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Memoiren aus dem Ukulele-Leben

2006

Eine musikalische

Katastrophenreportage


 


Schon dreimal stand Ukulelestan unter Wasser. Beim sogenannten Jahrhundertwasser der Elbe, im August 2002, glaubten die Redakteure der Massenmedien noch, solche Ereignisse kämen nur einmal in 100 Jahren vor. In den Jahrhunderten davor war das wohl auch so. Doch schon im Juni 2013, nur elf Jahre später, begann quasi das nächste Jahrhundert - ein weiteres Hochwasser ließ die Elbe über die Ufer steigen, überschwemmte Dörfer und Stadtteile. Auch Ukulelestan war wieder komplett überflutet. Beide Ereignisse ließen sich auf ungewöhnliche Wetterlagen mit über Tage andauernden Starkregen zurückführen.

Das Hochwasser vom April 2006 hingegen, um das es hier geht, war eigentlich weniger spektakulär. Es ereignete sich infolge einer schnell einsetzenden Schneeschmelze nach einem schneereichen Winter. Die mediale Erinnerung an die Katastrophe vom August 2002 war jedoch noch frisch. Die Kamerateams der Fernsehsender standen schnell in den Startlöchern und eilten zu den Orten, die es erst vier Jahre zuvor besonders getroffen hatte. Was die Fernsehleute nicht ahnen konnten: Es gab nicht nur viel Wasser in der Elbe, da waren plötzlich auch viele Ukulelen.

 
31. März

Schaue ich aus dem Fenster , fällt mein Blick auf die Schmiedearbeit eines benachbarten Schmiedes. Die stilisierte Darstellung einer Ukulele erkennt, wer weiß, dass hier Ukulelestan ist. Die tiefere Symbolik der Halterung wird seltener wahrgenommen - das menschliche Ohr ist ein wenig beachtetes Organ. Wozu es nützlich ist, weiß jeder. Was es auslösen kann, wenn aufmerksame Beobachter an den Nachrichten des Tages arbeiten, ist Thema dieser Geschichte.

Das Gesamtkunstwerk hebt sich an jenem Morgen des 31. März 2006 besonders vom Hintergrund ab, weil die einzige Zufahrtsstraße nach Ukulelestan, das Laubegaster Ufer, unter Wasser steht. Sonst hier parkende Autos sind vorsorglich in höher gelegenen Straßen abgestellt worden. Fußgänger erreichen mein Zuhause nur noch in Gummistiefeln.

 

3./4. April

Der Pegel der Elbe steigt. Am Nachmittag steht die Einfahrt nach Ukulelestan in den Elbe-Fluten. Während geschickte Hände im Hintergrund noch alles versuchen, um das Eindringen der Flut in Höfe und Häuser zu minimieren, haben die Kinder ihren Spaß.

 

Sandsäcke sind einmal mehr Ausdruck einer vagen Hoffnung. Ein besonderes Phänomen von Elbe-Hochwassern ist, dass sie sich einige Zeit lassen. Und diese Zeit muss irgendwie gefüllt werden. Man kann sich nützlich oder sinnfrei beschäftigen: Sandsäcke von hier nach das schleppen, umstapeln, in sicherer Höhe ein Zelt aufbauen - oder auch nur zuschauen, abwarten und Bier trinken. Wer ein Boot hat, kann ablegen und hinaus auf die Elbe paddeln. Zufällig habe ich eins - und zufällig hatte ich in Kinderjahren auch einige Trainingsstunden mit Wildwasser-Erfahrung.
 



Das Gasthaus zum Elbthal (links) ist bereits geflutet, der anschließende Dreiseitenhof versucht sich noch mit Bretterverschlägen und Plastikfolien zu schützen, das Haus mit der Ukulele (Bildmitte) steht einen Meter höher und nimmt bisher nur ein Fußbad. Die Beherrschung eines Zweierkajaks in der starken Strömung erfordert Kraft und Konzentration - wie ich später in einem Strudel an der Uferböschung bemerken muss, war die Paddeltour vielleicht auch etwas leichtsinnig. Als ich aufs Ufer zusteure, um dort anzulegen, erfasst mich die Kamera eines Fernsehteams, das in einem der Häuser Stellung bezogen hatte.

