wechseln. Nun habe ich also ein Ticket für die "first class" nach Bhubaneshwar.

Zurück in den eigentlichen Bahnhof, in die Bahnhofshalle, wo es erbärmlich stinkt: Putzfrauen schieben mit Reißigbesen die Pfützen aus den Toiletten. Der Verkäufer vom Imbissstand schiebt die Pfütze weiter. Nichts wie raus hier! Auf dem Bahnsteig bieten Händler Ketten und Vorhängeschlösser feil - wozu braucht ein Reisender derlei Zeug, als das ein Bahnsteig ein geeigneter Umschlagplatz dafür wäre? Gleich drei Händler auf einmal wollen mir ihre Ketten und Vorhängeschlösser verkaufen. Hier kann ich mich auch nicht aufhalten. Wieder in die stinkende Halle, in deren Mitte eine Sitzbank steht. Ein Mann mit seiner Familie wartet dort auf den gleichen Zug wie ich. Der hochkastige Inder macht mir Komplimente wegen meiner Herkunft aus Deutschland. Vielleicht war ich im vorigen Leben ein gemeinsamer Kriegsgegner Großbritanniens, so muss ich die unverdienten Schmeicheleien verstehen. Oder es gilt einfach das archaische Gesetz, nachdem der Feind deines Feindes nur dein Freund sein kann. Ich gerate von einer bizarren Situation in die nächste.

Bereits eine Stunde vor der Abfahrt geht der Mann mit seiner Familie auf den Bahnsteig, dort sei nun der Zug nach Madrash bereitsgestellt worden, mit dem auch ich fahren muss. Ich sehe nur einen Güterzug, lauter Viehwagons mit ein oder zwei vergitterten Fensterluken. Aus den Luken greifen Arme hinaus, Gesichter sind erkennbar, Kinder, Frauen. Das wirkt auf mich wie KZ-Transporte in Filmen über die Deportationen während des Holocaust. Nur schwer kann ich begreifen, dass dies mein Zug sein soll. Zum Glück habe ich ja ein 1st-Class-Ticket, die besseren Wagons sind vielleicht weiter vorne. Ich laufe bis zur Lokomotive - als der Zug ruckelt, frage ich den Schaffner auf dem Trittbrett nach den 1. Klasse-Wagons. Er prüft mein Ticket und zieht mich hinauf in den anfahrenden Zug.

Man sieht so viel beim Eisenbahn fahrn

Meine Zweifel, auf dem richtigen Bahnsteig am richtigen Zug beim richtigen Wagen zu sein, bleiben bis zu jenem Moment, als mich der Schaffner hinaufzieht - und selbst da bleibt noch Skepsis. Der Zug rollt quietschend aus dem Bahnhof und ich stehe, mein Rucksack auf dem Rücken, auf dem Trittbrett eines Waggons, der angeblich der 1-Klasse-Wagen ist. Im Inneren des Wagens werden noch Gepäckstücke rangiert, deshalb klemme ich in der offenen Tür und komme nicht vorwärts. Direkt neben dem Eingang ist das WC, dem Geruch nach. Ich stehe auf der zweiten Stufe des Trittbretts eines fahrenden Zuges, meine Hände umgreifen die Haltestange - für Inder die normalste Sache der Welt, für mich das reinste Adrenalinbad.

Heute nehme ich es sarkastisch: Wenn man auf dem Trittbrett eines fahrenden Zuges steht, kann es keine Verschlechterung bezüglich der Bequemlichkeit geben, ab da kann es quasi nur noch besser werden - es sei denn, man wird runtergestoßen. Ich weiß nicht mehr, was mir damals tatsächlich alles durch den Kopf gegangen ist, zu viele Eindrücke überfielen mich auf einmal... Die Gleise führen direkt durch die Slums - Hunderte Menschen sitzen auf den Schienen der Nebengleise, sie fecheln dort kleine Feuer an, kochen ihr Frühstück, schlafen im Schotterbett. Möge der Zug nur bitte hier kein rotes Signal erhalten und mitten auf der Strecke anhalten! Ich stehe auf dem Trittbrett und mein Rucksack könnte noch immer die Beute eines Gestrüpps werden - oder einer Diebesbande...

Endlich kann ich nachrücken. Der Wagen hat keine Abteile, alles ist offen, und ich sehe nun auch den Zweck der Ketten und Vorhängeschlösser, die auf dem Bahnsteig verkauft wurden. Jedes Gepäckstück wird angeschlossen. Das Verstauen und Anschließen der Gepäckstücke dürfte ein Grund für den Stau im Wagen sein. Die Plätze sind nummeriert, das ist vermutlich der wesentliche Vorzug der ersten Klasse - ich möchte nicht wissen, wie zusammengepfercht die Fahrgäste der zweiten oder dritten Klasse ausharren müssen, wie all die Menschen in den Viehwaggons, in denen es nur diese eine vergitterte Fensterluke gibt, das aushalten können. In den Reisekatalogen sieht Indien anders aus...

Ich bin über jeden Meter glücklich, der mich aus dem Moloch Kalkuttas und seiner Vorstädte entfernt. Mit einer Geschwindigkeit von wohl unter 30 km/h quietscht der rostige Zug vorwärts. Auf den Bahnhöfen der Vororte unheimliches Gewimmel. Klapperdürre Gestalten mit nichts als einem Tuch um die Hüften, alte Männer mit langen weißen Bärten - sind es Asketen, die sich dem radikalen Verzicht auf allen Besitz aussetzen oder sind sie einfach nur so bettelarm? Ich sitze im Zug, etwas erleichtert, ich werde von den Mitreisenden wie ein Außerirdischer angestarrt - und irgendwie bin ich das in ihren Augen vielleicht auch. Gleich die erste Konversation führt schnell zu der Frage: Are you a rich man?

Wenn es so wäre, welchen Informationswert hätte das? Was würde sich dadurch ändern, wenn ich sagte: Yes, very rich, and you? In einem antiquarischen Brockhaus sah ich einmal Abbildungen an Elephantitis erkrankter Menschen - ich hielt diese Krankheit für historisch, für nicht mehr existent. Jetzt sehe ich die furchtbaren Entstellungen, die diese Krankheit verursacht mit eigenen Augen - mal als riesige Geschwülste an den Beinen, mal im Gesicht. Kein Gruselkabinett in den Filmstudios von Hollywood kann sich so etwas Grausiges zusammenphantasieren. Die Dankbarkeit, das einen zu aller übrigen Not wenigstens diese grauenvolle Entstellung erspart geblieben ist, kann nur religiös kompensiert werden. Die einzige Lebensperspektive, die ein Mensch mit derartigen Entsellungen hat, ist Betteln, auf das gelegentliche Mitleid anderer Menschen zu hoffen.

Kalkutta liegt nun endlich weit hinter mir, die Luft auf dem Land ist etwas klarer, obgleich überall die Rauchschwaden von Feuerstellen aufsteigen - und dieses Currygelb in der Luft verliert sich auch nicht. D
raußen fährt das real existierende Indien vorbei, hier ist es sommerlich warm, zuhause in Berlin mag es schnein oder frostig sein. Der Zug hällt an einem Signal auf freiem Feld - das scheint meistens so zu sein. Innerhalb von wenigen Minuten eilt ein Heer von Teeverkäufern heran, in Papiertrichtern gereichte Reisportionen werden verkauft, Gemüse, Süsigkeiten. Mich ekelt alles, ich nippe nur gelegentlich an meiner von zuhause mitgebrachten Wasserflasche. Bloß nicht zu viel trinken, bloß nicht zu diesem stinkenden Abbort müssen!

Was von dem Zwischenmahl übrig bleibt, lassen die Reisenden zu Boden fallen. Das Linolium klebt nun von Abfällen. Die Reisenden verlassen sich darauf, dass jemand die Abfälle beseitigt? Ein Mädchen von vielleicht 5 oder 6 Jahren wird von draußen zur Zugtür getragen und in den Wagen gesetzt - sie kriecht auf allen Vieren und kehrt mit bloßen Händen die Abfälle zusammen. Danach kommt sie zurückgekrochen, sammelt Spenden ein. Wird diese arme kleine Ding jemals eine Schule besuchen? Wird es in seinem Leben jemals etwas anderes machen als die Abfälle andere Menschen zu kehren? Der Zug fährt wieder an, das Mädchen muss bis zum nächsten Halt mit. Wer wird sie dort in Empfang nehmen? Ich bin erschüttert. Wo bin ich gelandet? Was für ein unvorstellbar armes Land ist dieses Indien? Was für eine grausame Welt ist das, in der ein kleines Mädchen so erbärmlich betteln muss?

