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Alles Uke

Memoiren aus dem Ukulele-Leben

1999




 



Der Wegweiser nach Ukulelestan

 

Seit Ende 2003 beschreite ich meinen musikalischen Lebenswandel vor allem mit einem kleinen Instrument namens Ukulele, damals kannten es nur wenige. Heute, anno 2018, da ich beginne, meine
Ukulele-Memoiren aufzuschreiben, liegen gleichnamige Exemplare bisweilen bei ALDI und LIDL im Sonderangebot...

Wegen meiner in jungen Jahren begründetenen romantischen Südsee-Schwärmerei hatte ich das Instrument schon lange auf dem geistigen Bildschirm. Ungezählte Abbildungen in Büchern brachten mir das kleine Zupfinstrument vor Augen, ich hatte Tonaufnahmen gehört und kannte das Instrument dem Namen nach. Natürlich war mir auch der Kinoklassiker von 1959 bekannt, in dem eine blonde Hollywood-Diva namens Marilyn Monroe ihre "Jukulele" gekonnt um ihre Hüften kreisen ließ. Bis ich selbst meine erste Ukulele gekonnt um meine Hüften kreisen lassen konnte, verging noch eine ganze Weile. Hier erzähle ich also die Geschichte, wie ich zu meiner ersten Ukulele kam.

Für diese besondere Episode braucht es eine Rückblende ins vorige Jahrhundert
- nämlich in den Sommer 1999. Ich lebte damals in Berlin, bestritt meinen Lebensunterhalt von musikalisch geschäftlichen Gelegenheiten - von der Mugge, wie man zu jener Zeit noch zu sagen pflegte. In den zahlreichen Pubs und Kneipen Berlins stand ich regelmäßig hinterm Mikrofen, sei es als Gast bei anderen Musikern, sei es solo, später überwiegend im Duo oder mit Band. Es lief einigermaßen, ich kam damit um die Runden. Ich kannte die Musiker-Szene der Stadt und die war sehr international - ich spielte bei den Jam Sessions der anderen Musiker, sie jammten bei meinen. Und wenn Geld übrig blieb, leistete ich mir auch mal eine Eintrittskarte für die berühmten Musiker aus der großen weiten Welt, die bisweilen auch in kleine Clubs kamen, zum Beispiel ins legendäre Quasimodo, dem unterirdischen Jazz-Treffpunkt im Herzen von Berlin Charlottenburg, wo - dicht gedrängt - kaum mehr als 300 Besucher hineinpassten. An jenem Mittwoch, dem 7. Juli 1999, wurde es rammelvoll.

Als ich damals ebenda ein Konzert von "TAJ MAHAL & THE HULA BLUES BAND" erlebte, ahnte ich nicht, dass für mich an diesem Abend eine erste Weiche nach Ukulelestan gestellt war. Auf der erst kürzlich zufällig gefundenen Eintrittskarte entdeckte ich den historischen Termin.
 


Der für damalige Zeit ziemlich exklusive Eintrittspreis (im Vorverkauf 40, an der Abendkasse 45 Mark) erwies sich schon im Vorprogramm als jeden Pfennig wert. Als "support act" traten "LINDA TILLERY & THE CULTURAL HERITAGE CHOIR" - Folk, Blues, Gospel a cappella. Mit einem Minidisc-Recorder hatte ich sogar den gesamten Auftritt des Ensembles mitgeschnitten - an mir ist eigentlich ein Musikethnograph verloren gegangen, damals konnte ich gar nicht genug bekommen von all den exotischen Klängen der Welt, die ich in den 30 Mauerjahren nie zu hören bekam. Insbesondere mehrstimmiger Gesang faszinierte mich immer schon, Gospel seit einer "Feldforschung" in der Baptist Lagree Church im New Yorker Stadtteil Harlem - damals ein gefährliches Pflaster. Insofern war dieses vocalistische Frauen-Ensemble aus den USA, das  sich schon von seinem Namen her der Pflege des Kulturerbes widmete, genau das Passende für meinen heimlichen Mittschnitt.