Zu dem Fernsehteam gehört ein Musikerfreund, der in meiner damaligen Band das Keyboard spielte - er hangelt einen Mikrofongalgen aus dem Fenster. Alle Technik und alle Augen sind auf mein Boot gerichtet. Eine mir unbekannte Frau ruft mir etwas zu - die Reporterin vom Dienst hats das Sagen. Offensichtlich ist sie auf der Jagd nach O-Ton. Doch wenn ich auf irgendwas keinen Bock habe, dann ist es, in einer Fernsehsendung als Hochwasseropfer verwuselt zu werden. Um den bereits erfolgten Nahaufnahmen von mir die Verwertbarkeit zu nehmen, mache ich einen makaberen Witz.



Wo, wo, wo???

Noch vor dem Anlegen - ich bin wegen des Wendemanövers in der starken Strömung noch etwas außer Atem - behaupte ich, soeben einen kleinen Hund aus den Fluten gerettet zu haben. Wo, wo, wo??? fragt die Reporterin erregt. Ich habe ihn wieder rausgeworfen, antworte ich, er war so hässlich... Einen Moment ist die Frau offenbar schockiert, aber während ich mit dem Sichern des Bootes beschäftigt bin, scheint mein Musikerfreund die Reporterin aufzuklären, dass es sich um einen gewissen Sarkasmus handeln könnte, der dazu dient, aufdringliche Reporterin abzuwimmeln.

Das aber macht die Reporterin um so neugieriger - nun, ja, Neugier zu befriedigen ist ihr Beruf und die Redaktion erwartetet für die Abendnachrichten Bild und Ton von Jammer-Ossis. Sie verfolgt mich über den Hof, bittet mich um Erläuterungen zu meiner Paddeltour. Nein, erwidere ich: Tut mir leid, suchen Sie sich bitte andere Darsteller. - Doch so leicht lässt sich die Reporterin nicht abschütteln. Schließlich mache ich ihr ein Angebot: Sie können mir gern Fragen stellen, aber ich beantworte sie rein musikalisch - mit meiner Ukulele.

Was eine Ukulele ist, wussten in Deutschland damals nicht all zu viele Leute. Die Reporterin lässt von mir ab und geht zu ihrem Team zurück. Mein Musikerfreund klärt sie erneut auf, verrät ihr, was eine Ukulele ist. Es dauert nicht allzulange, da hängt mir die Reporterin wieder an den Fersen - und sagt, sie akzeptiere die Bedingungen. Ich frage: Um was für Sendung geht es und wann wird das gesendet? - Es ginge um die Nachrichten für heute Abend. Das konnte ich mir denken. Ich habe trotzdem keinen Bock auf 10 Sekunden Berühmtheit - nicht in in diesem Kontext. Deshalb verschärfe ich meine Bedingungen nochmals - Nur mit meinen Schülern!

Ich gehe davon aus, dass sie nicht so lange warten kann, bis ich meine Schüler versammelt habe. Denn es ist Nachmittag: Filmen, Sortieren, Schneiden, Auswahl des Materials - wie soll das in den zwei, drei Stunden bis zur Sendung um sieben funktionieren? Aber auch diese, aus meiner Sicht nicht akzeptable Bedingung nimmt sie zu meiner Überraschung an. Jetzt fällt mir keine Ausrede mehr ein - ich bin also in der Bringpflicht. Damals habe ich quasi in jedem Haus meiner Nachbarschaft Schüler - und den Kindern muss ich nicht zweimal sagen, um was es geht. In Windeseile rennen die ersten über die Höfe und trommeln die anderen zusammen.


Auf der Lauer an der Mauer

Was spielen? Mir fällt mir das Lied von der Wanze ein, die auf der Mauer lauert - und dort vielleicht hofft, dass die improvisierten Sicherungsmaßnahmen halten - na, jedenfalls hoffen das alle Nachbarn. Ich erkläre die Akkorde: D und A. Wann gewechselt wird? Nach Gefühl, sind nur die beiden, im Zweifel auf mich achten und bei mir abgucken. Und der Text? Das kennt doch jeder! Wir pfeifen einfach nur die Melodie, so kann das Publikum, eine Million Nachrichten-Gucker, selbst grübeln, was für ein Lied es ist und hätte vielleicht einen Aha-Effekt: Kommt mir bekannt vor, schon mal gehört, ach, ja!