Am Abend beginnt es zu regnen, dann gießt es aus vollen Kannen. Das Dach des Wagens ist undicht, nach kurzer Zeit spülen Pfützen die Abfälle unter den Bänken hervor, die das Mädchen mit seinen kurzen Armen nicht erreichen konnte und die wohl schon länger dort lagen. Die Dämmerung bricht herein und es wird schnell dunkel. Der zug kommt mit reichlich Verspätung in Bhubaneshwar an. Gedrängel im Zug, Gedrängel auf dem Bahnsteig, spärliches Licht. Und es gießt und gießt! Ich werde jetzt also mitten in Indien aus einem Zug aussteigen, an dessen halbwegs schützendes Dach ich mich eben gewöhnt hatte, um dann einen Bahnhof zu betreten, der hoffentlich nicht gaz so furchtbar ist wie der von Howrah, und dann draußen im strömenden Regen, von Bettlerscharen umringt, bestimmt noch ein Taxi erwischen, das mich zur Utkal Universität bringt...

Die Erleichterung, die ich verspüre, als ich beim Aussteigen ein bekanntes Gesicht erkenne, dürfte nach meinen bisherigen Schilderungen verständlich sein: Professor Prasanna Kumar Nayak! Woher weiß er, dass ich mit diesem Zug komme? Oh, wie froh bin ich, dass er mich abholt. Dass er mich nicht im Regen stehen lässt! Mitten in Indien mitten im Regen mitten in der Nacht... Sein Taxi wartet auf ihn. Wie fahren durch die dunkle Stadt, die Hauptstadt von Orissa, zum Gästehaus der Utkal Universität. Während der Fahrt erzähle ich ihm meine ersten Eindrücke von Indien, von Kalkutta, von Howrah, von dem Mädchen, das im Zug mit seinen Händen die Abfälle zusammenwischte. Prasanna antwortet lapidar: You have a cultur shock!




Ich akklimatisiere mich einige Tage in Bhubaneswar, ich habe ein Zimmer im Gästehaus des Department of Anthroplogy der Utkal University. Alles braucht seine Zeit - das Besorgen einer behördlichen Genehmigung für meine Exkursion benötigt Geduld, gute Kontakte und Bakschisch. Ersteres hat Professor Prasana Nayak, den ich aus Berlin kenne, über zweiteres muss ich mir Gedanken machen - und zwar immer wieder in den kommenden Tagen...

Kulturschock? Ich doch nicht!

Natürlich weigere ich mich anzuerkennen, dass meine ungewohnten Wahrnehmungen quasi das Resultat meiner verweichlichten Lebensweise in Mitteleuropa sein sollen. Immerhin habe ich ja 30 Jahre Realsozialismus hinter mir und bin mit 24m2 Schlafküche im Brenzlauer-Berg-Hinterhof auch noch nicht sehr verwöhnt. Doch was ich heute gesehen habe, übertrifft alle meine Vorstellungen. Ich habe all das Schreckliche hier gesehen - mit meinen eigen Augen! Kulturschock? Ich war im tiefsten Sibirien, ich war in Istanbul und reiste ein Stück an der Küste Kleinasiens. Das Staunen über Rückständigkeit und fremde Sitten ist mir weder neu noch verunsichert es mich. Was ich jedoch in den letzten 20 Stunden - von der noch nächtlichen Zwischenlandung in Delhi bis zur nächtlichen Ankunft in Bhubaneshawar - zu sehen bekommen habe, muss ich tatsächlich erstmal verdauen. Noch in der Nacht beginne ich, meine Erlebnisse aufzuschreiben.

Nie zuvor in meinem Leben hatte ich ein Tagebuch geführt. Professor Georg Pfeffer, der damals die asiatische Abteilung der Ethnologie an der FU Berlin leitete, gab mir neben wichtigen Empfehlungsschreiben den entscheidenden Tipp mit auf die Reise: Führe gleich mit deiner Ankunft in Kalkutta ein Tagebuch, nicht erst im Feld! - Warum das wichtig sein sollte, konnte ich da noch nicht begreifen. Auch im Verlauf der Reise ahnte ich noch nicht, dass auch scheinbar nebensächliche Erlebnisse, flüchtige Eindrücke, Randnotizen die Mosaiksteinchen sind, die nachher ein Bild vom Ganzen ergeben. Vielleicht sind es gerade diese leicht vergesslichen Nebensächlichkeiten, die zum Verständnis beitragen, das vordergründige Geschehen hat sich ja ohnehin eingeprägt. So richtig begriff ich das erst, als ich wieder zuhause war und beim Erinnern immer wieder mein Tagebuch konsultiuerte.


Die größte Demokratie der Welt?

Erst mit einigem Abstand vom Erlebten wurde mir klar, dass ich während meiner Reise tatsächlich einen Kulturschock zu verabeiten hatte, im negativen wie im positiven Sinne - zwischen ganz fürchterlich und ganz paradiesisch gab es einige Abstufungen. Während der Zwischenaufenthalte an verschiedenen Orten konnte ich mich akklimatisieren, innehalten, das Erlebte Revue passieren lassen. Wie kommt man damit zurecht, wenn man plötzlich von einer Seminarklasse begrüßt wird, als sei man der Dalai Lama, mit tiefen Verbeugungen? Ich war doch selbst Student - und kein Dozent. Prassanna hatte mich kurzerhand mit akademischen Würden versehen und als Doktor vorgestellt - um den nötigen Respekt für mich einzufordern. Die indischen Bildungsbürger, überwiegend Angehörige der obersten Kasten (Brahmanen, Ksatria), bilden sich üblicherweise viel auf ihren Stand ein und lassen Menschen, die in der Kastenhierarchie niedriger stehen, das spüren. Als Nicht-Hindu stehe ich eigentlich außerhalb des Systems - und damit darunter. Mit akademischen Würden hingegen erhalte ich einen Sonderstatus, etwas, das mich in ihren Augen auf Augenhöhe hebt oder darüber, insofern ich ja die weltlichen Würde bereits trage...

Vielleicht hätte Prassana mir vorher sagen können, dass er zu meinen Gunsten ein wenig schummeln muss. Wäre ich durch das Wissen um die konkrete Bedeutung dieser sozialen Gesetzmäßigkeiten auf irgendeine Situation besser vorbereitet gewesen? Und was hätte sich geändert, wenn ich gewusst hätte, dass der Busschaffner einen armen Mann von seinem Sitzplatz aufscheuchen wird, um Platz für mich zu schaffen? Mein Übersetzer, Angehöriger der brahmanengleichen Ksatrira-Kaste, hätte sich ohne den ihm standesgemäß zustehenden Sitzplatz vielleicht geweigert, mich weiter zu begleiten. Einem Nicht-Hindu "zu Diensten stehen" ist schon ambivalent genug, vor dem Hintergrund des ausbeuterischen Kolonialzeitalters um so mehr.

Ich brauchte immer eine Weile, um überhaupt zu kapieren, was vor sich ging. In den hektischen Momenten geht alles so schnell, man steht dauernd vor und in vollendeten Tatsachen. Erst als ich saß und mich vom gröbsten Gedrängel befreit fühlte, kamen mir moralische Bedenken. Und da ist zu spät. Zu spät, das diskriminierende, in Jahrtausenden perfektionierte Kastensystem abzuschaffen. Buddha hat immerhin den fatalistischen Aspekt dieses System infragegestellt und in Aussicht gestellt, durch Karma aufzusteigen und durch Erleuchtung dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten zu entkommen. Der kosmopolitisch geprägte Mahatma Gandhi versuchte das System der Diskriminierung abzumildern, wenigstens die Situation der Kastenlosen zu erleichtern. Die Globalisierung mag einige soziale Schwerpunkte verschieben, das jahrtausendealte Kastensystem mit seinem fatalistischen Fundament wird das nicht aus den Angeln heben... Andere, deren Namen nicht so berühmt wurden, haben es versucht. Und die Politiker des Westens hofieren Indien als "größte Demokratie der Welt". Ja, Indien ist das Land mit der bevölkerungsreichsten Wählerschaft einer Nation...

