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Memoiren aus dem Ukulele-Leben

2007

Königswusterhausen

Janz weit draußen!


 
 

Raimund Sper, ein niedersächsischer Ukulele-Enthusiast, mit dem ich zu Beginn des Jahrhunderts regelmäßig in Sachen Ukulele korrespondierte, hatte mir um das Jahr 2005 eine Einladung für den "1. Deutschen Ukule-Club" geschickt. Mit meinem Beitritt zu dem eigentlich nur virtuell, nämlich im Internet existierenden Club gab es 50 Mitglieder, was damals schon ein Grund für großen Jubel war. Umgehend erhielt ich elektronische Willkommensgrüße - mehr oder weniger von jedem einzelnen damaligen Mitglied...

Über die Flut an Emails, die mir der virtuelle Beitritt in einem virtuellen Club einbrachte, war ich virtuell erstmal so begeistert, dass ich gleich wieder auszutreten gedachte. Nun ja, da traf halt die Begeisterung vereinzelter Enthusiasten direkt auf die Frustration, die mir das leichtsinnige Weiterverteilen meiner Email-Adresse schon zuvor eingebracht hatte. Wegen des umsichgreifenden Missbrauchs elektronischer Adressen durch Spam-Versender hatte ich gerade erst eine neue Adresse eingerichtet - und gehofft, ein Problem weniger zu haben. Und dann gleich wieder so viel Zuschriften verteilungsfreudiger, sendungsbewusster Leute! Der unschuldigen Freude am damals noch so exotischen Hobby im nicht mehr ganz so unschuldigen Internet folgen dann bald an mich weitergeleitete Petitionen zur Rettung tropischer Regenwälder, welche an möglichst viele weitere Tropenwaldrettungswillige weiterreichen soll. Dabei hatte ich doch so gehofft, dass ich mit meiner neuen Adresse aus dem Fokus jener vielen neuen Emailisten war, die glaubten man könne die Welt mit ein paar Klicks auf Internetseiten verbessern.

Natürlich wollte ich meine Verärgerung nicht so stehenlassen - und so verfolgte ich die Mitteilungen des Clubs in unregelmäßigen Abständen. Als sich nach ein bis zwei Jahren der virtuellen Existenz auch konkrete Aktivitäten in Gestalt sogegannter "Ukulele Hot Spots" entwickelten und eines dieser Treffen für mich sogar in Reichweite eines Tagesausflugs lag, überwand ich meine Zurückhaltung. Der Treffen sollte am 17. Mai 2007 in Königswusterhausen bei Berlin stattfinden Diese Gelegenheit, neue Freunde der Ukulele persönlich kennenzulernen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.

 
Ukulele Hot Spot in KW

Am Himmelfahrtsdonnerstag im Ukulele-Monat Mai begegne ich Enthusiasten aus Berlin und Umgebung. Neben der bekannten Marke aus dem bayrischen Kitzingen bekomme ich diversen Kuriositäten der Marke Eigenbau in die Hände, von der Spranino-Uke (links) bis zur Zigarrenschachtel-Ukulele. Wer es etwas lauter mag, kann auch mal eine Banjo-Ukulele oder das Ukulelenbanjo (unten) probieren, mit dem in der frühen Ära des Fernsehens der Brite George Formby Berühmtheit erlangte.

 

Außer um Ukulelen geht es bei diesem beschaulichen Treffen im grünen Speckgürtel der deutschen Haupstadt auch um Kaffee und Kuchen - und da es damals noch keine Veggy-Days gab, geht es später auch um die eine oder andere Bratwurst. Und auch ums Bier - in einem Satz: Das Treffen ist gesellig und männlich. Ein sich im Hintergrund haltender junger Man zupft rafinierte Melodien, versucht sich gar an Jake Shimabukoros Ukulele-Version von "While my guitar gently weeps". Dieses seit Youtube-Gründerzeiten durchs Internet kreisende Meisterwerk ist eine Initialzündung des Ukulele-Comebacks - seit diesen Tagen der Jahre 2005 ff beginnen Laien und Dilettanten zu verstehen, dass eine Úkulele mehr als Klamauk und Kinderspaß ist.

Das einzige, das mich bei dem Treffen etwas wundert ist, dass niemand auf die Idee kommt, mal ein gemeinsames Ständchen anzustimmen - also niemand außer mir. Doch dazu muss erstmal auf Kammerton gestimmt und untereinander abgestimmt werden - eine Notwendigkeit, die unter Solisten keine Selbstverständlichkeit zu sein scheint. Zum Warmwerden versuchen wir es erstmal mit einem Kinderlied, das sicher jeder kennt und jeder kann. Man einigt sich auf eine Tonart, da bin ich flexibel. Dann zähle ich ein, doch beim unterschiedlich schnell einsetzenden Geschrammel bin ich weniger flexibel. Schließlich bringe ich den anderen auch die Akkordfolge zu einem Lied aus meinem sportlichen Repertoire bei.



Wenngleich es mit der Choreografie noch etwas hapert, so haben wir doch einigen Spaß beim Einüben unkonventioneller Musizierhaltungen. Leider kann ich mich heute, im März 2019, da ich diese kleine Episode zu Bildschirm bringe, nicht mehr an die Namen der damaligen Hot-Spotter erinnern. Falls jemand von euch, die ihr dabei wart, diese Seite zufällig entdeckt, ich freue mich über ein Lebenszeichen. Vielleicht trifft man sich mal wieder.

Die Welt von heute ist eine Ukulelenwelt geworden - wir gehörten damals zu den ersten, die schon ahnten, dass es mit diesem herrlichen kleinen Instrument gar nicht anders kommen kann. Raimund Sper, der Gründer des virtuellen "1. Deutschen Ukuleleclub", ist inzwischen selbst nur ein virtuelles Mitglied seines Clubs - mitten aus dem Leben gerissen starb er vor einigen Jahren. Doch seine von einer guten Portion Humor gepräte Initiative, vereinzelte Ukulele-Enthusiasten, die sonst allein in ihren Kämmerchen geblieben wären, zusammenzubringen, bleibt unvergessen. Seinem Organisationstalent sind neben den regionalen Treffen auch größere Veranstaltungen wie die niderländischen-deutschen Ukulele-Festivitäten zu verdanken.

Heute ist die Ukulele längst ein Selbstläufer geworden, aber es sind immer Einzelne, die solche Phänomene anstoßen. Wenn ich bedenke, wie unruhig und verstört das vereinigte Deutschland am Ende der zweiten Dekade dieses Jahrhunderts wirkt, denke ich mit einiger Wehmut an die unbeschwerten Hippy-Jahre der Ukulele zurück.

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