Das Gedrängel an der Bühne war zunächst etwas anstrengend. Einige Mädels drängelten sich plappernd nach vorn - ich bin mir sicher, ihnen ging es ums Gesehen-werden, nicht um die Musik. Ich selbst begebe mich auch gern vorn in die erste Reihe, aber aus anderen Gründen. Zum einen ist mir wichtig, keine störenden Geräusche zwischen mir und der Musik zu hören - plapperndes Publikum ist für mich sehr störend. Zum anderen sehe ich gern die Instrumente aus der Nähe und will den Muskern, die sie spielen, auf die Finger schauen. Von CD und Kassette kannte ich Taj Mahal schon lange, nun wollte ich dem Meister, der mir auch für seine ethnomusikalischen Experimente ein Begriff war, bei der Arbeit zusehen. Nur unter diesem Aspekt macht für mich der Besuch eines Konzertes überhaupt Sinn.

Die Band* spielte elektrifiziert und mit Schlagzeug, wie es für Rhythm & Blues-Bands üblich ist - nach dem ruhigen Vorprogramm musste man seine Ohren erstmal an den Druck aus den Lausprechern gewöhnen. Der Tonmeister hatte sicher auch noch einiges nachzuregeln, bevor der Sound stand. Das rechts im Hintergrund Akkorde schrammelnde Trio von Ukulelisten gab der Musik zwar exotische Würze, prägte aber den Klang der Band ingesamt nicht so wesentlich, als dass ich deshalb am nächsten Tag in einen Musikladen gegangen wäre, um nach einer Ukulele zu fragen. Ich brauchte allerdings Saiten für die 12-saitige Guilt,** die mir damals ein in Berlin lebender Musiker aus New York für einige Jahre überlassen hatte.

Am nächsten Tag, am 8. Juli 1999, ein Donnerstag, ging ich in einen kleinen Westberliner Musikladen. Leider erinnere ich mich nicht mehr, wie er hieß und wo er genau war - sonst würde ich das Lädchen gern nennen, denn hier wurde ja für mich die nächste Weiche nach Ukulelestan gestellt. Nachdem ich bereits die Saiten für die Gitarre gefunden und bezahlt hatte, fiel mir eine Ukulele auf, die einsam an der Wand hing, ich griff sie mir und zupfte ein paar Saiten. Das war nun also das Instrument, sagte ich mir, das ich gestern Abend erstmals mit eigenen Augen in Aktion sah. Wenn die Ukulelen auch, außer zur Vorstellung der Musiker, überwiegend im Hintergrund geblieben und im Gesamten-Sound der Band eher untergegangen waren, so hatte sie in mir doch irgendwie einen gewissen Eindruck hinterlassen. Ich hängte das kleine Ding wieder zurück in die Wandhalterung und wollte zur Tür hinaus, drehte mich wieder rum, nahm es erneut von der Wand. Vielleicht ging es mehrmals so hin und her. Auf dem Preisschild stand: DM 125,-

Da ich damals ausschließlich von Mugge lebte, war schon das Konzert eine Ausgabe, über die ich ein Weilchen nachzudenken hatte. Damals gehörte die Ukulele aber auch noch nicht zum Standard-Angebot der Musikläden. Dass nun ausgerechnet in diesem Lädchen eine Ukulele an der Wand hing, war schon ein seltener Zufall. Billige Exemplare gleichen Namens aus China gab es erst recht noch nicht - zum Glück! Denn so hielt ich von Anfang an eine Ukulele guter Qualität in den Händen und dieser Vorteil dürfte den Ausschlag gegeben haben. Die Neugier siegte letztlich über den Geiz. Und so wurde ich an diesem - aus heutiger Sicht historischen - 8. Juli 1999 Besitzer einer Ukulele.

Es handelte sich um ein Instrument der Marke Brüko, Serienbezeichnung: Nr. 4. Nachdem ich die ersten Akkorde beherrschte, wurde sie mein ständiger Begleiter bei jeder Mugge und bei jeder Session. Zunächst bekam die Ukulele eine Nebenrolle. Meine Band war anfangs skeptisch über diese Ukulele-Einlagen. Für manchen Blues-Freund mag es frevelhaft erscheinen, wenn man bei Robert Johnsons "Sweet Home Chicago" mit dem Bottleneck über die kurzen Saiten einer Ukulele rutscht. Das Publikum staunte später fanden es auch die Musikerkollegen cool. Niemals dachte ich zu jener Zeit, dass meine Ukulele eines Tages meine Gitarre eifersüchtig machen könnte. Doch das war nur eine Frage der Zeit.