Auch für Politiker einer Demokratie ist die Bevölkerung eines Landes in erster Hinsicht die Quelle der Steuern, die sie in Milliarden verschleudern. Ihr "Volk", die Bevölkerung eines landes, ist nichts als Stimmvieh, manipulierbar mit Versprechungen, die allzu schnell vergessen sind...
Zufällig fällt mein Aufenthalt in eine Regionalwahl: Wahlkämpfer rufen ihre Versprechungen mit Megaphonen von Motorrikschahs, Plakate gibt es keine, denn die wenigsten Menschen können lesen. Die Wahlergebnisse sind entsprechend überzeugend: die Partei, die gestern versprach, alles besser zu machen, hat diesmal die 85 %... Zur letzen Wahl war es die andere "große Volkspartei"... In Indien führt das verbale Manipulieren demnach zu einem Hin und Her im Abstand von vier Jahren.

Während ich die Tageszeitung studiere, lesen meine beiden Sitznachbarn andere Schlagzeilen. Ich will umblättern, der Mann links von mir hält die Seite so fest, dass er noch seinen Artikel fertig lesen kann. Der Mann rechts neben mir ist damit schon durch und blättert in meiner Zeitung vorwärts. Ich habediese Zeitung gekauft, es ist meine Zeitung! Ihr könnt gern mitlesen oder das Blatt nachher haben, aber im Moment will ich lesen, was ich will! Soweit mein Anspruch... Ich lasse es geschehen. Erst als der Mann links von mir ermüdet und sein Kopf auf meine Schulter sinkt, mache ich mich bemerkbar - meine Schulter gehört nun wirklich mir allein! Er schreckt hoch und ich spüre wie sich der Kopf des anderen auf meine andere Schulter legt... Es geht hin und her. Egal, ich sollte froh sein, dass ich einen Sitzplatz habe und nicht auf dem Dach umhergewirbelt werde wie einige andere Fahrgäste.

Mir gegenüber sitz eine Adivasi-Frau, sie stillt zwei Babys zugleich. Auch die dösen anschließend ein, sie haben den besten Platz. Wer auch nur irgendwie sitzen kann, kann auch irgendwie abnicken - nur ich finde keine Ruhe. Ich schaue zum Fenters hinaus - in den Abgründen liegen Busse, die irgendwann mal die Kurve nicht geschafft haben. Der Bussfahrer speit seinen ausgekauten Betel zum Fenster hinaus, der Fahrtwind treibt ihn zum nächsten Fenster hinein - ich kann gerade noch ausweichen... Ich bin in Indien, im ländlichen Indien - langsam gewöhne ich mich an die Sitten und Bräuche des Landes...

 

PUBLIC CARRIER steht auf dem Laster. Besser schlecht gefahren als gut gelaufen? Schneller geht es in jedem Fall... Gemeinsam mit einem Übersetzer, den mir Pr. Nayak vermittelte, begebe ich mich mit öffentlichen Transportmitteln ins Landesinnere - in die Berge im Grenzgebiet zum Bundesstaat Andhra Pradesh.
     
 
In jedem größeren Dorf muss ich eine Amtsstube aufsuchen. Mein vom Gouverneur des Bundeststaates Orissa ausgestelltes Schreiben - ich hielt es für eine Vollmacht, mit der ich überall durchkomme - wird gleich im ersten Dorf meiner mehrtägigen Weiterreise eingezogen. Ich bekomme ein neues Papier - und die Beamten machen sich mittels Blaupapier einige Durchschläge - die werden dann auf sich bis unter die Decke stapelnden Dokumenten abgelegt. Vielleicht liegen sie noch heute da...



Mein Ziel sind die Siedlungen der Ureinwohner (Adivasi) in den Bergen Mittelindiens. In Ununkudilli, dem letzten mit Fahrzeugen erreichbaren Dorf, ist mittwochs Markttag, da kommen die Ureinwohner verschiedenster Stämme zum Handeln mit jenen Agrarprodukten, die sie entbehren können - viel ist das nicht. Sie schleppen alles in Körben auf ihren Köpfen - über Stock und Stein bis in die entferntesten Dörfer.



Die farbenprächtigen Stoffe, aus denen die Adivasi-Frauen ihre Saris schneidern, sind auf den größeren Märkten erhältlich. Ich kaufe mir einen blauen Lungi, eine Art Rock, den sich Männer um die Hüfte wickeln - ein in mehrfacher Hinsicht praktisches Kleidungsstück, unter anderem weil es immer passt, etwa auch dann noch, wenn man abnimmt. Das wiederum ist bei der kargen Kost aus Reis und Dhal garantiert...

Der Angehörigen der Bondo haben sich auf Palmenwein spezialisiert. Nicht alles werden sie verkaufen auf dem markt können, für den Rückweg erleichtern sich die Männer von ihren Lasten - Selbsttrinken macht lustig, teils aber auch aggressiv. Abstand halten ist ein guter Rat. Den Frauen der Bondo kann man durchaus ein Lächlen entlocken - jedenfalls wenn ihre Männer nicht in der Nähe sind...
 



Durch Vermittlung eines lokalen Beamten kann ich mit Angehörigen des Stammes der Didayi die Konditionen für einen mehrwöchigen Aufenthalt aushandeln. Hussein, der Beamte, lebt in einer rostigen Wellblechhütte mit Frau und etlichen Kindern - auch das Zuhause eines Staatsdieners ist äußerst bescheiden - einziges Mobiliar ist eine Sitzbank...

Willkommen im Paradies

Je tiefer es ins Ländliche geht, in die Berge, in kleine Dörfer, desto wohler fühle ich mich. In den Städten türmte sich der Unrat an den Straßenrändern, die Luft war staubig und verdreckt, der Lärm des Verkehrs und das Gedrängel der Menschen ein Stressfaktor sondersgleichen. Hier auf dem Lande wird alles klar und überschaubar. Der wesentlichste Schritt ins Paradies ist jedoch der Schritt in ein Boot, das direkt aus dem Berliner Museum für Völkerkunde stammen könnte - nur dort sah ich bisher einen Einbaum wie jenen, in den ich gleich einsteigen werde.

mehr Bilder aus dem paradies  
Erst als dieser Einbaum anlegt und ich und meine Begleiter vom Stamm der Didayi einsteigen, bei denen ich für einige Wochen wohnen werde, wird mir klar, dass ich an der Schwelle in mein ersehntes Paradies bin. Ab hier tauche in eine andere Welt ein, in eine, wo mich kein Anruf erreicht, wo mich niemand heimrufen kann, wo alles vom Wohlwollen völlig fremder Menschen abhängt, denen ich mich nur mittels Gesten mitteilen kann - und mittels der universellen Sprache der Musik...

Meine kleine Gitarre - es war noch das Zeitalter vor der Ukulele - öffnete mir in der Tat viele Türen. Nicht Türen in die Häuser, denn die stehen in diesen abgelegenen Dörfern ohnehin offen. Gab es überhaupt Türen? Nein, die Lehmhütten hatten offene Eingänge. Die Gitarre aber öffnet die Türen in die Herzen. Jeden erfreut der leise Klang behutsam gezupfter Saiten - und in einer Welt ohne Radio und anderer Audiogeräte ist Musik das Höchste, macht ein Lied den größten Zauber des Tages. Wer mein Lied nicht kennt, verstummt und lauscht den Tönen. Zu den für mich berauschendsten Momenten gehörte der Gesang aus einem sich entfernenden Einbaum, der die Besucher eines anderen Dorfes heimfuhr. In der Stille der Bergwelt war nur ihr Lied zu hören, Gesang eines Chrores junger Frauen, lang gezogenen Vokale wie bei den Liedern der Südsee, immer leiser je weiter sich der Einbaum entfernte - immer schöner.

Sicherlich sehe ich das Schöne und Besondere um so schöner und besonderer, weil es so lange zurück liegt, mehr als zwei Jahrzehnte ist es her. Dennoch habe ich die Realität des Lebens dort nicht vergessen. Es gibt Feindseligkeiten mit benachbarten Stämmen - meine Wanderführer, der Sohn des Didayi-Häuptlings, geriet wegen meiner Anwesenheit in einem Bondo-Dorf in Streit, der zu eskalieren drohte, so dass wir uns nicht lange aufhalten konnten. Wieder im Didayi-Dorf zurück, erzählen meine Begleiter von dem Zwischenfall. Der alte Häuptling erläutert mir daraufhin seinen von Kampfnarben übersäten Rücken, wahrscheinlich nicht ohne Stolz - der Mut und die Kraft, einem Feind zu widerstehen, gehört zum Leben draußen in den Bergen. Recht und Gesetz der einstigen Kolonialmacht konnten schon nicht in diese ferne Bergwelt eindringen - auch heute kann nur gelegentlich, alle Wochen oder Monate, mal ein Beamter nach dem Rechten sehen - es gibt keine Straßen, keine Wege, nur Trampelpfade.