Gesagt, getan. Natürlich sitzt ganz Ukulelestan zwei Stunden später vor der Glotze - und wir können nur staunen: Der Aufmacher der abendlichen ZDF-Nachrichtensendung sind Ukulelen-Klänge. Für ein paar Sekunden ist das in Laubegast weltberühmte Ukulele Orchester Laubegast in ganz Deutschland weltberühmt. Auch die Szene, als ich mit dem Boot ankomme und über das angeblich aus den Fluten gerettete Hündchen schwadroniere, findet Verwendung - mein makaberer Scherz ist allerdings geschickt von unserem Ukulelen-Geklimper und s Pfeifen übertönt.

 
Es folgen Szenen an den improvisierten Bretterverschlägen im benachbarten Grundstück, aber auch von etlichen anderen Orten. Einen obligatorischen Jammer-Ossi, der mit dem Besen Schlamm und Wasser durch seine Garage fegt, hat man auch gefunden - im tiefsten sächsischem Zungenschlag klagt er, dass es ihn, nach 2002, nun schon zum zweiten Mal erwischt habe. Nichts anderes ist in der großen weiten Welt passiert - die gesamte Heute-Sendung ist allein diesem einen Thema gewidmet.


Frieden mit der Elbe gemacht

Am Ende der Nachrichtensendung des ZDF hört man nochmals die Ukulelen und das Pfeifen unseres Liedes, man sieht die Nachbarn im Garten am Kaffeetisch - und die Reporterin sagt: "Im Dresdner Stadtteil Laubegast haben die Anwohner schon ihren Frieden mit der Elbe gemacht." Es gab zwar keine Kriegserklärung, aber man weiß, was gemeint ist: So ein Hochwasser hat auch beschauliche Aspekte. Und wenn die dann noch so lieblich wie Ukulelen klingen, ist die ganze Katastrophe nur noch halb so schlimm. Im Abspann sind erneut unsere Ukulelen zu hören - die ganze Sendung ist vom Klang eines Instrumentes umgerahmt, das bis dahin nur der TV-Komiker eines Privatsenders ins deutsche Fernsehen gebrachte hatte. Mit dem heutigen Beitrag ist die Ukulele nun auch öffentlich-rechtlich.

Die Ukulelen klimpern bis in die Abendstunden. Die Anwohner bewachen bis spät in die Nacht ihre Sandsäcke und sonsige Dammbauten. Alle hoffen, dass alles hällt, aber besonders dass der Pegel nicht weiter steigt als vorhergesagt. Es wird geredet und gesungen, geraucht und getrunken, - man fühlt sich als Schicksalsgemeinschaft. Aber ewig halten Hochwasserfreundschaften nicht...
 



Und die Moral von der Geschicht?

Wenn du unbedingt ins Fernsehen willst, klappt es wahrscheinlich eher nicht! Doch wenn du es ganz und gar nicht willst, rennt dir das Fernsehen hinterher. Im Nachhinein kann ich über die Beharrlichkeit der Reporterin nur staunen. Vielleicht hatte sie einen Riecher für etwas Ausgefallenes - dazu die Kompetenz, es umzusetzen, oder einfach das Glück, an einen Fernsehmuffel zu geraten, und dann kam eins zum andern und manchmal kommt auf diese Weise etwas zustande, was niemand ahnen konnte. Ich bin nicht so auf dem Laufenden, aber ich vermute mal, die Sendung ist die einzige musikalische Katastrophenreportage, die es im Fernsehen jemals gab.

Damals war die Sache ein kleines Spektakel. Natürlich klingelte am Abend nach der Sendung und in den Folgetagen mein Telefon öfters als sonst: He! Wir haben euch im Fernsehen gesehen! - Der Kreis der Ukulele-Enthusiasten war damals deutschlandweit überschaubar - jemand, der mich von einigen Youtube-Videos kannte, schickte mir ein Bildschirmfoto, wo ich in dem Paddelboot zu sehen bin. Jemand aus der Nachbarschaft hatte sogar eine Aufzeichnung der ganzen Sendung auf Video-Kasette. Hochwasser gibt es inzwischen öfters - und Ukulelen immer mehr. Mit Ukulelen beim Hochwasser lässt sich heute ganz bestimmt keine Nachrichten-Redaktion mehr vom Hocker reißen. Aber gibt es in postfaktischen Zeiten eigentlich überhaupt noch echte Nachrichten?





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