Manchmal hat man - nach einigen unbeeinflussbaren, teils historisch bedingten Am-falschen-Ort-zur-falschen-Zeit-Kausalitäten - auch mal etwas Glück. Die folgenden Jahre richtigen Zeit am richtigen Ort. All dies verdankt sich - wie so vieles andere im Leben - dem Zusammenspiel unvorhersehbarer Zufälle, die man erst im Nachhinein sinnfüllend verknüpfen und wertschätzen kann. Alle Mosaiksteine meines musikalischen Lebenswandels spielen eine große Rolle, alle musikalischen Wegbegleiter sind wichtig - doch nichts prägt meinen Lebensweg so sehr wie die Ukulele. Seit nunmehr zwei Jahrzehnten begleitet mich das Instrument auf allen Wegen, bestimmt der kleine Viersaiter meinen beruflichen Alltag.
Meine musikalische Reise hat einen Heimathafen gefunden: Willkommen in Ukulelestan!

1999 - 2018


 




* Die Besetzung wurde auf der einstigen Website des Quasimodo (nach Neueröffnung 2015 nicht mehr dokumentiert) wie folgt angegeben: Taj Mahal (voc, dobro, harp), Rudy Costa (curv-so, a-sax, panpie, kal, cl, fl), Poncho Graham (b), Pat Cockett (l-ukulele), Michael Barretto (b-ukulele), Wayne Jacintho (t-ukulele, slack key g.), Fred Lunt (hawaiian steel g), Kester Smith (dr).

** Diese großartige Gitarre stellte mir ein Musikfreund zur Verfügung, der sie aus seiner Heimatstadt New York mitgebracht hatt. Es handelte sich um ein ein Original aus den 60ern. Damit wollte mich Nick Katzman offenbar über den Verlust eines anderen Meisterwerks des Gitarrenbaus hinwegtrösten - und das ist ihm auch gelungen. Ungeachtet des Trostes bleibt der Verlust meiner Washburn-Westerngitarre ein harter Schicksalsschlag. Denn ich hatte sie erst zwei Jahre zuvor, 1994, gekauft - und auch dieses Instrument war ein prägender Meilenstein meines musiklaischen Lebenswandels. Ohne sie hätte ich nicht lernen könne, was ich damals lernt. 1500 Mark für eine Gitarre, das war damals ein stolzer Preis, für den ich lange zu sparen hatte. Zu den besonderen Merkmalen Washburn gehörte neben dem brillianten Klang die schlanke Corpus-Form des 19. Jahrhunderts, dank des dennoch breiten Griffbretts ließ sie sich wie eine Konzertgitarre greifen, perfekt für mich. Etwas Vergleichbares würde heute das Drei- oder Vierfache kosten. Sie wurde mir (neben anderem Equipmment am ersten Tag einer Dänemark-Tour, im April 1996, in Kopenhagen aus dem Auto geklaut, mitten in der City, direkt vor dem Eingang des Hotels! Es handelte sich um eine limitierte Neuauflage der ersten Westerngitarre des Herstellers, unersetzlich.

*** Den meisten Musikern erscheint die Stimmgabel längst als etwas Altmodisches, das seine Daseinberechtigung im neuen Jahrhundert verloren hat. Der kleine elektronische Freund namens Tuner klemmt bei vielen Musikern permanent am Kopf des Instruments. Seine Benutzer verlassen sich auf einen digitalen Zeiger und auf blinkende Lämpchen - statt ihrem Ohr zu trauen. Das sogenannte relative Gehör hat fast jeder Hörende von Kindesbeinen an. er nicht musiziert verliert das Gehör wie der Sportler seine Kraft, wenn er nicht trainiert. Nach langer musikalischer Abstinenz entwickelt sich ein gutes Gehör bisweilen erst wieder durch jahrelanges Musizieren, durch Übung, durch Hinghören! Wer sein Gehör schon beim Stimmen des Instrumentes nicht beteiligt, der hat es auch beim Musizieren ausgesperrt. Man muss es wenigstens versuchen. Mein Credo heißt: Musik kommt von Hören (und nicht von Sehen)... Eine Stimmgabel funktioniert immer - und ohne Batterie. Und sie ist genauer, sofern es sich nich um ein Fließband-Produkt aus China handelt...