In anderen Dörfern erzählen mir die Bewohner von Überfällen und Entführungen, von Geiselnahmen und Erpressung, besonders wenn die Kornkammern voll sind und manches mehr zu holen ist, also nach der  Ernte... Also jetzt. Welches Lösegeld wären meine Gastgeber bereit, für mich zu zahlen, geriete ich in die Hände einer Räuberbande? Wie lange würde man mich zappeln lassen? Wie lange würde man verhandeln? Wochen? Monate? Jahre? Einige dieser Entführungen dringen von Zeit zu Zeit in die Schlangzeilen deutscher Zeitschriften, insofern die lokalen Behörden die nicht erfolgte Rückkehr eines Ethnologen oder eines Touristen bemerkt und weitergemeldet haben... Jetzt verstehe ich langsam die aufwendigen bürokratischen Prozeduren - erst glaubte ich, sie dienen vor allem dem Schutz der Ureinwohner vor der unkontrollierten Neugier einiger Touristen. Jetzt vermute ich, es geht auch darum, das Abbleiben des Reisenden verfolgen zu können. Ich weiß heute um so mehr, es gibt diese Probleme. Ein Reisender aus dem Westen ist eine teure Geisel - solange sich jemand für ihn interessiert. Wenn nicht? Nun, ja... Man kann als vermeintlicher Terrorist ausgeliefert werden, dafür bieten Imparialmächte ja verlockende Prämien! Und landet für Jahre in den Käfigen von Guantanamo - wie Murat Kurnaz...

Damals gab es zwar noch nicht den "war against terrorism", aber ich war damals dennoch naiv genug, mir eine Geiselnahme in der "3. Welt" vorstellen zu können. Im nachhinein war ich dafür aufmerksamer, hörte oft von Entführungen, ich muss also sagen: Ich hatte Glück! Ich gehöre nun zu den recht wenigen Besuchern aus der modernen Welt, die für eine Weile am Leben der indischen Ureinwohner teilhaben konnten. Für mich war es - bei allen Beschwerlichkeiten der Anreise - ein Ausflug ins Paradies. Meine Eindrücke kann ich kaum beschreiben. Ich habe einen Hang zum Romantischen, also versuche ich es gar nicht erst mit Worten. Ich möchte mir nicht die Ethnologen zum Feind machen, nicht verklären, nicht verkitschen...


Palmenwein, Reis am Hintern, Spatzenjagd

An folgende Episoden erinnere ich mich besonders gern: Als ich das erste Mal aus einer Kallebasse trinke, kippe ich mir den Inhalt über den Latz. Der Inhalt ist Palmenwein, der wird "erzeugt", in dem man den Saft aus einem Palmenblatt in einer großen Kallebasse tropfen lässt, wo er mit einem Rest des Vortage vor sich hin gärt. Der trübe Saft, der nur eine geringe Drehzahl hat, wird über einem Feuer leicht erwärmt und dann bei vielen Gelegenheit getrunken, manchmal schon morgens. Ich bin zunächst sehr zurückhaltend, doch die gute Verträglichkeit ermutigt mich in den nächsten Tagen, meine Zurückhaltung zurückzuhalten. Nach einigen Kallebassen wird man lustig und kann über jeden Unfug lachen. Und das wollen auch meine Gastgeber. Mein Missgeschick beim ersten Kippversuch erheiterte sie, wie erwartet. Die Kalebasse geht im Kreis herum wie die Friedenspfeife bei den Indianern - man führt den Hals an den Mund, kippt sich den Inhalt hinein, ohne die Kalebasse mit den Lippen zu berühren. Das kann beim ersten Mal nicht klappen - wahrscheinlich haben sich meine Gastgeber schon amüsiert, als mein Vorgänger, Professor Pfeffer, sich seine erste Kallebasse über den Latz kippte. Sich beim Trinken erstmal richtig zu bekleckern ist die Feldweihe des weißen Mannes...

Über sein eigenes Missgeschick lachen zu können, ist das eine. Wenn ein Kleinkind bei seinen ersten Gehversuchen die Balance verliert und mit seinem Hintern im frisch servierten Reis landet, ist das noch nichts Besonderes - der kleine Mann müht sich wieder auf und tapst weiter. Lustig ist jedoch der Anblick eines von weißem Reis geschmückten Hinterteils, was auf der tiefbraunen Haut besonders putzig wirkt. Ich muss schmunzeln, veilleicht erregt mein Schmunzeln fragende Blicke. Ich zeige auf den kleinen Mann mit seinem geschmückten Hinterteil - sofort bricht das fröhlichste Gelächter aus. Hat der letze aufgehört zu lachen, fängt wieder jemand an. Irgendwann überwindet man das Hin und Her des ausgelassenen Lachens durch Zerstreuung mit anderen Ereignissen. Dieses andere Ereignis ist das Servieren des Mittagsmals in ein Kohlblatt, das also als Schale dient und am Ende mit gegessen werden kann. Was gibt es den heute? Nun ja, das Gleiche wie heute Morgen, was das Gleiche wie gestern Abend ist - und Tag für Tag und täglich wieder: Reis mit Dhal, die sehr scharfe Linsensoße. Die kleine Abwechslung heute: In dem Reis saß vorher der kleine Mann mit seinem Hintern - und das scheint außer mir niemand komisch zu finden. Meine Gastgeber glauben, ich amüsierte mich erneut wegen des lustigen Anblicks - und lachen noch eine Runde weiter. Alle lachen und lachen und lachen und beginnen zu essen. Nur ich weiß, dass niemand weiß, weshalb ich lache - und darüber muss ich lachen. Ich muss darüber lachen, dass niemand weiß, worüber ich lache!

Nochmals wollen meine Gastgeber die Ungeschicktheit des weißen Mannes testen... Am Abend sind wir zur Weinpalme auf dem Berg gewandert. Jemand klettert auf den Baum, füllt seine Kallebassen, bemerkt aber, dass das gefäß am Baum nicht so voll wie sonst ist, was zu einer Diskussion darüber führt, wer hier heimlich etwas abgezapft haben könnte. Ein Anderer bereitet ein kleines Feuerchen, über dem das Getränk erwärmt wird. Wenige Minuten später haben wir - der Häuptling und seine Söhne sowie andere Männer - unsere ersten Runden Wein gebechert. Die Verärgerung über den mutmaßlichen Diebstahl weicht der Weinseligkeit. Ein Spatz traut sich herbei - es ist seine letzte Mutprobe. Schnell hat einer meiner Gastgeber den Bogen gespannt, den Pfeil auf der Sehne - und zack, der Spatz ist am Flügel getroffen und kann nur davonhüpfen. Jetz komme ich ins Spiel. Mir werden Pfeil und Bogen überreicht... Wann hatte ich das letzte Mal Pfeil und Bogen in den Händen? Als Kind im Ferienlager. Ich bin auserwählt, armen Vögelchen den Gnadenschuss zu geben. Ich zögere nicht eine Sekunde, spanne die Sehen und lasse den Pfeil sausen. Zur völligen Überraschung meiner Gastgeber - wie meiner selbst - trifft der Pfeil, der Spatz ist tot. Vor weniger als einer Minute war das kleine Geschöpf ein übermütiger Piepmatz, der selbst auf der Suche nach einem Wurm war - jetzt ist er selbst die Beute eines größeren Tiers geworden. Sofort wird sein Federkleid abgesengt, anschließend wird der winzige rest über dem Feuer geröstet. Und wem steht der erste Bissen zu? Dem Gast, der nun - gegen allen Erwarrtungen - ein Jäger ist, der einen Spatz mit dem ersten Pfeil zur Strecke bringt.

Vogelfreunde seien getröstet: Der kleine Spatz musste nur kurz leiden. Niemand ist von diesem winzigen Happen Fleisch in Blutrausch verfallen - eine Gruppe von acht Männern teilt sich diesen Protein-Snack. Ich habe die indischen Ureinwohner, die sich sonst quasi vegan ernähren, nicht über vegetarische Anwandlungen von Europäern zu belehren - und ich bin heilfroh, dass mir nicht die Ehre zuteil wurde, Würmer oder anderes Krabbelgetier serviert zu bekommen. Mein Geschick im Umgang mit Pfeil und Bogen bringt mir allerdings eine gehörige Portion Respekt ein. Bei einem Besuch in anderen Dörfern stehen die Bewohner schon Spalier, doch die Neugier wäre mir auch ohne meinem Ruf als Meister von Pfeil und Bogen vorausgeeilt. Wenn dich ein Dorfoberhaupt in seiner Hütte empfängt und nach dem Austausch kleiner Geschenke sofort die Rede auf deinen gestrigen Treffer kommt, weißt du, dass der Buschfunkt bestens funktioniert und dass der gekonnte Umgang mit Pfeil und Bogen hier großes Ansehen bringt. Überall wurde mir die Ehre des Gastes zuteil, doch jetzt begegnen mir alle auf Augenhöhe, auch die Jäger und Dorfoberhäupter.

In den Tagen danach wurde ein Kind geboren, sie nannten es Aleks - mögen es einmal ein guter Bogenschütze werden... Beim Abschied von den Didayi gebe ich dem Häuptling die Weste, auf die er ein Auge hatte, dem Häuptlingssohn das französische Klappmmesser, auf das es jeder Mann abgesehen hatte. Und er hat noch einen Wunsch - er möchte, dass ich ihm ein Oriya-Englisch-Lehrbuch schicke, dann kann er mit dem nächsten Gast ohne den Umweg über einen Übersetzer reden. Ich staune ohnehin über die fremdsprachlichen Fähigkeiten der Ureinwohner, sie sprechen neben ihrer Stammessprache Didayi das regionale Oriya und weitere Sprachen benachbarter Stämme - und diese indigenen Sprachen sind hier an der Grenze zwischen indogermanischer und australischer Sprachgruppe durchaus ohne Ähnlichkeiten!

Weil es so üblich ist, lege ich noch ein paar Scheine drauf - immerhin erhielt ich zwei Wochen Vollverpflegung... Mit dem Geld können sich die Didayi auf dem wöchentlichen Markt alles kaufen, was sie nicht selbst herstellen können, Blechtöpfe, Werkzeuge, Stoffe für Kleidung und dergleichen. Das Verteilen der Scheine war vielleicht etwas unvorsichtig, denn danach wollte sich jeder Dorfbewohner ganz persönlich von mir verabschieden... Mir wird nach Brauch und Sitte das Haar geölt - von fast jedem... Der Abschied zieht sich hin, beim Aufbruch triefe ich von Öl. Ich glaube, die Leute konnten mich ganz gut leiden. Und ich wünschte mir, ich könnte heute sehen, was aus dem kleinen Aleks geworden ist - der müsste nun ein Mann Mitte 20 sein. Und überhaupt wäre ich gern nochmals bei diesen freundlichen, so herzlichen Menschen - draußen in meinem Paradies.


Damals hatte man nicht dauernd einen Fotoapparat bei sich, es gab nicht diese kleinen elektronischen Alleskönner, mit denen man heute jede Nebensächlichkeit zu dokumentieren müssen glaubt. Ich fotografierte nur gelegentlich mit meiner Kleinbild-Spiegelreflexkamera aus dem Hause Pentacon, eine DDR-Marke aus den 1970ern, heute ein Oldtimer. Ich hatte gerade mal einen einzigen Dia-Positiv-Film dabei: 36 Bilder. Jeden zweiten Tag ein Foto, so kalkulierte ich damals. Alles war von Hand einzustellen, null Automatik, jedes Foto war entweder ein Kunstwerk - oder falsch belichtet. Sämtlich Fotos in der Dia-Show über das kleine Paradies, das ich dort erleben durfte, stammen von nur diesem einen Dia-Positivfilm! Einige Fotos von Kalkutta entstanden dann noch auf einem vor Ort nachgekauften Negativfilm. Der Zahn der Zeit hat sowohl an den Zelluloid-Originalen als auch an den Papierfotos genagt, aber die meisten Unschärfen gehen auf die unqualifizierte Digitalisierung eines heutigen Dienstleisters zurück. Was noch zeigbar ist, mag hinter heutigen Ansprüchen zurückbleiben, doch in meinem Kopf entstehen dank dieser Fotos dennoch die Erlebnisse wieder, als sei alles erst gestern gewesen.

Heimwärts
 
Auf dem Rückweg nach Ununkudilli, dem ersten Dorf, das wieder eine befahrbare Straße hat, ist wieder Markttag. Fotografieren ist erlaubt, aber man sollte fragen - wenn man einen Übersetzer hat. Die extravagante Kleidung und den Schmuck der Bondo-Mädchen muss man gesehen haben.

Was man nicht muss, ist gleich bei seiner ersten Exkursion mit einer neuen ethnologischen Theorie heimkehren - oder so tun, als hätte man sonst richtige Feldforschung treiben können... All die neuen Eindrücke sind viel zu überwältigend - die vielen Gerüche des Orients: mancher Ekel ist zu überwinden, mancher Duft betört, manches Erlebnis braucht den Abstand, um relativiert werden zu können. Mein geografischer Horizont hat sich seit meiner Indien-Exkurion nicht sehr weit erweitert - östlicher und südlicher bin ich nicht gekommen. Der Horizont meiner persönlichen Er-fahr-ungen hingegen schon... 20 Jahre später weiß ich, dass ich nur wenig über die große weite Welt weiß... Heute strebe ich nicht mehr danach, alles wissen zu wollen... Auf jeden Falll wurde auch die Heimreise ein Wechselbad der Gefühle.



Zum Ende meiner Exkursion verbringe ich noch eine Woche in Puri, einem bedeutsamen Pilgerort am Golf von Bengalen. Hier ist das Markttreiben städtisch laut und eng, die dörfliche Welt der Adivasi liegt nun Welten entfernt. Nur das Fischerdorf am Strand hat etwas vom dörflichen Flair. Ein Junge, der Englisch kann, führt mich durch das Gewirr der Hütten, zu einer Art Kantine. Der Koch bietet - was sonst - ein Fischgericht an. Es dauert eine Stunde, ehe er mir den Teller Reis hinstellt. Ich warte noch auf den Fisch - nach einer Weile frage ich dann nach, wo der angepriesene Fisch bleibt. Er puhlt mit dem Finger in dem Reis auf meinem Teller - und siehe: da kommt tatsächlich etwas Geschnetzelte, das Fisch sein wird, zum Vorschein.

Moslemische Händler aus Kaschmir, indische Pilger und Touristen aus aller Herren Länder, überwiegend Australier, trifft man am weiten Sandstrand oder in den einfachen Hotels mit ihren von Rikscha-Fahrern angepriesenen "facilities"... Nach einer Nacht in einem Hotel, vor dessen Fenster morgens um 6  das Markttreiben beginnt und wo das Personal auf den Fußabstreichern der Gästezimmer schläft (!), ziehe ich in ein Hotel am Strand um - so viel besser! Aber am nächsten Tag trifft eine Reisegruppe britischer Teenager ein... Hilfe! Im Rudel sind Reisende unerträglich, egal woher sie kommen, im pubertierenden Alter sind mir aber besonders die Nachfahren der Angeln und Sachsen als Geht-gar-nicht aufgefallen... Angenehme Gesellschaft ist ein alleinreisender Schweizer - der hat mit 50 sein Altersgeld beisammen und ist für den Rest seiner Tage auf Weltreise - schön für ihn.

 
Am Strand hat ein Bettelmönch sein Zuhause errichtet, einen Verschlag aus zwei mal zwei Metern. Ich entrichte ihm täglich meinen Obulus zu seinem bescheidenen Lebensunterhalt. Da ich den herumziehenden Friseur nicht abwimmeln kann, lasse ich mir sogar einmal die Haare schneiden - seine Kämme sind verdreckte, ölgetränkte Läusesiebe - ich bitte ihn, halbwegs gesäuberte zu besorgen. Nur mit der Bananenverkäuferin komme ich immer ins Geschäft - sie verkauft mir täglich zwei kleinen Bananen und hält mir mit ihrer resoluten Vertreibungstaktik den Souvenirverkäufer und andere Bauchläden--Händler auf Abstand...

Auch eine junge Inderin spricht mich am Strand an - Sarita - der übliche Smalltalk glaube ich anfangs. Doch es dauert nicht lange und ein älterer Mann, der vielleicht 20 Meter entfernt sitzt, ruft ihr etwas zu... Sie übersetzt: Are you a rich man? Ich versuche zu relativieren: Ich bin Student... Doch das schmälert das Interesse an mir nicht - in einer Kastengesellschaft ist ein Student nicht jemand, der berechtigt ist, Preisnachlässe in Museen und Verkehrsmitteln zu beanspruchen, sondern jemand, der zu den höchsten Kasten, das sind Brahmanen und Ksatria, gehört. Als mich das Familienoberhaupt für den nächsten Tag zu einem Besuch in sein Quartier einlädt, ist mir noch nicht klar, dass der Vater eine gute Partie für seine Tochter sucht. Sie erscheint mir etwas jung für dieses Anliegen, aber in Indien werden die Mädchen mit 14 verheiratet - oder verlobt, oder versprochen.
 



Allerdings: in Indien - und vielen anderen Ländern - heiratet man niemals eine einzelne Person, sondern immer die ganze Familie... Richtig klar war mir damals weder das Eine noch das Andee - ich dachte wahrscheinlich einfach nur: nette Leute, diese Leute... Auch bei den Ureinwohnern bekam ich indirekte Angebote - immer wieder fragten sie mich nach meinen Familienverhältnissen und staunten, wie ein Mann so lange ohne weibliche Begleitung verreisen könne... Ein Mädchen der Didyi war möglicherweise "vakant", jedenfalls saß das junge Ding ohne erkennbaren Grund abends oft ganz in meiner Nähe - das widersprach völlig den mir bekannten ethnologischen Theorien, nach denen es bei allen Ethnien wie auch im Kastensystem ziemlich geordnete Wer-mit-wem-Regeln gibt.

Eigentlich passt das Pärchen doch ganz gut zusammen, denken wahrscheinlich alle Beteiligten. Die direkte Frage nach der Hand seiner Tochter überlässt der Vater dem Bewerber. Doch ich war mir dieser Rolle nicht bewusst und wäre auch nie auf die Idee gekommen. Zum einen war ich bereits "besetzt" und zum anderen treffe ich manche Entscheidungen nicht ganz so spontan. Sarita und ich, wir schrieben uns noch ein Jahr lang Briefe - die waren wochenlang unterwegs... Emails gab es damals noch nicht. Heute, 22 Jahre später, wird sie bereits ihre eigenen Töchter an den Mann zu bringen haben...
 


Wenn der Knopf aber nun kein Hemd hat

Noch eine Geschichte muss ich erzählen - die Geschichte eines verloren gegangenen Knopfes, der nach meinem Willen wieder an sein Hemd sollte... Eines Morgens kommt der Waschmann ins Hotel, fragt nach Wäsche. Ich lehne ab, er lässt sich nicht abwimmeln. Erkläre mal einem Mann der Wäscher-Kaste, dass du es vorziehst, deine Sachen selbst zu waschen. Ich versuche es mit dem Argument, dass ich die traditionelle Waschmethode - das Klatschen der Kleidung auf einen Stein - eher als Zerstörung denn als Pflege meiner Kleidung betrachte. - No, machine! - Na gut, ich gebe nach, gebe ihm mein weißes Piratenhemd und zeige ihm die kleinen Knöpfe am Ärmel: please keep them on it! - Nach drei Tagen treffe ich den Mann: Wo ist mein Hemd? - Is coming.

Wie ich lernen werde, kann das erste Partizip, das Präsenspartizip, im indischen Englisch eine sehr aufschiebende Bedeutung haben. Erst am nächsten Tag kommt der Mann wieder und bringt mir das Hemd - fein wie ein Quadrat zusammengelegt, aber noch feucht. Aha, gerade erst vor einer Stunde gewaschen, nach vier Tagen. Auf der Rückseite des Hemdes klebt der Abdruck einer schmutzigen Hand, ich zeige sie dem Besitzer, entfalte das Hemd, um nach den Knöpfen am Ärmel zu schauen - Resultat: einer ist zur Hälfte abgebrochen, der andere fehlt ganz. Genau darauf hatte ich den Mann hingewiesen. - No problem! You can go to the tailor... - Die indische Bedeutung der Redewendung "no problem" ist ebenso relativierbar - es gibt eigentlich nie Probleme. Du bist mit irgendwas unzufrieden, nicht einverstanden? No problem... Der Waschmann verlangt fünf Rupien von mir - das ist zwar so gut wie nichts, aber seit wann bezahle ich für ein Hemd, das vor der Wäsche sauberer war als nach der Wäsche und vorher Knöpfe hatte? - No, never! Nicht nur ich darf etwas lernen, auch ein armer indischer Waschmann darf etwas lernen...

Nun wasche ich das Hemd selbst, um den schmutzigen Handabdruck des Waschmannes zu entfernen. Das kleine Zimmer zu ebener Erde hat eine kleine Veranda, da hänge ich das Hemd zum Trocknen über die Mauer. Der warme Wind vom Strand trocknet es. Ich gehe ins Dorf, suche den Schneider, um mir zwei Knöpfe, Nadel und Zwirn zu kaufen. Der Schneider sagt: Bring the shirt. - Okay, der will also auch seinen kleinen Job haben: mir die Knöpfe annähen. Ich laufe die zwei Kilometer zum Hotel zurück, hole das Hemd, will dann gleich warten: zwei Knöpfe annähen dauert ja nur zwei Minuten - wenn ich es machen würde. - Tomorrow, okay? Na ja, der Mann hat halt noch einiges anderes zu tun... Am nächsten Tag suche ich den Schneider wieder auf, seine Schneiderei ist nur ein Bretterverschlag mit einer Nähmaschine aus dem 19. Jahrhundert. Ich frage den Gesellen oder den Sohn des Schneiders nach meinem Hemd. Keine Ahnung, wo das sei. Der Meister komme heute nicht mehr zur Arbeit, denn es ist Shivasta. Aha... Dann gehe ich heute Abend eben auch mal zur Shivasta, einfach so zum Zeitvertreib.

Shivasta
 
Der Shiva-Tempel befindet sich bei einer entfernten Siedlung am Strand, einige Hundert Menschen warten am Eingang geduldig auf Einlass. Ich wate durch den Sand um den Tempel, in den man an einigen Stellen blicken kann. Als ich wieder beim Eingang eintreffe, winkt mir ein Einlasser zu und fragt, ob ich eine Besichtigung möchte. Klar, warum nicht. Ganz ohne Anstehen? Er winkt mich zu sich und geht mit mir durch die schmale Lücke in der Mauer.

Shivasta

Ich bin so überrascht und denke nicht ans geringste No-go, zum Beispiel das Ablegen meiner Sandalen vor dem Eingang. Ich schlendere etwa fünf Minuten an den kleinen Schreinen im Hof des tempels vorbei, da bemerkt ein Aufseher die Besohlung an meinen Füßen - und geleitet mich zum Ausgang. Dort erwartet mich bereits ein Uniformierter und bringt mich in einen Verschlag, der ein temporäres Polizeirevier ist. Ich werde befragt: woher, wohin, warum, wozu. Dann werde ich über mein Vergehen aufgeklärt - der Tabubruch mit dem Schuhwerk ist nur nebensächlich, aber als Nicht-Hindu einen heiligen Ort zu betreten, der selbst Hindus nur zu besonderen Anlässen die Pforten öffnet, geht gar nicht. Nicht einmal Idira Gandhi, legendäre Regierungschefin, habe das nach ihrer Konvertierung zum Christentum gedurft. Da kann also ein dahergelaufener Tourist aus Europa schon gleich gar nicht einfach mal so durch den Shiva-Tempel schlendern. Ich erhalte diese Belehrung und eine Warnung, es nicht noch einmal drauf ankommen zu lassen - dann darf ich gehen.

Das tapfere Schneiderlein

Am nächsten Tage besuche ich Meister Nadelör erneut, der muss sich aber erst vom gestrigen Shiva-Fest erholen... Tomorrow ist auch noch ein Tag. Ich besuche ihn am nächsten Abend. Die Knöpfe sind dran, saubere Arbeit auf den ersten Blick... Nein, nicht sauber auf den zweiten Blick! Auf dem Hemd gibt es mehrere schwarze Ölflecken, vielleicht von der museumsreifen Nähmaschine. Ich zeige ihm die Flecken. - No problem, you can go to the washerman... No, no, no! Das werde ich ganz beszimmt nicht tun, guter Mann, denn wegen dem bin ich überhaupt auf deine Hilfe angewiesen - und jetzt habe ich das nächste "no problem": Flecken an den Ärmeln und am Kragensaum. Könnte man da ein paar Muster drübersticken wie bei den Hemden und Westen, welche die kaschmirischen Händler feilbieten? Das sehe gut aus, man würde die Flecken nicht mehr sehen.

No problem, sagt der Kashmiri in seinem Laden. Ob ich da eine konkrete Vorstellung hätte, mag er wissen. - Just like on the other shirts here, aber ich male ihm trotzdem ein Muster auf ein Stück Papier. Alles klaro. Am nächsten Tag - Wahnsinn, schon am nächsten Tag! - kann ich mir die Arbeit ansehen. Er hat da was auf die Stelle gemalt, mit Filsstift oder so... Vermutlich eine Skizze? Lässt sich das wieder entfernen? - Nein, das hält jede Wäsche ab, versichert mir der Mann. - Wie jetzt? Das soll wohl ein Scherz sein? Das ist nicht gestickt und obendrein sieht es aus, als hätte ein dreijähriges Kind darauf herum gekritzelt! No, no, no... Entweder das lässt sich wieder entfernen oder da muss ein neuer Saum dran! - No problem...

Der kashmiriische Händler bringt mein verunstaltetes Hemd zum Schneider. Der Schneider hat nun also den nächsten, etwas lohnenswerteren Job. Ob er diesmal vorsichtiger ist? Und etwas schneller? Am nächsten Tag ist das Hemd wieder beim Kashmiri... Doch - oh Schreck! - es hat nun hell rosa Armsäume und einen ebensolchen Kragen! Ich habe nun ein weißes Hemd mit Säumen in hellrosa. Na toll! Wie schwul sieht das denn aus, frage ich eine flippige Australierin, die im gleichen Hotel wie ich wohnt und meistens bunt wie ein Hippie gekleidet ist. Alex, who cares! Ihr Deutschen seid einfach zu penibel, findet sie. - Nö, finde ich eigentlich nicht. Ich bin kein Mann der Mode, aber das sieht einfach bescheuert aus. Das war mal ein luftiges weißes Hemd, wie geschaffen für dieses tropische Klima, mit Knöpfen - und ohne Ölflecken! Bis, ja bis ich es dem indischen Waschmeister anvertraut habe und wegen ihm dann dem indischen Schneider, wegen dem dann dem kaschmirischen Händler, der es wieder dem indischen Schneider überließ - und jetzt habe ich diese pinke Etwas!

Ich will weiße Säume an meinem weißen Hemd, einfach nur so wie es bis vor fünf Tagen noch war. Dann müsse ich mit in die Stadt nach Puri hinein und den Stoff selbst auswählen, damit es nachher nicht wieder Beschwerden wegen solcher Nuancen gäbe. No problem, ich habe Zeit... Noch zwei Tage! Wie fahren noch am Nachmittag in die City, die beiden kaschmirischen Händler, der Schneider und ich
- der schmächtige Rikschafahrer pedaliert mit allen Kräften und kommt beim ersten Hügelchen zu stehen. Die Kaschmiri springen kurz ab und nach dem Hügelchen wieder auf. In Puri kaufen wir den weißen Stoff und ich sehe auch einen in Bordeaux, was mich auf eine Idee bringt... Ich frage den Schneider, ob er mir aus dem anderen Stoff eine Kopie schneidern könnte... No Problem.

Nach einigen Tagen, deren Verlauf ein beim Waschen zerstörter Hemdsknopf bestimmte, habe ich wieder ein weißes Piratenhemd, so wie es vor der brutalen Wäsche war - und dazu noch eine Kopie in Bordeaux-Rot. Ersteres geht auf Kosten der Kashmiri, zweiteres auf meine. Für die Kopie dieses Hemdes verlangt der Schneider einen Preis, der umgerechnet etwa 5 D-Mark entspricht - das wären dann in Euro also 2,50... Im Nachhinein müsste ich ein schlechtes Gewissen bekommen, aber ich habe ja weder die Preise gemacht noch im Geringsten gefeilscht oder gehandelt, schon gar nicht habe ich den Knopf abgerissen! Ich wollte mein Hemd selbst waschen und dann auch den Knopf selbst annähen - ich bin mit mir im Reinen! Und!?! Ich habe die beiden Hemden noch heute, 22 Jahre später! Zwar bin ich zwischendurch immer mal wieder ein bisschen "rausgewachsen", aber nach der nächsten Radeltour passen sie wieder... Welcher heutige Konsument kann schon von sich behaupten, Hemden zu tragen, die über 20 Jahre alt sind! Bin ich da - zwinker-zwinker - nicht geradezu ein Vorbild in Sachen Ökobilanz?

 
Ich bin in einem Land der sogenanntgen 3. Welt, viele Menschen sind so furchtbar arm - ich habe so unvorstellbar große Not und großes Elend gesehen. Ich habe aber auch ein Paradies der Glückseligen gesehen - und ich durfte in diese so herzlich lachenden Gesichter blicken. Die wenigen Orte, die ich besuchte, machen nur einen Bruchteil des indischen Subkontinents aus, dennoch kommt es mir schon an dieser Stelle so vor, als hätte ich die Reise meines Lebens gemacht.


Zurück ins bengalische Stadtchaos



Die Rückfahrt nach Kalkutta schockiert mich nicht mehr, aber ich sehe das Elend dieser Stadt erneut mit befremdung. In der Stadt angekommen, gehe ich nun nicht mehr dem ersten Schlepper auf dem Leim - und ich brauche kein Taxi, um durch die riesige, verdreckte Metropole zu kommen. Während ich bei meiner Anreise überwältigt war, komme ich jetzt sogar mit den überholungsbedürftigen Straßenbahnen durch die Stadt...
An dieser Wendeschleife ist vom Gewühl der nächsten Haltestellen noch nichts zu spüren - aber ich habe keine Chance herauszufinden, was wohin fährt. Erstmal einsteigen... Die Haltestangen sind von öltriefenden Händen konserviert - was man anfässt, klebt. Besser man fasst nichts an... Bald ist die Bahn so voll, dass ich - samt Gepäck auf dem Rücken - gut eingeklemmt bin.


 

Auch der "Individualverkehr" ist immer am Maximum seiner Kapazitäten... Rikshas quälen sich durch die Abgase von Fahrzeugen aus den 1950ern... Auch das gibt es - bei allem Verfall: Renovierungsarbeiten im Stadtzentrum. Auf den minimalistischen Baugerüsten tritt man nur einmal daneben... Ein wüstes Geflecht von an Hauswänden verlegten Stromkabeln erklärt so manchen der allabendlichen Stromausfälle, Tauchsieder werden an blanken Stellen der Kabel "angeschlossen", Funken sprühen... In einem Basar werden lebende Hühner und anderes Getier feilgeboten, ein Metzger zerlegt große Fleischteile, wohl eher vom Schwein als von der heiligen Kuh. Den Fliegen ist es egal, die hängen in Scharen an den Kadavern. Räucherstäbchen übertünchen den Gestank nur ein wenig... Die hygienischen Zustände in Kalkutta sind für Europäer unvorstellbar. Bei meiner Hinreise konnte ich 24 Stunden kein Nahrungsmittel anrühren - wahrscheinlich hat der Ekel meinen Magen vor viel Übelkeit bewahrt...



Die riesige Howrah Bridge quert den Hugli, einen kilometerbreiten Nebenarm des Ganges. Sie verbindet die Stadt Howrah mit Kalkutta. An der Howrah Station kommen alle Züge aus dem Süden an, die größten Slums Indiens umgeben den Sackbahnhof - mit Grausen erinnere ich mich an mein Eintreffen bei der Anreise... Auf der Brücke werde ich erneut von unfassbaren Szenen überwältigt. In der Fahrbahn der Brücke fehlt eine riesige Platte - keinerlei Absperrung, ein LKW weicht kurz dem Abgrund aus. Ist die Platte erst in der Nacht abgestürzt? Ein fast nackter Mann liegt direkt daneben. Schläft er? Ist er tot, wie all die Hunde, deren leichenstarre Beine gen Himmel ragen? Ist der Mann des Lebens müde? Ringsherum läuft das Leben weiter, alles normal - da liegt jemand auf der Straße - ich glaube, er hat sich gerade etwas bewegt - um ihn herum donnert der Verkehr, nur Zentimeter neben ihm das riesige Loch in der Straße. Dreht er sich auf diese Seite, fällt er tief hinunter in die braune Brühe des Flusses. Und für Tausende von Passanten, die mir auf der Brücke entgegenströmen, ist das für mich so bizarre Schauspiel offenbar gewöhnlicher Alltag, den sie keines weiteren Blickes würdigen.
 

Ich finde ein erträgliches Zimmer mitten in der Altstadt - eigentlich ist hier (anno 1994) alles alt und verfallen, also alles Altstadt. Falls ich noch nie Heimweh hatte, hier habe ich es ganz bestimmt - ich fühle mich wie E.T.: Ich will nur noch nachhause... Eine Nacht in Kalkutta ohne ein Quartier wäre selbst für robuste Abendländer ein Albtraum der Sonderklasse. Ich habe also ein Quartier und auch noch etwas Geld übrig, schlendere durch die Straßen und gehe shoppen... Die bestickten langen Seidenhemden, die bestickten Westen - ich habe ein Faible für diesen orientalischen Look. Ich habe einiges in Indien gelassen, in meinem Rucksack ist wieder Platz - da paast das Hemd und die dunkelblaue Weste hinein - beides trage ich nur zu besonderen Anlässen, heute noch.

Über den Wolken...

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein - das mag so sein, wenn man selbst am Steuer sitzt... Aber meine Bedenken, da oben könnte der Pilot einschlafen, der Motor ausfallen, ein Flügel abbrechen, eine Entführung stattfinden, eine Bombe explodieren, nun ja, diese Ängste flogen bei mir schon vor 9/11 mit. Mit den damals kostenfrei servierten Getränken und ungezählten Zigaretten konnte ich die Aufregung etwas dämpfen, vor allem aber auch mit einem Besuch im Cockpit. Ja, das war damals alles noch möglich: Rauchen, Trinken, das Cockpit besuchen... Sitzt man gleich hinter dem Piloten in der Spitze des Flugzeuges wird das Ganze plötzlich klein wie hinter dem Lenkrad im Auto - das gibt einem etwas das Gefühl, man könnte notfalls selbst fliegen... Ich plaudere mit den Piloten, - die Blackbox dürfte jedes unserer Worte aufgezeichnet haben. Die Stewardess schenkt mir ein Gläschen Cabernet nach... Und erst hier verstehe ich Reinhard May in Gänze: Alle Änsgte allen Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen - und dann würde was uns groß und wichtig erscheint alles nichtig und klein...

Nach gut zwei Monaten Indien betrachte ich noch mehr Aspekte meines eigenen Lebens als nichtig und klein an, ganz zu schweigen von den Luxusproblemen, mit denen sich so viele Europäer herumschlagen und über die Politiker streiten als hätten sie auch nur die geringste Ahnung, was einige ihrer eiligen, teils unnötigen Entscheidungen für manche betroffenen Mitbürger überhaupt bedeuten können. Viele deutsche Sorgen erscheinen angesichts des Elends in Kalkutta wie nichts. Früher habe ich manchmal dem trunkenen Bettler an der U-Bahn-Station eine Mark gegeben, heute sehe ich seine Not, sein Warten auf bessere Stunden, mit anderen Augen. Ich sehe alles Gejammer über Geld und vermeintliche Sicherheiten mit einer gewissen Geringschätzung. Das einzige was im Leben zählt: Frieden und Gesundheit - alles Weitere findet sich oder auch nicht, es geht immer irgendwie weiter.

Zurück in Berlin

Nach der langen Zeit in tropischen Gefilden sehe ich auch selbst etwas indisch aus, die Sonnenbräune ist in jedes Fältchen meiner Stirn gekrochen. Wegen dieser für die Jahreszeit (März) in Berlin doch eher noch ungewöhnlichen Bräune werde ich auf dem Weg vom Flughafen in die City nur auf Englisch angesprochen... Ich wirke auf die Einheimischen tatsächlich wie ein Exot. Ein Kommilitone hastet an mir vorbei die Treppen zur U-Bahn hinunter. Er dreht sich um und erkennt mich dann doch noch - ach ja, Alex! Er fragt mich nach meiner Reise. Ich habe den einen Satz meiner Antwort noch nicht beendet - denn ich spreche viel zu langsam für Berlin, schon ist er fort - er hat es sehr eilig: er müsse mal schnell zum Yoga! Ah ja...  Und ich dachte, ich hätte das Thema Kulturschock mit dem Verlassen Indiens hinter mir. Meine innere Uhr tickt noch indisch, ich spüre keinen Jetleg, aber ich bin wohl noch im orientalsichen Zeitmodus. An die urbane Hektik einer europäischen Hauptstadt muss ich mich erst wieder gewöhnen. Aber das ist mir vertraut und ich werde nicht lange brauchen, bis ich wieder schneller ticke.

Und zuhause waren die Einbrecher

Ich bringe mein Gepäck heim in meine kleine Hinterhofbude am Prenzlauer Berg. Dort wurde offenbar eingebrochen und einiges verwüstet - es gab aber nichts zu holen, meine Gitarre hatte ich anderweitig untergebracht. Leider habe ich wichtige Papiere verloren, die waren wohl zum Fenster hinaus geworfen worden, vermutlich von Bauarbeitern, die sich in meiner Abewesenheit dort aufhielten, denn unter meinem Fenster liegt ein großer Schutthaufen. Dokumente, mit den ich manches histrorische Defizit meiner Biografie hätte nachweisen können - dies Dokumente waren für immer verloren... Insofern kam mich der Einbruch dann doch sehr, sehr teuer zu stehen. Wenn man das widerfahrene Unrecht aus DDR-Jahren nicht nachweisen kann, ist auch der Rechtsstaat BRD nicht gerechter... Damals war mir das noch nicht so klar - im Moment meiner Heimkehr war mir wichtiger, mich wieder an der Uni zurückz zu melden.

An der Uni streiken alte und neue Studenten

In der Mensa habe ich drei Auswahlessen für unter zwei Mark und eines für 5 Mark. Nach zwei Monaten Reis und Dhal bin ich sehr genügsam, kann über das Meckern der Studenten um mich herum nur staunen - sie schlingen sich die Nahrung rein, ohne sie überhaupt zu schmecken. Denn beim Essen schimpfen sie über das ewige Einerlei, über die geringe Auswahl, für Vegetarierer schon wieder nur Frühlingsrolle... Sie lesen Flugblätter, die zum Sttreik gegen die "Zwangsberatung" aufrufen, welche eigentlich nur dazu bestimmt ist, den einen oider anderen Studenten im 40. Semester zu fragen, wie er sich sein weiteres Studium denn so vorstelle... Sie lästern über Dozenten, kritisieren die ungünstigen Terminierung von Seminare, die schon morgens um 10 beginnen... Sie tun alles, nur nicht essen! Sie wissen gar nicht, wie schmackhaft das einfachste Essen sein kann, wenn man lange nichts davon hatte. Sie wissen nicht, wass sie essen, und sie wissen auch sonst nicht, was sie tun. Ich könnte ihnen einen Vortrag halten, aber ich verkneife es mir - sie würden mich nicht verstehen.

Ein Joint kreist herum - und langsam finde ich mein Thema

Im ethnologischen Institut angekommen, melde ich mich in der Bibliothek, wo man sich freut, dass es ab morgen wieder Verstärkung gibt. In der studentischen Cafeterria im Keller - eigentlich nur eine kleine Küche zum Tee- und Kaffeekochen, ein altes Sofa, ein paar Hocker und viele personengebundene Tassen - wirke ich weniger exotisch als auf den Straßen Berlins. Denn hier geht es noch etwas bunter zu als in den Lokalen der quirligen Metropole - die Studenten sind aus aller Welt, jeder hat seine Geschichten und Geschichtlein. Ein Joint kreist herum und der Professor nimmt auch einen Zug. In wenigen Tagen hat mich der studentische Alltag zurück. Die Gelassenheit des Orients kann ich mir bewahren, ich lasse mir keinen Stress machen, no problem, alles zu seiner Zeit. Und ich weiß bald auch, was das Thema meiner Magisterarbeit sein wird: Tropische Stationen - Zum Phänomen des Kulturschocks.


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